Direkt zum Hauptbereich

Die sechs Kraniche von Elizabeth Lim - Rezension

Rezension 

von Sabine Ibing



Die sechs Kraniche 


von Elizabeth Lim


Der Anfang 

Der Grund des Sees schmeckte nach Schlamm, Salz und Reue. Das Wasser war sehr trüb, und es war eine Qual, die Augen offen zu halten, aber ich danke den großen Göttern, dass ich es tat. Denn sonst hätte ich den Drachen nicht gesehen.

Er war kleiner, als ich mir Drachen vorgestellt hatte, ungefähr so groß wie ein Ruderboot, und er hatte funkelnde rubinrote Augen und Schuppen, so grün wie reinste Jade. ... 

Er schaute mir beim Ertrinken zu.


Prinzessin Shiori hat ihre magischen Kräfte durch Zufall entdeckt und bisher sorgfältig verborgen. Denn in ihrem Land ist Magie verboten. Sie hat einen kleinen Papierfalter zum Leben erweckt, einen Kranich, der zu ihrem besten Freund wurde. Doch am Morgen ihrer arrangierten Verlobung landet Kiki in einem Teich. Shiori springt ihm nach, um ihn zu retten. Fast wäre sie ertrunken, wenn nicht ein junger Drachen, zu ihrer zur Rettung gekommen wäre. Die Feier ist geplatzt, der Verlobte wütend abgereist. Als die Prinzessin von dem Drachen erzählt, lachen ihre Brüder; das Mädchen hatte schon immer eine blühende Fantasie. Ihre Stiefmutter Raikama wittert hier etwas, entdeckt Kiki und zerreißt den Papierkranich.


Die Dämonin ist entlavt

Eigentlich mocht Shiori Raikama; sie war immer gut zu den Kindern. Doch irgendetwas ist unheimlich an der Frau, die in ihrem abgeschlossenen Garten Schlangen züchtet. Shiori schleicht ihr in Begleitung von Kiki nach, die sie wiederbeleben konnte, und macht eine Entdeckung: Die Stiefmutter ist eine Magierin! Als Shiori in Ihrem Versteck entdeckt wird, rennt sie zurück ins Schloss, berichtet aufgeregt den Brüdern von dem Schlangengesicht der Mutter. Die glauben natürlich kein Wort. Schon steht Raikama im Raum und verwandelt die sechs Brüder in Kraniche, scheucht sie fort. Die Prinzessin, belegt sie mit einem Fluch: Sobald ein Wort über ihre Lippen kommt, wird ein Bruder sterben, für jedes Wort ein Bruder. Und zu allem Übel setzt sie ihr eine Schale aus Walnussholz auf den Kopf, die fast das ganze Gesicht verdeckt, die das Mädchen nicht mehr abnehmen kann und es wird ihr schwarz vor den Augen. Als sie aufwacht, befindet sie sich auf einer fernen Insel, allein, ohne Hilfe, ohne Geld. Ein Mädchen mit einer Schüssel auf dem Kopf, das nicht sprechen darf. Doch Kiki hatte sich in ihrem Ärmel versteckt.


Märchenadaption

Shiori muss ihre Brüder wiederfinden. Nur wie? Zunächst muss sie es schaffen, von der Insel zu gelangen. Ein Boot kaufen kann sie sich nicht – aber eins klauen. Dabei wird sie erwischt und zur Strafe wird ihr auferlegt bei einer alten Fischwitwe schuften, die ein kleines Hotel-Restaurant betreibt: Putzen, kochen, bedienen. Die Situation scheint aussichtslos. Kiki spricht ihr Mut zu. Und das alles ist nur der ereignisreiche Anfang ... Ein spannendes Fantasy-Abenteuer voller unerwarteter Wendungen. Die Geschichte ist in diesem Teil – der mehr oder weniger abgeschlossen ist und mit einem erneuten Aufbruch endet – eine Adaption des Märchens «Die sieben Schwäne» ebenso ein Hauch von «König Drosselbart», denn der verschmähte Bräutigam wird eine wichtige Rolle spielen. 


Wendungsreiche Geschichte


Ich sog den Duft von gebratenen Makrelen, marmorierten Teeeiern, Garnelen im Teigmantel, eingelegten Bambussprossen und Glasnudeln in Erdnusssoße ein. Für einen angeblichen Vielfraß wie mich war das der Himmel auf Erden.


