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Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde - Rezension

Rezension



von Sabine Ibing




Die Geschichte des Wassers 

von Maja Lunde


Das ganze Leben ist Wasser, das ganze Leben war Wasser, wohin ich auch sah, war Wasser, es fiel als Regen vom Himmel oder als Schnee, es füllte die kleinen Bergseen, legte sich als Eis auf den Gletscher, strömte in tausend kleinen Bächen den steilen Berghang hinab und schwoll an zum Fluss Breio; es lag spiegelglatt vor dem Ort am Fjord, der zum Meer wurde, wenn man ihm nach Westen folgte.

»Die Geschichte der Bienen« habe ich mit Genuss gelesen. Ein wundervoller umwelt- und gesellschaftspolitischer Roman, der mich begeistert hat. In drei verschiedenen Zeitsträngen ging es um die Biene, einmal in der Historie, die Imkerzeit, in der an immer besseren Formen der Bienenkörbe getüftelt wurde, die heutige Zeit mit Bienensterben und im dritten Strang eine dystopische Welt ohne Bienen, ärmlich, in der der Mensch selbst bestäubt. Ein Roman mit erzählerischer Kraft und grosser gesellschaftlicher Relevanz. Nun war ich gespannt auf den zweiten Teil des Klimawandel-Quartetts, dieses Mal zum Thema Wasser. Der Scheffel hing hoch.

Im zweiten Band das Thema Wasser


Der Roman teilt sich in zwei Stränge, in das Jetzt und in ein dystopisches Europa in der Zukunft. In der Zukunft herrscht Hitze und Dürre, extreme Wasserknappheit. Es gibt wenig Gebiete, die Wasser führen, hier haben sich die Einwohner verbarrikadiert, lassen niemanden herein. Nur im hohen Norden lebt es sich gut und Karawanen von Flüchtlingen sind auf dem Weg. Auch hier ist das Boot voll, Flüchtlinge werden nicht mehr aufgenommen. Die Gründe, die zur Wasserknappheit führten, werden nicht benannt, es wird lediglich erwähnt, es sei sehr heiß. 2041, Frankreich, ein Flüchtlingslager unter vielen: David ist gemeinsam mit seiner Tochter Lou hier gestrandet. Der Süden Europas ist unbewohnbar, eine Wüste. Im letzten Lager war die Familie noch komplett. Dort brach ein Feuer aus und David flüchtete mit seiner Frau, jeder ein Kind auf dem Arm, mit dem Ziel in dieses Lager zu gelangen. Allerdings ging in dem Chaos Davids Frau mit dem Baby auf dem Arm verloren. Er wartet, dass auch sie eintrifft. In diesem Lager finden David und Lou ein Bett, ärztliche Versorgung und Nahrung. Nur wie lange? Oft genug werden die Lager geschlossen, wenn Nahrung und Wasser hier nicht mehr ankommen.

Sie holen Eis aus dem Gletscher, reines weißes Eis aus Norwegen, und vermarkten es als das Exklusivste, was man in seinen Drink geben kann, einen schwimmenden Mini-Eisberg, eingetaucht in goldenen Schnaps, aber nicht für norwegische Kunden, nein, für jene, die es sich wirklich leisten können.

In dem zweiten Strang, im Heute, geht es um die 70-jährigen Signe, eine Umweltaktivistin aus Norwegen. Sie will ihrer einstigen großen Liebe, Magnus, eins auswischen. Dieser Mann lebt in Frankreich, lässt es sich bei gutem Essen, Bordeaux und Golfspielen gutgehen, während seine Firma in Norwegen Gletschereis abbaut, das saudischen Fürsten zur Kühlung von Getränken verkauft wird. Signe erinnert sich an die Zerstörung der Umwelt ihrer Heimat, erinnert sich an die wundervollen Tage in Norwegen, erinnert sich an den Vater, der das Land beschützen wollte, an die Mutter, die zu den Ausbeutern gehörte.

Die menschliche Größe‹, sagte ich schließlich. ›Eine Kontradiktion.‹
›Wie bitte?‹
›ein Widerspruch in sich. Die Wörter Mensch und Größe gehören nicht in einen Satz.

Die tiefe Aussagekraft aus Band eins fehlt

Es kommt mir fast so vor, als wäre der zweite Teil von einer anderen Schriftstellerin geschrieben worden. Die Figuren aus dem ersten Teil hatten Charakter, Tiefe, diese hier bleiben flach an der Oberfläche, sagen mir nichts. Und wo ist die gesellschaftliche Aussage? Im ersten Teil hat sich Maja Lunde intensiv mit den Bienen und der Imkerei auseinandergesetzt, es hat Spaß gemacht, so viel darüber zu erfahren, eingeflochten in drei komplexe Geschichten. Hier lese ich zwei Geschichten, ganz nett zu lesen, aber Aussagekraft haben beide nicht, die Protagonisten ganz ohne Charakter. 

Es gibt ein paar erzählerisch schöne Stellen und man kann die Geschichte flott weglesen. Vielleicht war die Erwartung zu hoch durch den extrem guten ersten Teil, »die Geschichte der Bienen«. Das Buch um das Wasser reicht gerade mal bis zum Knie an das erste Buch heran. Die Geschichte des Wassers, der Zusammenhang mit der Erderwärmung, Krieg um Wasserrechte, Versalzung, all das wird nicht ernsthaft angesprochen. Schade.


Hier geht es zum ersten Teil:

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

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