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Zwei Brüder von Mahir Guven - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Zwei Brüder 

von Mahir Guven


Der Anfang: Die einzige Wahrheit ist der Tod. Alles andere ist Nebensache. Was die auch zustoßen mag im Leben, alle Wege führen ins Grab. Steht das erst mal fest, brauchst du nur noch einen Grund zu leben.

Zwei Brüder, geboren und aufgewachsen in den Banlieues von Paris, Franzosen, aber sind sie wirklich Franzosen? Nie anerkannt im eigenen Land. Der Vater, gebürtiger Syrer, Atheist und Kommunist, hat sie religionsfrei erzogen, man muss sich anpassen, fleißig sein, lernen, er selbst fährt Taxi, regt sich über die Konkurrenz von UBER auf – und der Sohn fährt bei UBER. Die Mutter, eine Französin, hatte die Familie früh verlassen, den Vater mit den Söhnen sitzengelassen. Diesen Söhnen will er eine gute Zukunft bieten. Der große Bruder fährt mit seinem Taxi durch die Straßen von Paris, der kleine Bruder arbeitet als Krankenpfleger in einer Klinik. Doch eines Tages ist der Kleine verschwunden, wohin auch immer, ohne ein Wort, ohne, dass er sich meldet. Er ist nach Syrien gefahren, in sein Land, wie er meint, arbeitet dort als Arzt, gerät in den Dunstkreis des Dschihad. Eines Tages steht er vor der Tür seines Bruders. Der will nichts von dem Kleinen wissen, der behauptet, alles sei gut, er sei herunter vom Religiösen. Wo fängt Radikalisierung an, wo hört Bruderliebe auf?

Mensch mehr wichtig als andere. Auch Gott, er sagt nicht Araber oder nicht Araber, er sagt wichtig funf Mal die Tag. Das aber fur Idiote, die glaube in die Gott, wie wenn die Gott mache voll die Wagen von Supermarkt. (der Vater)
Starfula. Los, Papa, bist du Syrer oder nicht?‹
›Astaghfirullah! Astaghfirullah! Was ist das? Was weißt du von die Religion, he? Hau doch ab, du. Syrisch, das ist nicht Arabisch. Das Nationalität, nicht Ethnie. Ich halbe Araber, halbe Kurde, aber erst Kommunist.
 

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - ausgeträumt

Zwei Brüder, wie unterschiedlicher nicht sein können: Der eine zieht in den Heiligen Krieg, der andere spitzelt für die Terrorabwehr. Was macht es aus Menschen, die in einem Land geboren werden, dort aber nie ankommen, weil sie als nicht zugehörig beschimpft werden, weil sie immer hinten anstehen, man sie in der Schule, im Job spüren lässt, dass sie nur am unteren Ende zu stehen haben? »Hier in Frankreich waren wir ein Scheißdreck. Weniger als nichts in einer Gesellschaft, die Gleichheit, Toleranz und Respekt lehrt.« Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – eine Moral, die in der Realität das Gegenteil lehrt. Der kleine Bruder sieht sich nicht als Franzose, die Gesellschaft hat ihn zum Syrer gemacht – zumindest fühlt er sich als solcher. Und er sucht nach seiner Identität, die er vielleicht in der Religion finden mag.

Was redest du da von meinem Bruder? Warum redest du über ihn? Er ist nicht mehr da. Er ist weg. Vielleicht ist er tot. Vielleicht hat er getötet. Wo ist er, der Hund? In Syrien, in Dubai, in Mali, in Libyen? Wissen wir nicht. Er ist weg wie ein Schatten, hat sich davongeschlichen wie eine Nutte vor Sonnenaufgang. Hat uns fallenlassen. Das willst du nicht verstehen.

Sprache die zwischen literarischer Kraft und Gossenslang wechselt

Der Große stellt den Kleinen zur Rede, beschimpft ihn, er wisse, was er in Syrien gemacht habe. Der Kleine rechtfertigt sich, er sei nur Arzt gewesen, mehr nicht. Seine Arbeit sei wichtig gewesen, humanitär. Der Große glaubt ihm nicht. Kann der Leser ihm trauen? i der Undurchschaubare auch den Leser belügen? Interessant ist die Art des Schreibens von Mahir Guven, der in der Kommunikation absolut glaubhaft ist. Der eingewanderte Papa, der Französisch etwas gebrochen spricht, der vor Religionskonflikten und dem Diktat von Assad floh, seine Ideale in Frankreich sah. Der Große, der den Sound der Banlieues spricht und der Kleine, der es gelernt hat, sich sprachlich auszudrücken. Eine Sprache die zwischen literarischer Kraft und Gossenslang wechselt. Ein authentisches Trio, auch in der Sprache. Der Autor lässt uns eintauchen in der Welt der Migranten von Frankreich, Gettogewalt, lässt uns ihren Frust, ihre Träume spüren. Dem Übersetzer André Hansen gebührt Hochachtung für die Übersetzung eines so schwierigen Stoffs.

Was lügst du? Ey? … Ich hab dich gesehen, Deine Visage, deine Aufmachung, deine Fresse, Alter. … Hör jetzt auf mit deinen Lügen, du Scheißhurensohn. … Hör auf zu lügen, sonst mach ich dich alle, ich schmeiß dich aus dem Fenster und fahr dich zu Brei. Verstanden?

Ein wichtiger Roman

Ein Roman, den man unbedingt lesen sollte. Spannend, ungewöhnlich und man lernt eine Menge über Syrien, über das Leben von Migranten, die ins Getto abgeschoben werden, über Gewalt, die sich genau aus diesen Gründen nicht vermeiden lässt. Ein wichtiges Buch, das zeigt, was schief gelaufen ist, und die Auswirkung dessen, was passiert, wenn keine Integration zugelassen wird.

Ich verstehe nicht, wer die Freunde oder die Feinde der Muslime sind, weil sie selbst untereinander Krieg führen. Zum Beispiel sind die Türken Muslime und mit den Israelis verbündet, die wiederum Feinde der Araber sind, muslimische Marokkaner eingeschlossen, aber die sind Freunde von Frankreich, das wiederum mit aller Welt freund und feind ist.

Mahir Guven wurde 1986 in Nantes geboren, hat türkisch-kurdische Wurzeln und lebt in Paris. »Zwei
Brüder« ist sein erster Roman, mit dem er bereits mehrere Preise und unter anderem den »Prix Goncourt du premier roman« 2018 gewonnen hat.

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