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Ifni von Manuel Chavez Nogales - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Ifni 


von Manuel Chavez Nogales

Spaniens letztes koloniale Abenteuer


Der Journalist Manuel Chaves Nogales, geboren 1897 in Sevilla, gestorben 1944 im Exil in London, gilt heute als einer der wichtigen Autoren der spanischen Literatur und Publizistik des 20. Jahrhunderts. Er arbeitete für die Zeitschrift AHORA, deren Vizedirektor er damals war. Als Regimekritiker und Republikaner musste er ins Exil nach Paris flüchten, als General Franco seine Diktatur errichtete, weiter nach London, als die Nazis Paris einnahmen. Sein Name wurde unter dem Caudillo totgeschwiegen und Chaves ist heute als Literat wiederentdeckt. Zu seiner Zeit bei AHORA war er bekannt für seine feinen Reportagen. Die lebendige Sprache und sein Humor zeichneten ihn aus, wie auch sein feines Hinterfragen. Und genau darum geht es hier. 




Hintergrund: 1934 reist der Journalist nach Marokko, um einem Gerücht nachzugehen, das die spanische Bevölkerung seit dem militärischen Desaster von Annual bewegt: Gibt es in Marokko wirklich 300 Überlebende, die sich in Gefangenschaft befinden? Die Schlacht von Annual fand am 22. Juli 1921 bei Annual im nordöstlichen Spanisch-Marokko innerhalb des Rifkrieges statt. Die spanische Armee (etwa 16.000 Soldaten, 4.000 marokkanischen Regulares) ging gegen die Aufständischen der Rifregion vor, die unter dem Rifkabylen Mohammed Abd al-Karim kämpften. Nach der Niederlage ordnete General Silvestre den Rückzug nach Melilla an, der aber in einer chaotischen Flucht ausartete, bei der Verwundete, Kranke, Waffen und Ausrüstung zurückgelassen wurden. In den folgenden 19 Tagen wurden sämtliche 155 spanische Stützpunkte überrannt und die Besatzungen getötet, das spanische Militär brach in Marokko zusammen. Circa 5.000 spanische Soldaten unter dem Kommando von General Felipe Navarro verbarrikadierten sich im Fort Monte Arruit. Nach ihrer Kapitulation und Verhandlung mit den Aufständischen war vereinbart, die Spanier gehen zu lassen. Die Marokkaner aber hielten sich nicht daran und töteten 3.000 Spanier, 600 wurden gefangen genommen. Die Niederlage führte in Spanien zu einer innenpolitischen Krise und zu einem Umdenken über die Kolonialpolitik in der Rifregion. Deshalb musste König Alfonso XIII 1923 abdanken, ins Exil gehen, die Geschäfte an Primo de Rivera abtreten, der eine Militärdiktatur errichtet. 1931 jedoch siegten die Republikaner bei freien Wahlen, die Republik wurde ausgerufen: Demokratie in Spanien. Das Militär um General Franco bastelte zu der Zeit bereits an einem Umsturz. 


Die Unruhe stiftende Kampagne um die angeblichen Gefangenen hat keinerlei bedeutenden Rückhalt. Nur wo Rauch ist, ist auch Feuer, das die Bevölkerung in Atem hält. Der Rauch qualmt, weil eine gewisse Klientel bei allem, was mit Marokko zu tun hat, profitiert.  ... Der Staat spuckt überall ein Sümmchen aus, und wo wäre es sinnvoller, als einmal nachzuschauen, ob man nicht ein paar Spanier auferstehen lassen kann, die man für tot erklärte?

Marokko ist ein derart undurchsichtiges Terrain, sodass alles möglich ist. Selbst wenn man sich Gefangene herbeisehnt, gibt es am Ende welche.



