Direkt zum Hauptbereich

Moody Food-Fotografie von Corinna Gissemann - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing


Moody Food-Fotografie

 von Corinna Gissemann

Stimmungsvolle Bilder gestalten mit wenig Licht


Wörtlich übersetzt bedeutet ‹moody› so viel wie ‹melanchonisch, launisch oder mürrisch›. Mit der Zeit weden Sie auch über andere Begrifflichkeiten stolpern wie ‹dark and moody›, ‹mystic-light› oder auch ‹Chiaroscuro›. Eine klare Abgrenzung zwischen den Stilen gibt es nicht und meist gehen sie ineinander über. Was diese Bildstile jedoch alle auszeichnet, sind Kontraste, Texturen und vor allem ein ausdrucksstarkes Licht-Schattenspiel.

Auch in der Fotografie gibt es Trends. Derzeit sind im Foodbereich dunkle Fotos in, stimmungsvolle Lichtakzente auf den Lebensmitteln. Allgemein haben wir derzeit einen Trend zur Natürlichkeit und nostalgische Gemütlichkeit, Rustikalität, Vintage. Hier hinein passen Moody-Fotos,: Dunkle Fotos mit Lichteffekt, rustikal präsentiert auf alten Holztischen, Bänken, Säcken; Wassertropfen deuten die Frische an, rustikales Geschirr die Erdung, man soll sich fühlen wie bei Mama Leone auf dem alten Weingut. Diese Fotos nennt man: Dark&Moody, Mystic Light oder auch Chiaroscuro. Hier hat man bei den alten Malern geklaut, die in ihren Bildern durch Hell-Dunkel-Kontrast die Illusion eines dreidimensionalen Raumes auf einem ebenen Malgrund erzeugten. Beschrieben hat es zuerst Apollodor, ein griechischer Maler der Antike, der mit schraffierten Schatten Volumen andeutete. In der Renaissance hat die Technik des Chiaroscuro Leonardo da Vinci wieder aufleben lassen. Zu dieser Zeit wurde auch die Ölfarbe erfunden und die Technik verfeinert, siehe die Bilder von Caravaggio, Rembrandt, Georges de La Tour. In der Fotografie geht es darum, den Hintergrund dunkel zu halten und den Fokus auf das Objekt (hier das Gericht) zu lenken, denn das Auge nimmt zuerst den hellsten Bereich auf einem Foto wahr. Das Ganze sollte in der Komposition eine natürlich-rustikale Wirkung haben, Frische ausstrahlen, das Accessoire darf gern ein wenig shaby wirken.






Stimmungsvolle – «moody-Food-Fotos» verdanken ihre Atmosphäre und ihren Ausdruck dem Einsatz von wenig Licht und noch mehr Schatten. In diesem Buch zeigt die bekannten Food-Fotografin Corinna Gissemann ihren Bildstil Schritt für Schritt: Food-Motive in Szene setzen, Formen und Oberflächen mit verschiedenen Lichtsetzungen und Abschattern betonen, am Rechner in Lightroom nachbearbeiten. Zunächst geht es um die Ausrüstung: Kamera, Stativ, Objektiv, Bildbearbeitung, Softbox, Fotolampe, Arbeitsplatz, Requisiten. Um einen dunklen Hintergrund zu schaffen, werden Spanplatten mit Farbe bearbeitet. Das erste Fotomodell ist hier eine Birne.





Und schon kommt ein Tipp, wie man zickige Modelle dazu bekommt, gerade zu stehen, nicht in  Schieflage zu geraten: Zahnstocher von hinten eingepiekst, Knetmasse angepappt und schon steht das Modell gerade. Kameravoreinstellungen, Weißabgleich nicht vergessen, und weiter geht es zu den vorbereiteten Abschattern: ablichten. Nun geht es weiter an die Fotobearbeitung: Tiefen- und Lichterbeschnitt wird erklärt, Profikorrekturen und chromatische Aberrationen, folgend die Bearbeitung mit Belichtung und Kontrast, Lichter, Sättigung, Bildschärfe, Vignettierung. Im nächsten Kapitel geht es um Licht und Schatten, Lichtrichtung, Lichtquelle, Abschatten bei Tages- und Dauerlicht. Auch das Thema Bildlooks wird gut erläutert: Storytelling, die Bildaussage, mit Bildern Geschichten zu erzählen, Emotionen zu wecken. Und hier darf die Bildgestaltung nicht fehlen. Fotos in der Box – ein Pappkarton wird dafür vorbereitet, oder ein Tunnel gebaut, Lichtstrahl durch die Taschenlampe. Werden Sie kreativ!, fordert uns Corinna Gissemann auf. Welche Requisiten passen zum Moody-Bildstil? Einfach auf dem Flohmarkt danach Ausschau halten. Fotounter- und -hintergründe aus Holz, Besteck, Stoffe und vieles andere mehr lassen sich wundervoll dekorieren. Neues auf alt trimmen, Papier mit Kaffee zu antiken Schriftstücken umwandeln. Es gibt eine Menge Tipps für das Programm Lightroom, mit dem man einfach und effektiv arbeiten kann. Am Ende kommt Bewegung in die Fotos. Lebhafte Bilder machen was her: Mehl, das durch das Sieb fällt, tropfendes Wasser, rauchende Kerzen, auch hier wieder Schritt für Schritt der Weg zur Gestaltung.




Das Buch eignet sich für Anfänger in der Food-Fotografie, aber auch für Fortgeschrittene, die hier eine Menge Tipps mitnehmen können. Alle Schritte werden genau erklärt, Komposition des Bildes, Einstellungen der Kamera, Bearbeitung am Rechner. Das Buch ist für jeden Fotografen eine Bereicherung, der sich mit Stillleben befasst und den die Moody-Fotografie reizt.



