Direkt zum Hauptbereich

Lovecraft Country von Matt Ruff - Rezension

Rezension

 

von Sabine Ibing






Lovecraft Country von Matt Ruff



Egal, was sie dir antun, hinterher ist es, als wäre nichts geschehen. Du sollst einfach bloß dankbar sein, dass du überhaupt noch am Leben bist.

Eins dieser Bücher, das man unbedingt lesen sollte. Warum? Es ist wundervoll geschrieben, spannend, humorvoll und es ist wichtig in seiner Aussage, erscheint genau zur richtigen Zeit. Worum geht es? Wenn ich Rassismus sage, wäre das zu wenig. Welches Genre? Science-Fiction, Fantastik, Historik, Horror, gesellschaftskritischer Roman … Matt Ruff ist genial, er webt alles zusammen.

Was sich in den nächsten Augenblicken abspielte, war George und Atticus schrecklich vertraut: Man befahl ihnen, aus dem Wagen zu steigen, sie wurden geschlagen, angeschrien, durchsucht, erneut geschlagen, zum Schluss wieder an die Rückseite des Packard geführt, wo sie sich mit hinter dem Kopf verschränkten Händen und gekreuzten Beinen auf die Stoßstange setzen mussten.

USA - 1950-er - Jim-Crow-Gesetze zur Rassentrennung


Die Geschichte ist in verschiedene Episoden gegliedert. Der farbige Korea-Veteran Atticus Turner fährt von Jacksonville, Florida, nach Chicago. Für Farbige ist es lebensgefährlich durch manche Gebiete zu reisen, es gibt nur wenige Orte, in denen sie halbwegs geschützt sind, denn es gibt Flecken, da ist man nicht nur unwillkommen, man muss sogar damit rechnen, es nicht zu überleben, hier durchzureisen. Atticus hatte von seinem Vater eine merkwürdige Nachricht erhalten, es ginge um Geburtsrechte. Die beiden haben sich lange nicht gesehen. Doch der Vater ist zu Hause nicht aufzufinden. Zusammen mit Onkel George geht es nun auf eine Reise nach Ardham, Massachusetts, Montrose Turner zu suchen. Mit dabei ist die unkonventionelle Letitia Dandridge, was Atticus nicht gefällt. Das Ganze spielt in den 1950-er Jahren der USA, zu Zeiten der Jim-Crow-Gesetze zur Rassentrennung. Onkel George vertreibt den »Safe Negro Travel Guide«, der halbwegs sichere Reiserouten für Farbige vorschlägt, Restaurants, Tankstellen, Autowerkstätten und Hotels benennt, die Farbige bedienen, vor No-Go-Areas warnt. Das Dumme an Reiseführern ist, dass sie lediglich das Gestern abbilden. In diesem Fall kann eine überholte Reisempfehlung tödlich sein. Wie gut, dass sie Letitia dabei haben und ihr absolutes Gottvertrauen … Auf der Suche nach dem Haus, in das Atticus von seinem Vater eingeladen wurde, begegnen sie sehr rabiaten Gesetzeshütern. Sie treffen in dem einsamen Herrenhaus ein, und es stellt sich heraus, Montrose ist bei dem »adamitischen Orden der alten Morgenröte« zu Gast. (»Order of the Golden Dawn», hermetischer Orden der Goldenen Dämmerung, kurz: Golden Dawn, war eine okkulte diskrete Gesellschaft von 1888. Im Gegensatz zur theosophischen Gesellschaft, die sich mit asiatischen Philosophien beschäftigte, verstand sich der Golden Dawn als Fortführung der europäischen Mysterien, insbesondere der Tradition der Rosenkreuzer.) Was hat Montrose in dieser rassistischen Loge der »Söhne Adams« zu suchen? Der Vorsitzende Samuel Braithwhite und sein Sohn Caleb heißt die Reisegruppe willkommen. Doch wo steckt Montrose wirklich?

›Ist alles in Ordnung, Miss? Werden Sie belästigt?‹
Er sah an ihr vorbei, kniff blutunterlaufene Augen zusammen. ›Waren es die da?‹
Etwas im Ton, wie er ›die da‹ sagte, veranlasste Ruby, sich umzudrehen. An der Ecke standen vier halbwüchsige Schwarze und warteten auf Grün. Warteten einfach.
›Waren es die da?‹, wiederholte der Polizist. ›Haben sie was zu Ihnen gesagt? Irgendwas getan?‹
Ruby wurde wieder ganz flau im Magen, und sie dachte: Ich könnte ihm alles und jedes erzählen, und er würde mir glauben. Wenn ich wollte, könnte ich die Jungs umbringen lassen. Ich könnte.

Das Which-Haus, das Letitia kauft, scheint ein Spukhaus zu sein, es rüttelt und schüttelt sich. Es befindet sich mitten im Weißenvietel, die Nachbarn stehen Kopf, eine farbige Frau in der Nachbarschaft! Ruby, Letitias Schwester, trinkt einen magischen Trank, der sie weißhäutig macht. Plötzlich begegnen ihr die Menschen vor der Tür völlig anders. Zunächst ängstigt sie die Freundlichkeit ihrer Mitmenschen, dann begreift sie den Gewinn und freut sich, zur Herrscherklasse zu gehören, nimmt sie die Welt aus einer anderen Perspektive wahr. Ein Polizist möchte der hübschen weißen Frau imponieren, irgendwas werden die schwarzen Jugs schon angestellt haben … Ruby spürt die Macht, die sie plötzlich besitzt.

Er stand neben dem Packard und wischte sich den Schlaf aus den Augen, als er Gelächter von den Zapfsäulen her hörte. Ein LKW-Fahrer und ein Typ von der Tankstelle grinsten ihn an und stießen einander die Ellenbogen in die Rippen. Atticus schaute auf die halbaufgegessene Banane in seiner Hand und spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. Zum ungefähr millionsten Mal in seinem Leben fragte er sich, ob es irgendeine Möglichkeit gab, wie er das ignorieren und einfach seiner Wege gehen konnte, und fand, dass die geringfügigeren Kränkungen am schwersten hinzunehmen waren. Dann begann der Typ von der Tankstelle, sich auf die Brust zu trommeln und wie ein Affe zu kreischen, und Atticus warf die Banane weg und ballte die Fäuste.

Spießrutenlaufs für Afroamerikaner

Alle acht Geschichten fügen sich zusammen im letzten Kapitel: »Das Kainszeichen«. Neblige Landschaften, düstere Wälder, ein abgelegenes Herrenhaus, eher eine Festung, Spukhaus, ein Zauberbuch, eine verwunschene Sternwarte, menschenfressende Felsblöcke, der Kontakt mit anderen Universen, im Subtext immer ein wenig dunkel und gruselig… Doch in diesem Roman ist der Mensch an sich eine Horrorgestalt. Sogenannte brave Bürger und Staatsbeamte die Recht und Ordnung aufrecht erhalten sollen, machen Jagd auf Schwarze. Nur ein toter Ne… ist ein guter Ne… Letztendlich sind die Figuren aber wesentlich komplexer. Hier gerät kein Held plötzlich in ein Unglück, wird getrieben. Alle diese Figuren begeben sich freiwillig in Unannehmlichkeiten, Gefahr, sie wissen, was folgen könnte. Genau das ist die Kraft der Protagonisten. Sie sind unbequem, neugierig, pochen auf ihre Rechte, wehren sich. Jeder für sich ist eine Persönlichkeit und Matt Ruff lässt uns hinein in ihr Innerstes. Das ist Matt Ruff, so kennt man ihn, tief eintauchen in Charaktere, den Leser mitnehmen auf eine große Reise, nicht schlicht einen Helden reisen lassen. In der realen Welt, im täglichen Spießrutenlaufs für Afroamerikaners dieser Zeit hat mir das Buch spitzenmäßig gefallen. Man kann es sich kaum vorstellen, aber es ist die reale Welt der 50-er der USA, die noch heute sehr rassistisch ist. Die phantastischen Ausflüge fand ich eine Stufe schwächer, habe sie aber auch gern gelesen. Als Gesamtkonzept ein wundervoller Roman.

Fiktiven Orte, Gegenstände und Kreaturen

Matt Ruff nimmt mit »Lovecraft Country« den Faden zu der berühmten Lovecraft-Novelle »Schatten über Innsmouth« auf: Ein Mann reist in eine fremde Stadt, man ist freundlich zu ihm. Die Sonne geht unter, der letzte Zug ist abgefahren und nun ihm schlägt kollektive Feindseligkeit entgegen, die sich immer weiter aufbaut, bis er um sein Leben fürchten muss. H.P. Lovecraft ist ein sehr bekannter Autor der Horrorliteratur, sein Cthulhu-Mythos erlangte Kultstatus. Lovecraft ist auch für sehr rassistischen Aussagen in seinen Romanen bekannt. »Lovecraft Country« spielt in dem Teil von Massachusetts in dem die meisten Kurzgeschichten von H.P. Lovecraft spielen. In Lovecrafts Kurzgeschichten der 1920-er und 1930-er Jahre benutzt er als Stilmittel wiederkehrende Elemente in Form von fiktiven Orten, Gegenständen und Kreaturen. In all seinen Romanen. Dadurch erreicht er einen scheinbaren Zusammenhang seiner Erzählungen, den es letztendlich nicht gab. Er griff jedes Mal auf die bekannten Elemente zurück, der Leser fühlte sich sofort angekommen, auch wenn jede Geschichte grundsätzlich anders war. Auch diesen Zug nimmt Matt Ruff mit seinen Kurzgeschichten hier auf: verknüpfen, aufbauen, obwohl jede Geschichte für sich steht.

