Direkt zum Hauptbereich

Mädchen, Frau etc. von Bernardine Evaristo - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Mädchen, Frau etc. 


von Bernardine Evaristo

Gesprochen von: Constanze Becker
Ungekürztes Hörbuch Spieldauer: 13 Std. und 56 Min.


Zwölf britische Frauen verschiedener Generationen stehen im Mittelpunkt dieses Romans. Die meisten sind schwarz, einige lieben Frauen; sie sind in England geboren oder kamen als Einwanderinnen. Zwölf Frauenschicksale zu einer großen Geschichte verwoben, ohne dass dies als Aneinanderreihung erscheint – das ist großes Kino. Schwarze Perspektive, Erlebtes erzählen, verweben; in fünf Kapiteln stellt die Autorinnen ganz verschiedene Lebensgeschichten vor, die auf die ein oder andere Weise miteinander verbunden sind: Jugendliche, Freundinnen, Mütter, Töchter; soziale Unterschiede, Benachteiligungen, Schicksale, Aufstiege.


Generationskonflikt


Nach nur zwei Generationen zu verschwinden, ist es das, wofür wir nach England gekommen sind?


Carole hat sich durchgeboxt, sie ist eine erfolgreiche Investmentbankerin, die einen Weißen geheiratet hat, ein Privilegierter aus der Oberschicht, der sich nicht nach beruflichem Aufstieg sehnt. Carols Weg nach oben war hart und steinig. Als 13-jährige wird sie auf einem Schulfest alkoholisiert von weißen Jungen vergewaltigt. Dieser sexuelle Missbrauch zeigt ihr die harte Realität, gibt ihr ein Ziel für ihr Berufsleben. Caroles Mutter Bummi ist in Nigeria in armen Verhältnissen aufgewachsen, hat so einiges mitgemacht. Sie und ihr Mann haben einen ausgezeichneten Hochschulabschluss vorzuweisen, glauben, damit in Großbritannien gutes Geld verdienen zu können. Aber als schwarze Einwanderer erhalten sie nur Jobs als Taxifahrer und Reinigungskraft. Ihre Tochter nennen sie Carole – ihr Name soll nicht auf die Herkunft schließen lassen, auf sie setzen die Eltern die Zukunft. Aber eins ist klar: Carole wird später einmal als Jungfrau in die Ehe gehen und einen Nigerianer heiraten ... Als Bummis Mann an einem Herzinfarkt verstirbt, entschließt sie sich, eine Reinigungsfirma zu gründen. Wenn es schon Putzen sein muss, dann als Chef – sie hat schließlich Mathematik studiert, die wirtschaftlichen Berechnungen sind für sie doch lässig zu schaffen. 


Feminismus

Feminismus ist doch voll die Herdennummer, ganz ehrlich, heute ist es sogar schon durch, noch eine Frau zu sein, ich denke, in Zukunft sind wir irgendwann alle nicht-binär, weder männlich noch weiblich, was ja alles sowieso nur Genderperformance ist, und das heißt dann auch, Mumsy, dass deine Frauenpolitik überflüssig wird.


Amma ist eine gewagte Theatermacherin, lesbisch, freizügig, ihr derzeitiges Stück heißt «Die letzte Amazone von Dahomey». Sie muss sich von ihrer Tochter Yazz vorhalten lassen, mit ihrem Feminismus im Gestern zu leben. –  Nicht alle Frauen sind gut, denn Frauen sind facettenreiche Menschen. Da ist die radikalfeministische, Lesbe Nzinga, die ihre Partnerin überredet, mit ihr in eine feministische Enklave zu ziehen, bloß fort von unterdrückenden, gewalttätigen Männern. Nzinga arbeite auf dem Bau der Siedlung, ihre Partnerin muss zu Hause zu bleiben, und sie rasiert ihr ganz feministisch den Kopf kahl. Stück für Stück entmündigt sie sie, schreibt ihr vor, welche Bücher sie zu lesen hat, sperrt sie zu Hause ein, schlägt sie, isoliert sie von den anderen Frauen in der Gemeinde. 


