Direkt zum Hauptbereich

Niemand weiß, dass du hier bist von Nicoletta Giampietro - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Niemand weiß, dass du hier bist 

von Nicoletta Giampietro

Sprecher: Markus Hoffmann, Rahel ComtesseHörbuch, ungekürzte Fassung, Spieldauer: 13 Std. und 17 Min.


Der Duce kam zu uns in einer Zeit, als Italien nach dem Großen Krieg in Elend, Chaos und Gewalt zu versinken drohte. Damals herrschte unter den Italienern Misstrauen und Zweifel. Doch Mussolini glaubte an Italien und wusste, zu welcher Größe die Italiener fähig sind, wenn man sie vereinigt, und sie auf den rechten Weg führt. … und in wenigen Jahren gelang es ihm, aus einem gespaltenen und demoralisierten Land ein neues, ruhmreiches Römisches Imperium zu erschaffen.

1942, der zwölfjährige Lorenzo ist in Tripolis, der Hauptstadt von Libyen (italienische Kolonie zu dieser Zeit), aufgewachsen, denn sein Vater, ein Faschist, dient als Offizier bei der italienischen Arme. Seit dem letzten Einsatz gilt er als vermisst. Es wird langsam gefährlich, im Land zu bleiben, daher schickt die Mutter Lorenzo nach Siena zu den Großeltern, sie will in Afrika den Vater suchen. Italien befindet sich Seite an Seite mit dem Deutschen Reichs im Krieg. In der neuen Schule freundet sich Lorenzo mit dem Nachbarssohn Franco Tacconi an, der ein eifriger Balilla (Jugendorganisation der Faschisten) ist. Dort üben die Jungen mit dem Holzgewehr zu exerzieren, würden gern in den Krieg ziehen. Die Tante von Lorenzo, Zia Chiara, hält nichts von den Faschisten – nichts mehr, wie sie später berichtet, denn sie hatte Mussolini falsch eingeschätzt, der anfänglich wirtschaftlichen Aufschwung brachte, Schulen für alle Kinder, ein Gesundheitssystem. Die Faschisten werden nun offensichtlich jeden Tag unerträglich und immer mehr Widerstandsgruppen bilden sich. Als jüdische Kinder aus der Schule ausgeschlossen werden, versteht Lorenzo die Welt nicht. Er hatte in Büchern gesehen, wie angeblich Juden aussehen sollen … diese hier sehen ganz anders aus. Die zornigen Gesichter mit schwarzem Haar und Hakennase der Bilder glichen doch, wenn überhaupt, der Familie des Lebensmittelhändlers Tacconi – und die sind italienische Faschisten. Und da ist Daniele, Lorenzos jüdischer Freund, den er sehr gern hat, seine Familie gleicht so gar nicht den Bildern aus dem Buch. Aber es wird noch schlimmer. Durch Zufall bekommt Lorenzo aus einem Versteck mit, dass die Juden nach Deutschland abtransportiert werden sollen. Er rennt zu Daniele, will die Familie warnen, doch der Vater hält das für ein Hirngespenst. Doch Lorenzo hatte Recht, kann im letzten Moment Daniele retten, und er versteckt ihn. Das ist sein Geheimnis - nicht einmal die Familie darf davon wissen.

Historisch fein recherchiert

Wir Italiener gehören dem mediterranen Typ der arischen, also der Herrenrasse an. Geformt und modelliert von den Römern, ist sie die glorreichste von allen und hat die größten Entdecker und Eroberer der Geschichte hervorgebracht. Die Reinheit unserer Rasse muss geschützt werden. … Gehören Juden der italienischen Rasse an?

Nicoletta Giampietro ist eine deutsche Schriftstellerin mit italienischen Wurzeln, berichtet auch am Ende des Romans etwas über ihre Familie, welche historischen Personen in diesem Roman echt sind, welche Personen sie inspirierten, die sich in ihren Protagonisten widerspiegeln. Faschismus in Italien, Mussolini und Hitler, zwei echt dicke Kumpel mit gleichen Idealen, etwas, worüber man in Italien nicht laut spricht. Balilla –  Hitlerjugend – die gleiche Art, junge Menschen unter dem Deckmantel der Kameradschaft zu indoktrinieren, Jungen kriegsheiß zu machen. Judenverfolgung in Italien? Ja, natürlich! Allerdings nicht in dem Ausmaß wie in Deutschland. Auch in Italien wurde in den Schulen die gleiche Propaganda abgezogen: Arm hoch für das Vaterland, die eigene Rasse ist die glorreiche, intelligente – auszumerzen sind die anderen, um die Rasse rein zu halten. In Italien wurden die Juden zusammengetrieben, interniert, nach Auschwitz usw. transportiert. Mit einem Unterschied: Manch einer war damit nicht einverstanden und schaute nicht so genau hin, wenn sich einige aus den nicht stark gesicherten Sammelstellen hinausstahlen. Andere warnten frühzeitig und noch andere versteckten Juden.