Und nun ging das Gerücht um, in Marokko würden seit Annual immer noch Spanier gefangengehalten, es gäbe noch Überlebende! Das Volk fordert Verhandlungen. Gebt ihnen das geforderte Lösegeld und kauft unsere Leute frei! Für die Familien! Und hier setzt dieses Buch an. 1934 reist der Journalist Manuel Chaves Nogales nach Marokko und geht diesem Gerücht nach. Er glaubt nicht an Überlebende. Doch er will sich selbst überzeugen. In der Zeitschrift AHORA positioniert er den Gehalt des Gerüchts, stellt das es in Frage. Es ist köstlich, wie er beschreibt, wer sich in Marokko alles als Spanier bezeichnen könnte, sogar einen spanischen Pass besitzt. Er fragt sich, welchen Sinn es für einen kleinen Berberstamm ergeben würde, jahrelang 300 Gefangene festzuhalten, die er bewachen und ernähren müsse. Den Gerüchten zufolge sollen die Gefangenen im Gebiet Ifni festegesetzt sein, das spanisch besetzte Gebiet an der Südwestküste, an der westafrikanischen Atlantikküste auf der Höhe der Kanarischen Inseln, südlich von Agadir, das bis dahin als kolonialer Besitz nie verwaltet wurde. Ifni, früher Frankreich zugeordnet, ging nach einem Vertrag von 1860 wieder offiziell an die spanische Kolonie. Auch hier sehr amüsant beschrieben, wie die Spanier über den Tisch gezogen wurden, wie er den Unterschied zwischen französischen und spanischen Besetzern herausarbeitet. Dieses Buch enthält alle Berichte, die Chaves zum Thema in der AHORA veröffentlichte, seine Reiseberichtserstattung. Angekommen in Marokko, sucht er mit seinem Team eine Möglichkeit, nach Ifni überzusetzen, das nur per Boot erreichbar ist. Niemand traut sich, die Journalisten dort hinüberzusetzen – reiner Selbstmord. Was nun? Der Zufall will es, dass zu der Zeit spanische Truppen in Ifni einen Stützpunkt anlegen sollen, die Berber friedlich entwaffnen, um das Territorium zu festigen. Chaves reist mit ihnen mit, um das zu dokumentieren und den Gerüchten nachzugehen. Aus seiner damaligen kolonialen Denkweise ein berechtigtes Anliegen.


Sidi Ifni, frisch erkorene spanische Hauptstadt, kommt auf drei oder vier Häuser, wenn man diese Schutzwälle ohne Dach Häuser nennen kann. Eins davon, das größte, soll von Oberst Capaz in Beschlag genommen worden sein, um dort das einzurichten, was man als Sitz der Provinzregierung bezeichnen könnte.



Chaves ist ein kluger Journalist. Er berichtet nicht einfach – was schon an sich lesenswert ist – sondern er macht sich Gedanken über den Sinn und Zweck dieser Aktion, unterlegt mit schwarzem Humor. Die Reise durch die Region ist atemberaubend zu lesen, ein historischer Eindruck ins alte Marokko, es kommt einem Abenteuerroman gleich. Seine Texte telegrafiert er nach Spanien. Chaves interessiert sich für die Menschen vor Ort, sammelt Geschichten. Nachdenkliches, Erstaunliches und Sitten und Gebräuche, man fliegt durch das Buch. Sitte war es, dass die Nomaden auf den Wiesen der Bauern weiden durften, dafür griffen die kriegerischen Nomaden die Bauern nicht an. Eine Geschichte wird Charves zugetragen: Die Spanier hissten die Flagge und und versprachen dem Volk, die ja nun Spanier waren, dass man sie beschütze. Und schon trat ein Scharif vor und berichtete, ein Nomade sei mit 500 Kamelen in seinen Besitz eingedrungen, und er erwartete, dass die neuen spanischen Herren den sogleich hinauswerfen mögen. 


In jeder Siedlung regiert die Volksversammlung oder Yemaa, zu der nicht nur die Angesehenen, sondern alle, ausnahmslos alle Männer der Siedlung angehören. ... aber auch alle verwitweten Frauen, die ein Gewehr ihr Eigen nennen, haben Mitsprache- und Stimmrecht. Ein klarer Fall von triumphierendem Feminismus im Herzen Afrikas.


