Direkt zum Hauptbereich

Von hier bis zum Anfang von Chris Whitaker - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Von hier bis zum Anfang 


von Chris Whitaker


Der Anfang:

Wenn ihr was seht, hebt ihr die Hand. Egal, ob’s eine Zigarettenkippe oder eine Getränkedose ist. Wenn ihr was seht, hebt ihr die Hand.

Ihr fasst es nicht an.

Hebt nur die Hand.

Chief Dubois. Seine Worte wehten zu ihnen herüber, Leute aus dem Ort standen mit den Füßen im Bachlauf, waren bereit. Vorrücken in einer Reihe, jeweils zwanzig Schritte Abstand, hundert Augen mit gesenkten Blicken. Eine Choreografie der Verdammten.


Laut der Werbung des Verlags ebenso bewegend wie «Gesang der Flusskrebse», eine amerikanische Geschichte in gleicher Tonalität. Aber mal ehrlich, dieses Buch kann dem genannten Roman nicht das Wasser reichen! Ab der ersten Seite wurde man hineingezogen, mit Atmosphäre, Poesie, Spannung, Charaktere, Sprache; das Gesamtpaket. Aber genau das alles fehlte mir an diesem Roman. Er ist nicht schlecht. Aber die Story plätscherte dahin, die Charaktere so lala, Atmosphäre und Sprache im Mittelmaß. Eins haben beide Romane gemeinsam: Es geht um vernachlässigte Kinder, die sich und ihre Geschwister selbst erziehen müssen, um überforderte Eltern. Eine dysfunktionale Familie, die durch ein Unglück aus dem Lot gebracht wurde. 


Du bist nicht zurückgekommen. Du kanntest meine Mutter doch. Hast gewusst, wie sie war und was wir für ein Leben mit ihr hatten. Du hast gewusst, dass sie sich kaum um sich selbst kümmern konnte. Du bist größer als ich. Du bist erwachsen und stark, und wir haben jemanden gebraucht, der ...


Cape Haven, eine Kleinstadt an der Küste Kaliforniens. Der 15-jährige Vincent überfährt im Dunkeln ein Kind, die Schwester seiner Freundin, hat es nicht einmal bemerkt. Das Mädchen ist tot. Der Jugendliche wird zu 30 Jahren Haft verurteilt – er wird in einem Männergefängnis untergebracht. Die Geschichte beginnt an seinem Entlassungstag. Vincent und Star waren ein Paar, zusammen mit Walk ein unzertrennliches Trio. Walk ist heute Polizist, Chief Walker; er hat immer fest zu seinem besten Freund Vincent gehalten, holt ihn am Gefängnistor ab. Er hatte auch immer ein Auge auf Star, die sich von diesem Ereignis nie erholt hat. Die schöne Frau ist noch immer das Begierdeobjekt vieler Männer im Ort. Sie führt ein erbärmliches Leben, alleinerziehend mit ihren Kindern Duchess und Robin, um die sie sich kaum kümmert. Die 13-jährige Duchess kleidet morgens ihren Bruder an, macht ihm Frühstück, liefert ihn in der Vorschule ab und kümmert sich, soweit es geht um den Haushalt, während Star ihren Rausch ausschläft, abends für ein Hungergehalt in Clubs arbeitet. In dieser Kleinstadt kennt jeder jeden. Wie wird die Stadt auf die Rückkehr von Vincent reagieren, der in sein Elternhaus zurückkehrt? Ein Immobilienhai ist scharf auf sein Haus, das einzige in erster Reihe am Meer. Die restlichen Häuser sind bereits aufgekauft; hier soll ein großes Neubauobjekt mit Luxuswohnungen entstehen. Er macht Vincent ein ziemlich gutes Angebot. Mehr sei nicht verraten, weil hier ein Rad ins andere greift – nur so viel noch, die Geschichte verlegt sich nach einem Drittel zum großen Teil nach Montana. Und im Mittelpunkt der Story steht Duchess. Eine Jugendliche, die allein in der Welt steht, viel zu schnell «erwachsen» werden musste, die ihren Zorn auf die Welt jeden spüren lässt. Ihre ganze Aufmerksamkeit liegt auf Robin, ihn zu betreuen und zu beschützen.


... deshalb sagte Hal, er würde sie jeden Tag hinfahren und wieder abholen. Weil ihn das jeden Tag viel Zeit kosten würde, murrte er ein bisschen, bis Duchess sagte, dann würden sie sich eben von einem Kinderschänder per Anhalter mitnehmen lassen. Oder vielleicht könne sie ja auch anschaffen gehen, dann hätte sie Geld für ein Taxi.