Ost meets West – denn dieses Fantasyland erinnerte mich an die japanische Kultur: Die Räume sind teils durch Reispapierwände geteilt, man isst mit Stäbchen, es gibt Suppen, die mit Fisch und Gemüsestreifen gefüllt werden, Reiskuchen usw., Lebensmittel verschwinden in Ärmeln, es werden Schärpen getragen. Und auch der Kranich und Origami (Papierfalten) spielt in der japanischen Kultur eine große Rolle. Japanische Landschaften tun sich beim Lesen auf. Die Ich-Perspektive der Prinzessin ist gut gewählt, denn sie ist die Hauptprotagonistin, alle anderen Figuren verblassen hinter ihr, sind Randfiguren. Wer sind die Bösen und wer die Guten? Auch Shiori ist sich nicht sicher, wer mit falschen Karten spielt. Der ein oder andere Twist ist eingebaut, der die Geschichte dreht, was mir gefallen hat. So ist auch das Ende überraschend. Hier kommt ein Tropfen Dornröschen zum Einsatz. Wer Märchen liebt, wird zumindest diesen Band der Trilogie mögen. Ich bin gespannt auf die nächsten zwei Teile. Legenden und Mythen, Magie, Drachen, sprechende Papiertiere, Wölfe, Dämonen in einer scheinbaren normalen Welt;  dazu Normales wie Verschwörungen, Intrigen, Freundschaft und Liebe, ein guter Mix um ein spannendes Buch zu schreiben, dass der Lesende nicht beiseitelegen mag. Der Carlsen Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 14 Jahren – das passt, Fantasy-Allage. Bis zum nächsten Band falte ich mir einen Papierkranich und versuche, ihm zu entlocken, wie die Geschichte weitergehen mag.


Elizabeth Lim wuchs in der Nähe von San Francisco auf und kam schon früh mit Märchen, Mythen und Liedern in Berührung. Nach ihrem Studium an der Juilliard School und am Harvard College arbeitete sie zunächst als Komponistin für Filme und Computerspiele, bevor sie mit dem Schreiben begann. Seither stürmen ihre atmosphärischen Fantasy-Romane die Bestsellerlisten. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter in New York.



Elizabeth Lim 
Die sechs Kraniche 
Originaltitel: Six Crimson Cranes 
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Birgit Schmitz 
Fantasy, Allage, Jugendroman, Märchen
Taschenbuch, 480 Seiten
Carlsen Verlag, 2022
Altersempfehlung: ab 14 Jahren


Fantasy, Fantastic, Dystopien

Hier bin ich leider in letzter Zeit etwas ratlos. In dieser Rubrik wird wenig auftauchen. Leider habe ich das Gefühl, dass hier keine neuen Ideen kommen. Ich mag nicht immer wieder das gleiche Buch in Abwandlung lesen ... Aber auch hier lasse ich mich gern überraschen. Meist findet man unter den Dystopien doch mal was Neues.
Fantasy




Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
Kinder- und Jugendliteratur

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Rezension - Ein Haus für viele Sommer von Axel Hacke

  Ein Haus im Süden, der Traum von vielen Menschen. Doch ein Haus, wenn es einige Jahre auf dem Buckel hat, bringt manche Überraschung mit sich. Magische Momente ... die gibt es natürlich auch, aber genauso viel Arbeit. Axel Hacke erzählt in seinen Geschichten über die Menschen von Elba, beschreibt Landschaft, berichtet von Schlangen, Gottesanbeterinnen, Fakirtauben, Ziegendreck vor der Haustür, von olive und oliva und von einem Schreiner, der aus dem Ehebett heraus ein Wildschwein erschießt. Er erzählt von seiner Liebe zur Insel Elba im ligurischen Meer, gegenüber von Grosseto in der Toscana. Ein feines selbstironisches, humorvolles Buch für entspannte Stunden, Sommerfeeling. Empfehlung!  Weiter zur Rezension:    Ein Haus für viele Sommer von Axel Hacke

Rezension - Der Freund von Tiffany Tavernier

  Mit dem Haus im Grünen hat sich Thierry einen Traum erfüllt. Zusammen mit Élisabeth genießt er die Ruhe und Abgeschiedenheit des Wohnens nahe einem Wald. Die einzigen Nachbarn weit und breit, gleich nebenan, Guy und Chantal. Eins Tages im Morgengrauen stürmt die Polizei das Gelände. Die Nachbarn und gute Freunde, werden in Handschellen abgeführt. Was haben sie getan? Journalisten belagern das Gelände. Ein psychologischer Kriminalroman , der sich mit den Folgen der «Opfer» befasst, denn letztendlich sind die schockierten Freunde auch Opfer des Massenmörders. Weiter zur Rezension:    Der Freund von Tiffany Tavernier

