Direkt zum Hauptbereich

Rezension - Dort dort von Tommy Orange

Rezension 

von Sabine Ibing



Dort dort 


von Tommy Orange

Sprecher: Christian BrücknerUngekürztes Hörbuch, Spieldauer: 9 Std. und 10 Min.


Wir sind Indianer und Native Americans, American Indians und Native American Indians, North American Indians, Natives, NDNs und Ind’ins, Status Indians und Non-Status Indians, First Nations Indianer oder so indianische Indianer, dass wir entweder jeden Tag daran denken oder niemals. ... Wir sind registrierte, nicht registrierte und nicht berechtigte Stammesmitglieder, sind Vollblut, Halbblut, Viertel, Achtel, Sechzehntel, Zweiunddreißigstel. Mathematisch nicht darstellbar. Ein unerheblicher Rest.

Sie sind Native American Indians, leben in Reservaten oder irgendwo im Land. Unerträglicher Rassismus schlägt ihnen entgegen. Ein verbleibender Rest Identität. – Was ist Identität? Ein Powwow etwa? Tommy Orange berichtet aus 12 verschiedenen Perspektiven über das Leben von Native American Indians, wie sie sich auf ein Powwow vorbereiten, sich auf den Weg machen. Jeder hat seine eigenen Gründe daran teilzunehmen. Dene sammelt mit seiner Kamera Geschichten indianischen Lebens von heute, will einen Film auf dem Powwow drehen. Jacquie Red Feather hat sich endlich vom Alkohol befreit, kehrt nun zur Familie zurück. Sie hat mit ihrer Mutter und ihren Schwestern Opal Viola und Victoria Bear Shield in den Siebzigern ein paar Jahre auf der Insel Alcatraz in einem Protestcamp gelebt, um mit anderen Native Americans für Gerechtigkeit ihrer Stämme zu kämpfen. Was erwartet sie von ihnen nach all den Jahren? Orvil und Lony, deren Mutter verstorben ist, wuchsen bei ihrer Großtante auf. Die hatte ihnen verheimlicht, dass sie Native American Indians von der Abstammung her sind. Orvil ist auf der Spur der Ahnen, will auf dem Powwow in Oakland seine Identität spüren, den Tanz seiner Vorfahren tanzen, übt mit Youtube-Videos. Der 21-jährige Tony dealt, seit er 13 ist, lebt bei seiner Großmutter, die gern Bücher von Louise Erdrich liest. Menschen mit wenig Chance in einer weißen Welt: Ausweglosigkeit, Armut, Kriminalität, Alkoholismus, Drogen, Vergewaltigung, junge Frauen, die sich selbst das Leben nehmen. Tommy Orange beschreibt Lebensläufe der heutigen Native American Indians gnadenlos – realitätsnah. Beim Wort Indianer kommen Bilder hoch: Tipis, Tomahawk, Adlerfedern, Kriegsbemalung, Wildwest, Karl May … Hollywoodkitsch. Und ein wenig davon ist sicher auch ein Powwow. Aber es ist das Einzige, das für viele die letzte Hoffnung auf Identität ist, eine Veranstaltung, die zum mystischen Ort der Vergangenheit wird. Das Stadion als Heimat, weil man ihnen die Heimat genommen hat. Denn Heimat ist nicht gleich USA.

Du stammst von einem Volk ab, das nahm und nahm und nahm. Und von einem Volk, das genommen wurde. Du warst beides und keins.

Drogen und Kleinkriminalität - Entwurzelung

Junge Menschen ohne Identität, weil ihre Eltern sie ihre ablegten, meinten, damit Amerikaner sein zu können. Alltagsrassismus, eben Indianer zu sein oder vielleicht als Latino beschimpft zu werden – die Suche nach der eigenen Identität. Viel Alkohol ist im Spiel, Drogen und Kleinkriminalität, bildungsferne Menschen. Die Großmütter sind verlässlich, Ratgeber, Mahner, und der ein oder andere der Protagonist lebt ein normales Leben. 12 Menschen unter Hunderten, die zusammenkommen werden – die wenigsten von ihnen kennen sich, aber ihr Herz sagt, das ist ihre Familie. Nicht alle von diesen 12 haben gute Absichten – Pistolen aus dem 3D-Drucker ausgedruckt, die echt aussehen, bei einer Probe sogar funktionieren. Ein Drama – der Leser weiß es von Anfang an. Ein Raub in der Vorbereitung. Ab der Mitte zieht der Schreibstil an, immer mehr Tempo, immer kürzere Kapitel. 12 Menschen, deren Weg sich am Ende kreuzen wird.