Komplex verwebe Geschichte

Unterhaltsam, mit tiefem Humor, erzählt Bernardine Evaristo verschiedene Lebensgeschichten. Frauen, die ihren Platz auf der Welt suchen, jeder auf seine Art und Weise. Komplex verweben sich die Geschichten mit einer Scharfsinnigkeit, die man erst Stück für Stück begreift; Rassismus, patriarchale Unterdrückung, Migration, Feminismus, sexuelle Orientierung und Identität, Generationskonflikte sind die Themen, ohne das sie zum Thema gemacht werden. Bernardine Evaristo hält der Gesellschaft einen Spiegel vor, ohne mit dem Zeigefinger zu wackeln. Süffig geschrieben, ein Buch, das einen Sog entwickelt – und leider ein Ende hat. Ich habe den Roman als Hörbuch gehört und bin völlig begeistert. Anzumerken sei, Bernardine Evaristo benutzt in ihrem Roman ein ungewöhnliches Stilmittel: Sie verzichtet fast vollkommen auf Interpunktion und arbeitet mit Zeilenumbrüchen. Etwas, dass im Hörbuch natürlich nicht spürbar ist. Ein Buch, das ich sicher noch einmal in Papierform genießen werde. Absolute Empfehlung!


Bernardine Evaristo wurde 1959 als viertes von acht Kindern in London geboren. Sie ist Professorin für Kreatives Schreiben an der Brunel University. Bernadine Evaristo gewann mit ihrem Roman «Mädchen, Frau etc.» 2019 als erste schwarze Autorin den Booker Prize. 


Bernardine Evaristo 
Mädchen, Frau etc.
Originaltitel: Girl, Woman, Other; 2019
Aus dem Englischen übersetzt von Tanja Handels
Gesprochen von: Constanze Becker
Ungekürztes Hörbuch Spieldauer: 13 Std. und 56 Min.
Roman, Gegenwartsliteratur
Der Audio Verlag, 2021
512 Seiten
Tropen-Verlag, 2021


Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter von Lukas Bärfuss

Nach «Vaters  Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht. Weiter zur Rezension:    Königin der Nacht – Ein kurzes Buch ...

Rezension - Marie Käferchen von Kai Lüftner und Wiebke Rauers

  Lieblich mit dem Po wackeln, Augenaufschlag, niemals wild und laut – so sollte sie sein. Aber Marie Käferchen hat darauf keine Lust! Ein wildes Käferchen, das auf Punk und Rock abfährt. Und als das Mädel zur Gitarre greift, ist der ganze Wald nur noch genervt. Ein herrliches Bilderbuch zur Stärkung des Selbstbewusstseins. My way! Das rockt: Gedichtform und bezaubernde Grafik! Empfehlung ab 4 Jahren. Weiter zur Rezension:    Marie Käferchen von Kai Lüftner und Wiebke Rauers

Rezension - WAS IST WAS Kraken. Acht Arme und drei Herzen von Dr. Stephanie Helber

  Perlboot , Sepia , Kalmar , Krake, Oktopus alles kompakt über das Leben der intelligenten Oktopusse , ihre Tarnung , Aufzucht und clevere Jagdtechniken . Sie sind wahre Verwandlungskünstler, blitzschnelle Jäger und ziemlich wendig: Kraken gehören zu den faszinierendsten Lebewesen der Ozeane. Sie haben acht Armen voller Saugnäpfe und eine Haut, die ihre Farbe im Bruchteil einer Sekunde ändern kann . Mit ihrer erstaunlichen Lernfähigkeit sind sie uns viel ähnlicher, als wir denken. Klasse Sachkinderbuch ab 8 Jahren über Tintenfische . Weiter zur Rezension:  WAS IST WAS Kraken. Acht Arme und drei Herzen von Dr. Stephanie Helber  

Rezension - Doppeltes Spiel von K.L. Slater

Intro mit KI erstellt   Ein luxuriöser Wolkenkratzer mit dem Namen Orbit, in dem die Reichsten der Reichen zusammenkommen: hier arbeitet die attraktive Alicia als Kellnerin. Als der charismatische Eigentümer des Orbit ihr das Angebot macht seine Freundin zu spielen und dafür ein großzügiges Gehalt zu erhalten, in seinem riesigen Apartment im Orbit zu wohnen, nimmt sie an. Immerhin ist es nur ein Spiel, denn er braucht eine Begleitung, will sich vor den vielen Frauen schützen … bis das Spiel plötzlich mehr zu sein scheint. Langweilig, uninteressant, voller Klischees, sprachlich kraftlos – mehr muss ich nicht sagen.  Weiter zur Rezension:   Doppeltes Spiel von K.L. Slater 

Rezension - Tödliches Angebot von Marisa Kashino

  Margo sucht für ihre hoffentlich bald wachsende Familie eine größere Wohnung, doch die Angebote sind rar. Nach monatelanger frustrierender Suche wird sie in der Nachbarschaft fündig. Sie hört, man wolle in der Nähe demnächst ein Haus verkaufen ... Und so versucht sie sich in die Familie einzuschleichen, das Haus abzusahnen, bevor es überhaupt auf den Markt kommt. Der Klappentext geht bis kurz vor Ende des Buchs, was es nicht besser macht. Die Geschichte schleicht langsam dahin – es fehlt jede Spannung und psychologische Raffinesse . Weiter zur Rezension:    Tödliches Angebot von Marisa Kashino

