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Sonnenseiten von Ana Penyas - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Sonnenseiten 


von Ana Penyas


Ana Penyas zeichnet in diesem Comic «Sonnenseiten» die Tourismusgeschichte Spaniens an Hand einer Familiengeschichte. Die Story beginnt 1969, in der Franco-Zeit, es ist ein geschichtliches Dokument der Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Region der Levante-Küste. Massentourismus, Immobilienspekulation, Enteignung, Vertreibung, Gentrifizierung und menschliche Dramen: Beginnender Tourismus, der sich ausweitet, sich zum wichtigsten Motor der wirtschaftlichen Entwicklung unter Francos Diktatur entwickelt, der bis heute kein Ende nimmt. Die Landschaft der Küste wird zugepflastert, Bauern und Fischer wechseln zu Jobs als Kellner und Servicepersonal für Hotels. Das Familienleben wandelt sich. 




Aber ein Ort steht für den Widerstand: Zwischen den alten, engen Stadtkernen und den zu Ferienorten gewordenen Küstendörfern erstreckt sich die Huerta, wo sich noch eine Lebensweise hält, die vom unerbittlichen Vormarsch des Stahlbetons bedroht ist. Die historische Region La Huerta erstreckt sich über eine Fläche von 120 km2 rund um die Stadt Valencia. Nicht weit entfernt von der Stadt befindet sich eine grüne Landschaft mit fruchtbaren Obstgärten, Orangenhainen, Weinbergen und Olivenhainen, in der die Zeit stillzustehen scheint, bebaut mit wenigen traditionelle Bauernhäuser, die ursprünglich aus Schilf und Lehm gebaut wurden. Scheinbar unendliche Reisfelder, Erdmandelfeldern und Gemüseplantagen, die von einem jahrtausendealten Netz von Bewässerungskanälen durchzogen sind liefern Nahrung für die Städte. 





In Zeitabschnitten nimmt man als Leser die Veränderung der Landschaft wahr; aber auch die Entwicklung der einzelnen Familienmitglieder. Sandstrände, Fischerboote, die ersten vereinzelten Hotels. Ausländische Investoren kaufen billig Land auf, Bettenburgen zementieren den Küstenstreifen zu. Ana Penyas arbeitet mit Original-Zitaten, z.B. einem Reiseführer aus der Franco-Zeit; sie verwendet Werbeplakate, Prospekte, TV und Radiomeldungen. Alfonso wird 1969 als Kellner im «Palace»-Hotel angeheuert. Sein Vater versteht nicht, weshalb er das gute Leben in der Huerta verlassen will. Er sieht im Tourismus seine Zukunft, verlässt die Familie. Die einen arbeiten, die anderen aalen sich in der Sonne; die Machtverhältnisse sind deutlich. Alfonso heiratet, bekommt drei Kinder, kann es sich aber nicht leisten, eine Wohnung zu kaufen. Als er seine Mutter für ein Wochenende ans Meer holt, kann diese nicht verstehen, wozu man sich im Badeanzug an den Strand legen soll. Die Oma in Huerta bleibt ein traditioneller Rückzugsort im Grünen. Der Sohn von Alfonso arbeitet später im Hotelbau – eine Arbeit, die immer wieder mit Arbeitslosigkeit unterbrochen wird. Eine Tochter schlägt sich mit Jobs auf Tourismusmessen durch. Die zweite Tochter jobbt als Praktikantin für ein ausländisches Architekturbüro. Und das will aus dem sogenannten Elendsviertel, in dem Alfonso wohnt, eine hippes Stadtteil machen, mit Bars und Restaurants, ein Kloster soll zu einem Hotel umgebaut werden. Wohnraum wird immer teurer, die anfängliche Euphorie von Alfonso sinkt immer weiter, auch er versteht die Lebensweise seiner Kinder nicht mehr, wie ihn ehemals sein Vater nicht verstanden hat. Und am Ende kann sich die Familie die Miete im Ferienparadies nicht mehr leisten. Sie müssen ihre Mietwohnung verlassen, die zu touristischen Zwecken vermietet werden soll.



Ana Penyas verfährt in Mehrfachtechnik, mit Aquarell, Gouache und Farbstiften, collagenhaft arbeitet sie Fotos aus Zeitungen oder dem Internet ein. Der Comic ist in warmen Farben im Querformat angelegt. Leider sind die Texte teilweise in so kleinen Buchstaben angelegt, dass ich bei Lampenlicht Schwierigkeiten hatte, sie zu lesen. Dem Comic hätte ein etwas größeres Format gutgetan! Insgesamt ein hervorragendes Werk, das sich sozialkritisch mit dem Tourismus beschäftigt, mit einer fehlgesteuerten Baupolitik unter der Francozeit, die bis heute kein Ende sieht. Die Sicht der betroffenen Bevölkerung. Empfehlung!


Ana Penyas, geboren 1987 in Valencia, wurde 2018 als erste Frau mit dem höchsten spanischen Comicpreis Premio Nacional del Cómic ausgezeichnet.



Ana Penyas
Sonnenseiten
Originaltitel: Todo bajo el sol
Aus dem Spanischen übersetzt von Lea Hübner
Comic, Geschichte des Tourismus, Spanien, Gentrifizierung, spanische Literatur
Hardcover, 144 Seiten, 17 x 24cm
Bahoe Books, 2022 




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