Eine spannende Geschichte, die berührt


Tommy Orange schafft es, weder anklagend noch wehmütig zu schreiben, noch zu übertreiben. Eine Beobachtung zum heutigen Leben der Native American Indians – glasklar brutal. Eine spannende Geschichte, ein wichtiger Roman. Niemanden wird die Lektüre unberührt lassen.

Wir haben die Powwows geschaffen, weil wir einen Ort zum Zusammensein brauchen. Etwas Stammesübergreifendes, etwas Altes, etwas zum Geldverdienen, etwas, worauf wir hinarbeiten können, für unseren Schmuck, unsere Lieder, unsere Tänze, unsere Trommel. Wir führen die Powwows fort, weil es nicht viele Orte gibt, an denen wir uns alle versammeln können, an denen wir einander sehen und hören. (Tommy Orange)

Tommy Orange, geboren 1982 in Oakland, die Mutter weiß, der Vater Cheyenne, ist Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribes. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Angels Camp, Kalifornien. Tommy Orange selbst war von dem Erfolg seines Romans erstaunt, denn die Idee dazu stammt aus einer Bewerbung für ein Video-Projekt. Das Buch wurde für den Pulitzerpreis nominiert.


Tommy Orange 
Dort dort
Original: There there
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Hannes Meyer
Roman
Carl Hanser Verlag, 2019, gebunden, 288 Seiten
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 9 Std. und 10 Min., Audible
Sprecher: Christian Brückner

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Drainting: Die Kunst, malen und zeichnen zu verbinden von Felix Scheinberger

  Als Drainting bezeichnet Felix Scheinberger die intuitive Kombination von Malen und Zeichnen. Damit hebt er die jahrhundertealte heute vollkommen unnötige Trennung zwischen Flächen malen und Linien zeichnen auf und verbindet das Beste aus beiden Welten. Früher machten wir einen Unterschied zwischen Zeichnen und Malen und damit fingen die Schwierigkeiten an. Wo es nämlich gar keine Umrisslinien gibt, gilt es, diese abstrakt zu (er)finden. Die intuitive Kombination aus Zeichnen (Drawing) und Malen (Painting) garantiert gute Ergebnisse und unendlichen Spaß! Eine gute Einführung erklärt das Knowhow und Grundsätzliches zum Malen und Zeichnen – gute Ideen, die man selbst umsetzen kann. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Die Kunst, malen und zeichnen zu verbinden von Felix Scheinberger 

Rezension - Lügen, die wir uns erzählen von Anne Freytag

  Helene hätte ihren Mann, Georg, verlassen können – damals – für Alex. Aber sie hat es nicht getan. Und jetzt hat ihr Mann sie verlassen – weil er sich in eine andere verliebt hat. ‹Es ist einfach passiert.›, sagt er, zieht bei Mariam ein. Aber vielleicht ist das Ende gar kein Ende? Vielleicht ist es ein Anfang für die Mittvierzigerin. Vielleicht ist sie gekränkt weil Georg einfach ging – eifersüchtig, eben auch, weil die Kinder diese junge Yogalehrerin mögen. Doch gleichzeitig ist sie jetzt frei – vielleicht für Alex, denn die beiden haben sich seit ihrer Studienzeit in Paris nie aus den Augen verloren. Eine verdammt gut geschriebene Familiengeschichte. Empfehlung!  Weiter zur Rezension:     Lügen, die wir uns erzählen von Anne Freytag

Rezension - Alt, fit, selbstbestimmt: Warum wir Alter ganz neu denken müssen von Lutz Karnauchow und Petra Thees

  Alter könnte so schön sein. Doch ältere Menschen werden in unserer Gesellschaft diskriminiert. Schlimmer noch, sie denken sich alt und grenzen sich selbst aus, sagen die Autor:innen. Das hat Folgen: Krankheit und Gebrechlichkeit im Alter gelten als normal. Altenpflege folgt daher dem Prinzip «satt, sauber, trocken». Und genau dieses Prinzip kritisieren Dr. Petra Thees und Lutz Karnauchow und gehen mit ihrem Ansatz neue Wege. Dieses Buch stellt einen neuen Blick auf das Alter vor - und ein radikal anderes Instrument in der Altenpflege. «Coaching statt Pflege» lautet die Formel für mehr Lebensglück im Alter. Ältere Menschen werden nicht nur versorgt, sondern systematisch gefördert. Das Ziel: ein selbstbestimmtes Leben. Bewegung, Physiotherapie und Sport statt herumsitzen! Ein interessantes Sachbuch, logisch in der Erklärung, ein mittlerweile erfolgreiches, erprobtes Konzept. Weiter zur Rezension:    Alt, fit, selbstbestimmt: Warum wir Alter ganz neu denken müssen von Lutz...

