Direkt zum Hauptbereich

Über Machtmissbrauch und Widerstand von Petra Morsbach - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Über Machtmissbrauch und Widerstand 


von Petra Morsbach


Das Gefährlichste an der Macht ist nicht, dass sie obsessiv wirkt, sondern dass sie peinlich ist und verleugnet wird. Sie füllt den Verhandlungsraum nahezu komplett aus, doch alle müssen so tun, als spiele sie keine Rolle, und diese akrobatische Heuchelei bindet einen Großteil ihrer Konzentration und Kraft. Das Englische kenn hierfür eine schöne Metapher: der Elefant im Zimmer (the elephant in the room)


Petra Morsbach erkundet in drei spannenden Reportagen das Thema Machtmissbrauch auf rhetorischer Ebene. Die Sprache erkennen, um sich zu wehren. Als sie selbst betroffen war, hat sie sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. In diesem Essay nimmt sie sich drei Fälle vor, der letzte ist ihr eigener, um das Konstrukt chronologisch zu durchleuchten und sie gibt Tipps, Machtmissbrauch zu erkennen und zu entlarven, sich dagegen zu wehren. Drei Fälle: Warum deckt eine Kirchenbehörde einen Kardinal, von dem seit Jahrzehnten bekannt ist, dass er Schüler und Novizen sexuell missbraucht? Warum will in einem Untersuchungsausschuss nicht mal die Opposition den Fehltritt einer Ministerin ernsthaft aufklären? Warum akzeptieren die Künstler einer Akademie ein Verbot von Dichterlesungen? Vertuschung auf allen Ebenen.


Machtmissbrauch ist, zumindest unter liberalen Verhältnissen, Bluff und funktioniert nur so lange, wie die Umwelt mitspielt – das Opfer und die Umstehenden.

 

Die Kirche mauert

Zunächst wird ein kirchlicher Missbrauchsskandal aus dem Jahr 1995 beleuchtet, der den pädophilen österreichischen Kardinal Hans Hermann Groër betrifft – Ein bekanntes Paradebeispiel für den Umgang der katholischen Kirche mit Sexualstraftätern, die munter weitermachen, von der Kurie gedeckt. Die Kirche mauert, nachdem sich Opfer lautstark melden, die Politik versucht, die Berichterstattung zu verhindern. Als die nicht mehr zu unterbinden ist, neue Opfer um das Wort bitten, versucht der Bischof zu verharmlosen. «Hollabrunner Bubengeschichten», er denunziert die Opfer als «kranke Seelen», deren Erinnerung gestört ist. Vertuschung, Gegenanklage, Schweigen. Am Ende erfolgt eine Entschuldigung, die keine ist, weil sie das Wort WENN impliziert, somit der Beschuldigte seine Schuld in Frage stellt.


Ich bitte Gott und die Menschen um Entschuldigung, wenn ich Schuld auf mich geladen habe.


Amtsmissbrauch und Vertuschung

Der zweite Fall beschäftigt sich mit dem Ehepaar Harderthauer (die Frau bayerische Sozialministerin, er Arzt in der Forensik), die mutmaßlich durch einen Patienten einer psychiatrischen Klinik durch dessen «Arbeitstherapie» Millionen verdient hatten. Ein versierter Ingenieur, der wegen diverser Sexualdelikte einsaß, übte seine Tätigkeit im speziellen Modellbau weiter dort aus, die Modelle wurden über eine speziell dafür gegründete Firma des Ehepaars vertrieben. Die Behörden versuchten, die Zusammenhänge zu vertuschen, eine Mitarbeiterin wurde versetzt. Ein Untersuchungsausschuss hatte kein Interesse, den Fall aufzuklären, wichtige Akten wurden vermutlich später vernichtet.


Ein ehrenwerter Verein


Das ist im Grunde ein unabhängiger Ehrverein, in dem Mitglieder sich dreimal im Jahr treffen und über Kultur reden und kulturelle Veranstaltungen planen.

Im letzten Teil wird Petra Morsbachs eigner Fall beleuchtet: die Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Plötzlich gab es dort die Regel: «Dass Dichter nicht aus einzelnen Büchern lesen dürfen.» Niemand wusste, wer das beschlossen habe und warum; das sei weder von irgendwem vorgeschlagen noch jemals bei einem Treffen diskutiert worden. Petra Morsbach wunderte sich, dass sich keine Sterbensseele dagegen auflehnte. Sie wollte sich den Umgang mit den Mitgliedern nicht gefallen lassen. Deklarierte das als Machtmissbrauch. Aber kein Mitglied wollte darüber sprechen. Im Gegenteil – sie bekam nun die Macht mit voller Wucht zu spüren.


