Direkt zum Hauptbereich

Öl auf Wasser von Helon Habila - Rezension

Rezension 

von Sabine Ibing



Öl auf Wasser 

von Helon Habila


Dort unten lag etwas Organisches tot und verwesend herum, vielleicht ein menschliches Wesen, und dieser Gestank mischte sich mit dem unverwechselbaren Ölgeruch. Am Ende des Dorfes sickerte ein winziger Bach dem großen Fluss zu, an dem wir unser Boot zurückgelassen hatten. Die Grasnarbe, die am Ufer wuchs, erstickte unter einem Ölfilm, jeder Halm war mit Flecken übersät, wie Leberflecken auf der Hand eines Rauchers.

Zaq der furchtlose Reporter 

Ein Umweltthriller aus Nigeria der nicht besser beschreiben kann, was geschieht, wenn man gewissenlose Unternehmen schalten und walten lässt. Port Harcourt in Nigeria wird von Ölfirmen regiert. Allerdings müssen führende Persönlichkeiten der Firmen und Ingenieure auf der Hut sein, denn immer wieder werden sie selbst und ihre Angehörigen entführt, um ein Lösegeld zu erpressen. Nicht immer geht die Sache gut aus. Und als die Frau eines britischen Mitarbeiters aus der Führungsriege entführt wird, soll ein Reporterteam die Rebellen aufsuchen, mit der Frau reden, sehen, ob es ihr gut geht, bevor man bereit ist, das Lösegeld zu zahlen. Rufus, ein junger Journalist, der seinen Job nur erhalten hatte, weil er fotografieren kann, sieht seine Chance. Bisher durfte er nur Bilder festhalten.  Er weiß, dass die Reise gefährlich werden kann, schon mancher Reporter musste auf der Suche nach einer Geisel sein Leben lassen – sei es drum, er will endlich schreiben. Ein Boot voller Journalisten von diversen Zeitungen ist unterwegs – und mittendrin entdeckt Rufus Zaq – sein Idol. An der Journalistenschule hatte Rufus an Zaqs Lippen gehangen, seinen Vorträgen gelauscht. Zaq kennt jeder im Land – Zaq der furchtlose Reporter – der, der grandiose Reportagen schreibt, aufzeigt was geschieht im Land.

Nun, sie hatten ein Angebot gemacht, angeboten, das ganze Dorf zu kaufen ... hier waren sie glücklich, auch wenn sie nicht reich geworden waren ... Die Autos waren bereits kaputt und die billigen Fernseher und DVD-Geräte waren schon Schrott, und wo war der Rest des Geldes geblieben? Mit vollen Händen in den Bars von Port Harcourt hinausgeworfen, oder an Zweitfrauen oder bei Trauerfeiern verschwendet, und jetzt waren sie schlimmer dran als vorher. Ihre Flüsse waren bereits vergiftet und taugten nicht mehr zum Fischen, und das Land brachte nur noch Gasfackeln und Pipelines hervor.

Wer ist hier gut und wer ist böse? 

Glühende Sonnenuntergänge über schillernden Flüssen, Magrovenwälder - eine einst wunderschöne Landschaft ertrinkt im Öl, verschlammt, macht jedes Leben zunichte. Auf der einen Seite das Militär, auf der anderen Seite die Rebellen, die Menschen entführen, um sich zu finanzieren. Mitten drin Menschen, die schlicht überleben wollen, mit dem wenigen, was ihnen verblieben ist. Sie werden zwischen den Seiten zerrieben, denn von beiden Instanzen wird unterstellt, sie würden der anderen Seite helfen. Angst und Schrecken verbreiten beide. Wer ist hier gut und wer ist böse? Die, die behaupten, sie würden für die Ordnung stehen, sind sie die Guten, die Vertreter der Regierung? Oder sind es die Rebellen, die die Ölfirmen hinausschmeißen wollen? Sind sie die Guten, die das Land retten wollen? Sind die Rebellen vielleicht nur ehemals Kleinkriminelle, die sich heute die Freiheit auf die Fahne schreiben, um ihre Taten zu legitimieren? Brutale Willkür wird von allen Seiten an den Tag gelegt. Die Ärzte und Krankenschwestern in den Dörfern tun ihr Bestes den Menschen zu helfen, aber auch sie sind machtlos. Die Blutwerte der Dorfbewohner verschlechtern sich und wer gehen kann, der zieht fort. Zurück bleiben Frauen, Alte, Kranke, Kinder.

In der Flussmitte war das Wasser klar, näher an den Ufern aber stand es brackig, eingeschlossen von den Mangroven, in deren Zweigen der Dunst in Klumpen hing wie Baumwollbällchen.

