Rezension
von Sabine Ibing
Herr der Fliegen
von Aimée De Jongh
Nach dem Roman von William Golding
Dies ist eine große Graphic-Novel-Adaption des Weltklassikers von William Golding: Bei einem Flugzeugabsturz überlebenden diverse Schuljungen, und sie landen auf einer unbewohnten Insel. Tagsüber erkunden sie die paradiesischen Strände. Nachts leiden sie unter der Furcht vor wilden Tieren und sind von Heimweh geplagt. Komplett auf sich allein gestellt errichten sie eine primitive Zivilisation, frei von den Vorschriften ihrer Lehrer und Eltern. Aber schon bald macht sich Unmut breit, denn dieses freie Leben birgt auch Schattenseiten – Machtgelüste. Aus unschuldigen Spielen wird bitterer Ernst, und harmlose Hänseleien werden zu etwas ungleich Düstererem…
William Goldings Roman «Herr der Fliegen» gilt als eines der einflussreichsten Bücher der Weltliteratur. Seine pessimistische Version einer Robinson-Crusoe-Geschichte besticht nicht nur durch ihre dramatische Handlung, sondern vor allem durch ihre Aussage über die angeborene Gewaltbereitschaft des Menschen und seine Tendenz zur tyrannischen Herrschaft. Die Bildsprache dieser Adaption von Aimée de Jongh fängt vor allem die Kontraste von Goldings Werk grandios ein – den Horror der paradiesischen Insel, die Grausamkeit der spielfreudigen Kinder. Der Prolog: Der Blick von unten ins grüne Dickicht von Bäumen – man ahnt, hier liegt jemand auf dem Rücken. Sequenzen von Urwald, Felsen mit Möwen, Sandstrand mit Schildkröten. Hände, die sich hochziehen, Beine, der ganze Junge. Er steht oben auf einem Felsen, blickt über das Meer hinaus – dann ganzseitig das Porträt, ein schmutziges Kind mit verzweifeltem Blick. Der Junge erkundet die Insel, er scheint allein zu sein; und er findet einen Teich, zieht sich aus, springt hinein. Endlich das erste Glücksgefühl. Ein Junge taucht auf, doch der kann nicht schwimmen. Er schlägt vor, weitere Kinder zu suchen, und er erzählt, dass das Flugzeug gebrannt hat. Der erste Junge stellt sich vor: Ralph. Der andere, nach seinem Namen gefragt, begeht den ersten Fehler. Er sagt nicht seinen Namen, sondern seinen Spitznamen aus der Schule – gleich mit der Bitte, so nicht genannt zu werden. Und Zack, hat er den Namen weg. Panels, die von der Weite in den Zoom gehen, tief auf die Figuren, ihren Gemütszustand gut transportieren.

Aimée de Jongh lebt und arbeitet in Rotterdam in den Niederlanden. Seit 2006 hat sie diverse Comics und Graphic Novels in verschiedenen niederländischen Verlagen veröffentlicht, von denen viele auch übersetzt wurden. Aimée beschäftigt sich mit zahlreichen Themen und arbeitete schon mit vielen Autor:innen zusammen, von Zidrou («Das unabwendbare Altern der Gefühle») bis zu Ingrid Chabbert («Sechzigmal Frühling im Winter»). Inzwischen schreibt sie auch erfolgreich eigene Szenarien, so z. B. für ihre historisch-dokumentarische Graphic Novel „Tage des Sandes», die mit diversen Preisen ausgezeichnet wurde und 2022 auch für einen Eisner Award nominiert war. Aktuell arbeitet sie an einer Adaption des Klassikers «Herr der Fliegen», der wie die meisten ihrer Werke auf Deutsch bei Splitter erscheinen wird.
William Golding, geboren 1911 in Colum Minor, Cornwall, studierte in Oxford. Er war Lehrer, im Krieg Marineoffizier. Längere Zeit lebte er in den USA. Mit ›Herr der Fliegen‹ erregte er weltweit großes Aufsehen. Golding wurde mit dem Man Booker Prize (1980) und dem Nobelpreis für Literatur (1983) ausgezeichnet. Er starb im Juni 1993 in Cornwall.
Aimée De Jongh
Nach dem Roman von William Golding
Originaltitel: Lord of the Flies
Limitierte Vorzugsausgabe
Comic, Graphic Novel, Klassiker, Comicadaption
Hardcover, 360 Seiten, 17.8 x 24.6 cm
Splitter Verlag, 2024
Graphic Novel, Comic, Grafisches

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