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Wenn Engel brennen von Tawni O’Dell - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing


Wenn Engel brennen 

von Tawni O’Dell 


Der Anfang: Als ich Rudy Mayfield das letzte Mal so nah war, hatte er sich im Truck seines Dads zu mir rübergelehnt, um meine erst kürzlich gereiften Brüste zu begrabschen. Ich schließe die Augen, und für einen Moment rieche ich wieder schwitzende Teenagergeilheit, kaum gedämpft von antibakterieller Seife, anstelle des süßlich-rauchigen Gestanks von verkohltem Fleisch, der sich mit dem ewigen beißenden Schwefelgeruch dieser giftigen Geisterstadt mischt.

Ein Country-Noir-Krimi der Extraklasse! Tawni O’Dell stammt aus dem westlichen Pennsylvania, einer ehemals blühenden Industrieregion, einer Bergbau- und Stahlregion. Heute wird dort keine Kohle mehr abgebaut, Industrieruinen pflastern die Landschaft, ein ausgebeutetes Land, Menschen ohne Zukunft, es gibt keine Investitionen in neue Arbeitsplätze, Armut macht sich breit – man nennt diese Region «Rust Belt». Alte Kohleflöze brennen sich immer noch weiter unterirdisch ihren Weg, vernichten Landstriche, können nicht gelöscht werden. Menschen müssen deshalb umgesiedelt werden, giftige Gase steigen aus dem Boden hevor. Zurück bleiben Geisterstädte. Genau in so einer Geisterstadt, Campbell’s Run, wird zufällig eine Tote entdeckt. Die vermisste siebzehnjährige Camio Truly wurde in eine Erdspalte gesteckt, in der ein Feuer schwelt. Es stellt sich glücklicherweise heraus, das sie bereits verstorben war, als man sie hier hereinsteckte – ein Stück Grillfleisch. Chief Dove Carnahan, Polizeichefin von Buchanan, Herrin über vier Fahrzeuge und sechs Trooper, davon vier Frischlinge, haben es ganz selten mit einem Mordfall zu tun, müssen sich eher mit Eiderdieben und Betrunkenen beschäftigen, mit Schlägereien. Der Erdriss, in dem die Tote steckt, ist schmal. Daher steigt die zierliche Dove barfuß im Kostüm selbst hinab, um die Leiche zu befreien. Corporal Nolan Greely von der Kriminalpolizei fährt heran: verspiegelte Sonnenbrille, «vom stahlgrauen Bürstenhaarschnitt bis zum gemessenen, zielstrebigen Gang ist er durch und durch Cop, da gibt es kein Vertun.» In diesem Fall arbeitet man parallel.

«Ich hatte sämtliche Spielarten von Ablehnung, Sabotage und Schikanen erlebt, die das Y-Chromosom aufzubieten hat. Meistens ist es nicht persönlich gemeint; es wird einfach als normal angesehen. Meine Entrüstung hebe ich mir für die echten Frauenhasser auf.»

Ein undurchdringliches, verstocktes Familien-Komplott

Die fünfzigjährige Dove hadert mit ihrem Alter. Es macht ihr nichts aus – aber den Männern. Sie hat sich durchgekämpft in der Männerwelt der Rednecks und hat es zum Chief gebracht. Mit Nolan Greely verbindet sie viel, aber letztendlich auch gar nichts. Hin und wieder taucht der verheiratete Mann, dessen Ehe schon lange kaputt ist, auf, lässt sich von der Hobbyköchin bekochen, und sie haben Sex – dann geht er wieder. Seine Gefühle versteckt hinter der Sonnenbrille. Dove fährt zu den Trulys – eine der Familien, die von Umsiedlung betroffen waren, die verarmt am Stadtrand vegetiert. White Trash. Shawna Truly, die Mutter von Camio, ist aggressiv abweisend, der Tod ihrer Tochter scheint ihr eher gleichgültig zu sein. Die Familie hat längst den Mörder identifiziert, und sie wollen sich rächen: Es kann nur der Freund von Camio gewesen sein, dieses Bürgersöhnchen, das so gar nicht gern in ihrer Familie gesehen wird. Camio war die Ausnahme in der Sippe, gut in der Schule, kurz vor dem Highschoolabschluss. Sie wollte studieren, abhauen aus dem Dreckloch, das sich ihr Zuhause nennt, fort von dieser üblen Bagage. Über dem gesamten Familienclan thront Miranda, die Schwiegermutter von Shawna. Ein undurchdringliches, verstocktes Familien-Komplott, dass Dove zu durchdringen versucht. Morde sind zumeist Beziehungstaten. Und besonders in diesem Landstrich – wer sollte schon freiwillig hier her kommen? Wer aus der verzweigten Familie hatte einen Grund, Camio zu töten? Oder war es doch der Freund oder eine eifersüchtige Freundin? Stück für Stück dringt Dove in das Leben von Camio ein, ermittelt.

