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Misogynie – Die Geschichte des Frauenhasses von Jack Holland - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Misogynie – Die Geschichte des Frauenhasses 


von Jack Holland



Wenn alle Menschen frei geboren sind, wie kommt es dann, dass alle Frauen in die Sklaverei geboren wurden Philosophin Mary Astell (1668-1731)

Jack Holland war einer der bekanntesten irischen Journalisten. Er hat viele Jahre an diesem Buch gearbeitet, und es war ihm ein Anliegen, es vor seinem Tod zu Ende zu stellen. Es wurde posthum unter Mitwirkung seiner Tochter Jenny Holland veröffentlicht, die auch das Vorwort schrieb. Holland versucht der Frage auf den Grund zu gehen, woher der Frauenhass kommt, wo er seinen Ursprung hatte. Das Sachbuch ist sehr umfangreich, leicht zu lesen, unterlegt mit britischem Humor. Ich gehe nicht mit allen Thesen konform, aber in der Grundsätzlichkeit stimme ich zu. Es ist ein wichtiges Buch, auch interessant für Männer, denn hier wird auf verständliche Weise erklärt, welch tief verwurzelte Strukturen der Zurückstellung von Frauen zugrunde liegen. Es sensibilisiert für das Thema Gleichberechtigung und Respekt. 





Man kann den Zeitpunkt, an dem eine Diskriminierung beginnt, nur selten genau bestimmen. Aber wenn der Frauenhass einen Ursprung hat, dann irgendwann im 8. Jahrhundert v. Chr. im östlichen Mittelmeerraum.

Schaut man zurück ins Reich der Antike, so gehörten Frauen in Griechenland und Rom zum vererbbaren Besitz erst ihres Vaters, übergehend zum Ehemann, der alle rechtliche Gewalt über die Frau hielt, bis hin zur Verhängung der Todesstrafe, wenn Frau sich in seinen Augen nicht regelkonform verhielt. In Europa wurden Frauen als Hexen verbrannt. In vielen Ländern Europas verlieren noch im 19. Jahrhundert Frauen bei der Eheschließung den eigenen Besitz an den Gatten; und ein Züchtigungsrecht gegenüber der Ehefrau ist gesetzlich verankert. Ehebruch des Mannes galt niemals als Scheidungsgrund (in Großbritannien bis 1923 im Gesetz verankert). Beging aber eine Frau Ehebruch oder wurde sie vergewaltigt, so musste der Mann sie verstoßen, weil ihm ansonsten seine Bürgerrechte verloren gingen. 1750 v. Christi hatte der Mann immerhin die Möglichkeit, die Frau zu begnadigen, entsprechend den Gesetzen von König Hammurabi. Letztendlich war die Frau aber auch hier vom guten Willen des Mannes abhängig. In Griechenland war man der Meinung, dass ein Vergewaltiger eine kleine Geldstrafe zahlen müsse, die Frau aber sei die Verführerin und habe somit die Todesstrafe zu erhalten. Frauen kämpfen noch heute um gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Witwenverbrennung und Klitorisamputationen in Nordafrika, Massenvergewaltigung von Frauen in Kriegsgebieten sind bis heute bittere Realität. 








Das Weibchen ist nämlich gleichsam ein verstümmeltes Männchen, und die Monatsblutungen sind Samen, aber kein reiner. (Aristoteles)
 
Plato (427 - 347 v. Chr.) behauptet, Frauen seien das Ergebnis einer physischen Degeneration des Menschen, «nur Männer sind direkt von den Göttern geschaffen und haben eine Seele.» In acht Kapiteln zeigt Jack Holland den geschichtlichen Verlauf zur Verachtung der Frauen auf. Von Platon über Aristoteles, das Alte Testament bis hin zu Rousseau, die allesamt Hass auf Frauen ausdrücken, bzw. Begründungen für die Minderwertigkeit der Frau liefern. Sei es die unheilbringende Pandora der griechischen Mythologie oder Eva, die erste Frau, aus jüdisch-christlichen-muslimischen Religionen, die die Menschheit aus dem Paradis vertrieb. Der Sündenfall steckt in der Frau! Der Autor setzt in Griechenland mit seiner Recherche an. Aristoteles, Sokrates und Plato stellen in der griechischen Philosophie, die Frauen von Natur aus als minderwertig gegenüber den Männern dar.