Eine Coming-of-Age-Geschichte, die mir am Ende mit zu viel Kitsch endet. Chris Whitaker ist Brite und lebt in Herfordshire; und ich glaube, das ist das Problem der Geschichte. Er beschreibt amerikanische Kleinstädte, die in wunderschönen Landschaften liegen. Davon ist aber nicht viel zu spüren. Ein paar grobe Landschaftsbeschreibungen machen keine Atmosphäre aus – sehende Beschreibungen im Postkartenformat. Es fehlt das Gefühl, der Leser wird nicht hineinversetzt. Das Gleiche gilt für die Kleinstädte. Der Autor ist nicht drin in der Stadt; das liegt an den szenischen Darstellungen. Es sind immer die gleichen Personen, die miteinander sprechen, als säßen sie im Studio. Duchess, eine Mischung aus Kind und Erwachsenen legt sich hochaggressiv und altklug mit jedem an, lässt niemanden an sich heran, quält sich fluchend durch das Leben und droht jedem: «... schneid ich dir den Kopf ab, du A...» Bankräuber Billy Blue Radley ist einer ihrer Vorfahren, ein Outlaw. Und jedem, der es wissen will oder nicht, brüllt sie entgegen: «Ich bin eine Outlaw! Outlaw Duchess Day Radley» Sätze in Wiederholungsschleifen alle paar Seiten. Outlaw Duchess Radley mit Cowboyhut und Knarre auf dem Rachefeldzug ... Ja, es ist letztendlich ein Kriminalroman, einige Protagonisten werden die Geschichte nicht bis zum Ende überleben. Ein Genremix aus Familiengeschichte und Crime, ein Drama.


Wenn Walk schon vorher ein gebrochener Mann gewesen war, dann waren die Einzelteile durch die Ereignisse in Montana jetzt so weiträumig versprengt, dass er die Hoffnung aufgab, jemals wieder ein ganzer Mensch zu werden.


Chief Walker ist ein netter, kraftloser Kerl, der es jedem Recht machen möchte, der Vincent wie einen Heiligen vor sich herträgt. Man sagt ihm Alkoholsucht nach, aber die zitternden Hände rühren von seinem Parkinson her; er nimmt Tabletten, die ihn natürlich einschränken. Käme das heraus, müsste er den Dienst quittieren, was ihn in finanzielle Not bringen würde. Gentrifizierung und Immobilienmafia werden am Rande erwähnt. Es passiert eine Menge in dieser Geschichte, doch so richtig konnte sie mich nicht packen, die Story treibt vor sich hin mit viel zu vielen Strängen. Warum eigentlich Montana? Wegen der Landschaft, die dann nicht transportiert wird? Man hätte diesen Strang schlicht 100 km weiterverlegenlegen können, mit gleichem Effekt – das gab für mich keinen Sinn. In der Mitte hängt die Geschichte sich fest, nimmt zu Ende ein wenig Fahrt auf. Ganz am Ende war ich überrascht, denn nun gab für mich die Protagonistin Star keinen Sinn mehr in ihrer Konstruktion, an der sowieso einiges wackelt. Szenisches Schreiben und plakative Sätze, die bei mir nur Augenrollen verursachten, machen für mich nicht viel her. Der lesenden Taschentuchfraktion wird dieses Buch gefallen. Mich konnte es nicht überzeugen, weder Plot noch Charaktere und schon gar nicht in Atmosphäre, Sprache oder Spannung.


Chris Whitaker arbeitete 10 Jahre als Finanztrader, bevor er sein Leben änderte und sich dem Schreiben zuwandte. Seine Romane gewannen zahlreiche Preise, schon jetzt gilt Whitaker in England als Sensation. «Von hier bis zum Anfang» wurde vom Guardian zum Buch des Jahres gekürt. Whitaker lebt zusammen mit seiner Ehefrau und zwei Söhnen in Hertfordshire.



Chris Whitaker
Von hier bis zum Anfang
Originaltitel: We Begin at the End 
Aus dem Englischen übersetzt von Conny Lösch
Drama, Familiengeschichte, Kriminalroman, englische Literatur
Gebunden, 448 Seiten
Piper Verlag, 2021




Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - #Erstkontakt von Bruno Duhamel

  Doug, ein ehemaliger Fotograf lebt von der Öffentlichkeit zurückgezogen in den schottischen Highlands. Niemand liked seine Fotos, er ist frustriert, darum hat er seit 17 Monaten nichts veröffentlicht. Doch dann fotografiert er durch Zufall am See vor seiner Haustür ein seltsames Wesen – und teilt den Schnappschuss im sozialen Netzwerk «Twister». Danach geht er duschen, kommt zurück, kann es nicht fassen: «150.237 Personen haben auf ihren Post reagiert; 348.069 mal geteilt». Sofort bereut er seinen Post. Er ahnt, was nun geschehen wird, er hat Büchse die Pandora geöffnet … Ein herrlicher Comic, Graphic Novel, fast ein Cartoon, nimmt mit schwarzem Humor Social Media und Aktivist:innen diverser Gruppen auf die Schippe. Weiter zur Rezension:    #Erstkontakt von Bruno Duhamel

