Direkt zum Hauptbereich

Unerschrocken von Pénélope Bagieu – Rezension

Rezension 

von Sabine Ibing







Unerschrocken 



Band 2 – Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen - Graphic Novel



von Pénélope Bagieu

Kürzlich habe ich das Jugendbuch Power Woman – Geniale Ideen mutiger Frauen von Kay Woodward vorgestellt, die recht bekannte Frauen vorstellt. Es wird immer über großartige Männer in der Geschichte berichtet, großartige Frauen bleiben meist unerwähnt. Pénélope Bagieu zeigt wie im ersten Band, dass man Träume erfüllen kann, wenn man unerschrocken bleibt und sich seiner Sache mit ganzem Herzen widmet. Neben berühmten Frauen wie Betty Davis und Peggy Guggenheim kommen eher unbekannte Frauen zu Wort. Temple Grandin, Tierdolmetcherin, Phoolan Devi, Banditenkönigin, Naziq al-Abid, Aktivistin. Hier werden Frauen porträtiert, von denen man nie gehört hat, die aber Wichtiges geleistet haben. Frances Glessner Lee – Puppenstubenforensikerin – was haben wir uns darunter vorzustellen? Frances, genannt Fanny –

Sie wird nicht zur Schule geschickt; stattdessen lernt sie Nähen und Stricken und in bester viktorianischer Tradition bastelt sie aufwendige Puppenstuben. Der Bruder studiert in Harvard Medizin. Fanny täumt auch davon, doch das steht natürlich außer Frage.
Frances Glessner Lee – Puppenstubenforensikerin


George, der beste Freund ihres Bruders, arbeitet in der Rechtsmedizin, ärgert sich darüber, wie Polizisten den Tatort verunreinigen, sogar noch säubern. Fanny langweilt sich in ihrem Leben als Mutter und Hausfrau und nachdem sie sich hat scheiden lassen, die Eltern und der Bruder verstorben sind, erbt sie ein riesiges Vermögen.  Ihre Chance, etwas Wichtiges anzufangen. Sie schenkt der Harvard Universität eine stattliche Summe samt Fachbibliothek, um einen Lehrstuhl in Forensik einzurichten. George erhält den Lehrstuhl. Und als auch der verstirbt, gründet Fanny die Harvard Associates in Police Science (HAPS). Dort bringt sie höchstpersönlich Polizisten und Medizinern bei, wie man einen Tatort begutachtet, liest. Um das ganze anschaulich zu machen, erinnert sie sich an ihre Fähigkeiten im Puppenbasteln. Sie setzt sich hin und konstruiert Puppenhäuser, allerdings nach Originaltatorten, bis ins kleinste Detail. Die Seminarteilnehmer müssen versuchen, die Fälle anhand der Spuren in den Miniaturen zu lösen.

Fanny wird zur Polizeichefin von Hampshire ernannt. (Die erste Frau, die diesen Titel trägt.)

Oder nehmen wir Nelly Bly, die 1864 in eine sehr arme Einwanderer-Familie in den USA geboren wird. In ihrer Wut über einen Artikel zur Rolle der Frau in einer Zeitung schreibt sie einen Leserbrief und wird vom Herausgeber als Journalistin eingestellt. Sie schreibt über einfache Menschen, schlechte Arbeitsbedingungen. Damit macht sie sich keine Freunde. Unter Druck darf sie nur noch über Mode und Garten berichten, kündigt. Joseph Pulitzer gibt ihr nun eine Chance. Sie wird berühmt mit ihren knallharten sozialen Themen, wobei sie sich jeweils undercover, wie heute Wallraf, einschleust. Und zur Krönung reist sie per Schiff, Zug und Heißluftballon in 80 Tagen durch die Welt, schreibt ein Buch darüber. Sie heiratet einen reichen, viel älteren Industriellen und revolutioniert als Witwe die Arbeitsbedingungen in ihrer Fabrik. Abenteuer steckt ihr im Blut und so wird sie für Österreich die erste weibliche Kriegsberichterstatterin im ersten Weltkrieg, setzt sich später für Frauenrechte ein, schreibt weiter Suffragetten.



Astronautin Mae Jemison



Die afghanische Rapperin Sonita Alizadeh rappt im iranischen Exil gegen Zwangsheirat, der sie selbst entgangen ist. Thérèse Clerc kämpft für das Recht auf Abtreibung und ruft als Frauenrechtlerin ein autonomes Wohnprojekt für mittellose Seniorinnen ins Leben. Interessante Frauen, die die französische Illustratorin und Cartoonistin Pénélope Bagieu porträtiert. Sie gehört weltweit zu den erfolgreichsten Comic-Zeichnerinnen. Unbequeme und moderne Frauenfiguren sind ihr Markenzeichen. Jetzt hat sie eine weitere Graphic Novel mit 15 Porträts von außergewöhnlichen Frauen herausgebracht, aus unterschiedlichen Epochen, Ländern, Kulturen und Gesellschaftsschichten. Spannend, spaßig, wissenswert, aber nie mit einem erhobenen Zeigefinger, führt sie durch die jeweilige Graphic Novel. Es ist, wie es ist. Der Text ist pointiert, aber einfach zu lesen, obwohl so viel Inhalt drinsteckt. Feine Zeichnungen, sparsam mit Koloration, bringen es auf den Punkt. Empfehlung!

