Direkt zum Hauptbereich

Die Liebe an miesen Tagen von Ewald Arenz - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Die Liebe an miesen Tagen 


von Ewald Arenz

Gesprochen von Torben Kessler
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 10 Std. und 17 Min.


Der Zauber des Anfangs… wieso kann er nicht immer bleiben? Wieso kann man sich nicht immer um diese Kleinigkeit fremd bleiben, damit man die wahre Nähe nicht verliert?


Claras und Elias treffen sich durch Zufall bei einer Hausbesichtigung. Beide fühlen sich sofort zueinander hingezogen, können das nicht einordnen, haben bisher DIE große Liebe nicht erlebt. Die Fotografin Clara ist Witwe – sie war zwar verheiratet, hatte ihren Lebenspartner nie richtig geliebt, ihn nur kurz vor seinem Ende aus Mitleid geheiratet. Elias, ein Schauspieler, hatte viele Beziehungen, doch nichts auf Dauer. Durch die Begegnung mit Clara wird ihm klar, dass er seine derzeitige Freundin auch nicht liebt, beendet die Beziehung. Clara, neugierig auf Elias geworden, besucht eine Theateraufführung – Elias erkennt sie unter den Zuschauern und geht auf sie zu. So beginnen sie eine Beziehung. Ganz vorsichtig, immer wachsam, schleichen sie umeinander herum. Doch irgendwas Besonderes löst der eine im anderen aus. «Man denkt immer, sie trifft einen nicht. Und dann trifft sie einen doch, diese eine große Liebe.» Die große Liebe gibt es nicht? Ein Feuer brennt schnell, doch es ist ebenso schnell erloschen, denn es kommt auf so viel mehr an. Clara ist älter als Elias – das kann nicht gut gehen. Doch beide stellen fest, dieser andere Mensch scheint das Puzzleteil zum Ganzen zu sein. Es gibt sie, diese Liebe. Ewald Arenz beschreibt in wechselnder Perspektive diese Annäherung, die wachsende Intimität, die Zweifel der beiden; das alles mit viel Feingefühl.


‹Scheiße!›, sagte Mama laut. Clara hätte beinahe losgelacht. Die erste logische Antwort seit Monaten. Ihre Mutter sprang auf und rannte fast bis zum Zaun. Warf sich dagegen. Dann kniete sie sich hin und versuchte, den Drahtzaun aus der Erde zu zerren, die Zunge vor Anstrengung zwischen den Zähnen. So hatte sie schon vor dreißig Jahren ausgesehen, wenn sie alleine ein Gartentor aushängte oder die Koffer für den Urlaub in den Wagen schleppte. Claras Vater war nie eine Hilfe gewesen, er kam immer zu spät für Mamas Ungeduld.


Parallel dazu wird Claras Problem mit ihren Eltern beschrieben. Der Vater, der nicht mehr alles geregelt bekommt und ihre demente Mutter, die gern ausbüchst – auch mit dem Auto. Eine große Geschwindigkeitsüberschreitung, von der Polizei erwischt – Clara muss Mama von der Wache abholen. Es wird immer schwieriger, mit der Mutter umzugehen, so dass sich die Familie entscheiden muss, wie es weitergeht. Elias und Clara haben genaue Vorstellungen von ihrem Leben, wollen keine Abstriche machen, keine Kompromisse eingehen. «Aber da ist dieses kleine Eigentlich». Und als die arbeitslose Clara einen Job in Hamburg annimmt, beenden sie ihre Geschichte, die erst kürzlich begonnen hatte. Elias will nicht umziehen und Clara hat keine Lust auf eine Wochenendbeziehung. So trennen sich die beiden. Kaum in Hamburg angekommen, tritt für Elias eine Katastrophe ein ... Clara erfährt davon. 


Da wird’s dann schwierig, wenn zwei Menschen aufeinanderprallen, die sagen: ‹Ja, wir wollen einander›. Dann ist die Frage da: ‹Aber können wir uns auch mit unserer Geschichte lieben?›