Es wurde geradezu als Obszönität empfunden, wenn ich sagte: Das ist Machtmissbrauch. Wir sind freie Künstler. Wir lassen uns doch nicht ehrenvoll berufen in einen Verein, der uns Verbote auferlegt. Wo wäre da der Sinn? In unserer Satzung steht, wir sollen die Freiheit und Würde der Künste bewahren. Wie können wir das tun, wenn wir selber willkürliche Verbote schlucken?


Der Elefant im Raum

Die Autorin beschreibt in diesem Essay, wie man Machtmissbrauch erkennt. Sie gibt Tipps zur sprachlichen Analyse. «Da gibt es Tricks, sprachliches Handwerkszeug.» Und sie gibt auch Vorschläge, wie man sich wehren kann. Interessant zu lesen, die Fälle kompakt analysiert in einem Zusammenhang. Jeder weiß um den Machtmissbrauch in vielen Situationen – beide Seiten Doch niemand traut sich, das anzusprechen: Der Elefant im Raum.


Petra Morsbach, geboren 1956, studierte in München und St. Petersburg. Danach arbeitete sie zehn Jahre als Dramaturgin und Regisseurin. Seit 1993 lebt sie als freie Schriftstellerin in der Nähe von München. Bisher schrieb sie mehrere von der Kritik hoch gelobte Romane, u.a. »Opernroman«, »Gottesdiener« und »Justizpalast«. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Jean-Paul-Preis. 2017 erhielt sie den Roswitha-Literaturpreis der Stadt Bad Gandersheim und den Wilhelm-Raabe-Preis.



Petra Morsbach
Über Machtmissbrauch und Widerstand
Essay, Sachbuch, Rhetorik, Gesellschaft und Kultur
Hardcover, 368 Seiten
Penguin Verlag, 2020



Sachbücher

Hier stelle ich Sachbücher vor, die im Prinzip nichts mit Fachliteratur zu tun haben. Eben Sachbücher jeder Art, die ein breites Publikum interessieren könnte.
Sachbücher

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - #Erstkontakt von Bruno Duhamel

  Doug, ein ehemaliger Fotograf lebt von der Öffentlichkeit zurückgezogen in den schottischen Highlands. Niemand liked seine Fotos, er ist frustriert, darum hat er seit 17 Monaten nichts veröffentlicht. Doch dann fotografiert er durch Zufall am See vor seiner Haustür ein seltsames Wesen – und teilt den Schnappschuss im sozialen Netzwerk «Twister». Danach geht er duschen, kommt zurück, kann es nicht fassen: «150.237 Personen haben auf ihren Post reagiert; 348.069 mal geteilt». Sofort bereut er seinen Post. Er ahnt, was nun geschehen wird, er hat Büchse die Pandora geöffnet … Ein herrlicher Comic, Graphic Novel, fast ein Cartoon, nimmt mit schwarzem Humor Social Media und Aktivist:innen diverser Gruppen auf die Schippe. Weiter zur Rezension:    #Erstkontakt von Bruno Duhamel

Rezension - Die Entführung von John Grisham

  Mitch McDeere wiederbelebt, den wir aus «Die Firma» kennen – ein Folgeroman. Eher nicht, denn ihn und seine Familie erkennen wir nicht wieder, sie wären austauschbar durch irgendwen. Mitch ist nun Partner in der größten Anwaltskanzlei, Scully & Pershing, in Manhattan, die weltweit ihre Ableger führt. Fünfzehn Jahre ist es her, dass er gemeinsam mit dem FBI die verbrecherische Kanzlei, «die Firma», in der er arbeitete, hat hochgehen lassen. Doch nun holt ihn wieder ein Verbrechen ein: Als ihn sein sterbenskranker Mentor Luca in Rom bittet, einen Fall gegen Arafats Libyen zu übernehmen, gerät er in Tripolis in eine Falle. Der schlechteste Grisham ever. Leider. Langweiliger Spannungsbogen, in diesen Justizthriller oberflächliche Charaktere. Weiter zur Rezension:    Die Entführung von John Grisham

