Direkt zum Hauptbereich

Simone de Beauvoir von Julia Korbik und Julia Bernhard - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Simone de Beauvoir 


von Julia Korbik und Julia Bernhard

Ich möchte vom Leben alles


Ich möchte vom Leben alles, ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein.


Die junge Frau, die diese Worte schrieb, gilt heute als eine der einflussreichsten Denker:innen des 20. Jahrhunderts. Mit ihren Werken, ihrer Philosophie und Lebensweise forderte sie ihre Zeitgenoss:innen heraus und veränderte unsere Vorstellung von Liebe, Partnerschaft und dem Verhältnis der Geschlechter. Simone de Beauvoir war die bedeutendste Philosophin des 20. Jahrhunderts, eine Kämpferin für den Feminismus, eine bedeutende Schriftstellerin und die Lebensgefährtin von Jean-Paul Sartre. Deirdre Bair war eine amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Biografin und trifft in dieser Graphic Novel Simone, die ihr für eine Biografie von ihrem Leben berichtet – so 1991 geschehen. 



Die Kindheit ist kurz umrissen, der Vater, der vom Erbe lebt, sich in Aktien verzockt, was den sozialen Abstieg der Familie bedeutet. Eine Simone, die früh erkennt, dass Heirat einen Käfig signalisiert, und für sich entscheidet, nicht zu heiraten, frei zu bleiben, Bücher zu schreiben. Der erste Weltkrieg wird hier leider ausgeklammert, der dazu geführt hatte, dass die Familie verarmt. Simone studiert Philosophie und lernt Jean-Paul Sartre kennen, der ihr Lebenspartner wird. Beauvoir und er trafen sich trotz ihrer Anstellungen in verschiedenen Orten weiterhin regelmäßig in Paris, ihrem dauerhaften Lebensmittelpunkt in einer offenen und freien Beziehung. Sie gab viele Freundschaften zugunsten der Freunde Sartres auf. Das wird in diesem Comic nicht ganz deutlich, ebenso der Zweite Weltkrieg und dass Sartre und de Beauvoir eine Widerstandsgruppe organisierten. Die Liebesbeziehung mit Nelson Algren nach dem Zweiten Weltkrieg während ihrer USA-Reise wird erwähnt, aber nicht die vielen Reisen, die sie mit Sartre danach unternahm, auch nicht die siebenjährige Beziehung mit dem Filmemacher Claude Lanzmann, der einzige Mann, mit dem Simone je zusammenlebte, neben Sartre zum Ende seines Lebens. Auch von dem langen Aufenthalt des Paares in Rom ist nicht die Rede und von den vielen Aktivitäten innerhalb der kommunistischen Bewegung. Hier klingt es, als wäre Simone nie politisch aktiv gewesen, außer, wenn es um den Feminismus ging – das Gegenteil war der Fall. Vermerkt: Sie lernte in den 60-ern, dass im Sozialismus die Gleichberechtigung der Frau nicht vorgesehen war. Auch unterschrieb de Beauvoir mit 59 anderen Intellektuellen auch einen Appell zur Entkriminalisierung der Pädophilie, was hier nicht erwähnt wird. Simone pflegte ihren Lebensgefährten Sartre während seiner langen Krankheit bis zu seinem Tod, noch ein wichtiger Teil aus der Biografie, der unerwähnt bleibt. 





