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Susanna von Alex Capus - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Susanna 


von Alex Capus


Susanna stand zwischen ihren Brüdern auf der Kiesbank und sah zu, wie das Floß ans Ufer trieb. Von hier unten sah der Wilde Mann ganz anders aus als von oben auf dem Uferweg. Von hier aus war er ein Hüne. Ein Riese. Ein Koloss. Glitzernde Wasserperlen flogen durch die Luft, als er sich den nassen Baum auf die Schulter schwang.


Alex Capus ist ein begnadeter auktorialer Erzähler. Das Buch beginnt schräg beim Kleinbasler Volksfest am Rheinufer in der Schweiz. Die fünfjährige Susanna Faesch sticht dem wilden Mann ein Auge aus. Susanna ist dann nicht weiter im Vordergrund, sondern ihr späterer Ziehvater. Erst nach der Hälfte wird die erwachsene Susanna wieder aufgegriffen, eine Porträtmalerin aus Brooklyn, NY, die mit ihrem Sohn ins Reservat reist, um mit Sitting Bull zu sprechen. Ihr Porträt von ihm hängt heute im State Museum North Dakotas. Eine wahre Geschichte, literarisch ausgeschmücktes Zeitgeschehen und Stimmungen. Eine stockkonservative Schweiz, – in New York wird die Brooklyn Bridge eröffnet, Edisons Glühbirnen erleuchten die Stadt, Maschinen erobern die Welt, im Westen kämpfen die Ureinwohner ums Überleben.


Plötzlich ist er ein Revolutionär


Jeder hatte das Herz voller heißer Gefühle und den Kopf voller undeutlicher Gedanken.


Die Malerin und Bürgerrechtlerin Caroline Weldon wurde 1844 in Kleinbasel in der Schweiz unter dem Namen Susanna Carolina Faesch geboren, malte unter dem bekannten Pseudonym. Der Mediziner Karl Heinrich Valentiny steht ebenso im Mittelpunkt der Geschichte, der mit Susannas Vater in der Fremdenlegion zwei Mal diente. Es lief gut für ihn in der Heimat in Deutschland, bis Zeitungen und der schwarz-rot-goldener Dreifarb verboten wurden, die Revolution in der Luft lag. Der aus dem «Kartoffeldorf» Dortmund stammende Mann war ein Abenteurer und stand plötzlich unter Verdacht zu den deutschen Revolutionären zu gehören. 


Die sittenstrenge, protestantische Schweiz 


Einige hatten so viel Geld angehäuft, dass ihre Kinder und Kindeskinder finanziell ausgesorgt haben würden bis ans Ende aller Tage - wenn sie nur klug genug wären, ihr Geld einfach auf der Bank zu lassen, die ihnen ja nebenbei auch gehörte, und mit den Zinsen ein angenehmes Leben zu führen. Aber früher oder später, das lehrte die Geschichte, tauchte in jeder Familie ein Tunichtgut oder Angeheirateter auf, der das allzu groß gewordene Vermögen wieder unters Volk brachte, indem er es für seine Laster oder eine Schnapsidee aus dem Fenster warf.


Karl floh aus der Heimat, kam zunächst bei Susannas Eltern in der Schweiz unter. Weil er ihnen nicht auf der Tasche liegen wollte, entschied er sich, nach Amerika auszuwandern. Ein Jahr später entschloss sich Susannas Mutter, die ein eigenes Vermögen besaß, die sittenstrenge, protestantische Schweiz zu verlassen. «Ehebrecher wurden von Gesetzes wegen im Fluss ersäuft.» Ein Leben voll Langeweile ließ sie hinter sich. Zusammen mit ihrer kleinen Tochter folgte sie Karl nach NY, ließ Ehemann und Söhne zurück. Karl nahm sie auf und es entwickelte sich eine Liebesbeziehung. Der intellektuelle Ziehvater, der sich als Arzt in Broolyn niederließ, hatte großen Einfluss auf Susanna.


