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Winzig, zäh und zahlreich von Ludger Weß - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Winzig, zäh und zahlreich 


von Ludger Weß 

Ein Bakterienatlas


Der Anfang:

Die Erde ist der Planet der Bakterien. Ein Kubikzentimeter Erdboden enthält etwa eine Milliarde von ihnen, ein Teelöffel Wasser aus einem Teich enthält eine Million und ein Kubikmeter Luft immerhin gut eintausend. Tiere und Pflanzen kommen und gehen, Bakterien bleiben und haben bisher noch jede erdgeschichtliche Katastrophe überlebt.


Anfangs klärt uns Ludger Weß über verschiedene Fakten zum Thema Bakterien auf, spannend und unterhaltsam. Die Entdeckung der Bakterien, der Mikroorganismen, ihre Verwendung bei der Haltbarmachung und Herstellung von Nahrungsmitteln seit der Antike; «Bakterien, lange missachtet, dann gefürchtet»: Louis Pasteuer klärte in den 1860er Jahren über das Verderben von Lebensmitteln und  alkoholische Gärung auf und zeigte, das Hitze Keime tötet, wie ein Verschluss, der keine Luft mehr an die Lebensmittel lässt, sie vor dem Verderben schützt. Einmachen, sagt die Hausfrau, Pasteurisierung nennt es die Industrie. Natürlich ist dies ein Sachbuch – allerdings ein literarisches Sachbuch – eins das erstaunlich viel Wissen vermittelt, auf eine elegante, unterhaltbare Art und Weise. Das Buch gehört zu der literarischen Sachbuchreihe «Naturkunden» von Mathes und Seitz.


Aber seit man die Bazillen

Und dergleichen Zeugs erfand,

Ist der Mensch total geliefert,

Alles is jetzt unjesund.

 

 


Nach der Einführung geht es zu den einzelnen Bakterien, die nach Kapiteln eingeteilt sind: Rekordhalter, Spannbreite des Lebens, Technische Biotope, Exotische Ernährung, Nützliche Helfer, Bedrohungen; 50 ausgewählten Bakterien sind hier beschrieben, mit Anekdoten und je einer Grafik zum Aussehen bestückt. Bisher sind über 14.000 Arten entdeckt worden, doch die Biologen schätzen, dass es etwa eine Billion Bakterien gibt – eine Menge Arbeit wartet in diesem Forschungsfeld. Käseprodukte, saures Gemüse, wie Sauerkraut – Bakterien, die wir nutzen. Zu den bösen Buben gehören «Yersinia pestis – die Pestbakterie», oder «Bacillus anthracis», die den Milzbrand auslöst. Eine andere Bakterienart kann helfen, Morbus Crohn zu heilen. Bakterien, die Abgase in Flugbenzin umwandeln, Bakterien, die Risse im Beton kitten, oder die, die Kunststoff verdauen können; die Zukunft von nützlichen Bakterien sieht rosig aus. Aber denken wir auch an die Befürchtungen der Wissenschaftler, was passieren mag, wenn der Permafrost taut: Bakterien, die seit Millionen Jahren eingefroren sind, könnten so wieder lebendig werden – und was dort unten schlummert, wollen wir vielleicht gar nicht wissen. Kontakt und Reisen verteilt alle Dinge, alles Leben: Sporen, keine Eier, Viren und Bakterien ... Wer weiß, was unsere Raketen auf fremden Sternen auslösen? Irgendwas bleibt kleben und fällt woanders wieder herunter ... Auf der Erde sind fremde Arten zu finden, die wahrscheinlich durch Meteoriten auf die Erde gelangten. 

«Pseudomonas Aeruginosa – Das monasähnliche grünspanfarbene Bakterium» vermehrt sich sogar im Desinfektionsmittel, «Deinococcus radiodurans – Strahlenüberdauernde Schreckenskugel», das man auch «Conan das Bakterium» nennt, fühlt sich selbst im Kühlwasser von Atomreaktoren wohl. Die Geschichte dazu ist sehr interessant, es geht um Gammastrahlen zur Haltbarmachung von Lebensmitteln – in den 1950ern war man noch so naiv. «Lysinibacillus sphaericus – Die rundliche, lysinhaltige Bakterie» schlief 40 Millionen Jahre im Darm einer Biene, die in einem Bernstein schlummerte – das Bakterium aktivierte sich, nachdem die Wissenschaftler die Bine befreit hatten. Das größte Bakterium ist «Thiomargarita namibiensis – nanibische Schwefelperle», das mit einem Durchmesser von circa 0,75 Millimeter etwas so groß ist, «wie der Punkt am Ende dieses Satzes». «Eubostricus-dianeae-Epibakterium – Das auf Dianes wohlgelocktem Fadenwurm lebende Bakterium» lebt zu Hauf (ca. 60.000) auf einem Fadenwurm, macht ihm ein puscheliges Fell und trägt damit 44 Prozent seines Gewichts. «Methanopyrus kandler – Otto Kandlers Methanfeuer » übersteht drei Stunden bei 130 Grad Celsius. Ludger Weß interessierte sich seit Kindesbeinen für Bakterien und er schafft es, seine Begeisterung auf den Leser zu übertragen. Ein Buch zum stöbern, staunen, amüsieren.


Ludger Weß, 1954 in Dorsten geboren, studierte Chemie und Biologie, arbeitete als Forscher im Bereich molekulare Entwicklungsbiologie und begann in den 1980er-Jahren, über Wissenschaft zu schreiben. Er veröffentlicht Romane und Sachbücher, zuletzt die Thriller Oligo (2012) und Vironymous (2017).



Ludger Weß 
Winzig, zäh und zahlreich 
Ein Bakterienatlas
Reihe: Naturkunden Bd. 62
Sachbuch, literarisches Sachbuch, Bakterien, Mikroorganismen, Mikrobiologie
Gebunden, 280 Seiten, 50 Abbildungen
Illustration: Falk Nordman
Matthes & Seitz, 2020

Sachbücher

Hier stelle ich Sachbücher vor, die im Prinzip nichts mit Fachliteratur zu tun haben. Eben Sachbücher jeder Art, die ein breites Publikum interessieren könnte.
Sachbücher


Heringe – Ein Portrait von Holger Teschke


Er wird als Bernstein oder Gold der Ostsee bezeichnet, als das Silber des Meeres. Im Mittelalter wog man ihn mit Gold und Pelzen auf, apostrophierte ihn als den «König der Fische». Der Hering, ein Schwarmfisch. Je nach Lichteinfall schimmert der Fisch silbrig, oder in Tönungen von Blau bis Violett und Smaragd, geräuchert goldig schimmernd. Bevor der engmaschige industrielle Fischfang mit Radarortung begann, konnte man Heringsschwärme ausmachen, die sechs Kilometer breit und 15 Kilometer lang waren. Strahlte die Sonne darauf, leuchtete das Meer silbern und blendete die Fischer. Ein wundervolles Essay zum Hering und seiner Kulturgeschichte, Kult und Kunst, Rezepte, Biodaten der Gattung aus der Reihe Naturkunden.

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