Die eigenen Geister besiegen

Mit fünfzehn hatte ich die bestmöglichen Eltern: Sie waren tot und konnten mir nichts mehr tun.

Plötzlich taucht im Ort ein Mann namens Lucky auf, der nach fünfunddreißig Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde. Er wurde damals als Mörder von Doves Mutter verurteilt. Er bedrängt und bedroht Dove und ihre Schwester Neely, die als Hundetrainerin arbeitet. Er sei unschuldig verurteilt worden und die Schwestern seien schuld daran – sie mögen endlich die Wahrheit sagen. In Dove bricht die alte Geschichte wieder auf. Ihre Kindheit ist nicht besonders freundlich verlaufen. Dieser zweite Strang geht in Erinnerungen zurück in Doves Kinderzeit und verwebt sich mit der Mordgeschichte.

Was kann ein Mensch ertragen? 

Ich verlasse den Befragungsraum mit dem Wunsch, mir die Kleider herunterzureißen, meine Schuhe wegzukicken, in meinen Wagen zu steigen und nackt ans Meer zu fahren, hineinzuspringen und solange zu schwimmen, bis ich eine verlassene Insel finde, wo ich weit weg von all den Menschen und den Dingen, die sie sich einander antun, leben kann.
Tawni O’Dell geht tief in ihre Charaktere hinein, legt sie offen mit allen positiven und negativen Seiten, ihren Gefühlen, lässt die Schutzschilde herunterklappen – nur Nolan Greely behält seine Sonnenbrille auf, aber der ist lediglich eine Randfigur. Selten habe ich eine so eindringliche Charaktertiefe gelesen. Eine Sprache, die in ihrer Intensität tief berührt, scharf beobachtend, mit einem sarkastisch-humorvollen Unterton. Was tun sich Menschen gegenseitig an? Was kann ein Mensch ertragen? Wozu ist ein Mensch fähig, in die Enge getrieben? Émile Zolas «Bestie Mensch» ist vergleichbar. Alltag in einer Kleinstadt, die noch halbwegs gut weggekommen ist beim Wegfall der Industrie – hier komprimiert sich Angebot des täglichen Lebens der Landbevölkerung. Am Rande wohnen die, denen alles genommen wurde, arbeitslos sich selbst überlassen. Ein gnadenlos guter, literarischer Country-Noir-Krimi.


Tawni O’Dell stammt aus der Bergbauregion des westlichen Pennsylvania, schrieb schon als Kind Geschichten und ging als Erste ihrer Familie auf die Universität, um Journalismus zu studieren. Ihr Durchbruch als Schriftstellerin kam mit der kometenhaft erfolgreichen Oprah’s-Entdeckung ihres Romans «Back Roads», der von Michael Ohoven verfilmt wird. «Wenn Engel brennen» ist ihr sechstes Buch und der erste explizite Kriminalroman. Tawni O’Dell erscheint weltweit in mehr als 40 Ländern. Sie schreibt am Folgeroman.


Tawni O’Dell 
Wenn Engel brennen
Original: Angels Burning, 2016
Aus dem amerikanischen Englisch von Daisy Dunkel
Krimi (literarischer Krimi, Country-Noir)
Ariadne Verlag, 2019, 352 Seiten

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