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Regenwurm und Anakonda von Bibi Dumon Tak und Annemarie van Haeringen - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing






Regenwurm und Anakonda 


von Bibi Dumon Tak und Annemarie van Haeringen

Was Tiere über sich erzählen


Der Anfang: 

Das hier sind Referate von Tieren über andere Tiere. Referate können nämlich superviel Spaß machen. Vor allem, wenn sie mal nicht von der Tierart Mensch gehalten werden. Referate von Menschen sind oft sterbenslangweilig. Warum? Weil der Mensch alles durch seine eigene Brille sieht. Jedes Mal wieder: Mensch für Mensch. Kind für Kind. Klasse für Klasse. GÄHN! Darum wird es Zeit für einen frischen Blick: Tier für Tier. Los geht’s!

Sie sollen Referate vor einem tierischen Auditorium halten, wobei sie nicht über sich selbst berichten dürfen, sondern jeweils ein anderes Tier vorstellen. Ich habe mich schlapp gelacht! Ein herrliches erzählendes Sachbuch, das unbedingt auf die Liste zum Jugendliteraturpreis muß! Jedes Tier hält ein Referat über ein anderes und hinterher dürfen Fragen gestellt werden. Es ist zum Schießen!





Hallo, ich bin ein Gewöhnlicher Putzerfisch und halte heute ein Referat über den Hai. …
Nach einer solchen Gebissreinigung untersuchen Putzerfische außerdem den restlichen Körper des Hais auf kleine Verletzungen. Die sind bei Haien und ihrem wilden Lebensstil gang und gäbe. Wir sind verrückt nach Wundflüssigkeit und toten Hautfetzen. Manchmal putzen wir im Team, weil so ein Hai für uns ewig lang ist. Rund um seine Kiemen und Flossen findet sich der meiste Dreck. Das ganze Zeug entsorgen wir bei unserer Behandlung gleich mit. All inclusive nennt man das in unserer Branche. Aber gut, ich soll heute über Haie reden und nicht über Putzerfische.

Faktenreich mit viel Humor lässt Bibi Dumon Tak aus der Sicht von Tieren über die Artgenossen referieren. Wechsele doch einfach mal die Perspektive! Das interessante ist nicht nur die saloppe Sprache, sondern die Anschauungsweise des Tiers, das berichtet. Der Regenwurm über die Anakonda, der Putzerfisch über den Hai, die Kröte spricht über den Koala... Dabei erfahren nicht nur die anderen Tiere, sondern auch wir Menschen jede Menge Erstaunliches, Lustiges und Lehrreiches darüber, was es für Tiere auf der Welt gibt, wo und wie sie leben, ihre Besonderheiten und vieles mehr. Hättest Du gewusst, dass es nur sieben ausschließlich schwarz-weiße Tierarten gibt? Und dass der Blaue Drache kein Fabeltier, sondern eine Nacktschnecke ist?




Der Tasmanische Teufel lebt allein. Aber sobald es etwas zu fressen gibt, kommen alle auf einmal aus dem Wald gestürzt. Liegt da zum Beispiel ein totes Känguru, fallen die Teufel über den Kadaver her, als hätten sie seit Wochen nichts zu beißen gehabt. Dabei kreischen sie wie Möwen, brüllen wie Löwen, schnauben wie Bisons, ächzen wie Bäume im Sturm. Sie fiepen wie Ratten, fauchen wie Katzen. Und das alles nur, um sich gegenseitig abzuschrecken und nicht kämpfen zu müssen. Doch das bleibt nicht aus. Manchmal sehen die kleinen Teufel zerfledderter aus als der Kadaver, den sie fressen. Voller Wunden und Blut.

Die Amsel erzählt vom Halsbandsittich, der nicht singen kann, weil er keinen Stimmkopf hat, auch Syrinx genannt. Das Gekreisch von den Sittichen sei unerträglich; stell dir vor, sagt sie, der hätte einen Stimmkopf. «Wenn die Halsbandsittiche mal nicht schreien, machen sie alles kaputt. Sie brechen die Knospen von den Bäumen ab und stürmen in Mannschaftsstärke die Futterhäuschen …» Und hernach hält der Halsbandsittich ein Referat über Singvögel. Dabei erklärt er etwas über die Top 100 der Singvögel, wobei das Braunkehlchen als großer Verlierer abschneidet, auf dem letzten auf Platz landet. Er fragt sich, warum der Waldkauz auf Platz sieben stehtt. «Stell dir vor, du schläfst seelenruhig auf einem Ast und plötzlich segelt da mitten in der Nacht so ein Nachtgespenst an dir vorbei.» Der mache Geräusche wie ein Gespenst, und darum merke, wo der Waldkauz wohnt, findet man keine Halsbandsittiche. Der Maulwurf berichtet etwas über die Schnake und besonders  hebt er deren Larven hervor, denn diese sind seine Lieblingsspeise. Die Diskussion anschließend spaltet die Gemüter. Team Maulwurf oder Team Team Tipula-Larve und Team Engerling?

