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Milchmann von Anna Burns - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Milchmann 


von Anna Burns 


Der Anfang: 

Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb. Er wurde von einem staatlichen Mordkommando erschossen, und der Tod dieses Mannes war mir herzlich egal.


Eine junge Frau zieht ungewollt die Aufmerksamkeit eines mächtigen und erschreckend älteren Mannes auf sich, Milchmann. Die Milch hat er noch nie geliefert – sondern Molotow-Cocktails und Waffen. Sie schlägt einen Bogen um ihn und versucht, alle in ihrem Umfeld über ihre Begegnungen mit dem Mann im Unklaren zu lassen. Doch Milchmann ist hartnäckig. Und als der Mann ihrer älteren Schwester herausfindet, in welcher Klemme die junge Frau steckt, fangen die Leute an zu reden. Plötzlich gilt sie als ‹interessant› - etwas, das sie immer vermeiden wollte. Hier ist es gefährlich, interessant zu sein. Doch was kann sie noch tun, nun, da das Gerücht einmal in der Welt ist? Milchmann ist die Geschichte einer jungen Frau, die nach einem Weg für sich sucht - in einer Gesellschaft, die sich ihre eigenen dunklen Wahrheiten erfindet und in der jeglicher Fehltritt enorme Konsequenzen nach sich zieht.


Wen das Lesen im Gehen gefährlich wirkt

Damals, an diesem Ort, sagten die Leute, wenn es um die politischen Probleme ging, die Bomben und Waffen und Tod und Verstümmelung mit sich brachten: ‹Deren› Seite war es› oder ‹unsere Seite war es› oder ‹deren Religion war es› oder ‹unsere Religion war es› oder ‹die waren es› oder ‹wir waren es›, wenn sie meinten: ‹die Staatsbefürworter waren es› oder ‹die Staatsverweigerer waren es› oder ‹der Staat war es›. Hin und wieder strengten wir uns an und sagten ‹Befürworter› oder ‹Verweigerer›, aber eigentlich nur, um Außenstehende aufzuklären; wenn wir unter uns waren, machten wir uns die Mühe eigentlich nicht. Das ‹Wir› und ‹Die› war uns in Fleisch und Blut übergegangen: praktisch, geläufig, für Eingeweihte, und es ging schnell über die Lippen, ohne das mühsame Erinnern von und Ringen mit doppelbödigen Formulierungen oder diplomatischen Nettigkeiten.


Ich habe das Buch fünf Mal angefangen, beim letzten Mal mir vorgenommen, weiterzulesen, komme, was da wolle. Und nach ungefähr 150 Seiten war ich drin im Text. Von daher – es ist ein Roman, der sehr eigenwillig geschrieben ist und es wird nicht jeder bis zum Ende durchhalten. Eine Stadt, deren Namen nicht genannt wird – wir gehen von Belfast aus. Ein Konflikt, der nicht genannt wird – wir gehen vom Irlandkonflikt der Siebziger aus. Menschen ohne Namen (die Frau, die im Gehen liest, die Mittelschwester, Vielleicht-Freund, Schwager Eins, der Milchmann, das Tablettenmädchen), ein Konflikt, ein Staat, der einen Teil der Menschen einengt, «die Übergeschnappten», die sich dagegen wehren. Wer deinen Namen kennt, weiß schon zu viel über dich. Man darf auf keinen Fall auffallen. – «Lesen im Gehen war eindeutig verdächtig.» Aber nicht nur damit fällt die 18-jährige «mittlere Schwester» auf, die sich in ihre Bücher zurückzieht. Sie gefällt dem Milchmann, der anfängt, sie zu stalken, was ihr gar nicht passt. Sie wird nun mit Gerüchten verwoben – sie, wohl die Geliebte des Milchmanns … Er erklärt ihr, dass er alles über sie weiß, was sie tut und ihr Dorf so tut. Ein Schauer läuft ihr über den Rücken.


Fanatismus und unbändiger, blinder Hass


… Erkenntnis, dass man als normaler, gewöhnlicher, sehr netter Mensch den Wunsch hegen konnte, jemanden umzubringen, oder erleichtert war über einen Mord.


Anna Burns beschreibt bedrückend eine Gesellschaft, in der man aufpassen muss, was man tut, was man sagt, damit man nicht in Verdacht gerät, auf der «falschen» Seite zu stehen. «Die richtige Butter. Die falsche Butter. Den Treue-Tee. Den Verräter-Tee. Es gab ‹unsere Läden› und ‹deren Läden›. Ortsnamen. Auf welche Schule man ging. Welche Gebete man sprach. Welche Kirchenlieder man sang. Ob das H gesprochen wurde oder nicht.» Es geht nicht politisch um den Irlandkonflikt an sich, sonder darum, was genau solch ein Konflikt mit den Menschen macht. Gerüchte, Lügen, verbohrte Statements, Blockwartmentalität, Verdächtigungen, Verrat, religiöser Fanatismus, politische Verbissenheit und unbändiger, blinder Hass. Der Druck aus der Gesellschaft. Ständig die Angst im Nacken. Doch diese Geschichte liegt im irischen Nebel und es gibt Leerstellen. An anderen Stellen wird intensiv auserzählt. Wie gesagt, das Buch ist nicht einfach zu lesen, das u.a. mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Wer sich trotzdem heranwagt, wird nicht enttäuscht.


Anna Burns, geboren in Belfast, Nordirland, ist Autorin mehrerer Romane. 2018 erhielt sie für Milchmann den Man Booker Prize. Das Buch wurde zu einer internationalen Sensation und mit zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet, u. a. dem Orwell Prize und dem National Book Critics Circle Award. Milchmann erschien bisher in 30 Ländern. Anna Burns lebt in East Sussex, England.



Anna Burns 
Milchmann 
Originaltitel: Milkman, 2018
Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll 
Zeitgenössische Literatur, Irische Literatur
Hardcover, 465 Seiten
Tropen Verlag, 2020 

 


Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman



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