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Sturm von Christoph Scheuring - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Sturm 


von Christoph Scheuring


Der Anfang: Mein Name ist Nora Petersen und ich bin achtzehn Jahre alt, und wenn es heute mit mir zu Ende ginge, würde auf meinem Grabstein wahrscheinlich stehen: ‹Ihr Leben hat beschissen begonnen. Seitdem ging es immer weiter bergab. Jetzt ist sie gestorben, wie sie gelebt hat.›

Dieser Roman ist eine Wucht – eine Geschichte wie ein Sturm, eine Protagonistin wie ein Sturm, eine Story im Sturm. Besser hätte der Titel nicht passen können.

Ein Familiendrama

Nora Petersen, zu Beginn noch siebzehn Jahre alt, hat immer still gehalten, wenn der Vater die Mutter verprügelte, sie verdrosch. Doch dieses Mal ist es anders. Noch nie hatte es die am Boden liegende Mutter getreten. Das ist Nora zu viel. Sie geht dazwischen und als der Vater auf sie losgeht, kracht der Glastisch unter dem Vater zusammen, eine Etagere klatscht auf seinen Kopf. Nie wieder wird ihr irgendjemand Gewalt antun, nie wieder Opfer sein, das schwört sie sich. Die Mutter ist fortgegangen, hat sie beim Vater zurückgelassen – aber auch der ist nun völlig verändert. Nora ist groß und kräftig – und sie ist innerlich gewachsen, zeigt sich präsent, raus aus dem Ducken. Früher schrieb sie für die Schülerzeitung über heimische Tiere, heute will sie etwas über den Schlachthof schreiben. Die Aktion landet letztendlich vor der Jugendrichterin, die sehr genau zuhört. Zur Strafe muss Nora in den Herbstferien 300 Stunden soziale Arbeit ableisten – als Observer auf einem Schwertfischfänger in Kanada.

Observer auf einem Schwertfischfänger 

‹Dein Mitgefühl ist ein Scheiß!›, sagt er. ‹Der Unterschied ist, dass du kein Teil der Natur mehr bist. Du ud all die anderen Klugscheißer aus den Städten. Ihr denkt, dass ihr bessere Menschen seid, aber ihr seid es nicht. Ihr rettet mit ungeheurem Aufwand einen eingeschlossenen Wal aus dem Packeis, weil ihr Mitgefühl habt. Aber ihr tötet tausend Wale mit eurem Plastik.

Eine Tierschützerin soll die Fangmethoden beobachten und notieren, aufpassen, dass alles gesetzeskonform läuft. Denn dieser Kapitän ist auch verurteilt worden, ein junger Mann, kaum älter als Nora, die Familie hatte sich nicht an die Fangrechte gehalten. Sie muss an Bord gehen, hat keine Lust mit diesen Tiermördern zu kommunizieren. Drei Mal Johann an Bord, der älteste ist über hundert Jahre alt, kan kaum laufen, dreimal böse Blicke – man will Nora hier nicht haben, sich nicht von einer jungen Göre kontrollieren lassen.

Es gibt immer mehrere Wahrheiten

Dann hast du noch nie einen Sternenhimmel über dem Meer gesehen. Zum Beispiel. An Land siehst du Sterne. Auf dem Meer schaust du direkt und tief in die Unendlichkeit. Wer das einmal gesehen hat, kommt nicht mehr davon los.

Der Sturm setzt bereits zu Anfang ein, eine junge Frau, die sich immer geduckt hat, der es nun reicht, sich alles gefallen zu lassen. Die gesammelte Wut im Bauch bricht heraus, in die Faust, in die Stimme, in Heftigkeit ihrer Aktionen. Christoph Scheuring bringt diese Wut zu Papier, hitzig und schnörkellos. Aber alles was Nora anstellt, hat seinen Grund – hier bricht nichts einfach böse heraus. Eine Kindheit mit einer Mutter, die sie nie beschützte, zu ihr stand, egal in welcher Lage, ein Vater, der trotz Alkohol und Brutalität doch gleichzeitig der Beschützer war, der Nora verteidigte, auf sie stolz war. Ein ambivalentes Verhältnis zum Vater, eine Tochter, die ihre Mutter verachtet, weil sie lediglich funktioniert, tut was andere sagen, sich oftmals gegen die eigene Tochter stellt. Hier wird ziemlich gut dargestellt, wie Gewalt in Familien funktioniert, warum so lange der Deckel der Verschwiegenheit darüberliegt – die eine Hälfte der Geschichte. Die andere Hälfte spielt in Kanada, auf einem Fischkutter, der Schwertfische fängt. Ein Schwertfisch kann bis zu 600 Kilo wiegen. Ein nicht ungefährliches Unterfangen. Präzision und Erfahrung. Die Johanns bringen Nora das Sehen bei, das Riechen und Fühlen, das Navigieren nach den Sternen, eine langsame Annäherung findet statt. Das Schiff gerät in einen Sturm und dem ist es gleich, wer sich auf dem Schiff befindet. Nur absoluter Zusammenhalt kann das Leben der Leute an Bord retten.

Ein Pageturner nicht nur für Jugendliche

Ein spannender Roman, ein Pageturner bis zur letzten Seite. Christoph Scheuring gelingt es auch in der zweiten Hälfte, das Leben von allen Seiten zu beleuchten. Argumente, Gegenargumente – Verständnis füreinander. Ein kleiner Exkurs in die Geschichte der Fischerei. Denn einer der Fische tötet, kann sie auch gleichzeitig lieben. Sprachlich auf hohem Niveau macht es Spaß, das Buch zu lesen, eben nicht nur, weil es ein Pageturner ist. Der Autor schafft feine Bilder, die man mit allen Sinnesorganen aufnimmt, und er geht tief in seine Charaktere hinein, formt eine glaubwürdige Kulisse. Das Ende hat mich deswegen ein wenig verwundert. Eine so starke Persönlichkeit wie Nora, recht kompromisslos, wüsste, was sie will. Aber das ist nur ein minimaler Kritikpunkt. Ein klasse Jugendroman, der sich ach für Erwachsene lohnt zu lesen.


Christoph Scheuring, geboren 1957, hat in seinem Leben schon viel gesehen. Als Journalist für Spiegel, Stern und Zeit hat er mit den Mächtigsten am Tisch gesessen und mit den Machtlosen auf der Straße gelebt. Seine Leidenschaft gehört besonders den Jugendlichen in den Randgebieten unserer Gesellschaft. Als Autor schreibt er über das Leben dort, wo es brüchig ist, wo es ausfranst, wo es wehtut. Dort, wo es interessant wird.


Christoph Scheuring 
Sturm
Jugendroman, Allage
Magellan Verlag, 2020, 304 Seiten
ab 14 Jahren

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