Direkt zum Hauptbereich

Streulicht von Deniz Ohde - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing


Streulicht 


von Deniz Ohde


Ich sagte meiner Mutter auf dem Heimweg, welches Wort ich gehört hatte kurz vor dem Stoß. Ich fragte, was es bedeutete. Es ist ein Schimpfwort, sagte sie. Aber du kannst nicht gemeint sein. Du bist Deutsche.


Industrieschnee markiert die Grenzen des Orts, eine feine Säure liegt in der Luft, und hinter der Werksbrücke rauschen die Fertigungshallen, wo der Vater tagein, tagaus Aluminiumbleche beizt. Hier ist die namenlose Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, als Freunde aus der Kindheit heiraten. Im Westen von Frankfurt, irgendwo zwischen Flughafen und Industriepark Höchst wohnt die Familie in einer Mietwohnung, der väterliche Opa lebt im gleichen Haus. Letzterer ist ein Messi, die Schränke vollgestopft, nicht einmal völlig zerschlissene Kleidung kann er wegwerfen. Seine Handtücher fadenscheinig, genauso wie seine Hemden, auf denen man die ehemaligen Streifen nur noch erahnen kann. Der Vater ist nicht besser, häuft nutzlose Dinge in Schränken, kann nichts wegschmeißen, beim Einkauf landen Schnäppchen im Korb, alles, was man irgendwann mal gebrauchen könnte, kleine Elektrogeräte, Spielzeugautos, Badvorleger, Weihnachtsdeko, alles, was man für einen oder zwei Mark bekommen kann. Die Mutter war mutig, war der Dorfkultur am türkischen Schwarzmeer entflohen, eine Welt ohne Strom und fließend Wasser. Hoffnung auf ein besseres Leben hat sie in diese Arbeitersiedlung verschlagen. Sie fristet als Reinigungskraft an der Seite eines Alkoholikers ihr Leben, der im Rausch gewalttätig wird, versucht Ordnung in die zugestellten Wohnungen von Schwiegervater und Mann zu bringen, Wohnungen, die niemand betreten darf.


Das Stigma der falschen Herkunft

Besuch, das waren Fremde, die in unser Versteck eindringen wollten, gegen die man das Haus verteidigen musste, indem man die Eingangstür zweimal abschloss und die kaputten Rollläden nicht reparierte, weil es gut passte, dass sie die Sicht in die Zimmer versperrten.


Die Erzählerin hört als Kind gerne zu, wenn die Mutter aus dem Dorf ihrer Kindheit berichtet, von Ziegen und Schafen. In der Schule lernt sie schnell, dass sie diesen Teil ihrer Familie nicht erwähnen darf. Ein Lehrer fragt sie sogar, ob Deutsch ihre Muttersprache sei. Sie war niemals in der Türkei, spricht kein Türkisch, eine Frage, die tief sitzt. Urlaub kennt sie nicht, nur den der anderen, die sonnengebräunt nach den Sommerferien davon berichten. Ihre Freundinnen haben die angesagten Turnschuhe, modische bauchfreie Shirts, treiben Sport, ihre beste Freundin nimmt Reitunterricht. Sie werden von den Eltern gefördert. Die Freundinnen darf man besuchen, zu ihr nach Hause darf niemand kommen. Die Mutter hat es gelernt, still und anpassungsfähig zu sein, rät der Tochter, es ihr gleichzutun. Einen Ansporn für die guten Schulleistungen gibt es nicht. Auch in der Schule bekommt sie kaum Unterstützung von den Lehrern – man fragt sich eher, was so eine auf dem Gymnasium will. Das Stigma der falschen Herkunft, das ausgrenzt, abblockt, wo Beistand nötig wäre, aufmunternde Worte. Im Gymnasium wird sie als Fremdkörper ausgesiebt. Sie macht eine Ausbildung und holt das Abitur später in der Abendschule nach, wo man ihr wieder erzählt, das sie dort nicht hingehört. Und gleich zu Beginn des Unterrichts ist das Thema Identität zu bearbeiten – etwas zu dem unserer Erzählerin nichts einfällt: 


Ein starker Charakter, der trotz aller Widrigkeiten seinen Weg geht

Woher stammt deine Familie zum Beispiel?›, fragte die Lehrerin. ‹Du bist deutsch, oder?›, sie fragte es in sich vergewisserndem Tonfall, du kommst mir normal vor. Noch immer sah sie mich mit runden Augen an; sie wollte mir helfen. ‹Meine Mutter kommt aus der Türkei›, sagte ich. ‹Ach so, na guck mal, siehst du! Da hast du doch was! Du fühlst dich aber gut integriert, oder?› 