Rezension - Der Kaffeedieb von Tom Hillenbrand

  Gesprochen von Hans Jürgen Stockerl Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 12 Std. und 7 Min. Wir schreiben das Jahr 1683. Der junge Engländer Obediah Chalon, Spekulant, Händler und Filou, hat sich in London gerade mit der Investition von Nelken verspekuliert und eine Menge Leute um ihr Geld gebracht, das mit gefälschten Wechseln. Conrad de Grebber, Direktoriumsmitglied der Vereinigten Ostindischen Compagnie bietet Obediah  die Möglichkeit, der Todesstrafe zu entgehen: Er wird auf eine geheime Reise geschickt, um etwas zu stehlen: Kaffeepflanzen. Spannender Abenteuerroman rund um den Kaffee. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Der Kaffeedieb von Tom Hillenbrand

Helisee - Der Ruf der Feenkönigin von Andreas Sommer

  Im 10. Jahrhundert gehört der westliche Teil der heutigen Schweiz zum Königreich Birgunt, erzählt uns diese Geschichte. Es ist eine wilde Gegend voller Wälder und Sümpfe, wo viele Menschen noch im Glauben an die alten Götter und Geister leben. Die Mauren greifen das Land an. Die Königin Bertha schützt das Land tapfer gegen räuberische Einfälle der mediterranen Mauren. Als der Hirtenjunge Ernestus, den die Leute im Dorf Erni nennen, einer ausgerissenen Ziege in den Wald folgt, überschreitet er unabsichtlich die Grenze des verrufenen Landstriches Nuithônia, dem Land der Feen. Seit Menschengedenken ist es verboten, dieses Gebiet am Fuß der Alpen zu betreten. Und er findet dort einen besonderen weißen Kiesel … Ein epischer Roman der High Fantasy, ein wenig Schweizer Sagenwelt, gut zu lesen. Weiter zur Rezension:    Der Ruf der Feenkönigin von Andreas Sommer

Rezension - Lindis und der verschwundene Honigtopf von Viola Eigenbrodt

Bendix, der Häuptling des Keltendorfs Taigh, ist außer sich: Jemand hat seinen Honigtopf gestohlen! Lindis, der Ziehsohn der Dorfdruidin Kundra und dessen Freunde Finn und Veda wollen der Sache auf den Grund gehen. War der Dieb hinter der wertvollen Amphore her oder hinter deren speziellem Inhalt? War es einer der fahrenden Händler? Und dann ist auch noch die kleine Tochter der Sklavin verschwunden! Unter dem Vorwand, fischen gehen zu wollen, machen sich die drei Jugendlichen heimlich auf die Suche nach den Händlern und kommen dabei einem Geheimnis auf die Spur … Weiter zur Rezension:    Lindis und der verschwundene Honigtopf von Viola Eigenbrodt 

Rezension - So weit der Fluss uns trägt von Shelley Read

  Am Fuße der Elk Mountains in Colorados strömt der Gunnison River an einer alten Pfirsichfarm vorbei. Hier lebt in fünfter Generation in den 1940ern die 17-jährige Victoria mit ihrem Vater, dem Onkel und ihrem Bruder Seth. In der Stadt begegnet sie Wilson Moon, und beide fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Dramatische Ereignisse zwingen Victoria, selbst das Leben in die Hand zu nehmen. Ein wenig schwülstig, doch gut lesbar, atmosphärisch, ein Familienroman, ein Coming-of-age – gute Unterhaltung … eine Hollywood-Geschichte. Die Pilcher-Fraktion wird begeistert sein!  Weiter zur Rezension:    So weit der Fluss uns trägt von Shelley Read

Rezension - Der Gott des Waldes von Liz Moore

Im August 1975 findet wie jedes Jahr ein Sommercamp in den Adirondack Mountains für Kinder und Jugendliche statt. Als Barbara eines Morgens nicht wie sonst in ihrer Koje liegt, beginnt eine großangelegte Suche nach der 13-Jährigen. Barbara ist keine gewöhnliche Teilnehmerin: Sie ist die Tochter der reichen Familie Van Laar, der das Camp und das umliegende Land in den Wäldern gehören. Viele Jahre zuvor verschwand hier der achtjährige Bear, ihr Bruder, der seit 14 Jahren vermisst wird. Hängen die Vermisstenfälle zusammen? Liz Moore zeigt mit ihrem literarischen Krimi ein Gesellschaftsbild, bei dem Frauen nichts zu sagen haben. Spannender Gesellschaftsroman, ein komplexer Kriminalroman. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Der Gott des Waldes von Liz Moore