Direkt zum Hauptbereich

Drei von Dror Mishani - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Drei 


von Dror Mishani

Sprecher: Franz DindaUngekürztes Hörbuch, Spieldauer: 8 Std. und 21 Min.


Sie hatten sich über ein Dating-Portal für Geschiedene kennengelernt. Sein Profil war einigermaßen nichtssagend und gerade deshalb hatte sie ihn angeschrieben.

Es ist schwer, diesen Roman zu rezensieren, ohne das zu verraten, was ihn ausmacht. Daher hier nur Andeutungen. Frei Frauenprofile – drei völlig verschiedene Charaktere. Alle drei sind misstrauisch, stehen unter starker Anspannung und sind auf der Suche nach etwas. Drei Frauen, so normal wie so ziemlich jeder in der Gesellschaft. Alle drei kommen gerade so über die Runden und führen ein anstrengendes Leben. Was zuerst nicht so erscheint, entpuppt sich als Crime-Story. Ich bin begeistert von diesem Roman. Der Autor tastet sich langsam heran an die Dinge, die im Verlauf geschehen werden. Schleichend zieht er den Strick zu – der Leser weiß irgendwann, was hier passiert und hält die Luft an; denn ab diesem Punkt wird das Buch rasant spannend. Natürlich war die Story bereits von Anbeginn fesselnd. Doch wenn das Crime-Prickeln einsetzt, packt die Story zu.

Allein gelassen und überfordert

Ornas Mann ist abgehauen, sie ist geschieden und er wohnt nun in Nepal mit einer neuen Frau, neuen Kindern, kümmert sich nicht um den gemeinsamen Sohn. Eine harte Zeit für die Lehrerin, denn ihr Sohn ist von jeher nicht einfach, und er konnte die Trennung nur schwer verkraften, geht regelmäßig in die Psychotherapie, die die Kasse nun nicht weiter zahlen will. Über ein Datingprofil trifft sie sich mit Gil. Das Herz schlägt keinesfalls höher, aber er ist ok. Man kann sich nett mit ihm unterhalten. Ein Durchschnittstyp. Höflich, nicht fordernd, nicht übergriffig. Man trifft sich ein paar Mal, redet und dann treffen sie sich öfter. Gil ist geschieden, vorbildlich im Umgang mit Frau und Töchtern. Ein umsichtiger Mann, mitfühlend, einer der sie unterstützt. Ganz langsam bauen die beiden Vertrauen zueinander auf, denn man ist als Beziehungsgeschädigter vorsichtig.

Illegal, allein und ausgenutzt

Nachum starb am fünfundzwanzigsten Dezember, am Geburtstag von Gottes Sohn. ... Vier Tage zuvor war er mitten in der Nacht aufgewacht und hatte keine Luft mehr gekriegt. Ein Rettungswagen hatte ihn ins Krankenhaus gebracht und von dem Moment an wurde Emilia nicht mehr gebraucht.

Emilia ist eine lettische Altenpflegerin. Sie arbeitet illegal in Israel, wohnt beim Klienten, Nachum. Sie wird von Nachum und seiner Frau gut behandelt. Sie hat kein Zuhause, weder in ihrem Land noch hier – lebt in einem Schwebezustand. Und als Nachum stirbt, ist sie arbeitslos, besitzt nicht mehr, als einen Koffer voll Kleidung. Die Arbeitsvermittlung besorgt ihr eine Stelle in einem Altenheim – eine Halbtagsstelle, illegal versteht sich, unterbezahlt. Wovon soll sie die Miete für eine Wohnung zahlen? Man bietet ihr an, auf dem Sofa der alten Frau zu schlafen, die sie betreut und mit ihr den Schrank zu teilen. Mit Nachum war alles gut, sie wurde als Teil der Familie behandelt, es fühlte sich an wie ein Zuhause. Nun ist sie völlig einsam, in einem Land, dessen Sprache sie nur bruchstückhaft beherrscht. Ihr einziger Halt ist ihr Glaube an Gott, die Kirche und ein polnischer Priester.