Eine Altersempfehlung gibt der Verlag nicht vor. Meine Empfehlung: 12 - 99 Jahre.





Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Alte Feinde von Petra Ivanov

Um es gleich vorwegzusagen, mit diesem Thriller küre ich Petra Ivanov zur Queen of Crime der Schweiz. Schon das erste Kapitel ist atemberaubend. Cavalli ist wieder da! Wo hat er nur gesteckt? Der Leser wird es erfahren, Regina Flint noch lange nicht. – dies ist der achte Fall für Cavalli und Flint, wer die anderen sieben nicht kennt, der kann hier problemlos einsteigen. Regina Flint ermittelt derzeit in einem ungewöhnlichen Todesfall, ein Mann wurde mit einer historischen Waffe mit Pulvermunition erschossen. Der Tote ist ein Nachfahr von Heinrich Wirz, eine umstrittene Figur aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Und damit wären wir beim dritten Strang, der in die Zeit des Sezessionskrieges zurückführt.

Weiter zur Rezension:   Alte Feinde von Petra Ivanov




Interview von Sabine Ibing mit Thomas Thiemeyer

Der Abenteurer

Thomas Thiemeyer, studierte Kunst und Geologie, er ist ein Abenteurer. Beim Ravensburger Verlag begann seine Karriere in der Buchbranche als Illustrator für Kinderbücher. Dann fing er an, sich als Schriftsteller einen Namen zu machen: als Autor von Wissenschaftsthrillern und Abenteuerromanen, dazu kamen Jugendbücher, zumeist im Fantasy-Genre. Neuerdings findet man ihn unter dem Pseudonym Vitu Falconi unter den Krimis.

Wir unterhalten uns über Ideenschöpfung, Riten und Traditionen und über den Sinn von Pseudonymen. Hier geht es zum    Interview mit ThomasThiemeyer



Hier geht es zur Rezension:   Das korsische Begräbnis


Rezension - Sag den Wölfen, ich bin zu Hause von Carol Rifka Brunt

Hörbuch

Ein hochgelobter Roman, bei mir kam er nicht an. Literarisch ist die Geschichte gut geschrieben, da gibt es nichts dran auszusetzen, Carol Rifka Brunt hat wundervolle Sätze, Beschreibungen, in diesem Buch geliefert. Die Story zu mögen, die sich hinter diesem Allage-Jugendbuch verbirgt, ist Geschmacksache …

Hier geht es zur Rezension:   Sag den Wölfen, ich bin zu Hause von Carol Rifka Brunt

Rezension - Der Ausbruch von Albertine Sarrazin

Ein autobiografischer Underdogroman voller Poesie. Dies ist eine Neuauflage und Neuübersetzung von 1967 von »La Cavale«, mit dem deutschen Titel »Der Ausbruch«.  Albertine Sarrazin sitzt im Knast, ist literaturbegeistert und schreibt gern. So entsteht im Gefängnis ihr erster Roman »L’Astragale«, danach »La Cavale« (Kassiber). Jede Woche schmuggelte Albertine Sarrazin im Knast einzelne Blätter zu ihrer Gefängnis - Psychiaterin, die das Talent erkennt und das Manuskript an den Verleger Pauvert nach Paris schickt. Eine große Unterstützerin von Albertine Sarrazin bei Pauvert war Simone de Beauvoir und auch Patty Smith war eine große Bewunderin ihrer Texte. 
Hier geht es zur Rezension:   Der Ausbruch von Albertine Sarrazin

Rezension - Franz – oder warum Antilopen nebeneinander laufen von Christoph Simon

Ein Schweizer Kultbuch von 2001, neuaufgelegt, ein Comming of age – Roman, schräg, amüsant, empathisch, spleenig. Franz ist einer, der weiß, dass er irgendwie die Schule überstehen muss, mit Abschluss, aber wozu das alles gut sein soll, hat er noch lange nicht kapiert. Schule ist irgendwie ein Stück Heimat, wenn nur der Unterricht nicht wäre. Ein typisches Jugendbuch, allerdings in einer Form, das auch Erwachsenen gefällt.

Hier geht es zur Rezension:   Franz – oder warum Antilopen nebeneinander laufen von Christoph Simon