Rezension - Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Theos bester Freund ist der Drache Kokolo, aber das darf keiner wissen. Denn Drachen gibt es ja gar nicht. Mitten in der Nacht klopft Kokolo an Theos Fensterscheibe: Sie müssen schnell etwas unternehmen denn der fiese Adler Malo hat eins der Babys von Tante Xenna Drachen entführt!  Werden sie noch rechtzeitig kommen? Lesenlernen mit einem Comic, kurze Texte, für Leseanfänger konzipiert. Eine spannende Graphic Novel ab 6 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Rezension - Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Kinder lieben Pupsbücher! Wie ist das eigentlich mit den Tieren? Wie pupsen die? Auf einer urkomischen Reise durch das Reich der Flatulenz beobachten Elefant und Maus die unterschiedlichsten Fürze. Und so lernt die Maus, dass Pupsen die normalste Sache der Welt ist! Witzig gestaltet, den Text in Reimform gebracht, macht dieses Bilderbuch Spaß! Lustiges Bilderbuch ab 3 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Rezension - Synthese von Karoline Georges

  Als ein 16-jähriges Model auf dem Weg nach Kanada ist, passiert zeitgleich in Tschernobyl ein Unglück in einem Atomkraftwerk. Das interessiert sie genauso wenig wie Mode. Eigentlich interessieren sie nur Fiktionen in ihren Büchern und Virtuelles. Sie liebt Bilder, Bilder im Kopf, würde selbst gern ein Bild sein. So wird sie Model, auch weil man so viel Geld verdienen kann, ohne studieren zu müssen. Sie macht in Paris Karriere und wird sehr jung finanziell unabhängig, bezeichnet sich selbst als «ein humanoider Kleiderbügel». Weiter zur Rezension:    Synthese von Karoline Georges

Rezension - Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

  Eine türkische Familiengeschichte, die mit der Urgroßmutter und der Großmutter einleitend beginnt. Die nächste Generation wandert nach Deutschland aus – das gelobte Land, wo Milch und Honig fließt. Der Traum, den viele «Gastarbeiter» träumten: Arbeiten, viel Geld verdienen, nach Hause zurückkehren und ein Haus bauen. Und dann wurden aus den Gästen Einwohner. In Deutschland die Türken – in der Türkei die Deutschen – entwurzelt, nirgendwo wirklich zu Hause. Eine Familie, die sich bemüht hat, sich zu integrieren. Ein Zwiegespräch zwischen Sohn und Mutter – zwei völlig verschiedene Generationen, aber auch eine Abrechnung mit der deutschen Gesellschaft und eine mit dem Heimatland und dem Machismo, mit der Erniedrigung der Frauen. Ein hervorragender Gesellschaftsroman, ein Bildungsroman über Migration, Rassismus und Misogynie – meine Empfehlung! Weiter zur Rezension:     Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

Abbruch - Alles Gute von Eva Rossmann

  Alles Gute von Eva Rossmann Abbruch! Wir beide kamen nicht zusammen. Der Anfang konnte mich nicht begeistern, ich fühlte mich eher wie in einem Kochbuch, nicht wie in einem Krimi. Peter Gruber hat Eine App gegen die Spaltung der Gesellschaft geschrieben, «LISA wünscht ALLES GUTE», die Millionen User hat und damit ist er reich geworden, aber er hat den größten Teil in eine Stiftung gesteckt und etwas für seine Nichte bereitgelegt. Weil er sich bedroht fühlt, verabredet er sich mit der Journalistin Mira Valensky. Gruber erscheint nicht, ist plötzlich spurlos verschwunden. Freiwillig untergetaucht – wenn ja warum? Oder was immer auch passiert ist … Ich habe versucht, zu verstehen, was das für eine App ist. Man kann damit Menschen per Strichmännchen «Alles Gute» wünschen? Und damit soll Gruber Millionen verdienen, weil die User dafür bezahlen? Peter Gruber, ein ehemaliger Lehrer, der vor heutigen politischen Tendenzen warnt, die an die 1930er Jahre erinnern, plädiert für mehr Freundl...

Rezension - Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

  Herr Wilson von nebenan hat ein Geheimnis! Er arbeitet in einer Bäckerei und backt die leckersten Kuchen. Da ist sich Liz sicher. Er hat grüne Haut, nur drei Finger, einen verdächtig langen Hals, klumpige Füße und eine seltsame Vorliebe für grüne Blätter. Ist er vielleicht ein Dinosaurier?! Niemand glaubt Liz. Darum fährt sie zum Museum für Paläontologie, denn die müssen es wissen! Mary sagt zwar, die seien ausgestorben, welch ein Quatsch! Doch was hat sie vor? Feines Bilderbuch zum Thema Toleranz ab 4 Jahren. Weiter zur Rezension:     Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield