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Storytelling von Otto Kruse - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Storytelling 


von Otto Kruse

Kunst und Technik des Erzählens


Wer Texte schreibt, muss ständig Entscheidungen treffen. Mit jedem neuen Wort legt er den Verlauf einer Geschichte weiter fest, mit jedem neues Satz, mit jeder neuen Wendung zeigt sich sein stilistisches Geschick. ... Deshalb finden Sie in diesem Buch auch ein ausführliches Kapitel über die Mikrostruktur von Erzähltexten, damit Sie sicher entscheiden lernen, welches Tempus Sie wählen.


Prof. Dr. Otto Kruse hat an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften gelehrt und leitete das Centre for Academic Writing. Sein Buch über die Kunst und Technik des Storytelling vermittelt auf der Basis seiner Lehrtätigkeit. Das Buch beginnt mit Grundsätzlichem, Geschichten aus dem Leben gegriffen, die Geschichte der Erzählkunst, bis hin zum «Zorn des Achill». Weiter geht es mit der Erzählstimme: Wer erzählt? Die verschiedenen Perspektiven werden vorgestellt – zu kurz für meine Begriffe, auch wird das Für und Wider der Perspektiven wird nicht erklärt und das Wort Perspektive taucht erst gar nicht auf. Mit dem Icherzähler wird sich hier länger befasst, mit der «gläsernen Psyche», den Inneneinsichten. «Die Bühne als Ort des Erzählens» ist wörtlich so zu verstehen, hier geht es um Bühnen und Drehorte. Letztendlich ist dies Kapitel eher etwas für Theaterdramaturgen und Drehbuchschreiber. Und dann geht es minimalistisch ins Eingemachte: Jede Szene muss verortet sein: Authentifizierungen von Beschreibungen – es ist alles etwas verkopft ausgedrückt. «Das konkrete physische Detail» – gemeint ist: Beschreibe, was du siehst, hörst und riechst. Es folgen eine Menge Schlagwörter, kurz erklärt, die zwar richtig sind, aber einem Anfänger ohne weitere Erklärung sicher eher verwirren. Mit der Bildsprache Unbewusstes ansprechen ... Richtig, aber dafür müsste man zunächst Archetypen und mythische Symbole kennen, die archaische Erzählform. Etwas länger wird sich damit beschäftigt, was jemand plant zu schreiben, die eigenen Ansprüche sitzen im Nacken: Einfach drauflosschreiben, rät er für den Anfang. Ein guter Rat.


Schnelles Fließenlassen

Nun kommen die ersten Übungen: Erzähle jemandem etwas, den du kennst: Wem willst du was in welcher Situation erzählen? Es folgt ein «Lautes Denken», hier hätte ich lieber die Bezeichnung innerer Dialog gehabt ... Es geht es nicht um Grammatik oder Rechtschreibung, sondern um das schnelle Fließenlassen. «Imagination» lautet die nächste Übung, bei der eine Situation vorgegeben wird, in die man hineinversetzen und sie wiedergeben soll. Es folgt die Assoziationen, Wörter zu einem ersten Begriff sammeln, rein kreativ – die meiner Meinung nach als Cluster besser funktionieren. Und gleich weiter zum Thema: «Das Ungesagte sagen» – so ziemlich die schwierigste Sache, wenn man es gut machen will. 


Kein Wort zur Sensibilisierung der Sprache

Nun geht es ums Schreiben an sich, ebenso in den folgenden Übungen, die sich mit der Person des Schreibenden beschäftigt. Am Ende der Aufgabe findet man Tipps zur Selbstkontrolle. Das ist alles ganz gut und schön. Ich denke, einem Anfänger hilft es zwar, Gedanken zu finden, aber letztendlich sagt es nichts über die Textgüte aus. Genau an dieser Stelle würde für mich der Umgang mit der Sprache an sich einsetzen. Man soll Phrasen streichen – aber wie erkennt man die? Es gibt typische Anfängerfehler, die völlig normal sind. Kein Wort davon. Für mich wäre genau das an dieser Stelle wichtig, Achtsamkeit, die Sprache zu sensibilisieren auf guten Klang.