In diesem Roman trifft Literatur auf Thriller

In diesem Roman trifft Literatur auf Thriller. Helon Habila entwickelt den Thrill eigentlich nebenbei. Er schreibt eindringlich; Bilder setzen sich fest, es zerreißt einem fast das Herz, wenn man die Natur versinken sieht. Nie versucht der Autor zu richten, zu moralisieren. Seine Figuren sind authentisch und genauso intensiv wie seine Bilder. Zaq ist eine grandiose Persönlichkeit. Er erklärt Rufus, was die Aufgabe eines Journalisten ist: Aufschreiben was passiert, damit die Leute wissen, was passiert, damit die Nachwelt weiß, was damals passierte. Mehr nicht. Egal wie schockierend etwas ist, wie sehr es berührt, nicht einmischen – hinsehen, beschreiben, der Journalist ist das Auge – auch für das Grauen, auch für den Tod. In Rückblenden wird auf den Lebensweg der beiden Protagonisten zurückgegriffen, wie sich mehrfach ihre Wege kurz schnitten. Während der Militärdiktatur in Nigeria in den Neunzigern erreichte Zaq mit seinen Reportagen Kultstatus. Nichts war ihm zu gefährlich, kein Weg zu weit, kein Loch zu schmutzig. Er war der Reporter, der wochenlang im tiefsten Dreck ausharrte und beobachtete, beschrieb: Rebellen, Militär, Prostitution, alles, was das Land ausmachte. Heute ist er alt, todkrank, schwer vom Alkohol gezeichnet, ein Zyniker und er rät Rufus auszusteigen, bevor es zu spät ist. Aber er ist auch der, der zu Rufus sagt, sie beide müssen bleiben, weiter nach der Frau suchen, als alle anderen Journalisten nach einem Vorfall verängstigt abreisen. Dranbleiben, in die Tiefe gehen, sonst erfährt man nur Oberflächlichkeiten, so seine Devise. Der Roman ist sprachlich ausgefeilt, beschreibt Bilder, die alle Sinne erfassen, inhaltlich politisch, aufrüttelnd, ein Stück Geschichte aus dem Herzen Afrikas. Auf ständig wechselnden Zeitebenen wechseln auch die Perspektiven: Zoom und Weitwinkel im Wechsel, immer der Situation angepasst.

Doch bald stellte ich fest, dass es den Leuten nicht in erster Linie um ihre Gesundheit ging; sie waren tatsächlich bemerkenswert gesund. Eines Tages sah mich ein Ältester scharf an und sagte: ›Ich bin nicht krank. Ich bin einfach nur arm. Können Sie mir dagegen etwas verschreiben? Wir wollen das Feuer hier, das Tag und Nacht brennt.

Dieser Umwelt-Thriller hilft vielleicht, zu verstehen, was in Afrika passiert

Auf dem Buchdeckel steht Kriminalroman. Das finde ich etwas verwirrend. Hier suchen zwei Männer nach einer entführten Frau, aber weder wollen sie ein Verbrechen aufklären noch die Täter überführen. Letztendlich ist Suche nach dieser Frau auch nicht wichtig, sie dient einem andern Zweck: Helon Habila zeigt auf, was im Land geschieht. Große Versprechen der Ölgesellschaften, die Jobs und Reichtum gelobten, Menschen, die dachten, ein besseres Leben zu finden. Geblieben sind verseuchte Landstriche, entwurzelte Menschen, heimatlos, umherziehend, ihrer Nahrungsgrundlage beraubt. Dies ist ein Thriller, leider eine wahre Geschichte, von der niemand in Europa redet. Afrikaner kommen nach Europa – die sollen doch bleiben, wo sie sind, sagen viele. Dieser Umwelt-Thriller hilft vielleicht, zu verstehen, was in Afrika passiert, warum Menschen fliehen: Die Katastrophe im Nigerdelta ist nur eine Geschichte von vielen, um zu begreifen, wo das Problem liegt. In Nigeria verursachen die großen Ölfirmen - alle, die Firmensliste ist lang - eine Umweltkatastrophe kolossalen Ausmaßes. Schlecht verklinkte Pipelines, niedrige Sicherheitsstandards, ohne Umweltauflagen der Regierung, sickert Öl aus den Leitungen. Kinder und Erwachsene zapfen illegal Öl und Benzinleitungen an, um sich ein paar Pfennige zu verdienen. An allen Stellen sickert der Rotz aus den Pipelines und niemand kümmert sich drum: Fruchtbare Böden, und eine Landschaft aus verzweigten Nebenarmen von Flussmündungen wird zerstört, Fische, Vögel und andere Tiere sterben, Menschen werden krank, sterben oder fliehen irgendwohin, ihres Lebensunterhalts und ihrer Heimat beraubt. Eine Naturlandschaft, fast so groß wie die Schweiz, wird zerstört, ein Gebiet, in dem 30 Millionen Menschen leben. Wir brauchen mehr Literatur aus Afrika – mehr, um zu verstehen. Literatur geht ins Herz und das benötigen wir, um es zu öffnen, zu verstehen, was man uns in den täglichen Nachrichten verschweigt.

