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Talión - Die Gerechte von Santiago Díaz - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing


Talión - Die Gerechte 


von Santiago Díaz


Erste Seite: 

Ich nehme die Abfahrt der Autobahn und gerate in eine Kontrolle der baskischen Polizei Ertzaintza. Zwei Motorräder stehen quer auf der Fahrbahn, und die beiden Polizisten fordern mich bereits zum Anhalten auf, als ich noch mehr als hundert Meter entfernt bin.


Mit dem Prolog ist klar, Marta Aguilera, eine Journalistin, ist auf der Flucht vor der Polizei, sie greift zur Waffe, will diese Polizisten nicht erschießen. Glücklicherweise werden sie per Funk abberufen. Sie ist eine gesuchte Mörderin. Zurück, ein paar Wochen davor: Marta ist hin und wieder übel und Schwindelgefühle erfassen sie; ist sie schwanger? Ein Kind würde nicht in ihr Leben passen, denn sie sie weiß genau wie sie tickt: Sie gehört zu den Menschen, die kein Gefühl für andere haben, alle ihre Beziehungen scheiterten, weil sie nicht lieben kann. Wie soll sie ein Kind großziehen können? Der Test ist gottlob negativ – es muss einen anderen Grund geben. Ein weit fortgeschrittenes Glioblastoma multiforme, ein Hirntumor, wird diagnostiziert, nicht operabel, zwei Monate bleiben ihr maximal. Marta ist entsetzt, sie muss sich mit ihrem Tod auseinandersetzen – das von einer Minute zur anderen. Was könnte ihrem Leben einen Sinn geben, was könnte sie tun in den letzten Tagen, die verbleiben werden? Und will sie die letzten Tage erleben, die garantiert nicht einfach werden. Marta prüft ihre Kontostände und verkauft ihre Wohnung in Madrid und kündigt den Job. Ein Interview, bittet ihr Chef – das eine noch, dann kann sie gehen. Jonás Bustos ist ein Pädophiler, der mutmaßlich ein achtjähriges Mädchen vergewaltigt und getötet hat. Alles deutet darauf hin, aber der genaue Beweis fehlt letztendlich, er wird auf freien Fuß gesetzt. Marta verabredet sich mit ihm in seinem Haus zum Interview. Doch gleich nach der ersten Frage verlässt sie ihre professionelle Distanz und provoziert den jungen Mann. Die Wut bricht in ihm aus, als er sie erwischt, wie sie heimlich seine Garage durchsucht. Der Pädophile packt sie, gesteht den Mord, weil er sie nun umbringen wird. Sie will sich wehren, die Finger tasten eine Rohrzange. Ein kräftiger Schlag. Der Mann ist tot. Sie säubert wie in Trance den Tatort und sich selbst. Und nun weiß Marta, was sie der Welt geben will: Sie vom Gesocks befreien, von Mördern und brutalen Typen, die die Polizei nicht zu fassen bekommt.


Noir vom Feinsten


Denn ein Vater, der seine Tochter sucht, kann gefährlicher werden als ein Paramilitär im ehemaligen Jugoslawien. Keiner weiß das besser als er, denn er hat sich schon gegen einige wehren müssen.


Das hört sich oberflächlich relativ einfach an, doch der Thriller ist komplex. Marta lernt eine Prostituierte kennen, die ihr behilflich ist, als zwei Kerle sie ausrauben wollen. Nicoleta aus Rumänien. Stück für Stück wird ihr Lebenslauf eingeflochten und der von Cornel, einem üblen Mädchenhändler, Zuhälter und Drogenhändler, der Nicoleta verprügelt, dem sie Geld schuldet, für die Fahrt in Unglück, was völlig grotesk ist. Er hat sie in der Hand, weil er ihre Familie kennt und die Schulden wird sie nie abbezahlen können. Protagonisten, denen Marta begegnet, und sei es nur kurz, bekommen eine eigene Geschichte in der Geschichte – in der sie später eine Bedeutung bekommen werden. Schicksale von Menschen sind eingebunden, wie das von «Pichichi», dem Torschützenkönig, den Vater und Onkel bereits als Kind zum Stehlen anlernen, der ein talentierter Fußballer war, bereits von Madrid angefragt, dann den Fehler seines Lebens beging. Stadtteile Madrids, die ein Tourist niemals aufsuchen würde, arme Menschen, vom Schicksal gezeichnet, Bandenkriminalität. Inspektora Daniela Gutiérrez, eine Figur, die das Leben gezeichnet hat, auch sie und ihr Sohn haben einen eigenen Strang. Ihre Visitenkarte liegt bei jedem Mordopfer – nur warum?, rätselt sie. Noir vom Feinsten.


