Direkt zum Hauptbereich

Der Tod und das dunkle Meer von Stuart Turton - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Der Tod und das dunkle Meer 


von Stuart Turton


Prolog: 

Im Jahr 1634 war die Vereinigte Niederländische Ostindien-Kompanie die wohlhabendste Handelsgesellschaft auf dem gesamten Globus, mit Außenposten, die sich über ganz Asien und das afrikanische Kap verteilten. Der profitabelste dieser Außenposten war Batavia. Von dort aus wurden an Bord der zur Kompanie gehörigen Flotte aus Ostindienfahrern Muskatblüten, Pfeffer, zahlreiche andere Gewürze und Seidenstoffe nach Amsterdam verschifft. Die Fahrt dauerte acht Monate und war äußerst gefährlich. Weite Teile der Weltmeere waren noch nicht kartographiert, und man verfügte nur über die primitivsten Navigationshilfen.


Ein Buch hochgelobt von allen Seiten, mit dem ich so gar nichts anfangen konnte. Ich liebe Genremix, aber Niveau ist für mich vorausgesetzt. Was ist das für ein Roman? Ein Krimi, Detektivroman? – auf jeden Fall. Historisch? Nur die Infos im Prolog. Mystisch, Schauergeschichte? Ein wenig. Ein Abenteuerroman? Möchte er gerne sein. Eine Geschichte, die auf einem Schiff spielt, Stürme inklusive, sollte atmosphärisch etwas Maritimes hergeben – sollte. Von vorn. Gleich auf den ersten Seiten verdarb mir der Schreibstil die Laune. Pathetisch, aufgeblasen, wie ein Käseigel mit Adjektiven bespickt, Metaphern, die von mir mit Augenrollen und Knurren begleitet wurden, machten das Lesen dieses einfachen Textes nicht zum Vergnügen. Ich wartete auf die spannenden Stellen – ab der Mitte habe ich nur noch quergelesen, Spannung kommt nicht auf.


Dämon «Alter Tom» an Bord

Sie konnte die Blicke der Höflinge, Soldaten und Speichellecker spüren und ging wie eine zum Tode Verurteilte: mit geraden Schultern, gesenkten Augen und geballten Fäusten. Die Schamröte war ihr ins Gesicht gestiegen, auch wenn die meisten das irrtümlich für eine Folge der Hitze hielten. ...

Das abscheuliche Pferd ihres Gatten schnaubte und stampfte wütend mit den Hufen ... Im Gegensatz zu ihr selbst schien es das Tier zu genießen, von ihm bestiegen zu werden.


1634, ein Schiff, die Saardam, auf dem Weg von Batavia, Indonesien, nach Amsterdam; eine Reise, die die acht Monate dauern wird. Bevor das Schiff ablegt, verflucht ein zungenloser Aussätziger das Schiff und geht danach in Flammen auf. Der Detektiv Samuel Pipps wird gleich zu Beginn unter Deck in Ketten gelegt; er ist auf dem Weg zu seiner Hinrichtung, und das, wo er gerade der Ostindiengesellschaft ihren Schatz zurückbringen konnte. Sein Assistent Arent Hayes befindet sich an Bord, er hat eine fast verwandtschaftliche Beziehung zum Kapitän, kann ihm auf diese Weise ein wenig Erleichterung verschaffen. Mit an Bord Generalgouverneur Jan Haan und seine Frau Sara Wessel, seine Tochter und die Witwe Creesjie mit ihren Kindern, die glaubt, der «Alter Tom» habe ihren Mann getötet, sei nun hinter ihr her. Haan, der als Leibwache kampferprobte Musketiere an Bord hat, wird nach seiner Ankunft in Amsterdam einer der mächtigen «Siebzehn Herren» werden, die das Direktorium der Ostindiengesellschaft bilden. Doch bald wird es für die Passagiere zur Gewissheit: der Teufel sei höchstpersönlich an Bord, der Dämon «Alter Tom». Auf den Segeln ist plötzlich sein Zeichen zu sehen: das Auge mit Teufelsschwanz. Unerklärliche Morde geschehen, und ein Flüstern bringt die Menschen dazu, ihren dunkelsten Wünschen nachzugeben, was Turbulenzen an Bord erzeugt. Pipps und Arent versuchen, das Rätsel zu lösen, auf welche Weise die Menschen an Bord miteinander verbunden sind und warum der «Alte Tom» hier sein Unwesen treibt. 


