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Die Plotter von Un-Su Kim - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Die Plotter 

von Un-Su Kim


Der Anfang: 

Der alte Mann kam heraus in den Garten.

Raeseng stellte das Zielfernrohr scharf und zog den Repetierhebel zurück. Die Patrone sprang mit lautem Klicken in die Kammer. Raeseng sah sich um. Abgesehen von den hohen Tannen, die sich in den Himmel reckten, rührte sich nichts. Kein Vogel flatterte auf, kein Insekt summte. Bei der Stille würde der Knall eines Schusses weit tragen.


Raeseng ist von Beruf Plotter, ein anderes Wort für Killer. Ein Waisenkind, das von Old Raccoon als Baby adoptiert und ausgebildet wurde. Aufgewachsen in einer Bibliothek voll alter Bücher, der «Library of Dogs», das Zentrum der Killer-Elite Koreas. Old Raccoon, der alte Waschbär, ist der Chef der Organisation, die alle politisch gewollten Exekutionen in Korea plant und ausführt. Die Leichen werden in einer Verbrennungsanlage für Tierkadaver entsorgt. Denn das Verschwinden einer Leiche ist nicht einfach zu gestalten – das jeder weiß, der versucht hat, selbst eine anzuzünden. Auch die letzten Knochenreste und Zähne werden fein zermahlen, keine Rückstände von DNA dürfen übrig bleiben. Doch als die Macht der Diktatur in Korea schwindet, gerät auch der Einfluss der Plotter ins Wanken - Raeseng sorgt sich um die Auftragslage und seinen Lebensunterhalt. 


Das Zentrum: Library of Dogs


Wenn Old Raccoon, ... zog er Raeseng gern mit seiner Herkunft auf. Dann sagte der Alte Waschbär, oder besser Old Raccoon, wie alle in der Branche ihn nannten: »Du wurdest in einer Mülltonne vor einem Nonnenkloster gefunden. Vielleicht war die Mülltonne auch deine Mutter. Schwer zu sagen. So oder so ist es ziemlich erbärmlich. Aber es hat auch sein Gutes. Eine Mülltonne, die von Nonnen benutzt wird, dürfte weit und breit die sauberste Mülltonne sein.« Raeseng ärgerte sich nicht über Old Raccoons Spott. Er sagte sich, von einer sauberen Mülltonne geboren zu werden sei immer noch besser, als von der Sorte Eltern geboren zu werden, die ihr Baby in den Müll warfen.


Die «Library of Dogs» hat die hieratische Struktur eines Pyramidensystems: Auftraggeber, Tracker, Plotter. Niemand fragt, wer oben auf dem Stuhl sitzt, was auch völlig egal ist. Niemand fragt, warum jemand getötet werden muss. Die Tracker machen die Zielperson ausfindig und erstellen ein Dossier ihres Tagesablaufs, ihrer Vorlieben, übergeben es dem Plotter. Die Listen werden abgearbeitet, die Prämie kassiert. Es kommt auch schon vor, dass jemand aus ihren Reihen im Index steht. Dann ist das so. Doch welches Gefühl sitzt in Raeseng, als er zufällig während des Kotzens auf den Knien eine winzige Bombe in seinem Klo entdeckt? Das Werk eines Fachmanns, eine Bombe, die, wenn seine Exkremente das Rohr gefüllt hätten, automatisch ausgelöst worden wäre, ihm völlig das Hinterteil zerfetzt hätte. Nicht auszudenken. Wer mag dahinterstecken? Steht er selbst auf der Liste? In der letzten Zeit waren einige Leute aus seinem direkten Umfeld der Firma eliminiert worden.


Wer hat dir gesagt, du sollst denken? Halt den Mund und drück ab.


Als Raeseng, zweiunddreißig Jahre alt, von der Planung eines Auftrags abweicht, weil er die Leiche des Ex-Generals ins Krematorium bringt (samt Hund, für den er keinen Auftragsmord hatte) – anstatt diese wie geplant der Öffentlichkeit zu präsentieren – geraten die Dinge außer Kontrolle - und Raeseng rückt selbst an die erste Stelle der Todesliste. Ein Plotter hat das zu tun, was man ihm sagt. Der Thriller besitzt eine Menge Zynismus, der dem Plot Humor verleiht. Dazwischen poetische Passagen, mit fast depressiven Sound, episch. Ein typisch asiatischer Stil, atmosphärisch-poetische Vignetten mit schönen Beschreibungen – und dann fällt Hammer mit Wucht; rein in die brutale Szene oder eine lapidare Erklärung, z. B. was man falsch machen kann, wenn man eine Leiche entsorgt, der Sound von Nüchternheit. Der Killer, der den alten Mann nicht erschießt, sich von ihm zum Abendessen einladen lässt, mit ihm Whiskey trinkt, bei ihm übernachtet, frühstückt. Und ihn eben später erschießt. Job ist Job. Un-Su Kim holt den Leser stets mit der Abrissbirne aus den Wohlfühlszenen heraus – und sei es einfach, wenn er über seine Geburt und die unbekannte Mutter sinniert. Skurrile Typen, fein gezeichnete Charaktere, Überraschungen und ein so ganz eigener Stil! Ein tiefsinniger Noir-Thriller voll Poesie. Ein liebenswerter Killer?


Un-su Kim, geb. 1972 in Busan, Korea, begann seine Karriere als Schriftsteller im Jahr 2002. Er hat in seiner Heimat mehrere Literaturpreise gewonnen, darunter den Yi Sang Literature Award und den renommierten MumhakdongnePreis. Mit seinem ersten Thriller Die Plotter ist ihm auf Anhieb ein Bestseller gelungen, der weltweit für Furore sorgte und in über 20 Ländern veröffentlicht wurde. Unsu Kim besticht durch seinen einzigartigen Stil und seine bemerkenswerte Beobachtungsgabe. Die internationale Krimiszene feiert ihn seit Jahren als »koreanischen Henning Mankell«.


Un-Su Kim
Die Plotter
Aus dem Englischen übersetzt von Rainer Schmidt
Thriller, Kriminalliteratur, Koreanische Literatur, Noir-Thriller, Noir
Hardcover, 416 Seiten
Europa Verlag, 2021




Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

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