Ein Junge, dem seine Ideale von Board gehen

Letztendlich ist dieser historisch angelegte Roman ein Entwicklungsroman. Lorenzo, aufgewachsen im Faschismus, der Vater Offizier, in der Schule indoktriniert, ist glühender Anhänger des Duce – was sonst? Seine Tante, Zia Chiara, steht dem entgegen, man munkelt, sie sei im Widerstand involviert. Dagegen steht die Familie Tacconi, die des Lebensmittelhändlers. Franco Tacconi ist der beste Freund von Lorenzo, bis er den jüdischen Daniele kennenlernt, der ihm noch näher steht. Die beiden Freunde darf Lorenzo nicht zusammenbringen, so viel ist ihm schnell klar. Plötzlich wird alles hässlich. Juden dürfen nicht mehr auf die Schule gehen, Lehrer, wie die Tante, werden entlassen. Die Tacconis haben es auf Zia Chiara abgesehen, es gibt Heimlichkeiten der Erwachsenen. Lorenzo sitzt zwischen den Fronten, muss reflektieren. Und er gerät in Situationen, in denen er sich entscheiden muss, und er begibt sich mehrfach in Gefahr, um Menschen zu warnen oder zu retten, schnuppert in den Widerstand hinein. Der Junge wird schnell erwachsen, ärgert sich, weil man ihn wie ein Kind behandelt. Aber auch im Widerstand spaltet sich die Gesellschaft: Die Moderaten, kämpfen, wollen dabei aber kein Menschenleben aufs Spiel setzen, und die Radikalen, denen es ums Prinzip geht, Hauptsache gegen die Faschisten, ist alles egal, selbst wenn ein ganzes Dorf bei einer Aktion draufgeht. Mehrfach fragt sich Lorenzo, was denn richtig sei, was die Wahrheit. Jeder behauptet, sie für sich gepachtet zu haben. Krieg, eine unsichere Zeit. Bomben der Alliierten fallen auf Italien. Mussolini wird abgesetzt, plötzlich war nie irgendjemand Faschist gewesen. Der Duce schafft es, wieder zurückzukommen, und sofort haben sie wieder die braunen Hemden an … Und nach dem Krieg gab es in ganz Italien nicht einen Faschisten, niemand hat je dazugehört, jeder gehörte zum Widerstand …

Fasci italiani di combattimento

Faschismus nennt sich eine Bewegung, die unter der Führung von Benito Mussolini in Italien von 1922 bis 1943/45 den Ursprung findet. Das Wort fascio wird abgeleitet vom lateinischen fasces. So nannte man Rutenbündel zu Zeiten des Römischen Reiches, die die Liktoren vor den höchsten römischen Beamten, den Konsuln, Prätoren und Diktatoren, hertrugen. Aus dem Bündel Reisig ragte in der Mitte ein Beil hervor, es symbolisierte die Todesstrafe. Im Italien des neunzehnten Jahrhunderts standen die »fascio« (Reisig mit Beil) für die Nationale und die Arbeiterbewegung als revolutionäre Kraft, bezog sich 1870 im geeinten Italien auf unabhängige und sogar anarchistische Arbeiterorganisationen. Benito Mussolini adaptierte die »fascio« für sich, bildete am 23. März 1919 aus den »Fasci dēi lavoratōri« und »Fasci siciliani« die Bewegung der »Fasci italiani di combattimento« (Italienischer Kampfverband), der ein Rutenbündel zu seinem Zeichen machte. Wie Hitler agierte er mit Paramilitärs, Straßenterror, einem starken Personenkult, Massenpropaganda. Mussolini inszenierte den »Marsch auf Rom«, kürte sich zum Ministerpräsidenten. Wie Hitler erließ er ein Ermächtigungsgesetz: andere Parteien wurden verboten, die Bürgerrechte und Pressefreiheit aufgehoben, eine Parteimiliz geschaffen, Gesetze gegen Juden erlassen. Der Roman beschreibt recht gut die Spaltung der Gesellschaft aus der Sicht eines Kindes. E
rzogen im Glauben an den glorreichen Duce, sieht Lorenzo die Welt um sich herum zusammenbrechen. Die Perspektive ist gut gewählt, um Unglaubliches offenzulegen, zu vergleichen und um die Wendehalsigkeit von einigen Personen offenzulegen. – Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? – Aber es geht um viel mehr. Es gibt kein Schwarz und Weiß auf der Welt, die Grauzonen sind weit größer. Und genau das versucht die Autorin darzustellen. Menschen, die sich nicht offen gegen das System stellen, trotzdem helfen. Das Thema Faschismus in Italien ist wichtig, wichtig sich dem zu stellen, um ein faschistisches Regime nie wieder zuzulassen. Ein wichtiger Roman und eine spannende, wundervolle Geschichte, eingewoben in reale historische Ereignisse. Einer der besten Geschichtsromane der letzten Zeit. Ich hoffe, er wird auch in Italien erscheinen, denn es ist ja ein deutsches Buch.