Beide sind lange dem Teenageralter entwachsen, bringen eigene Vorstellungen für das Leben mit. Und da geht nichts drüber. Zwei starke Charaktere, die letztendlich nichts abgeben wollen. Dann lieber gar nicht. Ein Buch an die 400 Seiten. Bis hierhin plätschert die Geschichte ein wenig dahin, hätte straffer sein können. Trotz aller feinen Nuancen, die der Roman beinhaltet, war es mir bis dahin ein wenig farblos. Doch nun tritt das Unglück ein und alles verändert sich. Es kommt Schnelligkeit in den Plot. Es fing gut an, die Taschentücher standen bereit. Doch dann landete Ewald Arenz leider in der Schnulzfalle – autsch – aber so heftig. «Der große Sommer» von Ewald Arenz hatte mir gut gefallen. Doch hier tritt er trotz aller feiner Sprache und Empathie für seine Charaktere oft auf der Stelle und das Ende war für mich an die Wand gefahren. Leider. Der Autor hatte sich wahrscheinlich vorgenommen, auf keinen Fall in Klischees zu rutschen. Doch das macht er am Ende mit allen Protagonist:innen, einschließlich der Nebenfiguren. Schade. An «Der große Sommer» langt dieser Roman bei weitem nicht heran. Aber empfehlenswert für Leser von niveauvollen Romanzen.



Ewald Arenz, 1965 in Nürnberg geboren, hat englische und amerikanische Literatur und Geschichte studiert. Er arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium in Nürnberg. Seine Romane und Theaterstücke sind mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Seine Romane «Alte Sorten», «Der große Sommer» und «Lieblingsbuch der Unabhängigen» standen wochenlang sowohl als Hardcover wie als Taschenbuch auf den Spiegel-Bestsellerlisten. Der Autor lebt mit seiner Familie in der Nähe von Fürth.


Ewald Arenz 
Die Liebe an miesen Tagen
Gesprochen von: Torben Kessler
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 10 Std. und 17 Min.
Zeitgenössische Literatur, Liebesroman
Der Audio Verlag, Audible, 2023
DuMont, 2023, 384 Seiten





Der große Sommer von Ewald Arenz

Ein fluffiger Stoff mit Sommerfeeling – in tristen Wintertagen ein Hörspaß. Dieser nostalgische Coming-of-Age-Roman spielt im Sommer 1981. Der 17-jährige Frieder bekommt seine Strafe: Versetzung gefährdet – außer er besteht die Nachprüfung. Klotzen in den Sommerferien ist angesagt. Während die Familie in den Urlaub fährt, wird Frieder bei den Großeltern einquartiert. Latein und Mathe lernen mit dem mürrischen, strengen Großvater. Der erste Sprung vom Siebeneinhalber, die erste Liebe, Familiengeheimnisse, ein Trauerfall, eine Katastrophe ... 

Weiter zur Rezension:   Der große Sommer von Ewald Arenz


Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter von Lukas Bärfuss

Nach «Vaters  Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht. Weiter zur Rezension:    Königin der Nacht – Ein kurzes Buch ...

Rezension - Marie Käferchen von Kai Lüftner und Wiebke Rauers

  Lieblich mit dem Po wackeln, Augenaufschlag, niemals wild und laut – so sollte sie sein. Aber Marie Käferchen hat darauf keine Lust! Ein wildes Käferchen, das auf Punk und Rock abfährt. Und als das Mädel zur Gitarre greift, ist der ganze Wald nur noch genervt. Ein herrliches Bilderbuch zur Stärkung des Selbstbewusstseins. My way! Das rockt: Gedichtform und bezaubernde Grafik! Empfehlung ab 4 Jahren. Weiter zur Rezension:    Marie Käferchen von Kai Lüftner und Wiebke Rauers

Rezension - Doppeltes Spiel von K.L. Slater

Intro mit KI erstellt   Ein luxuriöser Wolkenkratzer mit dem Namen Orbit, in dem die Reichsten der Reichen zusammenkommen: hier arbeitet die attraktive Alicia als Kellnerin. Als der charismatische Eigentümer des Orbit ihr das Angebot macht seine Freundin zu spielen und dafür ein großzügiges Gehalt zu erhalten, in seinem riesigen Apartment im Orbit zu wohnen, nimmt sie an. Immerhin ist es nur ein Spiel, denn er braucht eine Begleitung, will sich vor den vielen Frauen schützen … bis das Spiel plötzlich mehr zu sein scheint. Langweilig, uninteressant, voller Klischees, sprachlich kraftlos – mehr muss ich nicht sagen.  Weiter zur Rezension:   Doppeltes Spiel von K.L. Slater 

Rezension - WAS IST WAS Kraken. Acht Arme und drei Herzen von Dr. Stephanie Helber