Vorsichtige Frauen, misstrauisch und doch so verletzbar

Die Dritte heißt Ella – sie sitzt jeden Morgen in einem Café am Laptop, schreibt an ihrer Masterarbeit, weil sie zu Hause nie zur Ruhe kommt. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Sie freut sich, jemanden kennenzulernen, der ihr zuhört. Dror Mishani geht hinein in die Charaktere, stellt sie sie mit allen Gefühlen bloß, mit ihren Problemen, mit ihrer Einsamkeit. Drei Frauen mit all ihren Sorgen, mitten aus dem Leben. Vorsichtige Frauen, misstrauisch und doch so verletzbar. Und genau in dieser Verletzlichkeit werden sie angegriffen, schleichend überrumpelt. Hier wird ein Netz gewoben, das Stück für Stück verknüpft wird. Ein Gesellschaftsroman, eine Crimestory, gut geschrieben, denn Dror Mishani schafft es, von Anfang an eine Spannung aufzubauen, der man sich icht entziehen kann, die sich immer weiter steigert. Ein leiser literarischer Thriller, den man sich nicht entgehen lassen sollte.


Dror Mishani, geboren 1975 in Cholon bei Tel Aviv, wurde mit seinen Kriminalromanen rund um Inspektor Avi Avraham international bekannt. Neben dem Schreiben ist er Literaturwissenschaftler, sein Spezialgebiet ist die Geschichte der Kriminalliteratur. Mit ›Drei‹ gelang Dror Mishani der Durchbruch, der Roman wurde in Israel zu einem Mega-Bestseller und einem literarischen Phänomen, eine Verfilmung ist geplant. Dror Mishani lebt mit seiner Familie in Tel Aviv. Shalosh «Drei» stand er auf der Shortlist für den ›Sapir-Preis‹ (Israeli Booker), 2020.


Dror Mishani
Drei 
Aus dem Hebräischen übersetzt von Markus Lemke.
Sprecher: Franz Dinda
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 8 Std. und 21 Min.
Roman, Thriller
Audible, 2020
Diogenes Verlag, 2019, Hardcover, 336 Seiten

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - #Erstkontakt von Bruno Duhamel

  Doug, ein ehemaliger Fotograf lebt von der Öffentlichkeit zurückgezogen in den schottischen Highlands. Niemand liked seine Fotos, er ist frustriert, darum hat er seit 17 Monaten nichts veröffentlicht. Doch dann fotografiert er durch Zufall am See vor seiner Haustür ein seltsames Wesen – und teilt den Schnappschuss im sozialen Netzwerk «Twister». Danach geht er duschen, kommt zurück, kann es nicht fassen: «150.237 Personen haben auf ihren Post reagiert; 348.069 mal geteilt». Sofort bereut er seinen Post. Er ahnt, was nun geschehen wird, er hat Büchse die Pandora geöffnet … Ein herrlicher Comic, Graphic Novel, fast ein Cartoon, nimmt mit schwarzem Humor Social Media und Aktivist:innen diverser Gruppen auf die Schippe. Weiter zur Rezension:    #Erstkontakt von Bruno Duhamel

Rezension - Die Entführung von John Grisham

  Mitch McDeere wiederbelebt, den wir aus «Die Firma» kennen – ein Folgeroman. Eher nicht, denn ihn und seine Familie erkennen wir nicht wieder, sie wären austauschbar durch irgendwen. Mitch ist nun Partner in der größten Anwaltskanzlei, Scully & Pershing, in Manhattan, die weltweit ihre Ableger führt. Fünfzehn Jahre ist es her, dass er gemeinsam mit dem FBI die verbrecherische Kanzlei, «die Firma», in der er arbeitete, hat hochgehen lassen. Doch nun holt ihn wieder ein Verbrechen ein: Als ihn sein sterbenskranker Mentor Luca in Rom bittet, einen Fall gegen Arafats Libyen zu übernehmen, gerät er in Tripolis in eine Falle. Der schlechteste Grisham ever. Leider. Langweiliger Spannungsbogen, in diesen Justizthriller oberflächliche Charaktere. Weiter zur Rezension:    Die Entführung von John Grisham