Helon Habila studierte Anglistik und schrieb für das Hints-Magazin in Lagos, bevor er als Redakteur
zu Vanguard ins Feuilleton wechselte. Sein Roman Öl auf Wasser wurde mit dem deutschen Krimi Preis ausgezeichnet und stand u. a. auf der Shortlist des Pen/Open Book Awards und des Orion Book Awards. Für seine Kurzgeschichte Love Poems erhielt Habila 2001 den Caine Prize for African Writing. Er lebt in den USA und unterrichtet Kreatives Schreiben an der George Mason University in Washington, D. C.

Auszug zu einer Lesung in Heidelberg: Helon Habila liest aus »Öl auf Wasser«

Weitere Literatur zum Thema Afrika:

Libreville von Janis Otsiemi  

Aluta von Adwoa Badoe 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Factfullness von Hans Rosling

Nachrichten und Sensationen haben leider in der Regel eine Negativtendenz, selten wird darüber berichtet, wenn Gutes geschieht, das nehmen wir als Normalität wahr. Aber hat sich die Welt wirklich zum Schlechten verändert und wenn das nicht so ist, wie können wir herausfinden, wie die Welt sich entwickelt? Woran können wir uns erfreuen? Was verführt uns zu einer dramatisierten Weltsicht, die völlig an der Realität vorbeiläuft? Faktencheck zu unserem verzerrten, düsteren Weltbild! Ein wichtiges Buch, um unser Weltbild zu überprüfen und möglicherweise neu auszurichten.

Weiter zur Rezension:   Factfullness von Hans Rosling

Rezension - Franz – oder warum Antilopen nebeneinander laufen von Christoph Simon

Ein Schweizer Kultbuch von 2001, neuaufgelegt, ein Comming of age – Roman, schräg, amüsant, empathisch, spleenig. Franz ist einer, der weiß, dass er irgendwie die Schule überstehen muss, mit Abschluss, aber wozu das alles gut sein soll, hat er noch lange nicht kapiert. Schule ist irgendwie ein Stück Heimat, wenn nur der Unterricht nicht wäre. Ein typisches Jugendbuch, allerdings in einer Form, das auch Erwachsenen gefällt.

Hier geht es zur Rezension:   Franz – oder warum Antilopen nebeneinander laufen von Christoph Simon

Rezension - Ein Nashorn namens Clara von Katrin Hirt und Laura Fuchs

Ein Bilderbuch, das mich begeistert hat, denn es ist eine wahre Geschichte. Letztendlich eine tragische Story aus heutiger Sicht. Es war einmal ein kleines Nashorn, das mit seiner Familie in Indien lebte. Jäger töteten die Mutter, brachten das Jungtier in die Stadt, wo es von einer Kaufmannsfamilie aufgenommen wurde und den Namen Clara erhielt. Schon bald zeige sich, dass man ein Nashorn nicht im Haus halten kann. Kapitän Douwe Van der Meer hatte eine Lösung parat. Er nahm Clara mit nach Europa. Eine Sensation! So ein Tier hatte hier noch niemand gesehen!

Weiter zur Rezension:   Ein Nashorn namens Clara von Katrin Hirt und Laura Fuchs

Rezension - Ein Freund wie kein anderer von Oliver Scherz und Barbara Scholz

Die Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft, die einige Krisen überwinden muss. Ein illustriertes spannendes Kinderbuch zum Vorlesen, ebenso für Erstleser geeignet. Ein Erdhörnchenkind und ein Wolf freunden sich an, haben manches Abenteuer zu bestehen und ihre Freundschaft wird auf die Probe gestellt.

Weiter zur Rezension:   Ein Freund wie kein anderer von Oliver Scherz und Barbara Scholz

Rezension - Zilly und Zingaro - Rätselhafte Monsterspuren von Korky Paul und Valerie Thomas

Ein Bilderbuch mit zauberhafter Grafik und britischem Humor. Einfach köstlich! Zilly die Zauberin und ihr großer schwarzer Kater Zingaro leben im Zauberwald und entdecken plötzlich riesige Fußspuren um ihr Haus herum Wem mögen sie gehören? Ein Fantasy-Bilderbuch aus der Kinder- und Jugendliteratur – Reihe Zilly und Zingaro.

