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Der Zorn des Meeres von Bram Stoker - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Der Zorn des Meeres 


von Bram Stoker


Rund vierzig Meilen weiter südlich ist die Küste für diesen Schwarzhandel wie geschaffen. Die Felsen aus Gneis und Granit, aufgebrochen durch alle möglichen Erschütterungen der Natur und vom Zahn der Zeit zu jeder denkbaren Form steiniger Schönheit geschliffen, bieten eine unendliche Vielzahl schmaler Buchten und Baien, wo die Draufgänger, die Felsen und Strömungen und Gezeiten kennen, mit ihren Booten heimlich und schnell ein- und auslaufen können.

Ein kleines Buch, liebevoll verpackt in Leinen, in einem offenen Schuber, allein die Haptik begeistert – und der Inhalt noch mehr. Bram Stoker, Autor des Dracula-Romans, hat diese wundervolle Erzählung geschrieben – 125 Jahre nach Erscheinen ist der Klassiker erstmals auf Deutsch zu lesen. Durch ein exzellentes Nature Writing, gebunden in einen dramatischen Spannungsbogen, schafft die Erzählung einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. In einer stürmischen Nacht an der zerklüfteten schottischen Ostküste erfährt William Barrow, Bootsführer der Küstenwache, dass Fischer mit Schmuggelwaren Kurs auf die Küste genommen haben. Als er seiner Verlobten Maggie etwas über den Einsatz andeutet, gesteht sie ihm, dass ihr hoch verschuldeter Vater gezwungen wurde, den Schmugglern sein Boot zu überlassen, mit an Bord sei, wie auch ihr Bruder. Für William Barrow ein Dilemma, er überlegt hin und her. Doch er macht Maggie klar, wie ernst die Sache steht, er seinem Dienstherren, dem Staat, loyal ergeben ist.

Der Kampf mit den Naturgewalten

Dort, auf hoher See, umhergeworfen in den stürmischen Fluten, war ihr Vater. Seine Lage war gefährlich, aber an der Küste lauerte noch größere Gefahr … Sie glaubte genau zu wissen, was ihre Pflicht war, und was auch immer geschehen mochte, sie blieb fest entschlossen, sie zu erfüllen: Sie musste ihren Vater warnen.

Nun dreht die Perspektive. Aus der verliebten, zarten Maggie erwachet eine mutige, liebende Tochter, die nun zur Hauptfigur der Erzählung wird. Sie steigt in ein Ruderboot mit kleinem Segel, um Vater und Bruder zu warnen, kämpft sich durch die tosende See. In atmosphärischer Verdichtung liegt nun das Hauptgeschehen auf dem Meer. Ein wortgewaltiges, klassisches Drama, spannend bis zur letzten Seite! Feine Beobachtungen der Natur, verwoben mit einer starken Frauenfigur. Wer das Meer liebt, in all seiner Grausamkeit und Faszination, der wird von diesem Klassiker begeistert sein.

Im Unterschied zur Dunkelheit des Watter’s Mou’ zwischen den turmhoch aufragenden Felswänden zeigte das Meer ein rätselhaftes, ureigenes Licht, und nahe der Öffnung an der westlichen Seite konnte sie die weiße Gischt erkennen, die über die versunkenen Steinblöcke spritzte, als die anrollenden Wellen sie freilegten, bis sie einmal mehr aussahen wie Zähne im Schlund des hungrigen Ozeans.

Bram Stoker wurde am 8. November 1847 als Abraham Stoker in der Nähe von Dublin geboren. Nach dem Studium schlug er sich als unbezahlter Theaterkritiker und Zeitschriftenherausgeber durch, später wurde er Theatermanager von Henry Irving und Agent von Mark Twain. Von den zehn Büchern, die er in seiner Freizeit veröffentlichte, fand nur Dracula internationale Anerkennung; den Erfolg des bekanntesten Horrorromans der Weltliteratur erlebte er nicht mehr. Bram Stoker starb 1912 in London.


Bram Stoker 
Der Zorn des Meeres
Erzählung, Drama, Klassiker, Nature Writing, englische Literatur
Originaltitel: The Watter’s Mou’
Aus dem Englischen übersetzt von Alexander Pechmann
Pocketformat, Leineneinband im offenen Schuber, 128 Seiten
Mare Verlag 2020



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Weiter zur Rezension:   Das Herz eines Schiffes von Elinor Mordaunt




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