Die Icherzählerin bleibt zwar namenlos, aber wir erfahren, sie findet den Vornamen in keinem Lesebuch, auf keiner Tasse, auf keinem Souvenir – im Gegensatz zu den anderen Kindern. Sie ist ein Niemand. Sie ist alles das, was die anderen auch sind – aber ein Stück, fehlt ihr, genau das Stück, das man ihr täglich vor die Nase hängt, unterschwellig oder direkt. Man grenzt sie nicht direkt aus, es sind die täglichen Sticheleien, Stigmatisierungen, die die anderen nicht wahrnehmen, die die Erzählerin aber ins Herz treffen. Woher kann eine wie sie so gut Englisch? Ein leiser Roman, der niemals mit Wucht oder Wut anklagt, sondern in distanzierter Weise einen Rückblick auf das Leben an dem verhassten Ort zeigt. Ein Bildungsroman, der verdeutlicht, wo das Problem unseres Schulsystems liegt, das Problem in der Gesellschaft. Deniz Ohde zeigt nicht mit dem Finger darauf, sondern erinnert über Situationen aus ihrer Kindheit der Protagonistin, die in ihre Gefühle eingebunden sind. Und das geschieht mit einer markigen Reserviertheit, weit weg, in einen Panzer verpackt. Ein starker Charakter, der trotz aller Widrigkeiten seinen Weg geht. Sprachlich fein und genau hinblickend auf die Mosaiksteine – ein Mädchen, das eigene Vokabeln erfindet, um sich zurechtzufinden. Jeder Satz ist geschliffen, ein Vergnügen für den Lesenden. Nicht umsonst stand dieser Roman auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis.


Deniz Ohde, geboren 1988 in Frankfurt am Main, studierte Germanistik in Leipzig, wo sie heute auch lebt. Für ihren Debütroman Streulicht, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis stand, wurde sie mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung und dem aspekte-Literaturpreis 2020 ausgezeichnet, sowie mit dem «Das Debüt» Bloggerpreis für Literatur 2020 und stand auf der Shortlist für «Text & Sprache»  2021.


Deniz Ohde 
Streulicht  
Roman
Gebunden, 284 Seiten
Suhrkamp Verlag 2020


Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - #Erstkontakt von Bruno Duhamel

  Doug, ein ehemaliger Fotograf lebt von der Öffentlichkeit zurückgezogen in den schottischen Highlands. Niemand liked seine Fotos, er ist frustriert, darum hat er seit 17 Monaten nichts veröffentlicht. Doch dann fotografiert er durch Zufall am See vor seiner Haustür ein seltsames Wesen – und teilt den Schnappschuss im sozialen Netzwerk «Twister». Danach geht er duschen, kommt zurück, kann es nicht fassen: «150.237 Personen haben auf ihren Post reagiert; 348.069 mal geteilt». Sofort bereut er seinen Post. Er ahnt, was nun geschehen wird, er hat Büchse die Pandora geöffnet … Ein herrlicher Comic, Graphic Novel, fast ein Cartoon, nimmt mit schwarzem Humor Social Media und Aktivist:innen diverser Gruppen auf die Schippe. Weiter zur Rezension:    #Erstkontakt von Bruno Duhamel

Rezension - Die Entführung von John Grisham

  Mitch McDeere wiederbelebt, den wir aus «Die Firma» kennen – ein Folgeroman. Eher nicht, denn ihn und seine Familie erkennen wir nicht wieder, sie wären austauschbar durch irgendwen. Mitch ist nun Partner in der größten Anwaltskanzlei, Scully & Pershing, in Manhattan, die weltweit ihre Ableger führt. Fünfzehn Jahre ist es her, dass er gemeinsam mit dem FBI die verbrecherische Kanzlei, «die Firma», in der er arbeitete, hat hochgehen lassen. Doch nun holt ihn wieder ein Verbrechen ein: Als ihn sein sterbenskranker Mentor Luca in Rom bittet, einen Fall gegen Arafats Libyen zu übernehmen, gerät er in Tripolis in eine Falle. Der schlechteste Grisham ever. Leider. Langweiliger Spannungsbogen, in diesen Justizthriller oberflächliche Charaktere. Weiter zur Rezension:    Die Entführung von John Grisham

