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Tödliche Fremde von Wolfgang Borsich - Rezension

Rezension 

von Sabine Ibing



Tödliche Fremde von Wolfgang Borsich



Ein Lanzarote-Krimi


Der Anfang: Das fahle Licht des Halbmondes fiel auf das spiegelglatte Wasser. Lautlos wie ein lauernder Schakal schlich Dunst um das Boot. Schon die zweite Nacht lag es ruhig da. Als hätte die Welt aufgehört, sich zu drehen, dachte Abdallah. Er rümpfte die Nase. Das Wasser stank wie abgestandene Fischbrühe.

Mein nächster Versuch mit Bahnhofsliteratur fiel ins Wasser. Weder die Sprache, noch die Charaktere und schon gar nicht die Geschichte selbst konnten mich begeistern. Auf der letzten Seite trieb mir der Stoff auch noch Zornesröte ins Gesicht! Ein Krimi ist das vom Genre nicht, sondern ein Thriller – allerdings eine langweilige Geschichte. »Ein mysteriöser Mordfall, ein dramatisches Flüchtlingsunglück«, so der Klappentext vom Piper Verlag. Hier ist weder etwas mysteriös – na ja, vielleicht die Protagonisten selbst – noch wird die Flüchtlingsproblematik behandelt.

Thema gesetzt aber nicht verfolgt

Der Roman beginnt mit einem Prolog, der kein Prolog ist, sondern ein erstes Kapitel ... muss heute jeder deutsche Krimi auf diese Art beginnen? Ich mag es nicht mehr lesen.
Schwarzafrikaner sitzen entkräftet und dehydriert in einem Boot, einer Nussschale, der Motor ist kaputt, weit draußen auf dem Meer. Abdallah denkt, so schlecht war es doch zu Hause gar nicht, er wollte seine Familie nur nach Europa bringen, damit es den fünf Kindern besser ginge – doch nun werden sie alle hier draußen verrecken. Die distanzierte Perspektive lässt den Leser nicht nahe heran. Das Thema ist scheinbar gesetzt – doch es wird in diesem Roman nicht weiter behandelt.

Ein Tourist unter Mordverdacht

Der Münchner Broker Ambrosius Salas Radlbeck, genannt Salas, ist ausgebrannt, beruflich gestresst und zu guter Letzt lief ihm die Freundin davon, eine Tatsache, die er noch lange nicht verarbeitet hat. Salas nimmt sich ein für ein halbes Jahr eine Auszeit, will sich auf der kanarische Insel Lanzarote regenerieren, der Ort an dem seine Eltern vor 49 Jahren ihren ersten gemeinsamen Urlaub verbrachten, er gezeugt wurde. Schon am ersten Tag lernt Salas María kennen, kann sie abschleppen, so groß scheint der Verlust der vergangenen Liebe nicht zu sitzen. Und schon am ersten Abend wird er von einem Mann angesprochen, der ihn Victor nennt, ihn zu verwechseln scheint, der ihn um Hilfe bittet. Salas versucht zu erklären, er sei nicht Victor, daraus entwickelt sich ein kleiner Streit. Am nächsten Tag ist genau dieser Mann tot, und Salas wird unter Mordverdacht verhaftet, er wurde in der Nähe vom Tatort gesehen. Nun wird auch noch die DNA von Salas am Tatort gefunden! Maria, die Salas kaum kennt, hält trotzdem zu ihm. Nach zwei Tagen gestehen sich die beiden ihre Liebe, Salas ist wieder in Freiheit. Er zieht bei María ein. Und nun wird eine weitere Leiche gefunden, ein Farbiger, der auch keines natürlichen Todes starb. Wieder steht Salas unter Mordverdacht. Nun muss er selbst ermitteln, denn die Polizei glaubt ihm nicht so recht.

Es duftete nach Sandelholz. Sie war nicht wie vorgestern sportlich in Jeans und weißer Bluse gekleidet, sondern trug ein elegantes kurzes und eng anliegendes hellrotes Kleid, das ihren dunklen Teint betonte. Ihre bernsteinfarbenen Augen leuchteten im Schein der flackernden Kerzen.