Ein volles Leben: reich an Erkenntnis, an Schmerz und Freude; das Leben einer Frau, die in all ihren Lebensaltern von der Neugierde auf sich und die Menschen getrieben war und die darum kämpfte, unabhängig von Klasse und Geschlecht, unabhängig von Normen und Regeln, in all ihren Facetten sie selbst sein zu dürfen. «Le deuxième sexe» (Das andere Geschlecht), wohl ihr wichtigstes Werk, wird in der Graphic Novel gut in Szene gesetzt, ebenso, dass sie sich dem Kampf gegen das Verbot gegen Abtreibung anschloss. Der Comic extrahiert das feministische Werk von Simone de Beauvoir. Und das ist gut gelungen. Ihre politische Arbeit und das Weltbild, das sich bei ihr daraus entwickelt, wäre für mich herausstellend zu sehen, das hier leider so gut wie ausgelassen wird, ebenso wie zwei Weltkriege, die hier gar nicht stattfinden, ihr Leben aber sehr prägten. Auch ihre lebenslange innige Beziehung zu Jean-Paul Sartre, ihr Seelenpartner, mit dem sie alles besprach, fällt hier fast ganz heraus und andere wichtige Männer. Die Frau, die fast ohne Männer auskommt, so mag man nach dieser Lektüre denken – aber es war genau das Gegenteil. Auf der einen Seite ist die Philosophin gut herausgestellt, doch die wichtige Schriftstellerin kommt kaum vor. Diese Biografie lässt mich ein wenig ratlos zurück. Einerseits ist ein Teil von de Beauvoir gut herausgearbeitet – aber andere bedeutende Teile fehlen, ohne die sie eben nicht die großartige Philosophin hätte werden können. Und genau dieser Zusammenhang ist für mich von Gewicht. Sprachlich ist der Comic reduziert, auf die bekannten Schlüsselsätze fokussiert. Die Grafiken sind schwarz-weiß, mit leichten Grautönen gehalten, einzelne Teile in Beige oder Grünbeige hervorgehoben, bzw. hinterlegt. Simone de Beauvoir, typisch mit ihrem geknoteten Schal im Haar, nie ohne Zigarette. Die riesigen herausstechenden Nasen aller Figuren haben mich irritiert, leider stets abgelenkt vom Rest des Bildes. Im Prinzip finde ich die Graphic Novel gut als Ausschnitt eines Teils der Schriftstellerin, aber leider fehlen mir prägende Lebensteile, womit eine Biografie nicht komplett wäre. Die Bedeutungslosigkeit der Männer (wichtige werden nicht erwähnt und Satre heruntergesetzt) hat mich verwundert, womit die Graph Novel für mich nicht ganz stimmig ist. Der Rowohlt Verlag gibt ein empfohlenes Lesealter ab 14 Jahren, das passt für mich. 



Julia Korbik ist freie Journalistin und Autorin in Berlin. Bei Rowohlt erschien von ihr zuletzt «Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten», das zahlreiche Leser*innen dazu verführte, sich neu in Simone de Beauvoirs Werk und Leben zu vertiefen. Ihre journalistischen Schwerpunkte sind Politik und Popkultur aus feministischer Sicht. Für ihre Arbeit wurde sie mit dem Luise-Büchner-Preis für Publizistik ausgezeichnet.


Julia Bernhard ist Illustratorin und Comiczeichnerin. Gemeinsam mit ihrer persönlichen Assistentin Pina, die außerdem ihr Hund ist, lebt und arbeitet sie in Berlin. Ihre Comics und Illustrationen erschienen u. a. im New Yorker, The Nib und im Stern. Ihr Comic-Debüt «Wie gut, dass wir darüber geredet haben» wurde 2020 mit dem Max und Moritz-Preis für das beste deutschsprachige Comic-Dübut ausgezeichnet.



Julia Korbik, Julia Bernhard
Simone de Beauvoir
Ich möchte vom Leben alles
Comic, Graphic Novel, Jugendbuch, Biografie, Frauenrechte, Feminismus, Kinder- und Jugendliteratur
Hardcover, 224 Seiten
Rowohlt Verlag, 2023
Empfohlenes Lesealter: ab 14 Jahre




Graphic Novel, Comic, Grafisches  

Für die Fans von Comis / Graphic Novels und sonstigem Gezeichneten, wie Satire. Hier auf dieser Seite zusammengefasst.  Alle Altersgruppen. Graphic Novel, Comic, Grafisches


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann

Rezension - In ihrem Haus von Yael van den Wouden

  Seit dem Tod ihrer Mutter lebt Isabel allein in dem großen, von der Zeit gezeichneten Familienhaus auf dem Land, ihre beiden Brüder wohnen in der Stadt. Die Tage ziehen ruhig und geordnet dahin. Isabel lebt mit ihren Erinnerungen, ihren Möbeln und Haushaltsgegenständen, mit denen sie redet, die sie ständig durchzählt, in Angst, das Dienstmädchen könnte einen Löffel stehlen. Doch als ihr Bruder Louis seine Freundin Eva bei ihr einquartiert, geraten Isabels stille Routinen ins Wanken, und das Haus, das Stabilität gibt, wird zum Schauplatz unheimlicher Veränderungen, die bis zum Holocaust zurückgehen, zur Sharia . Ein wundervoll subtiler Roman, der zu Recht auf dem Internationalen Booker-Preis stand. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   In ihrem Haus von Yael van den Wouden