Die erste schriftliche Überlieferung des Pandora-Mythos stammt von Heridod. ... Zeus weist die Götter an, Pandora einen ‹hündischen Sinn und verschlagene Art› einzupflanzen. Dann schickt er sie Epimetheus, dem jüngeren Bruder des Prometheus. Der erliegt ihrem Zauber und nimmt sie zur Gemahlin. ‹Das Weib aber hob mit den Händen den mächtigen Deckel vom Fass, ließ alles heraus und schuf der Menschheit leidvolle Schmerzen.

Diese Logik hatte Tertullian (ca. 160-230 n. Chr.), einer der Gründerväter der römisch-katholischen Kirche ... ‹Du bist es, die dem Teufel Eingang verschafft hat, du hast das Siegel jenes Baumes gebrochen, du hast zuerst das göttliche Gesetz im Stich gelassen ... So leicht hast du den Mann, das Ebenbild Gottes, zu Boden geworfen.

Seit dem Sündenfall von Pandora, bzw. Eva sind die Menschen dazu verdammt, ihre Muße abzulegen, sich durch Arbeit zu abplagen; sie sind Krankheit, Alterung und Tod ausgesetzt. Die Frau ist die Plage der Menschheit! Es gibt Hinweise, dass die Kelten eine matriarchalische Gesellschaftsstruktur führten, und es ist klar, dass die Etrusker eine völlig gleichberechtigte Gesellschaftsform hatten, ebenso die Ägypter, bis die Eroberer, die Römer, ihnen ihren Stempel aufdrückten. Holland berichtet von einer «obskuren Sekte», die später «zur weltbeherrschenden Religion» aufsteigt, die das frauenfeindliche Weltbild des Judentums und dem der Römer übernimmt: Die Christen. Er berichtet von dem von Männern erfundenen Marienkult und seine Auswirkung auf die Gesellschaft. Die Reinheit in Person, frei von jedem Sexuellen, ein Vorbild für die Frau, die unerreichbare Geliebte für den Mann. Holland schildert, wie Misogynie in der Literatur und in der Kunst umgesetzt wird, die Heilige, die Hure, die Hexe, eine Femme-fatale oder Femme-fragile. Die Urangst des Mannes vor der Frau wird angesprochen. Die Kraft und die Macht der Mütter, die sexuelle Anziehungskraft der Frau auf den Mann. Helenas Schönheit löste den grausamen Trojanischen Krieg aus.




Simone de Beauvoir hatte in «Das zweite Geschlecht» bereits alles zum Thema gesagt. Jack Holland macht hier einen weiten Rundumschlag. Manches ist vielleicht weit hergeholt. Leider wissen wir nicht genug über vergangene Kulturen, die im Kolonialismus von den Europäern schlicht ausradiert wurden; andereKulturen, die noch weiter zurückliegen, von denen wir heute nicht genug wissen. Holland beschäftigt sich in der Hauptsache mit den heute beherrschenden Kulturen, die aus der Antike und der alttestamentarischen Säule der jüdisch-christlich-muslimischen Religion stammen. Insofern ist das nur ein Teilbereich der Menschheitsgeschichte. Die Angst des Mannes vor der Macht der Frau: Die Gebärende, die Macht der Mutter, die Macht der Verführerin – dagegen die Schwäche des Manes trotz aller seiner körperlichen Überlegenheit. Es steckt eine Menge interessantes Material in diesem Buch und es ist sehr lesenswert. Auch wenn man nicht mit jeder These übereinstimmt – was zählt, ist das, was das Buch im Kopf auslöst, welche Gedankengänge fließen. Das Übel an der Wurzel packen, achtsam sein, alle Menschen sind gleichgestellt.


Edward John «Jack» Holland wurde 1947 in Belfast geboren und starb 2004 in Brooklyn, New York City. Der irische Autor und Journalist lebte ab 1977 als freier Autor mit seiner Familie in New York, wo er wegen seiner «kenntnisreichen Kommentare» zur Nordirlandpolitik sich einen Ruf erwarb. Sein letztes Buch «Misogynie» war für ihn sein wichtigstes Projekt.



Jack Holland   
Misogynie – Die Geschichte des Frauenhasses
Originaltitel: Misogynie – The World´s Oldest Prejudice, 2006
Aus dem Englischen übersetzt von Waltraud Götting. 
Mit einem Nachwort von Marlene Streeruwitz
Sachbuch, Soziologie, Gesellschaft, Feminismus
Fester Einband, 416 Seiten
Zweitausendeins, 2020 



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Hier stelle ich Sachbücher vor, die im Prinzip nichts mit Fachliteratur zu tun haben. Eben Sachbücher jeder Art, die ein breites Publikum interessieren könnte.
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