  Perlboot , Sepia , Kalmar , Krake, Oktopus alles kompakt über das Leben der intelligenten Oktopusse , ihre Tarnung , Aufzucht und clevere Jagdtechniken . Sie sind wahre Verwandlungskünstler, blitzschnelle Jäger und ziemlich wendig: Kraken gehören zu den faszinierendsten Lebewesen der Ozeane. Sie haben acht Armen voller Saugnäpfe und eine Haut, die ihre Farbe im Bruchteil einer Sekunde ändern kann . Mit ihrer erstaunlichen Lernfähigkeit sind sie uns viel ähnlicher, als wir denken. Klasse Sachkinderbuch ab 8 Jahren über Tintenfische . Weiter zur Rezension:  WAS IST WAS Kraken. Acht Arme und drei Herzen von Dr. Stephanie Helber  

Rezension - Tödliches Angebot von Marisa Kashino

  Margo sucht für ihre hoffentlich bald wachsende Familie eine größere Wohnung, doch die Angebote sind rar. Nach monatelanger frustrierender Suche wird sie in der Nachbarschaft fündig. Sie hört, man wolle in der Nähe demnächst ein Haus verkaufen ... Und so versucht sie sich in die Familie einzuschleichen, das Haus abzusahnen, bevor es überhaupt auf den Markt kommt. Der Klappentext geht bis kurz vor Ende des Buchs, was es nicht besser macht. Die Geschichte schleicht langsam dahin – es fehlt jede Spannung und psychologische Raffinesse . Weiter zur Rezension:    Tödliches Angebot von Marisa Kashino

Rezension - Alte Feinde von Petra Ivanov

Um es gleich vorwegzusagen, mit diesem Thriller küre ich Petra Ivanov zur Queen of Crime der Schweiz. Schon das erste Kapitel ist atemberaubend. Cavalli ist wieder da! Wo hat er nur gesteckt? Der Leser wird es erfahren, Regina Flint noch lange nicht. – dies ist der achte Fall für Cavalli und Flint, wer die anderen sieben nicht kennt, der kann hier problemlos einsteigen. Regina Flint ermittelt derzeit in einem ungewöhnlichen Todesfall, ein Mann wurde mit einer historischen Waffe mit Pulvermunition erschossen. Der Tote ist ein Nachfahr von Heinrich Wirz, eine umstrittene Figur aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Und damit wären wir beim dritten Strang, der in die Zeit des Sezessionskrieges zurückführt. Weiter zur Rezension:    Alte Feinde von Petra Ivanov Petra Ivanov - Lesung Schloss Rapperswil Petra Ivanov, Sabine Ibing - Lesung Schloss Rapperswil

Rezension - Leere Häuser von Brenda Navarro

Intro mit KI erstellt Nur für einen kurzen Moment war seine Mutter in die Nachrichten auf ihrem Mobiltelefon vertieft gewesen, als der dreijährige Daniel vom Spielplatz verschwindet. Eine Unbekannte hat den Jungen mitgenommen und sich so den ersehnten Kinderwunsch erfüllt. Sie nennt ihn Leonel. Beide Frauen erzählen von ihrem Schmerz, ihrer Verzweiflung und ihren Schuldgefühlen. Beide reflektieren ihre Liebesbeziehungen und Lebensträume. Psychologisch gut aufgebaut, hervorragender Roman, lateinamerikanische, feministische Literatur . Weiter zur Rezension:    Leere Häuser von Brenda Navarro

Rezension - Impossible Creatures von Kathrine Rundel Der vergiftete König

Intro mit KI erstellt   Dieses Mal steht neben Christopher das Mädchen Anya im Vordergrund. Ihr Großvater, der König, wird heimtückisch ermordet. Ihr Vater wird des Mordes beschuldigt und als Anya selbst in Gefahr gerät, muss sie fliehen. Gemeinsam mit Christopher, dem Hüter der Fabelwesen, muss sie nun ihren Vater retten und das magische Reich vor dem Untergang bewahren. Spannende Fantasie ab 10 Jahren! Weiter zur Rezension:   Impossible Creatures von Kathrine Rundel Der vergiftete König

Rezension - Die schwarze Lilie von Dirk Schümer

  Intro mit KI erstellt 1348: In der Finanzmetropole Florenz wütet die Pest in den letzten Zügen, während die Söhne des mächtigen Bankiers Pacino Peruzzi nacheinander ermordet werden. Wittekind Tentronk, den es als Agent des Patriarchen aus Avignon an den Arno verschlagen hat, soll recherchieren, die Familie beschützen. Nebenbei erzählt der Autor von der größten Bankenpleite dieser Zeit, von Pest, aber auch von Wittekinds Liebe zu der schönen Marktfrau Cioccia und einem illustren Freundeskreis um den erfolglosen Poeten Boccaccio und Dantes versoffenen Sohn Jacopo . Ein außergewöhnlich guter historischer Krimi. Weiter zur Rezension:   Die schwarze Lilie von Dirk Schümer 

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann