Direkt zum Hauptbereich

Oberkampf von Hilmar Klute - Rezension

Rezension

Sabine Ibing



Oberkampf 


von Hilmar Klute


Erster Satz: 
In der Rue de Bretagne waren viele Bistros schon voll mit Gästen, nur der Marché des Enfants Rouges kam eher langsam in Gang; die Fische lagen mit offenen Mäulern auf dem Eisbett, und ein Imbissverkäufer briet einen gigantischen Berg von frisch geschnittenen Zwiebeln in einer großen Pfanne.

Die langjährige Beziehung im Eimer, die Vermittlungsagentur pleite, die Jonas Becker mit der Lebenspartnerin und dem besten Freund gegründet hatte, so schließt er sein Leben in Berlin ab. Voll Enthusiasmus zieht er nach Paris, um seinen einstigen Traum vom Leben als Schriftsteller zu verwirklichen. Ein Verlag hatte ihm den Auftrag erteilt, den 86-jährigen österreichischen Schriftsteller Stein zu interviewen, der sein Leben lang um Anerkennung kämpfte. Jonas soll ein Buch über den Literaten schreiben. Dazu stellt man ihm das kleines Verlags-Appartement in der Rue Oberkampf zur Verfügung. Seine Tage verbringt Jonas mit dem Autor, nachts trifft er sich mit Christine, die er am ersten Abend kennenlernt. Eine Selbstverwirklichung, die nicht so verläuft, wie er gehofft hatte.

Jonas lief dicht an den Hauswänden entlang, so als müsste er sich nah an die Stadt schmiegen, der nun jemand ins Herz geschossen hatte.

Die «Rue Oberkampf», klingt so gar nicht französisch; sie ist nach Christophe-Philippe Oberkampf,  einem französischen Industriellen mit deutschen Wurzeln im späten 18. Jahrhundert benannt, die im 11. Arrondissement von Paris liegt. Mitten im Zentrum der pulsierenden Stadt. Kaum in Paris angekommen, erlebt Jonas das Desaster: 7. Januar 2015 - Attentat auf Charlie Hebdo. Es ist sein erster Morgen in dieser Stadt. Zunächst verfolgt Jonas die Berichterstattung sehr genau, doch nach der ersten Neugier verebbt sein Interesse. Plötzlich sind alle «Charlie», aber alles läuft weiter wie zuvor. Jonas betrachtet den Anschlag völlig distanziert. Der Schriftsteller Richard Stein zeigt sich als knorriger Alter, bestimmend und übergriffig. Er dominiert, sagt, wo es im Interview langgeht. Auch bucht er auch einen Flug für sich und Jonas in die USA, um seinen drogenabhängigen Sohn zu suchen, der anscheinend in Schwierigkeiten steckt. Die Reise ist bloß eine Nebensächlichkeit in der Geschichte, ebenso der Besuch eines Freundes in Paris, Dinge die Jonas nicht berühren, nehmen keinen Raum ein.

Die Stadt, das Land, die ganze Welt verfolgte diese zwei oder drei Männer, die mit ein paar Kalaschnikow-Salven die Zivilisation zum Krüppel geschossen hatten. Die Gewalt machte aus einem Volk ein anderes Volk. Sie stellt die Angst an die Stelle der Sicherheit.

Es gibt unendlich viele Beschreibungen der Pariser Straßen, Restaurants und Cafés, Auseinandersetzungen seitens Jonas mit Schriftstellern – das beginnt bereits mit dem Umzug, dem Aussortieren der Bücher, die er mitnehmen möchte, nur zwei Kisten voll aus dem riesigen Sortiment seiner Regale. Corinne ist die Aussortierte, Christine die viel jüngere Studentin, mit der der Mittvierziger eine Beziehung in Paris anfängt, die aber selbst keine Rolle spielt, lediglich als Transmitter zur Bevölkerung dient. Frauen sind Nebensache, präsent die Männer in diesem Roman. Überhaupt zeigt sich Jonas als desinteressiert an anderen Menschen, er ist nur mit sich selbst beschäftigt. Seine Rue Oberkampf, die Restaurants, Bistros und Cafés, seine Bücher. Der Roman ist ein Hoch auf die Pariser*innen, auf ihre Bars und auf Restaurantterrassen, ein Verriss von Berlin. Er beschreibt die Pariser*innen, die auch nach dem Anschlag ihren Lebensstil weiter inszenieren, gerade deshalb: Wir lassen uns keine Angst machen! Christine, die Studentin, öffnet Jonas mit ihrem Blick auf die Banlieues die Augen, zeigt ihm die heruntergekommene Hochhaussiedlungen in der Vorstadt, in der meist Migranten wohnen, arm, von Perspektivlosigkeit geprägt. Das hat rein gar nichts mit dem 11. Arrondissement gemeinsam. Und so entwickelt Jonas eine gewisse Sympathie zu den Terroristen, ein Verständnis für ihr Handeln. Stein wirft Jonas irgendwann vor, dass er ein Pragmatiker sei, der sich nichts traut. Sein Leben bestehe aus Kompromissen. Er habe Schriftsteller werden wollen, aber nie den Schritt gewagt. Auch mit diesem Buch über Stein habe er nicht den Sprung geschafft, lediglich eine Auftragsarbeit angenommen, die ihn in der Komfortzone hält. 

Jonas spürte etwas Kaltes seine Brust heraufkriechen, ein Unbehagen vor der Menge und ihren Ritualen, die ihm eigenartigerweise nicht weniger barbarisch vorkamen als die Hass-Inszenierungen der Mörder. Eigentlich sollte man doch wütend sein, dachte Jonas. Wie konnte man anders empfinden als heillose Wut auf die drei Schweinehunde, die zwölf Franzosen mit ihren Kalaschnikows die Köpfe zerballert hatten. Aber diese Milde, diese zurückgenommene, als Ohnmacht inszenierte Fassungslosigkeit, war auch wieder so ein nationaler Snobismus. Gleich würden sie auch wieder singen, dachte Jonas.

Auf der einen Seite hat mich die Sprache gepackt, einige Passagen sind genial geschrieben. Es macht Spaß, diese Stellen zu lesen. Hilmar Klute ist ein guter Beobachter und er bringt dies auch noch treffend und geschliffen zu Papier. Die Dialoge sind klasse und gewisser Humor ist diesem melancholischen Roman zur Selbstverwirklichung nicht abzuschreiben. Darum lohnt es sich, das Buch zu lesen. Aber andererseits war es für mich ein Oberkampf, das Lesen immer wieder aufzunehmen, da ich die Geschichte an sich recht langweilig fand. Auch die Figuren konnten mich nicht packen, sie blieben mir fern, bedeutungslos. 



Hilmar Klute ist Streiflicht-Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Er hat einige Bücher veröffentlicht, darunter den zeitkritischen Essay Wir Ausgebrannten (2012). 2015 erschien bei Galiani seine »ebenso kluge wie gründliche und liebevolle« (FAZ) Ringelnatz-Biografie War einmal ein Bumerang. Sein literarischer Debütroman Was dann nachher so schön fliegt erschien 2018 und wurde von der Presse hochgelobt. Hilmar Klute lebt in Berlin.



Hilmar Klute 
Oberkampf 
Roman, zeitgenössische Literatur
Gebunden, 320 Seiten
Galiani, 2020



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter von Lukas Bärfuss

Nach «Vaters  Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht. Weiter zur Rezension:    Königin der Nacht – Ein kurzes Buch ...

Rezension - Doppeltes Spiel von K.L. Slater

  Ein luxuriöser Wolkenkratzer mit dem Namen Orbit, in dem die Reichsten der Reichen zusammenkommen: hier arbeitet die attraktive Alicia als Kellnerin. Als der charismatische Eigentümer des Orbit ihr das Angebot macht seine Freundin zu spielen und dafür ein großzügiges Gehalt zu erhalten, in seinem riesigen Apartment im Orbit zu wohnen, nimmt sie an. Immerhin ist es nur ein Spiel, denn er braucht eine Begleitung, will sich vor den vielen Frauen schützen … bis das Spiel plötzlich mehr zu sein scheint. Langweilig, uninteressant, voller Klischees, sprachlich kraftlos – mehr muss ich nicht sagen.  Weiter zur Rezension:   Doppeltes Spiel von K.L. Slater 

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Recherche - Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton

  Die 12-jährige Bo Delafort ist eine «Schlammschwalbe» – Menschen die an der Themse leben, arbeiten als Schlammsucher, sie graben im Schlamm nach kleinen Schätzen und Angeschwemmtem, was man verwerten kann. Als Bo eine schimmernde Münze im Schlamm des Flusses findet, meint sie, der Fluss würde mit ihr sprechen. «Du wirst nicht verlieren …» raunt er ihr zu. Aber was bedeuten die Worte? Eine insgesamt spannende Fantasy ab 12 Jahren mit Tiefgang. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton

Rezension - Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler

  Mischa und Nits sind beste Freunde. Mischa liebt die Poems von Nits. Und der bewundert Mischa, weil er schlau ist und ein wandelndes Lexikon über Tiere zu sein scheint. Lügen geht gar nicht, so Nits Überzeugung. Darum fragt er sich, warum Mischa dem Lehrer weismachen will, er hätte eine Chlorallergie, als der Schwimmunterricht beginnt – Nits erzählt er, die Badehose sei von Mäusen angefressen worden. Überhaupt scheint Mischa in Schwierigkeiten zu stecken – doch wohl eher sein Vater ... Nits betritt in dieser Familie plötzlich eine völlig andere Welt – die der Armut. Aber das ist ein Unterthema – Mischas Vater ist untergetaucht; Mischa und Nits werden ihn nicht im Stich lassen – aber das könnte gefährlich werden ... Spannung, Humor und ein wenig Tragik machen das Buch zu einem Leseerlebnis. Meine Empfehlung ab 11 Jahren für diesen exzellenten Kinderroman.  Weiter zur Rezension:    Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler 

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Rezension - Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter von Wolfgang Schorlau

  Die Gasbranche lässt die Korken knallen. Einer von ihnen soll zum Minister ernannt werden! Besser könnte es nicht laufen. Und sein Sekretär bekommt gleich zu spüren, welch eine Atmosphäre nun im Ministerium herrscht. Karsten Richter hat die Aufgabe, das ganze Grüngeschwafel zur Klimakatastrophe wegzuwischen und die Gesetze abzuschaffen, die die Gasbranche hindern, weiterhin dicke Geschäfte zu machen. Dummerweise berichtet er seiner Mutter davon, was er vorhat. Anstatt stolz auf ihren Sohn zu sein, geht die grüne Aktivistin auf die Barrikaden. Hier geht es um die Rettung des Klimas , der Erde. Sie beraumt eine Pressekonferenz ein und will veröffentlichen, welche Schweinereien ihr Sohn plant. Klasse Satire! Weiter zur Rezension:    Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter von Wolfgang Schorlau

Rezension - Generation Glücklich: Dein Handbuch für mehr Spaß und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme von Jonathan Haidt und Catherine Price

Stell dir vor, du wächst auf in einer Welt voller Smartphones , Likes und endlosem Scrollen, als wäre das Handy an der Hand festgewachsen. Das Handy ist das Erste, was du morgens, und das Letzte, was du abends anschaust – ganz schön viel für ein Kind, oder? «Generation Glücklich» richtet sich an Kinder zwischen 9 und 12 Jahren, die genau in dieser Welt ihren eigenen Platz finden wollen – ohne sich dabei virtuell selbst zu verlieren. Medienkompetenz , Selbstsicherheit, Selbstständigkeit im Umgang mit Medien – Fallstricke kennenlernen, Mechanismen auf Social Media verstehen an Hand von Comics und Übungen. Zu verstehen, wie Social Media funktioniert und wie sie das Gehirn verändert . Empfehlung!  Weiter zur Rezension:     Generation Glücklich: Dein Handbuch für mehr Spaß und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme von Jonathan Haidt und Catherine Price

Rezension - Simone von Nikolaus Heidelbach

  Wally und ihre Mutter gehen zum Babyschwimmen und lernen Simone kennen. Man findet sich sympathisch, und so wird das Flusspferd als Babysitter engagiert, wird die engste Vertraute von Wally. Bevor das Mädchen in die Schule kommt, keinen Babysitter mehr benötigt, begeben sich die beiden auf eine letzte abenteuerliche Flussreise . Sie erleben Wasserfälle , wilde Picknicks und ein fröhliches Schlammbad mit Simones Familie. Ein liebevoll, atmosphärisches Bilderbuch ab 4 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Simone von Nikolaus Heidelbach

Rezension - Die Kathedrale der Vögel von Wieland Freund

  Er hat das Haar eines Raben und die Augen eines Uhus: Munk. Und in seinen Träumen sieht er die Toten. Munk lebt mit seiner Schwester Enna auf der kleinen Insel Nyt. Eines Tages holen ihn die Schergen des tyrannischen Greifen von Amser ab, bringen ihn auf die Burg, wo er als Falkner arbeiten muss. Die Greifenkriegerin Magwit ist sehr interessiert an dem Jungen. Munk besitzt besondere Fähigkeiten, er ist einer der wenigen, die die Vogel- und Menschenwelt vereinigt. Während seine Schwester sich trotz Warnung von Magwit auf die Suche nach ihm macht, entdeckt Munk tief im Burgberg ein grauenvolles Geheimnis ... Weiter zur Rezension:    Die Kathedrale der Vögel von Wieland Freund