Die Protagonisten tappen unverständlicherweise im Dunkeln 

Dem Leser ist im ersten Viertel klar, was dahinter steckt: Salas wird von mehreren Leuten eindeutig erkannt, obwohl er sich an diesen Orten nicht aufgehalten hat, seine DNA ist zu 100 Prozent stimmig mit den Spuren an den Tatorten. Ein Zwilling – oft in Krimis ein Thema. Nur diese Protagonisten tappen im Dunkeln – so ziemlich bis zum Ende. Der große Bruder von Salas muss sich erinnern … da war doch damals was … Die Geschichte ist offen wie ein Fächer gleich von Anfang an, es gibt keine Verwicklungen, neue Erkenntnisse, neue Verdächtige, spannende Szenen, Verfolgungsjagden ... es plätschert dahin bis zur letzten Seite. María duftet gefühlt auf jeder dritten Seite nach Sandelholz und in Erwartung auf den Knast besucht man ein Restaurant nach dem anderen, begibt sich auf touristische Inselrundfahrt.

Als Salas dem carabinero den Kopf abtrennte, spritzte roter Sud auf sein sandfarbenes Leinensakko. Doch er achtete nicht darauf, sondern saugte genussvoll an der Garnele. Sie verströmte den Duft aufgewühlter See, roch nach Tang und nach salziger Luft, nach Muscheln, Fisch und Anemonen.

Es kommt keine Stimmung für die Insel auf

Das ist die einzige Szene, bei der mir der Garnelenduft und -geschmack auf der Zunge lag. Die Speisekarten werden im Inselhopping auf Spanisch herauf und heruntergebetet wenn man sie liest oder beim Kellner etwas bestellt. Alle Touristenattraktionen werden besucht, abgeharkt durch Erwähnung – es kommt keine Stimmung für die Insel auf. Letztendlich kommt der Leser Lanzarote nicht näher, Stimmungsbeschreibungen lassen dem Leser doch eher die Augen verdrehen: »Der Horizont leuchtet gleißend hell auf. Die Berge brüllen. Gelblicher Nebel wabert in den Tälern wie giftige Götterspeise.«

Dieser große beigerötliche Vulkan sieht bemerkenswert aus.‹
›Du meinst die Caldera del Corazoncillo‹, erwiderte María. ›Und schau, da unten ist die Einfahrt zur Ruta de los Volcanes.

Unter Mordverdacht fröhlich zechend und speisend

Die Charaktere bleiben rätselhaft in ihrem gesamten Handeln, oberflächlich und klischeehaft. Die Liebe steht im Vordergrund und das Essen – fast auf jeder Seite wird etwas gegessen. Wer würde, wenn er verdächtigt wird, zwei Morde begannen zu haben, sein touristisches Programm durchziehen, sich daran erfreuen? Und welche Frau würde einen Mann, der unter Mordverdacht steht, bei sich einziehen lassen? Und so könnte ich mit jeder einzelnen Figur fortfahren.

Hier holpert so vieles

Man liest schnell, möchte das Buch beenden, denn hier bleibt so gar gar nichts hängen, nichts von Lanzarote, literarisch kein Satz, kein Gedanke. Die Sprache holpert darin, viele Sätze knirschen in Ausdruck und Rhythmus – immerhin reichen manche Sprach- und Satzonstruktionen hin und wieder zum Grinsen. Und dann auch noch solche Dinge: »Laut unserem Gerichtsmediziner …« – Was ist denn hier passiert? Seit 1968 lautet die Fachbezeichnung Rechtsmediziner.

Also sind die Vorwürfe nicht vom Tisch?‹, fragte sie gepresst. Salas schüttelte den Kopf. ›Ya sabía que había gato encerrado.

oder

Du hättest mal sehen sollen, wie der gesprungen ist, im Zickzack. Wie ein conejo, hinter dem eine Horde podencos her ist.

Man versteht nur Spanisch

Ich glaube Wolfgang Borsich, dass er Spanisch spricht. Aber muss er uns das auf jeder Seite mit 2 - 3 Sätzen beweisen, sämtliche Lebensmittel und Gerichte in spanischer Sprache schreiben? Salas, der Protagonist hat in Spanien studiert, spricht fließend Spanisch, letztendlich ist folgerichtig dieses Buch »Spanisch«. María spricht Spanisch, der Kommissar usw. Klar, das ist ein deutscher Krimi und er ist in deutscher Sprache geschrieben. Und dabei sollte es auch bleiben. Übersetzen wir einen Roman in eine andere Sprache, lassen wir ja auch nicht ein paar Sätze pro Seite z.B. auf Japanisch stehen. Es ist nichts dagegen einzuwenden, etwas wie »Ay mi madre« oder Hola« stehenzulassen - puta oder cabrón versteht heutzutage auch fast jeder. Eine Paella muss ihren Namen behalten, selbstverständlich, aber wollen wir jeden Fisch, jedes Schalentier, jede Muschel und jedes Gemüse auf Spanisch lesen? Zumal hier auf fast jeder Seite gegessen wird. Man könnte es bei Tintenfisch, Wolfsbarsch oder Pilze belassen, oder? Natürlich sind alle spanischen Vokabeln kursiv gestellt und seitenlang ist das Vokabular am Ende übersetzt. Wohl dem, der auf Papier liest – aber wer will ständig zum Glossar blättern? Diesen Roman habe ich auf dem Ebook gelesen, hatte Glück, weil ich der meisten dieser Vokabeln mächtig war, einschließlich der kanarischen. Aber auch ich stand hin und wieder auf dem Schlauch! Beim E-Book kann man nicht ständig auf die letzten Seiten hopsen.