Rezension - Das Nest von Sophie Morton-Thomas

  Ein Küstenort in Großbritannien, wo das Marschland auf den Ozean trifft, wo Vögel die bessere Gesellschaft sind, lebt Fran eine ereignislose Routine. Sich um den Campingplatz kümmern, der mit Mobilheimen ausgestattet ist, ihren Sohn von der Schule abholen, Abendessen kochen. Mit Dom, ihrem Mann, läuft es nicht mehr so, ihre Schwester lebt mit ihrer Familie in einem Wagen, zahlt keine Miete, dem Schwager hatte sie den Entzug finanziert und jetzt trinkt er wieder, hat keine Arbeit. Freude findet Fran nur an den verschiedenen Vogelarten, die sie am Strand beobachten kann; sie hat auch ein Häuschen zur Beobachtung finanziert. Und nun entdeckt sie ein Nest mit einer seltenen Vogelart, hofft, dass die Jungen ausschlüpfen werden. Und verschwindet die Lehrerin … Ein leiser Thriller. Weiter zur Rezension:    Das Nest von Sophie Morton-Thomashttps

Rezension - Nordische Wesen von Johan Egerkrans

Dieses Buch ist etwas für Fans von Märchen und Mythen, etwas für Skandinavienfans. Mit wundervolle n Illustrationen ist dieses Buch liebevoll gestaltet - ein Schmuckstück. Elfen, Wichtel, Meerjungfrauen, Riesen, Nixen, Trolle, Vitte und Vätte, Nöck und Michhase usw. Helfergeister, Gestaltwandler, Totenwesen und Ungeheuer, Riesenkrake, Drache, Lindwurm, Grollborste, Vorsich ist angesagt, wenn man die nordischen Gefilde besucht. Unter Spiritus verstehen die meisten Leute wohl etwas anderes – ich hätte gern einen. Ein schönes Geschenkbuch, ein Kunstband – auch für sich selbst. Weiter zur Rezension:    Nordische Wesen von Johan Egerkrans

Rezension - Rath von Volker Kutscher

  Gelesen von David Nathan Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 21 Std. und 49 Min. Gereon und Charlotte Rath warten im Herbst 1938 nur noch auf den richtigen Moment, Deutschland zu verlassen, um nach Amerika zu gehen. Sie treffen sich heimlich in Hannover , denn Charly lebt immer noch in Berlin und Gereon, der als verstorben gilt, wohnt inkognito in Rhöndorf am Rhein , weil er seinen im Sterben liegenden Vater nicht im Stich lassen will. Charly sucht ihren ehemaligen Pflegesohn Fritze, der ausgerissen ist und unter Mordverdacht steht. Als sich die Lage zuspitzt, muss Gereon sein Versteck verlassen und Charly zu Hilfe kommen, nach Berlin reisen. Der 10. und letzte Band der Gereon Rath-Reihe - wie immer hochspannend, historisch gut recherchiert. Noirliteratur , ein feiner literarischer Krimi ! Empfehlung!  Weiter zur Rezension:    Rath von Volker Kutscher

Rezension - Der war's von Juli Zeh, Elisa Hoven und Lena Hesse

  In der 6a ist ein Verbrechen geschehen: Marie, dem beliebtesten Mädchen der Klasse, wurden täglich die Pausenbrote gestohlen. Torben, sein Vater ist Polizist, meint, es wisse, wie man ermittelt und hat sofort Konradunter Verdacht. Der dicke Konrad ist neu in der Klasse und hat noch mit niemandem Freundschaft geschlossen. Statt auf dem Schulhof zu gehen, verbringt er die Pausen im Klassenraum. Wer soll es denn sonst gewesen sein? Ein Kinderkrimi, ein Gerichtskrimi, der einen interessanten Inhalt zum Verständnis zur Bedeutung der Unschuldsvermutung und Verfahrensfairness zu vermittelt, zu erklären, wie eine Gerichtsverhandlung abläuft - aber mich als Gesamtkonzept nicht überzeugen konnte. Kinderbuch ab 8 Jahren. Weiter zur Rezension:    Der war's von Juli Zeh, Elisa Hoven und Lena Hesse