Mit seinem sechsten Roman, »Lovecraft Country«, wurde Matt Ruff 2017 für den World Fantasy Award nominiert. Die Idee zu dem Buch kam ihm bereits vor mehreren Jahrzehnten, allerdings nahm sie erst deutlichere Gestalt an, als er mit Victor H. Greens »Negro Motorist Green Book« die reale Vorlage für den »Safe Negro Travel Guide« entdeckte.



Rezension zu Matt Ruffs Roman


Ich und die anderen

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Studie - Frauen zählen im Literaturbetrieb

Studie - Frauen zählen im Literaturbetrieb
Erhalten Männer mehr Raum als Frauen im Feuilleton?
Wir wollten unserer subjektiven Wahrnehmung auf den Grund gehen und zählen, wie Medien Frauen präsentieren. Wer sind die JournalistInnen, Männer oder Frauen? Wen besprechen sie, Bücher von Männern oder Frauen? Wie lang sind die Beiträge? Bekommen Männer mehr Raum als Frauen, ist das wirklich wahr? Viele engagierte Frauen zählten im März dieses Jahres, in diesem Monat findet regelmäßig die Buchmesse in Leipzig statt, und so ist mit vielen Beiträgen zu rechnen. Das Ergebnis war zu erwarten. Eine Behauptung aus dem Bauch heraus ist aber etwas anderes als eine wissenschaftliche Studie, die Fakten belegt. Schriftstellerinnen werden von den Medien nur halb wahrgenommen. Männer sind überproportional vertreten, bei den JournalistInnen und bei den AutorInnen, die vorgestellt werden. 
Hier zum Blogbeitrag #frauenzählen


Rezension - Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren von Ali Benjamins

Eins der besten Jugendbücher, die ich seit Jahren gelesen habe. Was heißt hier Jugendbuch? Ich würde es unter All-Age listen. Susy ist zwölf und ein Außenseiter in der Schule, denn sie interessiert sich weder für klavierspielende Katzen, noch Mode. Suzy ist an der Natur interessiert, will wissen, warum Dinge funktionieren. Sie hat eine einzige Freundin, Fanny. Und Fanny ertrinkt beim Schwimmen. Das kann nicht einfach so passieren! Irgendjemand muss Schuld sein, denkt Suzy. Ein philosophisches Buch über Freundschaft, Natur, unsere Welt, sehr empathisch, spannend, einer Suzy, die man gern haben muss, die den Leser aber auch an der Nase herumführen kann …
Hier geht es zur Rezension:   Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren von Ali Benjamins

Rezension - Istanbul, Istanbul von Burhan Sönmez

Warten in der Unterwelt von Istabul, tief unten im Keller, im Gefängnis, warten auf die Männer, die dich zum Verhör abholen, die Angst vor den Folterknechten, die Wartezeit, die nie verrinnt. Sie erzählen sich Geschichten gegen die Angst, gegen die Langeweile. Geschichten in Geschichten, Mythen, Parabeln, Erlebnisse voll Emotion. Die Hoffnung bleibt, Poesie, Melancholie, Humor.
Hier geht es zur Rezension:   Hier geht es zur Rezension: 
Istanbul, Istanbul von Burhan  Sönmez

Rezension - Eifersucht von Andreas Föhr

Sprecher: Michael Schwarzmaier Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 11 Std. und 51 Min.
Ein intelligenter Plot mit vielen Wendungen
Die clevere Strafverteidigerin Rachel Eisenberg verteidigt Judith Kellermann, die beschuldigt wird, ihren Lebensgefährten, Eike Sandner, ermordet zu haben. Eifersucht, der Fall ist auf Grund der Indizienlage klar wie Kloßbrühe für die Polizei. Judith erklärt Rachel, sie wisse, wer Sander auf dem Gewissen habe: Boris, ein Ex-Soldat aus Russland, der als Auftragsmörder arbeitet. Wer ist Boris, wo findet man ihn? Gibt es den überhaupt? Nebenbei geraten eine Reihe von Typen aus der Filmbranche ins Visier, die an der Inhaftierung Judith profitieren …  Rachel beauftragt den Detektiv Alex Baum, mit seinem Team diverse Ermittlungen aufzunehmen.
Hier geht es zur Rezension:   Eifersucht von Andreas Föhr (Rachel Eisenberg 2)

Rezension - ACAB – All Cops Are Bastards von Carlo Bonini

Um es gleich vorwegzusagen, wer hier einen Thriller erwartet (so steht es auf dem Cover), wird mordsmäßig enttäuscht sein, wenn er sich mit einer Reportage nicht abfinden mag. Ich mag Reportagen, insofern fand ich das Buch gut. – Kritik an den Verlag – Was habt ihr euch dabei gedacht? – ACAB ist verfilmt worden – und ja, Carlo Bonini kann bekanntlich auch gute Thriller schreiben. Der Jurist und Investigativ-Journalist hat mit diesem Buch einen tiefen Einblick in die italienische Polizei gegeben. Das ist spannend und eine Horrorstory zugleich, aber eben keine Thriller, sondern eine Reportage über die bitterböse Wahrheit. 
Weiter:    ACAB – All Cops Are Bastards von Carlo Bonini