Rezension - Balaclava von Campbell Jefferys

  Mara, eine Polizistin aus Berlin ist jeden Tag mit Gewalt konfrontiert. Die meisten ihrer Kollegen sind diszipliniert, korrekt. Aber es gibt auch gewaltbereite Typen mit rechten Sprüchen, die sich feindlich gegenüber Ausländern und Frauen verhalten. Mara stammt allerdings aus Hamburg und so liegt es nahe, dass man sie undercover nach Hamburg sendet, damit sie sich unter die linken Gruppen mischt, herauszufinden, wer bei einer Demo den einen Polizisten ermordet hat. Mara hat das Video gesehen – der Polizist sackt zusammen, neben ihm ein junger Mann, dessen Gesicht mit einer Balaclava verdeckt ist. Mara hat ihn erkannt! Diese Augen gehören ihrem Bruder! Und der würde niemanden umbringen. Ein Thriller mit Potential, allerdings zu aufgeblasen, zu viele handwerkliche Fehler. Weiter zur Rezension:     Balaclava von Campbell Jefferys

Rezension - Cascadia von Julia Phillips

  Gesprochen von Pegah Ferydoni Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 7 Std. und 38 Min. Auf einer Insel vor der Küste des Bundesstaates Washington im äußersten Nordwesten der USA lebt Sam mit ihrer Schwester Elena und der schwerkranken Mutter in ärmlichen Verhältnissen. Sam arbeitet auf der Fähre, die die wohlhabenden Urlauber zu ihren Feriendomizilen bringt, während Elena im Golfclub kellnert. Das meiste Geld geht für die medizinische Versorgung der Mutter drauf. Sie beide träumen von einem besseren Leben, davon, woanders neu anzufangen. Dann, eines Morgens erblickt Sam einen Braunbären direkt vor ihrer Haustür. Zwei Schwestern, die immer zusammengehalten haben, driften völlig auseinander. Die eine bleibt in den Kinderträumen verwachsen, die andere stellt sich der Realität. Weiter zur Rezension:   Cascadia von Julia Phillips 

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Rezension - Wo ist Walter? Ab ins Wasser von Martin Handford

  Knobelalarm für clevere Kids Wo ist Walter? Die kultigen Wimmelbuch-Bücher kennt wahrscheinlich jeder. Mit Walter auf hoher See! Ein Mitmachbuch für Kinder ab 8 Jahren mit vielen Rätseln, Suchbildern und Stickern. Klar, auch hier muss man Walter suchen , doch dies hier ist ein kunterbuntes Beschäftigungsbuch für unterwegs, am Strand oder für die Ferien mit Rätseln, Malen, Suchen: Mit Walter gibt es keine Langeweile, und dazu  gibt es mehr als 100 knallbunte Stickern für noch mehr Rätselspaß. Weiter zur Rezension:     Wo ist Walter? Ab ins Wasser von Martin Handford 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - Streng geheim: Spione, Agenten, Geheimnisse von Soledad Romero Mariño und Julio Antonio Blasco

  Die unglaublichsten Spionagegeschichten der Welt. Vom alten Rom über England zur Zeit der Tudors bis ins 20. Jahrhundert hinein hat sich die Kunst der Spionage enorm weiterentwickelt. Eines aber blieb immer gleich: Der grenzenlose Erfindergeist der Menschen, auf immer neuen Wegen an streng geheime Informationen zu gelangen. Philipp II von Spanien, Herrscher über ein Weltreich, investierte viel Geld für sein dichtes Spionagenetz, entwickelte eine ausgeklügeltes Chiffriersystem und das effizienteste Postsystem. Katharina von Medici bildete Spioninnen aus, um ihre Feinde zu kontrollieren. Der kleinste Spion war nur 58 cm groß. Doppelspion:innen, ausgeklügelte Systeme … ein spannendes Sachbilderbuch  ab 10 Jahren! Weiter zur Rezension:   Streng geheim: Spione, Agenten, Geheimnisse von Soledad Romero Mariño und Julio Antonio Blasco