Oberflächliche Erklärungen

Auch das, was zur Figurenbildung gesagt wird, ist ziemlich mager. Hier wird viel von Äußerlichkeiten gesprochen, was für die Entwicklung letztlich egal ist. Man beginnt doch beim Konflikt der Figur, ihrem Lebenslauf; man muss seine Figur von der Psyche her konstruieren, Schwächen und Stärken kennen, ihren Antrieb, etwas zu tun. Die Optik kommt dabei von allein und ist Nebensache. Aber immerhin, wir erfahren, wie man eine Figur in die Geschichte einführt und auch, dass Figuren Tiefe benötigen: Sie sollen nicht glatt sein und sie benötigen einen Entwicklungsspielraum. Soso. Natürlich gibt es ein paar kleine Übungen. Aber letztendlich wird nicht erklärt, WIE man eine Figur entwickelt. Und genau das ist das wichtigste Handwerkszeug, das man einem Anfänger in die Hände geben muss. Mit der «Die Konstruktion des Bösen» geht es weiter. Was für eine Bezeichnung! Als sei der Antagonist grundsätzlich ein Bösewicht! Ein klein wenig wird noch das Hilfspersonal erklärt. Über die Dialoggestaltung kann man Bücher schreiben – diese paar Seiten helfen nicht weiter.


Kein Wort über Dramaturgische Grundlagen


Die Arbeit an einer Erzählung beginnt selten mit einem ausgearbeiteten Konzept, sondern zumeist mit ziemlich unausgegorenen Ideen, aus denen man langsam die Kontur einer Geschichte herausschält.


Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit der Erzähltechnik. Es gibt einige Übungen, die ganz gut sind, aber, wie gesagt, die eigene sprachliche und inhaltliche Überprüfung ist für den Anfänger schwerlich eigenständig zu leisten. Für mich sind diese Übungen tauglich, wenn man sie in Gruppen anwendet unter fachlicher Anleitung. Prämisse, Plot und dramaturgisches Konzept werden im Eiltempo durchgewunken, für mich nicht verständlich erklärt. Kein Wort über Drei- und Mehrakter oder die Heldenreise. Im Eiltempo geht es durch die Nebengeschichte, Perspektive. Das Tempus ist keine drei Seiten wert.


Zuviel an der Oberfläche gekratzt


Schließlich das Wichtigste noch einmal: Worauf es ankommt, ist schreiben, schreiben, schreiben. So lange Sie formulieren, so lange Sie um das richtige Wort kämpfen, so lange Sie nach Themen suchen, so lange Sie um eine Struktur für Ihre Geschichte ringen, so lange Sie schreibend die Welt zu begreifen versuchen – so lange entwickeln Sie auch Ihr Vermögen, das Leben zur Sprache zu bringen.


Resümee: Wer sprachlich sattelfest ist, kann mit diesen Übungen etwas anfangen. Für Anfänger würde ich dieses Buch nicht empfehlen. Was nützt mir eine Übung, mit der ich mich sprachlich nicht auseinandersetzen kann, insbesondere mir niemand die Stolpersteine in meinem Text zeigt. Inhaltlich wird das Entwickeln einer Geschichte viel zu oberflächlich erklärt, es gibt keinerlei Beispiele, erst recht gibt es kein Grundlagenwissen zum professionellen Aufbau. Wer das Grundlagenwissen bereits beherrscht, der findet hier nichts Neues. Für mich gibt es wesentlich bessere Bücher zum Thema Storytelling. Schaut euch auf diesem Blog auf der Seite zum Thema Schreiben um – einiges habe ich dort bereits zusammengesammelt zu diversen Themen für Anfänger und Fortgeschrittene. 


Otto Kruse war Professor für Psychologie der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Erfurt und Professor für Angewandte Linguistik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenshaften. Dort leitete er das Centre for Academic Writing. Er hat sich auf die Untersuchung von Schreibprozessen und die Vermittlung von Schreibkompetenz spezialisiert. Heute ist er im Ruhestand und lebt in Potsdam.



Otto Kruse
Storytelling – Kunst und Technik des Erzählens
Ein Trainingsprogramm für Kreatives Schreiben
Sachbuch, Kreatives Schreiben, Creativ Writing, Schreiben, Storytelling, Figurenentwicklung, Plotentwicklung
Gebundene Ausgabe, 251 Seiten
Autorenhaus Verlag, 2020




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