Nicoletta Giampietro, geboren 1960, wuchs in Mailand in einer italienisch-französischen Familie auf. Sie studierte Politikwissenschaften und Geschichte in Mailand und Tübingen und zog 1986 endgültig nach Deutschland. Nach längeren Aufenthalten in Köln und Rotterdam lebt sie seit 1995 in Mainz. Sie spricht fünf Sprachen, ist verheiratet und hat vier erwachsene Kinder. „Niemand weiß, dass du hier bist“ ist ihr erster Roman.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Factfullness von Hans Rosling

Nachrichten und Sensationen haben leider in der Regel eine Negativtendenz, selten wird darüber berichtet, wenn Gutes geschieht, das nehmen wir als Normalität wahr. Aber hat sich die Welt wirklich zum Schlechten verändert und wenn das nicht so ist, wie können wir herausfinden, wie die Welt sich entwickelt? Woran können wir uns erfreuen? Was verführt uns zu einer dramatisierten Weltsicht, die völlig an der Realität vorbeiläuft? Faktencheck zu unserem verzerrten, düsteren Weltbild! Ein wichtiges Buch, um unser Weltbild zu überprüfen und möglicherweise neu auszurichten.

Weiter zur Rezension:   Factfullness von Hans Rosling

Rezension - Franz – oder warum Antilopen nebeneinander laufen von Christoph Simon

Ein Schweizer Kultbuch von 2001, neuaufgelegt, ein Comming of age – Roman, schräg, amüsant, empathisch, spleenig. Franz ist einer, der weiß, dass er irgendwie die Schule überstehen muss, mit Abschluss, aber wozu das alles gut sein soll, hat er noch lange nicht kapiert. Schule ist irgendwie ein Stück Heimat, wenn nur der Unterricht nicht wäre. Ein typisches Jugendbuch, allerdings in einer Form, das auch Erwachsenen gefällt.

Hier geht es zur Rezension:   Franz – oder warum Antilopen nebeneinander laufen von Christoph Simon

Rezension - Ein Nashorn namens Clara von Katrin Hirt und Laura Fuchs

Ein Bilderbuch, das mich begeistert hat, denn es ist eine wahre Geschichte. Letztendlich eine tragische Story aus heutiger Sicht. Es war einmal ein kleines Nashorn, das mit seiner Familie in Indien lebte. Jäger töteten die Mutter, brachten das Jungtier in die Stadt, wo es von einer Kaufmannsfamilie aufgenommen wurde und den Namen Clara erhielt. Schon bald zeige sich, dass man ein Nashorn nicht im Haus halten kann. Kapitän Douwe Van der Meer hatte eine Lösung parat. Er nahm Clara mit nach Europa. Eine Sensation! So ein Tier hatte hier noch niemand gesehen!

Weiter zur Rezension:   Ein Nashorn namens Clara von Katrin Hirt und Laura Fuchs

Rezension - Ein Freund wie kein anderer von Oliver Scherz und Barbara Scholz

Die Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft, die einige Krisen überwinden muss. Ein illustriertes spannendes Kinderbuch zum Vorlesen, ebenso für Erstleser geeignet. Ein Erdhörnchenkind und ein Wolf freunden sich an, haben manches Abenteuer zu bestehen und ihre Freundschaft wird auf die Probe gestellt.

Weiter zur Rezension:   Ein Freund wie kein anderer von Oliver Scherz und Barbara Scholz

Rezension - Zilly und Zingaro - Rätselhafte Monsterspuren von Korky Paul und Valerie Thomas

Ein Bilderbuch mit zauberhafter Grafik und britischem Humor. Einfach köstlich! Zilly die Zauberin und ihr großer schwarzer Kater Zingaro leben im Zauberwald und entdecken plötzlich riesige Fußspuren um ihr Haus herum Wem mögen sie gehören? Ein Fantasy-Bilderbuch aus der Kinder- und Jugendliteratur – Reihe Zilly und Zingaro.