Rezension - Alte Feinde von Petra Ivanov

Um es gleich vorwegzusagen, mit diesem Thriller küre ich Petra Ivanov zur Queen of Crime der Schweiz. Schon das erste Kapitel ist atemberaubend. Cavalli ist wieder da! Wo hat er nur gesteckt? Der Leser wird es erfahren, Regina Flint noch lange nicht. – dies ist der achte Fall für Cavalli und Flint, wer die anderen sieben nicht kennt, der kann hier problemlos einsteigen. Regina Flint ermittelt derzeit in einem ungewöhnlichen Todesfall, ein Mann wurde mit einer historischen Waffe mit Pulvermunition erschossen. Der Tote ist ein Nachfahr von Heinrich Wirz, eine umstrittene Figur aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Und damit wären wir beim dritten Strang, der in die Zeit des Sezessionskrieges zurückführt. Weiter zur Rezension:    Alte Feinde von Petra Ivanov Petra Ivanov - Lesung Schloss Rapperswil Petra Ivanov, Sabine Ibing - Lesung Schloss Rapperswil

Rezension - Die schwarze Lilie von Dirk Schümer

  Intro mit KI erstellt 1348: In der Finanzmetropole Florenz wütet die Pest in den letzten Zügen, während die Söhne des mächtigen Bankiers Pacino Peruzzi nacheinander ermordet werden. Wittekind Tentronk, den es als Agent des Patriarchen aus Avignon an den Arno verschlagen hat, soll recherchieren, die Familie beschützen. Nebenbei erzählt der Autor von der größten Bankenpleite dieser Zeit, von Pest, aber auch von Wittekinds Liebe zu der schönen Marktfrau Cioccia und einem illustren Freundeskreis um den erfolglosen Poeten Boccaccio und Dantes versoffenen Sohn Jacopo . Ein außergewöhnlich guter historischer Krimi. Weiter zur Rezension:   Die schwarze Lilie von Dirk Schümer 

Rezension - Leere Häuser von Brenda Navarro

Intro mit KI erstellt Nur für einen kurzen Moment war seine Mutter in die Nachrichten auf ihrem Mobiltelefon vertieft gewesen, als der dreijährige Daniel vom Spielplatz verschwindet. Eine Unbekannte hat den Jungen mitgenommen und sich so den ersehnten Kinderwunsch erfüllt. Sie nennt ihn Leonel. Beide Frauen erzählen von ihrem Schmerz, ihrer Verzweiflung und ihren Schuldgefühlen. Beide reflektieren ihre Liebesbeziehungen und Lebensträume. Psychologisch gut aufgebaut, hervorragender Roman, lateinamerikanische, feministische Literatur . Weiter zur Rezension:    Leere Häuser von Brenda Navarro

Rezension - Curry: Die besten Rezepte von Indien bis Japan von Jimmy Guo

  Intro mit KI erstellt Kaum ein Gericht ist internationaler als ein «Curry». Wobei es das eine Curry natürlich nicht gibt. Denn in jedem asiatischen Land gibt es andere Varianten, die so unterschiedlich wie die Länder selbst sind – in jeder Familie die eignen Rezepte. Was als indischer Eintopf begann, hat sich weltweit als beliebte Speise verbreitet. Currys haben eine jahrtausendealte Reise hinter sich gebracht, die durch koloniale Machtstrukturen globalisiert wurde und sich heute als kulinarisches Chamäleon in fast jeder Kultur wiederfindet. In diesem Kochbuch finden wir aus Indien, Thailand , Sri Lanka , Singapur , Japan und Weltküche – dazu Kulinarisches, Wissenswertes und Tipps. Klasse Rezepte zu Currys, Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Curry: Die besten Rezepte von Indien bis Japan von Jimmy Guo

Rezension - Impossible Creatures von Kathrine Rundel Der vergiftete König

Intro mit KI erstellt   Dieses Mal steht neben Christopher das Mädchen Anya im Vordergrund. Ihr Großvater, der König, wird heimtückisch ermordet. Ihr Vater wird des Mordes beschuldigt und als Anya selbst in Gefahr gerät, muss sie fliehen. Gemeinsam mit Christopher, dem Hüter der Fabelwesen, muss sie nun ihren Vater retten und das magische Reich vor dem Untergang bewahren. Spannende Fantasie ab 10 Jahren! Weiter zur Rezension:   Impossible Creatures von Kathrine Rundel Der vergiftete König