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Der Gesang der Flusskrebse von Delia Owens - Rezension

Rezension 

von Sabine Ibing



Der Gesang der Flusskrebse 

von Delia Owens 


Der Anfang: Marschland ist nicht gleich Sumpf. Marschland ist ein Ort des Lichts, wo Gras in Wasser wächst und Wasser in den Himmel fließt. Träge Bäche mäandern, tragen die Sonnenkugel mit sich zum Meer, und langbeinige Vögel erheben sich mit unerwarteter Anmut — als wären sie nicht fürs Fliegen geschaffen — vor dem Getöse Tausender Schneegänse.

Eine Kriminalgeschichte, die nur am Rande steht, ein Roman, der berührt, der den Leser von der ersten Seite an mitnimmt, nicht loslässt. Ein Drama – das ist nach den ersten Seiten klar. Ein Mädchen einsam in der Natur, im Einklag mit ihr – ein Mensch, der immer wieder verlassen wird – Angst vor Verlust – eine scheue junge Frau, die den Tieren in ihrer Umgebung mehr vertraut als ihren Artgenossen. Mir hat die Geschichte unter anderem eine schlaflose Nacht geschenkt – es ist einer der besten Romane, die ich in diesem Jahr gelesen habe! Hier werden verschiedene Genre miteinander verknüpft: Coming-Of-Age, Kriminalroman, Familiendrama und Liebesgeschichten. Das ist der Reiz dieses Romans für mich.

Manchmal hörte sie nachts Geräusche, die sie nicht kannte, oder sie erschrak sich, wenn Gewitterblitze zu nah waren, doch wenn sie stolperte, war da immer das Land, das sie auffing. Bis irgendwann, in einem unbemerkten Moment, der Herzschmerz versickerte wie Wasser in Sand. Noch immer da, aber tief unten. Kya legte ihre Hand auf die atmende Erde, und die Marsch wurde zu ihrer Mutter.

Der Roman beginnt 1969 an der Ostküste von North Carolina, im Marschland. Mit einer großartigen Kulisse im Kopf beginnt man zu lesen, in Erwartung auf verträumte Küstenorte, Strände der Outer Banks, Leuchttürme, Pelikane, Austern, Hummer, der Schaukelstuhl auf der Veranda der Holzhäuser. Gleich zu Beginn wird im Sumpf ein Toter gefunden. Chase Andrews ist durch eine Bodenluke des Feuerwehrwehrturms gefallen – oder gestoßen worden. Dem Sheriff scheint es verdächtig, dass unter dem Turm nicht eine einzige Spur zu finden ist. Chase muss irgendwie hier hergekommen sein. Keine Reifenspuren, keine Fußspuren, das kann nicht sein.

So, wie die Marschbewohner ihren eigenen Whiskey brannten, machten sie auch ihre eigenen Gesetze — nicht wie die in Steintafeln gemeißelten oder auf Pergament geschriebenen, sondern tiefer gehende, eingestanzt in ihre Gene. Uralt und natürlich, wie die der Falken und Tauben. Ein Mensch, der in die Enge getrieben wird, verzweifelt oder isoliert ist, greift auf die Überlebensinstinkte zurück. Schnell und gerecht. Diese Instinkte werden immer Trumpfkarten sein, weil sie häufiger von einer Generation an die nächste weitergegeben werden als die sanfteren Gene. Das hat nichts mit Moral zu tun, sondern schlicht mit Mathematik. Tauben kämpfen untereinander ebenso oft wie Falken.

Der zweite Strang beginnt 1952. Miss Catherine Danielle Clark, Kya genannt, zu dieser Zeit fünf Jahre alt, sieht, wie ihre Mutter früh morgens nach einem Streit das Haus verlässt. Das kam öfter vor. Nur diesmal trägt sie ein Kleid, ihre Lieblingsstiefel und einen Koffer in der Hand. Sie wird nicht wiederkommen. Der Vater ist ein Gelegenheitsarbeiter. Ein charmanter netter Kerl, gutaussehend, einer, der Menschen für sich einnehmen kann. Bei genauem Hinsehen ist er Großmaul, ein Säufer, der nichts auf die Reihe bekommt, einer, der seine Frau und die Kinder halb totschlägt, wenn er trinkt. Und so verkrümeln sich auch alsbald die drei Geschwister von Kya. Keine verträumten Küstenorte – eine fast undurchdringliche Marsch, sumpfig, einsam und verlassen.

Als die Milchtüte leer war, dachte sie, sie würde den Schmerz nicht ertragen, voller Angst, die Vögel würden sie ebenso verlassen wie alle anderen.

Dem Vater ist Kya egal. Tagelang verschwindet er, legt mal ein paar Dollar auf den Tisch, schickt Kya Einkaufen, lässt sie kochen: Meist gibt es Maisgrieß mit Rübstock. Irgendwann kommt auch der Vater nicht mehr zurück in die ärmliche Hütte. Kya ist zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt, sie geht nicht zur Schule, wohnt nun allein in der Nähe vom Meer in der alten Sommerhütte der Großeltern, versteckt im Marschland zwischen Salzwiesen, kleinen Wäldern, Wasserläufen, Sanddünen, Schilfgräsern, Sumpf und Sandbänken, zwischen mäandernden Flussausläufern. Sie kennt jedes und Tier, jede Muschel und jede Pflanze. Das Marschland ist bekannt für seine zwielichtigen Bewohner: White Trash. In den Sümpfen leben alle die, die nichts mehr zu verlieren haben, Verbrecher, die sich verstecken, Bitterarme, die von der Gesellschaft ausgestoßen werden, Schnapsbrenner. Es ist die Zeit der Fünfziger, in der noch Rassentrennung herrscht. Fünf Streichhölzer und eine Handvoll Grieß – damit kann man nicht überleben, auch wenn man sich Fische fängt, so überlegt Kya, als der Vater nicht zurückkommt.