Rezension - Die Entführung von John Grisham

  Mitch McDeere wiederbelebt, den wir aus «Die Firma» kennen – ein Folgeroman. Eher nicht, denn ihn und seine Familie erkennen wir nicht wieder, sie wären austauschbar durch irgendwen. Mitch ist nun Partner in der größten Anwaltskanzlei, Scully & Pershing, in Manhattan, die weltweit ihre Ableger führt. Fünfzehn Jahre ist es her, dass er gemeinsam mit dem FBI die verbrecherische Kanzlei, «die Firma», in der er arbeitete, hat hochgehen lassen. Doch nun holt ihn wieder ein Verbrechen ein: Als ihn sein sterbenskranker Mentor Luca in Rom bittet, einen Fall gegen Arafats Libyen zu übernehmen, gerät er in Tripolis in eine Falle. Der schlechteste Grisham ever. Leider. Langweiliger Spannungsbogen, in diesen Justizthriller oberflächliche Charaktere. Weiter zur Rezension:    Die Entführung von John Grisham

Rezension - Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Kinder lieben Pupsbücher! Wie ist das eigentlich mit den Tieren? Wie pupsen die? Auf einer urkomischen Reise durch das Reich der Flatulenz beobachten Elefant und Maus die unterschiedlichsten Fürze. Und so lernt die Maus, dass Pupsen die normalste Sache der Welt ist! Witzig gestaltet, den Text in Reimform gebracht, macht dieses Bilderbuch Spaß! Lustiges Bilderbuch ab 3 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Rezension - Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Theos bester Freund ist der Drache Kokolo, aber das darf keiner wissen. Denn Drachen gibt es ja gar nicht. Mitten in der Nacht klopft Kokolo an Theos Fensterscheibe: Sie müssen schnell etwas unternehmen denn der fiese Adler Malo hat eins der Babys von Tante Xenna Drachen entführt!  Werden sie noch rechtzeitig kommen? Lesenlernen mit einem Comic, kurze Texte, für Leseanfänger konzipiert. Eine spannende Graphic Novel ab 6 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Rezension - Synthese von Karoline Georges

  Als ein 16-jähriges Model auf dem Weg nach Kanada ist, passiert zeitgleich in Tschernobyl ein Unglück in einem Atomkraftwerk. Das interessiert sie genauso wenig wie Mode. Eigentlich interessieren sie nur Fiktionen in ihren Büchern und Virtuelles. Sie liebt Bilder, Bilder im Kopf, würde selbst gern ein Bild sein. So wird sie Model, auch weil man so viel Geld verdienen kann, ohne studieren zu müssen. Sie macht in Paris Karriere und wird sehr jung finanziell unabhängig, bezeichnet sich selbst als «ein humanoider Kleiderbügel». Weiter zur Rezension:    Synthese von Karoline Georges

Rezension - Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

  Eine türkische Familiengeschichte, die mit der Urgroßmutter und der Großmutter einleitend beginnt. Die nächste Generation wandert nach Deutschland aus – das gelobte Land, wo Milch und Honig fließt. Der Traum, den viele «Gastarbeiter» träumten: Arbeiten, viel Geld verdienen, nach Hause zurückkehren und ein Haus bauen. Und dann wurden aus den Gästen Einwohner. In Deutschland die Türken – in der Türkei die Deutschen – entwurzelt, nirgendwo wirklich zu Hause. Eine Familie, die sich bemüht hat, sich zu integrieren. Ein Zwiegespräch zwischen Sohn und Mutter – zwei völlig verschiedene Generationen, aber auch eine Abrechnung mit der deutschen Gesellschaft und eine mit dem Heimatland und dem Machismo, mit der Erniedrigung der Frauen. Ein hervorragender Gesellschaftsroman, ein Bildungsroman über Migration, Rassismus und Misogynie – meine Empfehlung! Weiter zur Rezension:     Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

Rezension - Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

  Herr Wilson von nebenan hat ein Geheimnis! Er arbeitet in einer Bäckerei und backt die leckersten Kuchen. Da ist sich Liz sicher. Er hat grüne Haut, nur drei Finger, einen verdächtig langen Hals, klumpige Füße und eine seltsame Vorliebe für grüne Blätter. Ist er vielleicht ein Dinosaurier?! Niemand glaubt Liz. Darum fährt sie zum Museum für Paläontologie, denn die müssen es wissen! Mary sagt zwar, die seien ausgestorben, welch ein Quatsch! Doch was hat sie vor? Feines Bilderbuch zum Thema Toleranz ab 4 Jahren. Weiter zur Rezension:     Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

Rezension - Italien: Food. People. Stories von Haya Molcho & Söhne

  Haya Molcho begibt sich mit ihren Söhnen auf eine italienische Reise von Triest bis nach Sizilien, wobei sie lokale Produzent:innen und Köch:innen besuchen, die über die unterschiedlichsten Facetten der italienischen Kochkunst erzählen und uns ihre liebsten Rezepte verraten. Im zweiten Teil der kulinarischen Reise gibt es italenische Rezepte der Familie, typisch Neni. Levantinische Küche trifft auf italienische Originalrezepte; dabei auch traditionelle italienische Gerichte im Original. Reiseliteratur, Kulinarisches mit vielen Rezepten, Italienische Küche, Levante-Küche – Empfehlung. Weiter zur Rezension:   Italien: Food. People. Stories von Haya Molcho & Söhne