Aufgebauscht und langatmig erzählt


Ihre dunklen Haare flossen an ihrem Arm herunter wie schwarzes Wasser.


Das alles wird aufgebauscht und langatmig erzählt, hätte unter 200 Seiten vielleicht etwas Spannung erzeugen können. Hier versucht ein Autor, nach dem Vorbild von Sherlock Holmes und Doktor Watson eine Detektivgeschichte zu entwickeln – der Versuch ist kläglich. Seegarn, ein wenig Fluch der Karibik eingebunden, machen den Plot auch nicht besser. Die Figuren sind oberflächlich und voller Klischees, überall in der Weltliteratur ein wenig abgekupfert, aber eben literarisch und in der Figurentiefe nicht erfasst. Es gibt keine Entwicklung der Figuren, sondern ein platter Lebenslauf soll erklären, warum einer ist, wie er ist. Ein geübter Leser weiß lange vorher, wie eine ausgewalzte Szene ausgehen mag. Fazit: Überzeichnete Charaktere und eine Räuberpistole als Plot, einige Logikfehler, unglaubwürdig und langweilig bis in die Zehenspitzen.



Stuart Turton ist freiberuflicher Reisejournalist. Sein Debüt »Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle« war ein überwältigender Publikumserfolg in Großbritannien und wurde u. a. mit dem Costa First Novel Award 2018 ausgezeichnet. Das Buch erscheint in 25 Ländern. Stuart Turton lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in London.



Stuart Turton
Der Tod und das dunkle Meer
Aus dem Englischen übersetzt von Dorothee Merkel
Originaltitel: The Devil and the Dark Water
Kriminalroman, Abenteuerroman, Detektivroman
Hardcover mit Schutzumschlag, 608 Seiten
Tropen Verlag, 2021






Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Young Agents: Operation «Boss» von Andreas Schlüter

Offiziell gibt es sie gar nicht. Jeder Insider würde ihre Existenz leugnen. Und doch leben sie unter uns: Die Young Agents, europäische, jugendliche Geheimagenten, ausgebildet an einer EU-Agentenschule, fast unsichtbar, denn wer achtet schon auf Kinder? Sie sind im Alter zwischen 11 und 14 Jahren, leben bei ihren Familien und gehen ganz normal zur Schule. Der zwölfjährige Billy, ein Agent aus Deutschland, ist der Icherzähler dieser Geschichte. Gleich am Anfang erklärt er, man soll sich das nicht so vorstellen wie bei 007, James Bond, denn wir befinden uns ja in der Realität. Aber genau das ist es letztendlich! Ein Plotaufbau nach James Bond, eine Heldenreise in drei Akten, beginnend mit einem nervenzerreißenden Intro, in dem der Agent hoher Gefahr ausgesetzt wird – sehr spannend geschrieben  – und mit Action pur geht es weiter, Seite für Seite. Ein Pagemaker zum Entspannen für Jugendliche ab 11 Jahren. Mir fehlte ein wenig Ruhe und Atmosphäre. Wer auf American-Hero-Storys steht...

Rezension - Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter von Lukas Bärfuss

Nach «Vaters  Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht. Weiter zur Rezension:    Königin der Nacht – Ein kurzes Buch ...

Rezension - Die Kathedrale der Vögel von Wieland Freund

  Er hat das Haar eines Raben und die Augen eines Uhus: Munk. Und in seinen Träumen sieht er die Toten. Munk lebt mit seiner Schwester Enna auf der kleinen Insel Nyt. Eines Tages holen ihn die Schergen des tyrannischen Greifen von Amser ab, bringen ihn auf die Burg, wo er als Falkner arbeiten muss. Die Greifenkriegerin Magwit ist sehr interessiert an dem Jungen. Munk besitzt besondere Fähigkeiten, er ist einer der wenigen, die die Vogel- und Menschenwelt vereinigt. Während seine Schwester sich trotz Warnung von Magwit auf die Suche nach ihm macht, entdeckt Munk tief im Burgberg ein grauenvolles Geheimnis ... Weiter zur Rezension:    Die Kathedrale der Vögel von Wieland Freund