Das Thema wurde vergessen

Die Message von diesem Roman ist leider auch an mir vorbeigegangen, ich konnte keine finden. Anfänglich dachte ich, in irgendeiner Form würde das Thema der Flüchtlinge behandelt, wie im Klappentext beschrieben. Ein großes Thema für Spanien: illegale Arbeiter, Ausnutzung von Flüchtlingen, Prostitution, Zwangsarbeit in Landwirtschaft, große Themen. Chance vertan. Und zu guter Letzt war ich froh einen E-Reader zu haben. Papier wäre auf der letzten Seite wohl mit dem Sturm ins Meer gepustet worden … Ich will nun nicht für alle Leser spoilern. Wer meine Wut begreifen möchte, muss  etwas herunterscrollen. Wer das Buch lesen möchte, der sollte  hier stoppen.




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Achtung Spoiler! 


Ich war beim Lesen von gelangweilt in ungeduldig, später in säuerlich gewechselt. Hier passierte erst gar nichts, bis auf essen, und Inselhopping. Der Protagonist Salas kann sich keinen Reim drauf machen, warum ein Doppelgänger von ihm herumläuft und seine DNA an den Tatorten klebt, von Zwillingen hat er noch nie etwas gehört. Und auch der Bruder aus Deutschland, ein Priester, nimmt das alles nicht so ernst, reist zweimal an, ist nur mit Essen und Saufen beschäftigt. Die Dialoge sind langweilig und nicht schlüssig. Am Ende beordert man die Mutter sogar auf die Insel, die sich freut, mit den Söhnen ein paar schöne Tage zu verbringen. Seitenlang versuchen die Brüder die Mutter aufs Glatteis zu führen, damit sie etwas über einen Zwilling verrät. Nichts passiert. Dann offenbaren sie endlich den Verdacht. Die Mutter ist empört (der eine Sohn wird ja nur des Doppelmordes verdächtigt), sie gibt zwar zu, dass sie Zwillinge geboren hätte, reist aber sofort beleidigt ab, weil man sie deshalb hat anreisen lassen und ist empört, dass man den dritten Sohn als Mörder verdächtigt, den sie seit dessen Geburt nie wieder gesehen hat. Der Leser schnauft. Nun lockt Salas den Zwillingsbruder in die Falle, bestellt die Polizei – und im letzten Augenblick gibt er dem windigen Bruder den Tipp, mit dem Boot zu verschwinden (letzte Seite). Er kann es nicht über das Herz bringen, dass man den Zwilling verhaftet. Als Leser weiß ich immer noch nicht, ob der Bruder der Mörder ist, was genau hinter dem Ganzen steckt. Und so endet der Roman:

»Solange das nicht der Fall ist, lassen Sie mir keine andere Wahl. »Sie sind vorläufig festgenommen.« Und dann begann Rodríguez, wieder die Rechtsbelehrung herunterzuleiern, zu der er verpflichtet war: »Señor Salas, Sie haben das Recht, zu schweigen …« Fortsetzung folgt in Salas’ nächstem Fall.«

Was ist denn das? Dieser sogenannte Krimi wird nicht abgeschlossen, es wird auf den nächsten Teil verwiesen! Vom Verlag wird nicht darauf hingewiesen, dass es sich um einen Zweiteiler handelt. Band 1 heißt es zwar, aber Krimis werden immer in der Reihenfolge gekennzeichnet und es ist nicht üblich einen Krimi als Zweiteiler herauszubringen, viele Krimis haben 500 Seiten. Dies ist eindeutig ein Zweiteiler, ein Fortsetzungsroman und müsste als solcher gekennzeichnet sein. Das zu unterlassen, bezeichne ich als Frechheit. Nein, lieber Piper Verlag und lieber Autor – ich will nicht wissen, wie diese Geschichte weitergeht!

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