Wundervolle Reportagen aus einer Zeit, die nicht mehr existiert. Brillianter Journalismus! Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen – und sicherlich noch mehr von diesem Autor. Ein geschichtlicher Klassiker,  Reiseliteratur, schwarzer Humor, alles inclusive! Die übersetzte Reportage ist mit einigen Originalseiten von AHORA und Fotos der Reise bebildert. Empfehlung! 


Was Chaves zu diesem Zeitpunkt nicht wissen kann: Ifni wird 1957 und 1958 der Schauplatz des «la Guerra Olvidada» (vergessener Krieg) werden. Der letzte spanische Kolonialkrieg. Es sollte der Befreiungskrieg für die Marokkaner werden, aber Spanien behielten die Oberhand. Im April 1958 unterzeichneten die Regierungen von Spanien und Marokko das Abkommen von Angra de Cintra. Marokko erhielt die Region von Tarfaya und Spanien behielt Sidi Ifni und Spanisch-Westafrika. Doch nach internationalem Druck (UN-Resolution von 1965) musste Spanien Ifni 1969 an Marokko abtreten. Bis heute wirken die Ereignisse im Umgang der beiden Staaten nach.


Chaves passt sich keiner politischen Orthodoxie an. Natürlich passt er nicht in die Strategie, die Francos Andenken aufrechterhalten will; aber genauso wenig passt er in die Strategie anti-franquistischer Gedenkkultur. (Antonio Muñoz Molina)


Manuel Chaves Nogales (Sevilla, 1897 — London, 1944). Kaum einer steht in Spanien aufrechter für das Schicksal der verfolgten spanischen Intelligenz und der Republik. Dank seiner nicht zu brechenden Liberalität führt Spanien heute einen aufgeklärten Diskurs über seine Geschichte. In Deutschland nahezu unbekannt, zählt Chaves Nogales inzwischen zu den integersten Stimmen Europas. Zwischen 1928 und 1944 verfasste er zahlreiche Werke über Frankreich, Russland und Deutschland. Franco degradierte ihn zur namenlosen Person. Er stirbt im englischen Exil und gerät in „perfekte Vergessenheit”. Sechzig Jahre nach seinem Tod wird sein Werk entdeckt.




Manuel Chaves Nogales  
Ifni 
Spaniens letztes koloniale Abenteuer
Originaltitel: Ifni, la última aventura colonial española
Die Reportage «AHORA en Ifni» erschienen zwischen dem 10. Januar und 16. Mai 1934 in AHORA
Mit einem Vorwort von Frank Henseleit
Erzählung, Journalismus, Reportage, Klassiker, Historisches Sachbuch, Spanien, Kolonialzeit, Marokko, spanische Literatur
Circa 160 Seiten, gebunden, Halbleinen, Abbildungen und Karten
Kupido-Verlag, 2021



Juan Belmonte – Stiertöter von Manuel Chaves Nogales

Der Legende nach soll der seinerzeit weltberühmte Torero Juan Belmonte eines Tages in Chaves Nogales Büro getreten sein, um ihn, den brillantesten Journalisten seiner Zeit, zu bitten, seine Biografie zu schreiben. Chaves Nogales aber hatte noch nie einen Stierkampf gesehen - und verspürte auch keine Lust, einen anzuschauen. Was ihm dann mit diesem Roman - der fiktiven Autobiografie des Stiertöters - gelang, ist ein literarisches Husarenstück – der Leser glaubt, wirklich Juan Belmonte hier sprechen zu hören. Ein Lausbub, der bereits als Kind auf der Tablada von Sevilla nachts mit den Stieren kämpft. Ein steiniger Weg mit vielen Rückschlägen bringt ihn endlich ans Ziel: 1908 in der Arena als Torero kämpfen zu dürfen. Sein furchtloser Stil macht ihn zum Star. Aber schon damals hatte ein Sport-Promi nicht leicht ... Ein herrlicher Schelmenroman – beste spanische Literatur!

Weiter zur Rezension:   Juan Belmonte – Stiertöter von Manuel Chaves Nogales


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