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Die Wahrheiten meiner Mutter von Vigdis Hjorth - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Die Wahrheiten meiner Mutter 


von Vigdis Hjorth


Es kam mir vor, als würde Mutter nie aufhören, mich zu verlassen.

Johanna war vor dreißig Jahren ihrem Kunstlehrer in die USA gefolgt, um dort zu malen. Sie hatte Mann und Kind sitzengelassen, den Kontakt zur Familie abgebrochen, neu geheiratet; sie war nicht einmal zur Beerdigung des Vaters angereist, was ihr ihre Mutter sehr übel genommen hatte. Ihren amerikanischen Ehemann, der bereits verstorben ist, hat die Familie nie kennengelernt – ihr Sohn lebt mit seiner Familie nun in Dänemark. Als erfolgreiche Künstlerin reist Johanna jetzt nach Norwegen zur Vorbereitung einer Retrospektive ihrer Werke. Sie versucht, Kontakt zu ihrer Mutter aufzunehmen, zunächst telefonisch, doch die Mutter nimmt nicht ab, blockiert ihre Nummer. «Aber sie antworteten nicht auf meine Kontaktversuche, ihre Kränkung ist größer als ihre Neugier.» Dann probiert sie es per SMS, schreibt Briefe, stalkt ihre Familie und letztendlich dringt sie hilflos in der Ablehnung in die Wohnung der Mutter ein – doch diese verweigert den Kontakt. 

Der Bruch zwischen Mutter und Tochter

Johanna mietet in dieser Zeit eine Hütte am Fjord, schwelgt im inneren Monolog mit ihren Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend. Sie klagt den Vater an. Sie klagt die Mutter an, dass diese zu schwach war, ihr gegen den Vater zur Seite zu stehen. Anfangs war die Mutter stolz auf das künstlerische Talent ihrer Tochter – doch der Vater missbilligte den künstlerischen Beruf verächtlich, Kunst im Allgemeinen, verbot der Tochter, dahingehende Interessen. Sie musste Jura studieren. Die Mutter schloss sich letztendlich immer der Meinung des Vaters an. Die zwei prämierten Bilder Johannas, Mutter mit Kind, empfand ihre eigene Mutter als Affront und sie zerschnitte das letzte Band zwischen ihr und ihrer Tochter. 

Die Künstlerin verhält sich nicht zur Wirklichkeit als solcher, sondern zu dem, was künstlerisch interessant ist. … Das Verhältnis eines Werkes zur Wirklichkeit ist uninteressant, das Verhältnis eines Werkes zur Wahrheit ist entscheidend, der Wahrheitswert eines Werkes liegt nicht in seinem Verhältnis zur sogenannten Wirklichkeit, sondern in seiner Wirkung auf die, die es betrachten.

Ich habe mich durch diese Geschichte durchgeschleppt, bis zur Mitte zieht es sich und Wiederholungen erschweren die Konzentration. Ein autofiktionaler Roman. Mit diesen Büchern hadere ich, denn man weiß, es gibt einen wahren Kern, anderes ist ausgedacht. Was ist Wahrheit, was Fiktion?, zumindest mir geht die Frage dauernd durch den Kopf. Aber auch die Autorin hadert mit sich selbst. «Sie können mich nicht aus ihrem Familienstammbaum streichen.» Mutter und Schwester verweigern den Kontakt – und immer wieder von vorn … «Glaube ich», «vielleicht», die Icherzählerin weiß es nicht genau – offene Stellen, offene Fragen an ihre Kindheit, Erinnerungslücken – Verweigerung auf der anderen Seite. Der Liebesentzug ist für die Autorin kaum zu ertragen; sie wird übergriffig. Es gibt sehr gute Stellen in diesem Roman, zweifelsfrei. Aber mich konnte der Stoff nicht packen in der Autofiktion, mit dem Ungewissen «Glaube ich …», und mit seiner gesamten Zähigkeit.

Danach, was ich denke, wie es mir geht, egal, wie wütend, wie beleidigt sie ist, muss sie sich doch diese Fragen stellen, denn ich bin trotz allem ihr fast sechzig Jahre altes Kind.


Vigdis Hjorth, 1959 in Oslo geboren, ist eine der meistrezipierten Gegenwartsautorinnen Norwegens. Sie ist vielfache Bestsellerautorin, wurde für ihr Werk unter anderem mit dem norwegischen Kritikerprisen und dem Bokhandlerprisen ausgezeichnet und war für den Literaturpreis des Nordischen Rates, den National Book Award sowie den International Booker Prize nominiert. Im Herbst 2023 erschien bei S. FISCHER »Die Wahrheiten meiner Mutter«, im Frühjahr 2024 der Roman »Ein falsches Wort«. Nach Stationen in Kopenhagen, Bergen, in der Schweiz und in Frankreich lebt Vigdis Hjorth heute in Oslo.

Vigdis Hjorth 
Die Wahrheiten meiner Mutter
 
Originaltitel: ‎ Er mor død
Aus dem Norwegischen übersetzt von Gabriele Haefs
Zeitgenössische Literatur , Norwegische Literatur
Hardcover, 400 Seiten
S. Fischer Verlag, 2023 



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane




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