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Das Archiv der Träume von Carmen Maria Machado - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Das Archiv der Träume 


von Carmen Maria Machado


Der Begriff Archiv, erklärt uns Jacques Derrida, kommt vom altgriechischen arkheion, ‹das Haus des Herrschenden›. Als mir diese Erklärung zum ersten Mal begegnete, war ich ganz begeistert, dass der Begriff Haus darin vorkommt (als große Freundin von Spukhausgeschichten habe ich eine Schwäche für Architekturmetaphern), aber den eigentlichen Aufschluss gibt das Element der Macht, der Autorität. Die Entscheidung darüber, was ins Archiv aufgenommen und was ausgelassen wird, ist ein politischer Akt, den die Archivarin und der politische Kontext bestimmen, in dem sie lebt.


Das Archiv der Träume ist Carmen Maria Machados persönliche Geschichte und literarische Auseinandersetzung mit einer toxischen, queeren Beziehung. Das Traumhaus in der Traumbeziehung – so scheint es zunächst. Wenn man liebt, verzeiht man. Doch auch eine Liebe kennt Grenzen. Wann ist der Punkt erreicht, an dem man seinen Koffer packen muss? Die Autorin nimmt ihre Aufzeichnungen zur Hand – das Archiv – und analysiert rückblickend. 


Die psychische Manipulation des Täters


Du hast etwas gemacht, und jetzt ist sie unzufrieden, und du musst herausfinden, was es war, damit sie nicht mehr unzufrieden ist. ... Du sagst, was du denkst, und erst, nachdem du gründlich nachgedacht hast, aber wenn sie es wiederholt, ergibt plötzlich nichts mehr einen Sinn.


Die gleichgeschlechtliche Ehe rückt in den USA in greifbare Nähe und Carmen Maria Machado stürzt sich in ihre erste große Beziehung zu einer Frau, die sich sehr bald als toxisch herausstellt. Gleichgeschlechtlich oder nicht, natürlich spielt Gewalt und Übergriffigkeit in vielen Beziehungen eine Rolle, in allen Bildungsschichten. Auch Frauen können gewalttätig sein, ob nun gegen ihre Frau oder ihren Mann. Das zu erkennen, Grenzen zu setzen und letztendlich die Beziehung zu beenden, ist einfacher gesagt, als getan. Denn auf der anderen Seite steht die psychische Manipulation des Täters, der die Wahrheit verdreht und das Opfer auf die Täterebene verschiebt. Man bezeichnet das heute als Gaslighting. Das Opfer fühlt sich immer kleiner, schuldig, versucht die unberechenbaren Wutausbrüche des Partners zu vermeiden. 


Übergriffigkeit, Befehle, rasende Eifersucht 


Warum gingst du nicht / Warum flohst du nicht / Warum sprachst du nicht? ...

Ich will ja, doch ich kann nicht, kann nicht, kann nun mal nicht. Was mir bis dato nicht klar war: Zwang ist Gift. Ist wahrhaft toxisch. Tag und Nacht, bis ich fortging, trank ich das Gift.


Bei einem Kreative-Writing Seminar in Iowa City, lernt die Studentin Carmen eine Frau kennen, in die sie sich verliebt: «eine Mischung aus Butch und Femme». Carmen hat ihre Probleme mit Männern, die sich auf Grund ihres Äußeren nicht sehr für sie interessieren, eine junge Frau, «kurvig-bis-fette Brünette mit Brille». Doch dieser anderen Frau ist das völlig egal, denn sie liebt die Person Carmen. Es spielt auch keine Rolle, dass die Partnerin eine Stelle in Bloomington, Indiana, bekommt, dort das «Traumhaus» bezieht. Die beiden pendeln hin und her, sind ständig mit dem Auto unterwegs, machen lange Ausflüge, besuchen die Eltern der Partnerin in Florida. Eine Fernbeziehung, in der es kracht, sobald sie beiden Frauen zusammenwohnen. Übergriffigkeit, Befehle, rasende Eifersucht auf alles und nichts auf der einen Seite, Unterwerfung auf der anderen Seite.


Eine Aufarbeitung, eine Abrechnung mit sich selbst

Interessant an diesem Roman ist das Konstrukt. Es ist keine fortlaufende Erzählung. Die kurzen Kapitel aus dem Traumhaus setzen sich in unterschiedlichen Sprachformen zusammen: Essay, fragmentierte Erzählung, Liebesgeschichte, Erotika und Noirepisoden, das alles ohne Chronologie. Der Lesende fühlt den Schmerz der Autorin, die ihre Gefühle offenlegt, ihre Hoffnung auf Verständnis ihrer Partnerin, die sich auf Anraten sogar kurzzeitig in Therapie begibt. Der Schmerz, dass der Mensch, den man liebt, eine solch böse Seite hat, die dann wieder in Liebe umschlägt: Dr. Jekyll und Mr. Hyde. In der Erzählform spricht die Autorin sich selbst mit du an, hält sich den Spiegel vor, abwechselnd mit Ichform und essayistischen Kapiteln. Die Geschichte ist literarisch klug aufgebaut: ein in sich gehen, die Beschäftigung mit dem Thema der toxischen Beziehung, eine Aufarbeitung, eine Abrechnung mit sich selbst. Mir hat der Roman gut gefallen; aber es ist sicher nicht ein Buch für jeden Lesenden.


Carmen Maria Machado, Autorin, Kritikerin und Essayistin. Ihre Arbeiten erschienen im »The New Yorker« und in zahlreichen weiteren Zeitschriften und Anthologien. Sie hat einen Master des Iowa Writer’s Workshop und wurde mit verschiedenen Schreib- und Aufenthaltsstipendien ausgezeichnet. Machados Debüt »Ihr Körper und andere Teilhaber« wurde für den National Book Award und 28 weitere Preise nominiert. Ausgezeichnet wurde es mit zehn Preisen, darunter der Bard Fiction Prize. Gemeinsam mit ihrer Frau lebt Machado in Philadelphia.


Carmen Maria Machado 
Das Archiv der Träume
Aus dem Englischen übersetzt von Anna-Nina Kroll
Roman, Queer, toxische Beziehung, amerikanische Literatur, autofiktionalen Roman
Hardcover mit Schutzumschlag, 336 Seiten
Tropen Verlag, 2021



Zum Thema:

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Weiter zur Rezension:   Jahre später von Angelika Klüssendorf



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Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
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Kommentare

  1. Huhu,

    das klingt wirklich sehr interessant, ich habe mir mal das englische Original bei meiner Bibliothek vorgemerkt. (Die Übersetzung haben sie anscheinend nicht.)

    LG,
    Mikka

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