Rezension - Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Kinder lieben Pupsbücher! Wie ist das eigentlich mit den Tieren? Wie pupsen die? Auf einer urkomischen Reise durch das Reich der Flatulenz beobachten Elefant und Maus die unterschiedlichsten Fürze. Und so lernt die Maus, dass Pupsen die normalste Sache der Welt ist! Witzig gestaltet, den Text in Reimform gebracht, macht dieses Bilderbuch Spaß! Lustiges Bilderbuch ab 3 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Rezension - Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Theos bester Freund ist der Drache Kokolo, aber das darf keiner wissen. Denn Drachen gibt es ja gar nicht. Mitten in der Nacht klopft Kokolo an Theos Fensterscheibe: Sie müssen schnell etwas unternehmen denn der fiese Adler Malo hat eins der Babys von Tante Xenna Drachen entführt!  Werden sie noch rechtzeitig kommen? Lesenlernen mit einem Comic, kurze Texte, für Leseanfänger konzipiert. Eine spannende Graphic Novel ab 6 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Rezension - Synthese von Karoline Georges

  Als ein 16-jähriges Model auf dem Weg nach Kanada ist, passiert zeitgleich in Tschernobyl ein Unglück in einem Atomkraftwerk. Das interessiert sie genauso wenig wie Mode. Eigentlich interessieren sie nur Fiktionen in ihren Büchern und Virtuelles. Sie liebt Bilder, Bilder im Kopf, würde selbst gern ein Bild sein. So wird sie Model, auch weil man so viel Geld verdienen kann, ohne studieren zu müssen. Sie macht in Paris Karriere und wird sehr jung finanziell unabhängig, bezeichnet sich selbst als «ein humanoider Kleiderbügel». Weiter zur Rezension:    Synthese von Karoline Georges

Rezension - Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

  Eine türkische Familiengeschichte, die mit der Urgroßmutter und der Großmutter einleitend beginnt. Die nächste Generation wandert nach Deutschland aus – das gelobte Land, wo Milch und Honig fließt. Der Traum, den viele «Gastarbeiter» träumten: Arbeiten, viel Geld verdienen, nach Hause zurückkehren und ein Haus bauen. Und dann wurden aus den Gästen Einwohner. In Deutschland die Türken – in der Türkei die Deutschen – entwurzelt, nirgendwo wirklich zu Hause. Eine Familie, die sich bemüht hat, sich zu integrieren. Ein Zwiegespräch zwischen Sohn und Mutter – zwei völlig verschiedene Generationen, aber auch eine Abrechnung mit der deutschen Gesellschaft und eine mit dem Heimatland und dem Machismo, mit der Erniedrigung der Frauen. Ein hervorragender Gesellschaftsroman, ein Bildungsroman über Migration, Rassismus und Misogynie – meine Empfehlung! Weiter zur Rezension:     Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

Rezension - Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

  Herr Wilson von nebenan hat ein Geheimnis! Er arbeitet in einer Bäckerei und backt die leckersten Kuchen. Da ist sich Liz sicher. Er hat grüne Haut, nur drei Finger, einen verdächtig langen Hals, klumpige Füße und eine seltsame Vorliebe für grüne Blätter. Ist er vielleicht ein Dinosaurier?! Niemand glaubt Liz. Darum fährt sie zum Museum für Paläontologie, denn die müssen es wissen! Mary sagt zwar, die seien ausgestorben, welch ein Quatsch! Doch was hat sie vor? Feines Bilderbuch zum Thema Toleranz ab 4 Jahren. Weiter zur Rezension:     Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

Rezension - Italien: Food. People. Stories von Haya Molcho & Söhne

  Haya Molcho begibt sich mit ihren Söhnen auf eine italienische Reise von Triest bis nach Sizilien, wobei sie lokale Produzent:innen und Köch:innen besuchen, die über die unterschiedlichsten Facetten der italienischen Kochkunst erzählen und uns ihre liebsten Rezepte verraten. Im zweiten Teil der kulinarischen Reise gibt es italenische Rezepte der Familie, typisch Neni. Levantinische Küche trifft auf italienische Originalrezepte; dabei auch traditionelle italienische Gerichte im Original. Reiseliteratur, Kulinarisches mit vielen Rezepten, Italienische Küche, Levante-Küche – Empfehlung. Weiter zur Rezension:   Italien: Food. People. Stories von Haya Molcho & Söhne