Wie schwierig der Einstieg in die Food-Fotografie sein kann, weiß Corinna Gissemann aus eigener Erfahrung. Als Autodidaktin brachte sie sich alle Grundlagen selbst bei und verkaufte ihre Food-Fotos bald sehr erfolgreich an Stockfoto-Plattformen und Industriekunden. Heute gibt sie ihr Wissen mit viel Leidenschaft in Coachings und Workshops weiter. Mehr über Corinna Gissemanns Arbeit und ihren Blog auf ihrer Website Corinna Gissemann.


Corinna Gissemann
Moody Food-Fotografie
Stimmungsvolle Bilder gestalten mit wenig Licht
Fotografie
dpunkt Verlag, 2019, 214 Seiten, komplett in Farbe, Broschur

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann

Rezension - Der Freund von Tiffany Tavernier

  Mit dem Haus im Grünen hat sich Thierry einen Traum erfüllt. Zusammen mit Élisabeth genießt er die Ruhe und Abgeschiedenheit des Wohnens nahe einem Wald. Die einzigen Nachbarn weit und breit, gleich nebenan, Guy und Chantal. Eins Tages im Morgengrauen stürmt die Polizei das Gelände. Die Nachbarn und gute Freunde, werden in Handschellen abgeführt. Was haben sie getan? Journalisten belagern das Gelände. Ein psychologischer Kriminalroman , der sich mit den Folgen der «Opfer» befasst, denn letztendlich sind die schockierten Freunde auch Opfer des Massenmörders. Weiter zur Rezension:    Der Freund von Tiffany Tavernier

Rezension - Die Unbehausten von Barbara Kingsolver

  Gesprochen von Vera Teltz Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 16 Std. und 23 Min. Die amerikanische Mittelschicht geht am Krückstock – sehr fein beschrieben in diesem Roman. Alles scheint herum um Willa Knox zusammenzubrechen: Als freie Journalistin steht sie ohne Aufträge da. Ihren Job hatte sie verloren, weil kaum noch Zeitungen gekauft werden. Ihr Mann Iano verliert seine Professur, Sohn Zeke, als Absolvent der Harvard Business School der große Hoffnungsträger der Familie, ist gerade Vater geworden; seine Frau jedoch kurz nach der Geburt Suizid verübt hat. Und ihr schwerkranker Schwiegervater schwärmt vom «Megafon», der gerne Präsident werden möchte, dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Doch dann erbt Willa von ihrer Tante ein Haus, und das Haus könnte ihre Rettung sein. Weiter zur Rezension:   Die Unbehausten von Barbara Kingsolver

Rezension - Brackwasser von Jana Stieler

  Stille Wasser sind tief. Und manche sogar tödlich … Vor über zwanzig Jahren hatte Svea sich geschworen, nie wieder in ihre norddeutsche Heimat an der Schlei zurückzukehren. Nach einem Sommerfest verschwand Sveas beste Freundin ohne jede Spur. Vor kurzem wurde ein Knochen von ihr gefunden, tief im Wald versteckt, im Wald des Onkels. Ihr Onkel hat sich danach erhängt; er wird verdächtigt, der Suizid als Schuldeingeständnis bewertet. Der Mann, der sein Haus, das Grundstück, den Wald und sein Vermögen Svea hinterließ. Weder ihre Mutter als Schwester, noch ihre zwei Geschwister erhielten auch nur einen Cent. Der Rest der Familie ist sauer auf Svea. Nun kommt sie auch noch zurück, um wieder hier zu wohnen. Eine toxische Familie , ein Thriller ohne Tiefe, bei dem leider Langeweile aufkommt. Weiter zur Rezension:    Brackwasser von Jana Stieler 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - Ein Haus für viele Sommer von Axel Hacke

  Ein Haus im Süden, der Traum von vielen Menschen. Doch ein Haus, wenn es einige Jahre auf dem Buckel hat, bringt manche Überraschung mit sich. Magische Momente ... die gibt es natürlich auch, aber genauso viel Arbeit. Axel Hacke erzählt in seinen Geschichten über die Menschen von Elba, beschreibt Landschaft, berichtet von Schlangen, Gottesanbeterinnen, Fakirtauben, Ziegendreck vor der Haustür, von olive und oliva und von einem Schreiner, der aus dem Ehebett heraus ein Wildschwein erschießt. Er erzählt von seiner Liebe zur Insel Elba im ligurischen Meer, gegenüber von Grosseto in der Toscana. Ein feines selbstironisches, humorvolles Buch für entspannte Stunden, Sommerfeeling. Empfehlung!  Weiter zur Rezension:    Ein Haus für viele Sommer von Axel Hacke

Rezension - Von Larven und Libellen von Gesa Rensmann, Anne Voges

Das hübsch gestaltete Bilderbuch beschreibt das Leben einer Larvenkolonie in einem Teich . Eine Gruppe von Wasserlarven am Grund des Teichs hat ein vergnügtes Leben: Sie huschen und toben durch den Schlamm. Hin und wieder klettert eine Larve nach oben, verschwindet an der Oberfläche und ward nie wieder gesehen. Warum kommen sie nie zurück? Die Larven wundern sich und eine schlägt vor, dass die nächste Larve, die nach geht, zurückkommen muss und berichten, was sie dort oben erlebt hat. Metamorphose , Tod, eine Tiergeschichte als Hilfe für die Trauerarbeit mit Kindern . Ab 4 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Von Larven und Libellen von Gesa Rensmann, Anne Voges