Vielleicht sollte ich in die Stadt gehen und mich bei den Behörden melden. Die geben mir wenigstens zu essen und schicken mich in die Schule.‹
Doch nach kurzem Nachdenken sagte sie: ›Nee. Ich kann die Möwen nicht verlassen, die Reiher, die Hütte. Die Marsch is die einzige Familie, die ich hab.‹ Und als sie da im Licht ihrer letzten Kerze saß, kam ihr eine Idee.

So zieht sie jeden Tag im Morgengrauen los, um Miesmuscheln zu stechen, die sie bei den Jumpin’s verkauft, um dafür Benzin für das Boot, Grieß, Streichhölzer paar Kleinigkeiten kauft. Die farbige Familie Jumpin, die eine Bootstankstelle und einen kleinen Laden unterhält, schließt das Mädchen ins Herz und tauscht ihr ihre untauglichen Räucherfische gegen eine Papiertüte voll Altkleider aus dem Gemeindefundus. Das Spiel geht so über Jahre. Sie sind die einzigen Menschen, mit denen das stille Mädchen Kontakt hat, bis sie auf Tate trifft, der einstige Freund ihres Bruders. Nun ihr einziger Freund. Tate bringt Kya Lesen und Schreiben bei, besorgt ihr aussortierte Bücher aus der Gemeindebibliothek.

Außerdem wüsste ich niemanden, der Chase hätte umbringen wollen.‹
›Na ja, ich würde sagen, da fällt mir eine ganze Liste ein‹, widersprach der Deputy.
›Wer denn zum Beispiel? Was willst du damit sagen?‹
›Ach, komm schon, Ed. Du weißt doch selbst, wie Chase war. Zig Frauengeschichten, brünstig wie ein Bulle frisch aus dem Stall. Vor seiner Heirat, nach seiner Heirat, mit unverheirateten Frauen, mit verheirateten Frauen. Da würden sich geile Rüden bei läufigen Weibchen besser benehmen.«

Wer hat Chase umgebracht – wenn es denn überhaupt ein Mord war? Der Sheriff hat sofort eine Erklärung parat: Dieses Sumpfmädchen muss es gewesen sein! Wer sonst!

Ja, die Geschichte ist Mainstream, bepackt mit Stereotypen. Das hübsche Mädchen aus der Wildnis, das Angst macht und gleichzeitig Begehrlichkeiten weckt. Der einzige hilfreicher Freund, die letzte kommunikative Oase, die auch verschwindet. Der anziehende narzisstische Quarterback – das A...loch, das man hasst und liebt. Der Farbige, selbst nicht Teil der richtigen Gesellschaft, der anderen Parias hilft. Der amerikanische Traum: Jeder kann er schaffen … Ich habe das aber nie so empfunden, weil für mich der zugehörige Kitsch zu einer solchen Geschichte fehlte. Kya fällt auf den Quarterback rein, weil der so ist wie ihr Vater: verführerisch, gewissenlos, gewalttätig. Sie liebt an ihm die gute Vaterseite – der lustige, liebenswerte Typ, der Kya das Angeln und Bootfahren beibrachte, mit ihr scherzte, sie drückte, liebte. Und an dem Punkt, wo der Quarterback in die dunkle Seite der Vaterfigur wechselt, die Maske fallen lässt, erinnert Kya sich an ihre Mutter, die viel zu spät den Koffer packte. Kya ist konsequent, gestählt durch ihr Leben in der Wildnis. Und auch die Helfershelfer zeigen nicht unbedingt ein Helfersyndrom – sie respektieren die Person und kaschieren ihre minimale Hilfe, so dass das Mädchen sich nicht als Bittsteller empfindet. Hier schreit niemand nach der Fürsorge, weil ein Mädchen allein in den Sümpfen lebt. Das Gesetz des Sumpfes, sich nicht einzumischen. Für mich gibt es hier keinen romantischen Kitsch. Das Leben von Kya ist hart und kärglich. Delia Owens ist Zoologin und hat selbst mehrfach einsam in der Wildnis gelebt, kennt die Einsamkeit. Sie hat Kya ihre Augen der tiefen zoologischen Beobachtung gegeben, Schlüsse auf Verhalten zu ziehen. Für mich rundum ein gelungener Roman vor großer Kulisse.

Dann krächzten die Krähen. Krähen können Geheimnisse ebenso schlecht bewahren wie Schlamm. Sobald sie irgendetwas Seltsames im Wald sehen, müssen sie es allen erzählen. Wer auf sie hört, wird belohnt: entweder vor Räubern gewarnt oder auf Essbares aufmerksam gemacht. Kya wusste, irgendwas stimmte nicht.

Delia Owens, geboren in Georgia, lebt auf einer Ranch in Idaho. Über zwanzig Jahre erforschte die Zoologin in verschiedenen afrikanischen Ländern Elefanten, Löwen und Hyänen. Als Kind verlebte Owens die Sommerurlaube mit ihren Eltern in North Carolina, wo auch ihr Romandebüt spielt.

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