Rezension - Generation Glücklich: Dein Handbuch für mehr Spaß und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme von Jonathan Haidt und Catherine Price

Stell dir vor, du wächst auf in einer Welt voller Smartphones , Likes und endlosem Scrollen, als wäre das Handy an der Hand festgewachsen. Das Handy ist das Erste, was du morgens, und das Letzte, was du abends anschaust – ganz schön viel für ein Kind, oder? «Generation Glücklich» richtet sich an Kinder zwischen 9 und 12 Jahren, die genau in dieser Welt ihren eigenen Platz finden wollen – ohne sich dabei virtuell selbst zu verlieren. Medienkompetenz , Selbstsicherheit, Selbstständigkeit im Umgang mit Medien – Fallstricke kennenlernen, Mechanismen auf Social Media verstehen an Hand von Comics und Übungen. Zu verstehen, wie Social Media funktioniert und wie sie das Gehirn verändert . Empfehlung!  Weiter zur Rezension:     Generation Glücklich: Dein Handbuch für mehr Spaß und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme von Jonathan Haidt und Catherine Price

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Doppeltes Spiel von K.L. Slater

  Ein luxuriöser Wolkenkratzer mit dem Namen Orbit, in dem die Reichsten der Reichen zusammenkommen: hier arbeitet die attraktive Alicia als Kellnerin. Als der charismatische Eigentümer des Orbit ihr das Angebot macht seine Freundin zu spielen und dafür ein großzügiges Gehalt zu erhalten, in seinem riesigen Apartment im Orbit zu wohnen, nimmt sie an. Immerhin ist es nur ein Spiel, denn er braucht eine Begleitung, will sich vor den vielen Frauen schützen … bis das Spiel plötzlich mehr zu sein scheint. Langweilig, uninteressant, voller Klischees, sprachlich kraftlos – mehr muss ich nicht sagen.  Weiter zur Rezension:   Doppeltes Spiel von K.L. Slater 

Rezension - Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler

  Mischa und Nits sind beste Freunde. Mischa liebt die Poems von Nits. Und der bewundert Mischa, weil er schlau ist und ein wandelndes Lexikon über Tiere zu sein scheint. Lügen geht gar nicht, so Nits Überzeugung. Darum fragt er sich, warum Mischa dem Lehrer weismachen will, er hätte eine Chlorallergie, als der Schwimmunterricht beginnt – Nits erzählt er, die Badehose sei von Mäusen angefressen worden. Überhaupt scheint Mischa in Schwierigkeiten zu stecken – doch wohl eher sein Vater ... Nits betritt in dieser Familie plötzlich eine völlig andere Welt – die der Armut. Aber das ist ein Unterthema – Mischas Vater ist untergetaucht; Mischa und Nits werden ihn nicht im Stich lassen – aber das könnte gefährlich werden ... Spannung, Humor und ein wenig Tragik machen das Buch zu einem Leseerlebnis. Meine Empfehlung ab 11 Jahren für diesen exzellenten Kinderroman.  Weiter zur Rezension:    Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler 

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Unser Schmerz ist unsere Kraft von Gamze Kubaşık, Semiya Simsek und Christine Werner

  Semiya ist vierzehn Jahre alt, Gamze zwanzig, als ihre Väter ermordet wurden. Unfassbar für beide Familien. Niemand kann sich vorstellen, was hier geschehen ist: Männer, die an ihrem Arbeitsplatz erschossen werden. Der eine ist Kioskbesitzer, der andere verkauft Blumen. Das Einzige, was sie eint: Sie sind türkischer Abstammung , Migranten . Die Familien werden noch in der Nacht stundenlang verhört. Ehefrauen dürfen nicht am Sterbebett sitzen, sie werden von der Polizei auseinandergenommen. Es ist die Rede von Mafia, Drogenhandel, Auftragsmorden ... Sie blieben nicht die einzigen Migranten, die erschossen wurden. Jahre später kommt heraus, sie wurden von der rechtsextremen Terrorzelle «Nationalsozialistischer Untergrund», NSU , willkürlich getötet, weil sie Migranten waren. Klasse Jugendsachbuch ab 14 Jahren / Allage über die NSU-Morde . Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Unser Schmerz ist unsere Kraft  von Gamze Kubaşık, Semiya Simsek und Christine Werner