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Wie man einen Diktator satt bekommt von Witold Szablowski - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Wie man einen Diktator satt bekommt 


von Witold Szablowski 



‹Erzähl mir etwas über Saddam.»
‹Ein mieses A…loch›, erwidert er und nickt sich selbstbestätigend zu. ‹Er wurde in der Nähe von Tikrit geboren, und das war schon seit jeher die Stadt der Diebe und Schmuggler. Die Tikriter sind stolz darauf, dass auch Saladin, der große arabische Führer, von dort stammt. Sadam wuchs in diesem Kult auf und hatte offenbar die Idee verinnerlicht, dass er der nächste große islamische Führer werden müsse. Vielleicht musste er so enden, wie es geendet hat.

Sein Koch kommt seinem Gewaltherrscher wie Saddam Hussein, Idi Amin und Fidel Castro ziemlich nahe. Der muss ihm vertrauen, und der Koch kennt seine Gewohnheiten … Diktatoren lügen bekanntlich, was das Zeug hält, besonders vorm Volk. Seinen Koch kann man nicht belügen, der kennt den Despoten in- und auswendig, genauso wie sein Arzt (der den Koch berät). Witold Szablowski hat sie aufgestöbert: die Köch:innen der Diktatoren. Und er lässt sie erzählen. Aus verschiedenen Gründen lebt es sich auch gefährlich in dieser Position. Die meisten sind distanziert gegenüber ihren alten Chefs, aber nicht alle; Verklärungen nicht ausgeschlossen. Darum stellt der Autor kritische Fragen, fragt die Menschen, die unter den Machthabern litten, präsentiert die Lebensläufe der Interviewten. Ein historischer Blick auf das 20. und 21. Jahrhundert, persönlich, nicht in Form von Geschichtsbüchern. Im Vordergrund Topf und Pfanne, im Hintergrund die großen Dramen, Kriege und Genozide – eine Zusammenfassung der historischen Zusammenhänge und Gräueltaten der Tyrannen inklusive. Die Köche von Fidel Castro, Saddam Hussein, Idi Amin, Pol Pot und Enver Hoxha berichten – allerdings ohne Kochrezepte, dafür gewürzt mit vielen Anekdoten.


... dass er seine Feinde den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen habe


Zurück in Uganda musste ich mich zusammenreißen und weitermachen. Unter Amin war es nicht wie bei Obote, der mich mochte und bei dem ich mir viele Freiheiten herausnehmen konnte. Bei General Amin musste ich mich vorsehen. Mein Leben hing von meinen Fähigkeiten ab.


Otonde Odera war der Küchenchef von gleich zwei Diktatoren, von einem sogar zweimal (Milton Obote, nach dem Staatsstreich Idi Amin und nach dessen Sturz wieder Milton Obote). Milton Obote liebte die europäische Küche, besonders die Britische mit, Fleisch und Mince Pies, Puddings. Idi Amin war eher einfach gestrickt, er bevorzugte gefüllte, gebackene Ziege. Für ihn musste Odera sich nach dess Machtübernahme beschneiden lassen. Der Despot drückte ihm eine zweite Ehefrau aufs Auge, inclusive Gehaltserhöhung und einen Mercedes: er sollte ja was darstellen. Idi Amins unkontrollierte Wut ist legendär, ebenso seine Sucht nach Frauen. Wenn ihm irgendetwas nicht passte, knipste er den Beschuldigten aus – auch schon mal ganze Familien. Dem Koch hing die Angst im Nacken. Das meiste ist wahr, was man über Idi Amin erzählt, berichtet er, z. B. dass er seine Feinde den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen habe. Aber Menschenfleisch kam nicht auf den Tisch – Odera weiß, was in seinen Töpfen landete – Mensch garantiert nicht. Das sei ein Gerücht.


Idi Amin war verrückt nach Frauen. Ständig hatte er Affären, eine Geliebte nach der anderen. Keine durfte ihn zurückweisen. Wenn so etwas vorkam, musste die besagte Frau das Land verlassen, sonst drohte ihr seine Rache. Wenn ihm eine verheiratete Frau gefiel, konnte es passieren, dass seine Leute deren Ehemann umbrachten.

 





Hunderttausende Menschen ließ Pol Pot ermorden, manche, weil sie Brillenträger:innen waren


Yong Moeun, die Köchin von Pol Pot ist bis heute verliebt ihn. Ihre Geschichte wird versetzt berichtet. Das ist auch gut so, wenn sie von seinen sanften Augen berichtet, von seiner Schönheit. Er ließ sich seinen geliebten Papayasalat servieren, während das Volk hungerte. Thailändische Gerichte standen auf seinem Plan, das Nationalgericht Kambodschas verschmähte er; er der sich als Nationalist rühmte. Umgeben von einem großen Sicherheitsdienst misstraute er jeder Person in seinem Dunstkreis – ließ Vertraute bei geringstem Verdacht liquidieren, gleich einschließlich der gesamten Familie und persönlichem Umfeld. Hunderttausende Menschen ließ Pol Pot ermorden, manche, weil sie Brillenträger:innen waren. 
Saddam Hussein war ein Idiot mit sadistischen Humor, ein Blender. Schmeckte ihm das Essen nicht, musste der Koch aus eigener Tasche das Menü bezahlen. An der Front musste der Koch behaupten,  Landesvater Saddam bereite selbst liebevoll das Essen für seine Soldaten zu. Das Huhn kam allerdings fertig gekocht an, der Reis halbgar. Den musste Saddam lediglich zu Ende garen, ein wenig würzen, um ihn dann persönlich zu servieren. Jedes Mal hat er den Reis versaut! Zu dumm Reis zu kochen. Ach ja, sein Lieblingsgericht: «Fischsuppe nach Art der Diebe».