Abenteuerlust in den Genen der Familie


‹Aber Mama, da sieht man echte Cowboys! Und echte Sioux, Mohawk und Apachen!›

‹Das ist es ja.›

‹Die sind wirklich echt.›

‹Es sind Menschen›, sagte Susanna. ‹Und man führt sie vor wie Zirkustiere.›


Nachdem Karl und die Mutter verstorben waren, erbte Susanna ein kleines Vermögen. Sie hatte die Wild Westshows verabscheut, in denen Indigene wie wilde Tiere vorgeführt wurden. Sie wünschte sich ein ehrenvolles Zusammentreffen mit Sitting Bull. Abenteuerlust lag ihr genetisch im Blut. Und so entschloss sie sich, ihr langweiliges Leben als Porträtmalerin in New York aufzugeben und einen Traum zu verwirklichen: Sie besucht das indigene Volk der Lakota-Sioux und freundet sich mit dessen Anführer Sitting Bull an. Leider nimmt diese wichtige Station des Lebens der Malerin in diesem Roman nur einen kleinen Teil ein, wobei aber ziemlich lang über die Zeit in New York berichtet wird – der lethargische Teil ihres Lebens. 


Gekonnt erzählt - nur das Ende ist unbefriedigend


Und dann wuchsen die Drähte auch in die Häuser hinein. Erst erstrahlten die Villen der Reichen in elektrischem Licht, dann das Clarendon Hotel, die City Hall und das Brookly Theater sowie die Anlegestelle Fulton Ferry; dann folgten die Bars und Kneipen und Verkaufsläden sowie die Studios der Fotografen, die dank dem Elektrischen Licht nun auch bei Nacht und Regenwetter arbeiten konnten.


Das ist ganz und gar nicht langweilig zu lesen, weil Alex Capus ein talentierter Erzähler ist und hier tief in die Zeitgeschichte eintaucht, uns das damalige Leben in Brooklyn, in NY, näherbringt und Weltgeschehen einflechtet. Reiche Villen und bitte Armut der Einwanderer, Dreck und Pferdemist auf der Straße, man sinkt bis zu den Knöcheln in den Schlamm ein bei Regen. Auktorial erklärt der Erzähler, zieht Vergleiche, resümiert, lässt Anekdoten einfließen. So weit, so gut. Trotzdem hätte ich mir ein wenig mehr von Susannas Einsatz für das indigene Volk gehört und mehr über das Massaker am Wounded Knee. Gut, ein Buch ist kein Wunschkonzert. Aber die Geschichte bricht mittendrin ab, unverständlich, als wären die letzten Seiten des Manuskripts verlorengegangen. Schade, das Ende ist nicht gelungen. Trotz des merkwürdigen Endes ist diese leicht erzählte Geschite sehr lesenswert. Die Lebensgeschichte von Susann wurde bereits 2017 verfilmt: «Woman walks ahead».


Alex Capus, geboren 1961 in der Normandie, lebt heute in Olten. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten und Reportagen. Für sein literarisches Schaffen wurde er u.a. mit dem Solothurner Kunstpreis 2020 ausgezeichnet



Alex Capus 
Susanna
Zeitgenössische Literatur, Biografie, historischer Roman 
Hardcover mit Schutzumschlag, 288 Seiten
Hanser Verlag, 2022





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Kommentare

  1. Capus' Roman ist an und für sich ein spannendes Buch, nur hat der Autor zur historischen Susanna Carolina Faesch nicht wirklich recherchiert. Dass Caroline Weldon Sekretärin und Beraterin von Sitting Bull war, zieht er völlig in Zweifel. Das erklärt auch das unbefriedigende Ende des Romans. Dabei sind die Jahre 1888-1890 die bestdokumentierten in Carolines Leben. Ihre Bedeutung im Lager von Sitting Bull ist historisch nachgewiesen. Auch entstammt Susanna nicht einer reichen Familien, sondern ist die Tochter eines subalternen Mitarbeiters des Stadtförsters. Sie hatte auch nicht Brüder, sondern nur einen, der Albert hiess. Von einem Autor, der sich genauer Recherchen rühmt, erwarte ich mehr.

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