«‹Ich verstehe und ich fresse manchmal auch eine Larve, trotzdem klingt das ziemlich respektlos, Maulwurf.› 
‹Das finden wir auch. Wir sind einer Meinung mit dem Grünspecht.› 
‹Wer seid ihr?› 
‹Wir sind Engerlinge. Kinder vom Maikäfer. Es klingt respektlos, wie du über Larven sprichst. Als wären wir nur als Leckerbissen für andere da.› 
‹Tja, das seid ihr doch auch? Ich als Igel teile die Meinung vom Maulwurf› 
‹Ja, wir Stare stimmen dem Maulwurf auch zu.› 
‹Die Amseln auch!›
‹Und wir Krähen erst. Weise Worte, Maulwurf!› »
‹Also, wir Würmer nicht. Im Gegenteil. Wir gehören zum Team Tipula-Larve und Team Engerling.› ‹Haha! Team Tipula-Larve und Team Engerling. Dass wir Wildschweine nicht lachen. Ihr seid für uns nichts anderes als eine saftige Zwischenmahlzeit. Wir gehören zum Team Maulwurf.› 
‹Das ist ungerecht, ihr Vielfraße!›» 




Auch unterbrechen die Tiere gern Vorträge, wenn sie nicht einverstanden sind. Und wo wir gerade beim Essen sind, der Fuchs hält ein Referat über die Gans, wobei er irgendwann an der Schwachstelle am Hals der Gänse anlangt. Und Knack … Das köstliche Brustfleisch ist das Beste der Gans, sagt er, Gänsekeulen …  - Jetzt reicht es aber! Wenden wir uns dem Zebra zu, das sich nur für Tieren mit schwarz-weißer Färbung interessiert, oder dem Totenkopffalter, der alles über das Totenkopfäffchen weiß. Ein herrliches Buch, das Sachwissen humorvoll verpackt. So lernt man ganz nebenbei beim Lachen. Der LUCHS-Preis März ging an dieses Buch – und ich hoffe, weitere Preise folgen. 


Das Ende:
‹Applaus für den Wurm und die Geburtshelferkröte!› 
‹Kann ich noch was sagen?› 
‹Nur zu, Wurm.›
‹Sollen wir nächstes Jahr nicht auch Tiere aufnehmen, die mit C, V, X und Y anfangen?
‹Gute Idee, Wurm.›
‹Ja, megagute Idee!›

Annemarie van Haeringen hat diese schrägen Typen aufs Papier gebracht. In Mehrfachfachtechnik werden uns die Tiere vorgestellt, einseitig und großformatig porträtiert. Die Illustrationen sind genauso spaßig wie der Text. Der Gerstenberg Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 9 Jahren. Das passt für mich. Ein wunderbares erzählendes Kindersachbuch zum Thema Tiere – absolut Abteilung Lieblingsbuch!



Bibi Dumon Tak, geb. 1964 in Rotterdam, wollte ursprünglich Tierärztin oder Ornithologin werden, studierte dann aber Sprach- und Literaturwissenschaft und wurde Autorin vieler preisgekrönter Bücher. 2018 erhielt sie den mit 60000 € dotierten Theo-Thijssen-Preis für ihr Gesamtwerk.

Annemarie van Haeringen, geb. 1959, wuchs zwischen Hunden, Katzen, Fröschen und Schildkröten auf. Sie studierte Kunst an der Rietveld-Akademie in Amsterdam. Für ihre Werke wurde sie dreimal mit dem Goldenen Pinsel, dem wichtigsten niederländischen Preis für Illustration, ausgezeichnet.





Bibi Dumon Tak, Annemarie van Haeringen
Regenwurm und Anakonda 
Originaltitel: ‎Vandaag houd ik mijn spreekbeurt over de anaconda
Was Tiere über sich erzählen
Kinderbuch, erzählendes Sachbuch, Kindersachbuch, Tiere, Natur, Kinder- und Jugendliteratur
Aus dem Niederländischen übersetzt von Meike Blatnik
Hardcover, 128 Seiten, 18.8 x 25.3 cm
Gerstenberg Verlag 2025
Altersempfehlung: ab 9 Jahren




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Bilderbücher, Kinderbücher Vor- und Grundschule 5 - 10 Jahre








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Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
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