Weiter zur Rezension:   Zilly und Zingaro - Rätselhafte Monsterspuren von Korky Paul und Valerie Thomas

Rezension - Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen von Michaela Karl

Maeve Brennan – eine Biografie 
1917 in Irland geboren erlebte Mave Brennan eine traumatische Kindheit in Dublin während der Unabhängigkeitskriege, denn ihre Eltern waren als Aktivisten mittendrin.  Als Diplomatenkind kam sie in ihrer Jugendzeit in die USA. Ihre Karriere begann sie als Werbetexterin, dann Moderedakteurin beim Magazin »Harper's Bazaar«, wo sie sich als hervorragende Trendforscherin einen Namen machte. »Maeve ist das, was man heute eine Influencerin nennen würde.« Sie wechselte zum »New Yorker«, wo sie unter William Maxwell ihren literarischen Erfolg mit ihren genau beobachteten Kurzgeschichten und Essays feierte. Sie war eine unstete Person, freiheitsliebend, beziehungslos und wechselten Männer und Behausungen wie die Unterwäsche. Sie lebte luxeriös und ausschweifend. Doch irgendwann war damit Schluss. Die Politologin und Historikerin Michaela Karl schreibt sachlich, hat akribisch recherchiert, und gibt dem Leser eine Menge Zitate aus den Kolumnen und Kurzgeschicht…

Rezension - Das Dunkle und das Helle von Kerstin Hau und Julie Völk

Dies ist ein besonderes Bilderbuch, mit viel Empathie stimmungsvoll gestaltet. Das Leben hat dunkle Seiten und helle Seiten. Landet man eine Zeit lang auf der dunklen Seite, so führt immer ein Weg hinaus ins Licht. Ein Bilderbuch für alle Kinder, aber sicher hilfreich in besonders schweren Lebenslagen. Julie Völk hat für dieses Buch die Technik der Cyanotypie, verwendet, eine der ältesten Fototechniken. Die Grafiken sind atmosphärisch, es werden fast ausschließlich kräftige Primärfarben verwendet, was in der Aufteilung einen wunderschönen Kontrast bietet.

Weiter zur Rezension:   Das Dunkle und das Helle von Kerstin Hau und Julie Völk

Rezension - Eisbären von Marie Luise Kaschnitz illustriert von Karen Minden

Marie Luise Kaschnitz war in meiner Jugendzeit meine Lieblingsautorin und so war für mich dies von Karen Minden illustriere Buch ein Genuss, Bleistiftzeichnungen, die sich wunderschön mit der Kurzgeschichte verbinden. »Eisbären«, die Novelle ist Kaschnitz-Fans geläufig: Eine Frau hatte schon geschlafen, wacht auf vom Geräusch des Türschlosses. Endlich kommt ihr Mann nach Hause. Doch er macht kein Licht. Ein Einbrecher? Seine Stimme bittet sie, das Licht nicht auszulassen. Sie soll die Wahrheit erzählen – damals im Zoo – auf wen habe sie gewartet?

Weiter zur Rezension:   Eisbären – Novelle von Marie Luise Kaschnitz, illustriert von Karen Minden

Rezension - Deckname Flamingo von Kate Atkinson

Ein Roman für geduldige, aufmerksame Leser, denn wer nach dem Klappentext einen aufregenden Agententhriller erwartet liegt falsch. Kate Atkinson beschreibt mit viel Humor – Sarkasmus – die Kriegszeit und die Nachkriegszeit in London, ein Gesellschaftsbild von 1940-1950. Ein in England spielender Spionageroman, Ocean-Cover, Swimmingpoolfeeling – doch das ist es nicht. Die 18-jährige Julia Armstrong wird 1940 MI5-Mitarbeiterin. Sie soll britische Nazi-Sympathisanten ausspionieren.

Weiter zur Rezension:   Deckname Flamingo von Kate Atkinson 

Rezension - Nature Sketching von Ueli Bieri

Mit Stift und Pinsel die Natur entdecken, der Schweizer Aquarellmaler lässt den Leser über die Schulter schauen. Er hat seine eigene Technik, die er über 200 Seiten lang präsentiert. Wer erwartet, er könne hier die verschiedenen Aquarelltechniken lernen, die man beim Nature Sketching anwenden kann, liegt falsch. Fauna und Flora in der Schweiz ist das Thema, sehr elegant und differenziert, aber auch sehr einseitig.

Weiter zur Rezension:   Nature Sketching von Ueli Bieri