Weiter zur Rezension:   Zilly und Zingaro - Rätselhafte Monsterspuren von Korky Paul und Valerie Thomas

Rezension - Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen von Michaela Karl

Maeve Brennan – eine Biografie 
1917 in Irland geboren erlebte Mave Brennan eine traumatische Kindheit in Dublin während der Unabhängigkeitskriege, denn ihre Eltern waren als Aktivisten mittendrin.  Als Diplomatenkind kam sie in ihrer Jugendzeit in die USA. Ihre Karriere begann sie als Werbetexterin, dann Moderedakteurin beim Magazin »Harper's Bazaar«, wo sie sich als hervorragende Trendforscherin einen Namen machte. »Maeve ist das, was man heute eine Influencerin nennen würde.« Sie wechselte zum »New Yorker«, wo sie unter William Maxwell ihren literarischen Erfolg mit ihren genau beobachteten Kurzgeschichten und Essays feierte. Sie war eine unstete Person, freiheitsliebend, beziehungslos und wechselten Männer und Behausungen wie die Unterwäsche. Sie lebte luxeriös und ausschweifend. Doch irgendwann war damit Schluss. Die Politologin und Historikerin Michaela Karl schreibt sachlich, hat akribisch recherchiert, und gibt dem Leser eine Menge Zitate aus den Kolumnen und Kurzgeschicht…

Rezension - Das Dunkle und das Helle von Kerstin Hau und Julie Völk

Dies ist ein besonderes Bilderbuch, mit viel Empathie stimmungsvoll gestaltet. Das Leben hat dunkle Seiten und helle Seiten. Landet man eine Zeit lang auf der dunklen Seite, so führt immer ein Weg hinaus ins Licht. Ein Bilderbuch für alle Kinder, aber sicher hilfreich in besonders schweren Lebenslagen. Julie Völk hat für dieses Buch die Technik der Cyanotypie, verwendet, eine der ältesten Fototechniken. Die Grafiken sind atmosphärisch, es werden fast ausschließlich kräftige Primärfarben verwendet, was in der Aufteilung einen wunderschönen Kontrast bietet.

Weiter zur Rezension:   Das Dunkle und das Helle von Kerstin Hau und Julie Völk

Rezension - Eisbären von Marie Luise Kaschnitz illustriert von Karen Minden

Marie Luise Kaschnitz war in meiner Jugendzeit meine Lieblingsautorin und so war für mich dies von Karen Minden illustriere Buch ein Genuss, Bleistiftzeichnungen, die sich wunderschön mit der Kurzgeschichte verbinden. »Eisbären«, die Novelle ist Kaschnitz-Fans geläufig: Eine Frau hatte schon geschlafen, wacht auf vom Geräusch des Türschlosses. Endlich kommt ihr Mann nach Hause. Doch er macht kein Licht. Ein Einbrecher? Seine Stimme bittet sie, das Licht nicht auszulassen. Sie soll die Wahrheit erzählen – damals im Zoo – auf wen habe sie gewartet?

Weiter zur Rezension:   Eisbären – Novelle von Marie Luise Kaschnitz, illustriert von Karen Minden

Rezension - Deckname Flamingo von Kate Atkinson

Ein Roman für geduldige, aufmerksame Leser, denn wer nach dem Klappentext einen aufregenden Agententhriller erwartet liegt falsch. Kate Atkinson beschreibt mit viel Humor – Sarkasmus – die Kriegszeit und die Nachkriegszeit in London, ein Gesellschaftsbild von 1940-1950. Ein in England spielender Spionageroman, Ocean-Cover, Swimmingpoolfeeling – doch das ist es nicht. Die 18-jährige Julia Armstrong wird 1940 MI5-Mitarbeiterin. Sie soll britische Nazi-Sympathisanten ausspionieren.

Weiter zur Rezension:   Deckname Flamingo von Kate Atkinson 

Rezension - Nature Sketching von Ueli Bieri

Mit Stift und Pinsel die Natur entdecken, der Schweizer Aquarellmaler lässt den Leser über die Schulter schauen. Er hat seine eigene Technik, die er über 200 Seiten lang präsentiert. Wer erwartet, er könne hier die verschiedenen Aquarelltechniken lernen, die man beim Nature Sketching anwenden kann, liegt falsch. Fauna und Flora in der Schweiz ist das Thema, sehr elegant und differenziert, aber auch sehr einseitig.

Weiter zur Rezension:   Nature Sketching von Ueli Bieri