Rezension - Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Kinder lieben Pupsbücher! Wie ist das eigentlich mit den Tieren? Wie pupsen die? Auf einer urkomischen Reise durch das Reich der Flatulenz beobachten Elefant und Maus die unterschiedlichsten Fürze. Und so lernt die Maus, dass Pupsen die normalste Sache der Welt ist! Witzig gestaltet, den Text in Reimform gebracht, macht dieses Bilderbuch Spaß! Lustiges Bilderbuch ab 3 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Rezension - Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Theos bester Freund ist der Drache Kokolo, aber das darf keiner wissen. Denn Drachen gibt es ja gar nicht. Mitten in der Nacht klopft Kokolo an Theos Fensterscheibe: Sie müssen schnell etwas unternehmen denn der fiese Adler Malo hat eins der Babys von Tante Xenna Drachen entführt!  Werden sie noch rechtzeitig kommen? Lesenlernen mit einem Comic, kurze Texte, für Leseanfänger konzipiert. Eine spannende Graphic Novel ab 6 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Rezension - Synthese von Karoline Georges

  Als ein 16-jähriges Model auf dem Weg nach Kanada ist, passiert zeitgleich in Tschernobyl ein Unglück in einem Atomkraftwerk. Das interessiert sie genauso wenig wie Mode. Eigentlich interessieren sie nur Fiktionen in ihren Büchern und Virtuelles. Sie liebt Bilder, Bilder im Kopf, würde selbst gern ein Bild sein. So wird sie Model, auch weil man so viel Geld verdienen kann, ohne studieren zu müssen. Sie macht in Paris Karriere und wird sehr jung finanziell unabhängig, bezeichnet sich selbst als «ein humanoider Kleiderbügel». Weiter zur Rezension:    Synthese von Karoline Georges

Rezension - Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

  Eine türkische Familiengeschichte, die mit der Urgroßmutter und der Großmutter einleitend beginnt. Die nächste Generation wandert nach Deutschland aus – das gelobte Land, wo Milch und Honig fließt. Der Traum, den viele «Gastarbeiter» träumten: Arbeiten, viel Geld verdienen, nach Hause zurückkehren und ein Haus bauen. Und dann wurden aus den Gästen Einwohner. In Deutschland die Türken – in der Türkei die Deutschen – entwurzelt, nirgendwo wirklich zu Hause. Eine Familie, die sich bemüht hat, sich zu integrieren. Ein Zwiegespräch zwischen Sohn und Mutter – zwei völlig verschiedene Generationen, aber auch eine Abrechnung mit der deutschen Gesellschaft und eine mit dem Heimatland und dem Machismo, mit der Erniedrigung der Frauen. Ein hervorragender Gesellschaftsroman, ein Bildungsroman über Migration, Rassismus und Misogynie – meine Empfehlung! Weiter zur Rezension:     Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

Rezension - Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

  Herr Wilson von nebenan hat ein Geheimnis! Er arbeitet in einer Bäckerei und backt die leckersten Kuchen. Da ist sich Liz sicher. Er hat grüne Haut, nur drei Finger, einen verdächtig langen Hals, klumpige Füße und eine seltsame Vorliebe für grüne Blätter. Ist er vielleicht ein Dinosaurier?! Niemand glaubt Liz. Darum fährt sie zum Museum für Paläontologie, denn die müssen es wissen! Mary sagt zwar, die seien ausgestorben, welch ein Quatsch! Doch was hat sie vor? Feines Bilderbuch zum Thema Toleranz ab 4 Jahren. Weiter zur Rezension:     Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

Rezension - Italien: Food. People. Stories von Haya Molcho & Söhne

  Haya Molcho begibt sich mit ihren Söhnen auf eine italienische Reise von Triest bis nach Sizilien, wobei sie lokale Produzent:innen und Köch:innen besuchen, die über die unterschiedlichsten Facetten der italienischen Kochkunst erzählen und uns ihre liebsten Rezepte verraten. Im zweiten Teil der kulinarischen Reise gibt es italenische Rezepte der Familie, typisch Neni. Levantinische Küche trifft auf italienische Originalrezepte; dabei auch traditionelle italienische Gerichte im Original. Reiseliteratur, Kulinarisches mit vielen Rezepten, Italienische Küche, Levante-Küche – Empfehlung. Weiter zur Rezension:   Italien: Food. People. Stories von Haya Molcho & Söhne