Hoxha war Diabetiker

Der Chefkoch von Enver Hoxha in Albanien, ein Herr K., möchte seinen Namen nicht genannt haben,  der Einzige ohne Foto in diesem Buch. Ihm wurde der heikle Job übertragen, nachdem sein Vorgänger liquidiert wurde, da der paranoide Hoxha den beschuldigt hatte, ihn vergiften zu wollen. Aus der Küche gezerrt, zum Erschießungskommando in den Wald geschleppt. Hoxha war Diabetiker, durfte nicht mehr als 1.500 Kalorien täglich zu sich nehmen. Daher war er stets hungrig, was seine Laune noch übler machte, noch aggressiver. Es gibt eine witzige Geschichte zu Esskastanien, die in Albanien nicht zu bekommen war, der Diktator dem Koch aber ein Ultimatum stellte – und dieser ihn schlussendlich übers Ohr haute. Die Schwester von Hoxha lieferte Familienrezepte zum Wohlbefinden. Und Herr K. berichtet, wie er wie ein Weltmeister um sein Leben in der Küche trickste als sich niemand wagte, dem Despoten zu erklären, dass es in Albanien nichts zu essen gab.



Hungersnot in Kuba. Man aß Steak – Grapefruitsteak

 

Man kann Fidel für viele Dinge kritisieren, aber niemals war er hinterlistig. 
‹Er hat euch doch alle enteignet!›, sagte der Exkubaner. 
‹Zuallererst hat er seine eigene Familie enteignet!›, konterte ich. ‹Und hat er euch gezwungen auszuwandern? Nein, hat er nicht. Er hat gesagt, wenn ihr gehen wollt, ist die Tür offen, denn ich möchte ein Land aufbauen, in dem ihr nicht jeden Tag Hummer zum Abend essen werdet.›


Fidel Castro ist der Harmloseste in dieser Gruppe – nach den anderen Ungeheuern fast sympathisch. Er sei ein ruhiger Zeitgenosse gewesen, stets freundlich zu seinem Umfeld. Ernesto Che Guevara wird als aufbrausend und bestimmend beschrieben. Castro habe es immer gut gemeint, ehrlich, mit Kuba, so der Koch – auch wenn es praktisch nicht so funktioniert habe. Fidel bangte um sein Leben, bekanntlich hat die CIA einige Mordanschläge verübt, angefangen von Gift in Zigarren oder Essen über Haarausfall bewirkende Chemikalien oder LSD, bis hin zu Schusswaffen und Bombenanschlägen. Fidel sei verrückt nach Milchprodukten gewesen, insbesondere Eiscreme. Sein Traum war die Coppelia für alle: Jeder sollte in Eisdielen die besten Eissorten aus Schafsmilch, Ziegenmilch und Eselsmilch genießen können. Dazu wurden Kühe gezüchtet, mit dem Ergebnis der sagenumwobenen Ubre Blanca, eine Kuh, die 100 Liter Milch gab. Ein riesiger Propagandafeldzug ging ins Land. Doch leider konnte die Kuh mit dem Rieseneuter ihren Milchrekord nur kurz halten und verstarb recht bald – immerhin schaffte sie es ins Guiness Buch der Rekorde. Hungersnot in Kuba. Man aß Steak – Grapefruitsteak. Alles in allem ist dies ein spannendes Sachbuch, das vergnüglich zu lesen ist – auch wenn der Text manchmal im Halse stecken bleibt. Historisches und Kritisches vom Witold Szabłowski eingestreut, interessante Lebensläufe der Köch:innen und deren sehr persönliche Sicht zum Zeitgeschehen und ihren ehemaligen Arbeitgebern und deren Biografie. Eine Reportage, Kulinarisches mal auf ganz andere Art. Empfehlung! 


Witold Szabłowski, geboren 1980, ist ein polnischer Journalist. Mit 24 Jahren arbeitete er als Koch in Kopenhagen und wurde mit 25 Jahren der jüngste Reporter bei einer der größten polnischen Tageszeitungen, wo er über internationale Themen schrieb. Für seine Reportagen wurde er u. a. mit dem Journalistenpreis des Europäischen Parlaments, dem Ryszard-Kapuscinski-Preis und dem englischen PEN-Preis ausgezeichnet, außerdem wurde er für den Nike-Preis nominiert, Polens renommiertesten Literaturpreis. Witold Szabłowski lebt in Warschau.




Witold Szablowski
Wie man einen Diktator satt bekommt 
Originaltitel : ‎ Jak nakarmi¿ dyktatora, 2019
Übersetzung Aus dem Polnischen übersetzt von Paulina Schulz-Gruner
Reportage, Geschichte, Diktatoren, Kulinarisches, Biografie
Hardcover, 400 Seiten
KATAPULT Verlag, 2021 




Sachbücher

Hier stelle ich Sachbücher vor, die im Prinzip nichts mit Fachliteratur zu tun haben. Eben Sachbücher jeder Art, die ein breites Publikum interessieren könnte.
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