Der Anfang: 

Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmahl für Brandmahl, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme. (Lex Taliones 21, 23-25)


Der babylonische König Hammurapi (1792–1750 v. Chr.) fasste dieses Prinzip in 282 Paragrafen in seiner «lex talionis» zusammen, wobei allerdings Sklaven und freie Bürger nach anderen Maßstäben bewertet wurden. Auch die Griechen und Römer urteilten nach ähnlichen Prinzipien der Talionsformel. Auge für Auge ist Teil eines Rechtssatzes aus dem Sefer ha-Berit in der Tora für das Volk Israel, auch im alten Testament wird dies gefordert. Im neuen Testament bezieht sich Jesus auf die Tora, hält diesen Racheakt für nicht ungut, zitiert die Regel und sagt: «Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.» Lex Taliones, veraltetes Recht, das nach dem Prinzip der Blutrache funktioniert (die in einigen europäischen Ländern illegal noch bis in die 1960-er ausgeübt wurde). Das Gesetz verbietet solche Taten. Doch hinter vorgehaltener Hand, feiern viele Menschen Marta, die sich «Talión» nennt und die alle für einen Mann halten. El talión, auf Deutsch: die Vergeltung – der Autor stellt hier die Machtlosigkeit von Polizei und Justiz ins Feld und die Frage nach dem Vergeltungsprinzip, nach Schuld und Sühne, kratzt an der Moral. Niemand möchte Vergeltungsgesetze wieder einführen – doch was würdest du denken, wenn jemand den Typ erledigt, der deine kleine Tochter vergewaltigt und getötet hat? Santiago Díaz Cortés schafft es nämlich, dass der Leser sich dabei ertappt, einer Killerin die Daumen zu drücken, den nächsten Fiesling um die Ecke zu bringen. Marta, die weibliche Form von Dexter (US Krimiserie in Print und Film), ein Forensiker, der in der Blutspurenanalyse arbeitet und in seiner Freizeit Selbstjustiz ausübt. Es gibt sogar den Hinweis von Marta selbst:


Wie Dexter sagte, ist das Töten ein Haken, und niemand trauert um den Tod eines Schurken.


Erzählerisch gut aufgebaut, die Figuren mit Tiefe gefüllt 

Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven gezeigt und ist auktorial angelegt. Marta erzählt in der Ich-Perspektive und über alle anderen agierenden Protagonisten berichtet ein Erzähler von außen. Der Leser weiß mehr über die handelnden Personen, die Marta oft nur streift. Und genau das macht diesen Thriller zu einem guten Roman, der sich menschlicher Schicksale bedient und sie gekonnt in die Handlung einbettet. Eine Geschichte mit Cliffhangern, die es dem Autor ermöglicht, die Spannung kontinuierlich auf 550 Seiten hochzuhalten und das auf eine ruhige Art und Weise, ohne sprunghaft zu sein – Fäden, die immer wieder aufgenommen werden, Lebensgeschichten zu Ende erzählt. Ein spannender Noir-Thriller, erzählerisch gut aufgebaut, die Figuren mit Tiefe gefüllt – absolute Empfehlung.


Santiago Díaz Cortés wurde 1971 in Madrid geboren. Nachdem er fünf Jahre lang bei dem Fernsehsender Antena 3 als Content Manager gearbeitet hatte, widmete er sich ganz dem Drehbuchschreiben. Im Laufe seiner Karriere hat er für verschiedene erfolgreiche Produktionsfirmen gearbeitet und zahlreiche preisgekrönte Serien entwickelt. «Talión» ist sein erster Roman. Die audiovisuelle Produktionsfirma La Caña Brothers hat die Rechte an dem Roman Talión von Santiago Díaz erworben, um daraus eine Fernsehserie zu machen. An der Fernsehadaption wird der Autor beteiligt sein, denn als Drehbuchautor hat er mehr als 20 Jahre Berufserfahrung, ist beteiligt  an zahlreichen Serien wie Hermanas, El pasado es mañana, 7 días al desnudo, Yo soy Bea und El secreto de Puente Viejo.


Santiago Díaz  
Talión - Die Gerechte
Originaltitel: Talión, 2018
Aus dem Spanischen übersetzt von Anja Rüdiger
Thriller, Noir-Thriller, spanische Literatur
Paperback , Klappenbroschur, 544 Seiten
Heyne Verlag, 2021




Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
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