Direkt zum Hauptbereich

Lipatti von Alexander Suckel - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Lipatti 

von Alexander Suckel


Der Anfang: Briefe bedeuten Menschen, und Menschen bedeuten Ärger. Vor ein paar Tagen bekam Kruse Post vom Einwohnermeldeamt Wittenberg.

Kruses Onkel ist bereits zehn Jahre verstorben, als er ein Päckchen aus dessen Nachlass eintrifft. Obendrein trifft ein Brief ein, in dem ein anonymer Verfasser Kruse bedroht, sollte die Geschichte ruhen lassen, die die Hinterlassenschaft von Mathilda und den Onkel betrifft. Kruse macht Kopien, bringt die Papiere in Sicherheit und hat auch gleich das Gefühl, jemand würde ihn beobachten. Als er zurückkommt, ist in seine Wohnung eingebrochen worden, alles ist zerwühlt.
Mathilda Bebel war die Geliebte des Onkels und es gab auch noch einen weiteren Mann, damals in Neapel, in den 1940-ern und Kruse findet heraus, dass es um einen Mord in den 1970-ern geht. Mathilda, eine Agentin. Er will herausfinden, worum es damals ging. Und so begibt er sich nach Zürich, wo Mathildas Sohn lebt, löchert ihn mit Fragen. Der Mann ist abweisend, arrogant, ziemlich kauzig. Doch Kruse macht weiter, stoisch in seiner ganzen Art, recherchiert und gerät in Gefahr. Wie aus dem Nichts taucht Mathildas Sohn auf, rettet ihn. Er zeigt auf eine Telefonzelle, gibt Kruse eine Telefonnummer, dort würde er Antworten finden. Als am anderen Ende der Leitung sich jemand meldet, überfällt ihn ein Gefühl, ein Kribbeln, als würde er sich auflösen. Er öffnet die Augen. Wo ist er gelandet?


In Zürich und Neapel nach der Wahrheit suchen

Es lag etwas in ihr von der Anmut eines jungen, wilden Tiers. Sie lag auf dem Bauch und hatte den Kopf nach links, zu Marthas Seite, geneigt. Ihr langes, braunes Haar, in diesem Zustand erst recht ein chaotisches Gebilde, eher ein Fell als eine Frisur, floss über die Schultern auf das taubengrau schimmernde Laken.

Neapel, Ende des Zweiten Weltkrieges, Fliegerangriff, Kruse trifft auf eine Jugendliche, Mathilda, die ihm ihre Geschichte erzählt, ihm ihr Versteck auf dem Englischen Friedhof zeigt. Kruse kehrt zurück ins Jetzt, fährt nach Neapel und wechselt wieder die Zeiten, begegnet der erwachsenen Mathilda und seinem Onkel, recherchiert.

Sprachlich begeistert

Sie könnten Recht haben. Ganz freiwillig sucht man wohl nie nach den Dingen, die einen irgendwohin treiben. Es sind immer andere Gründe, die uns tun lassen, was wir tun, und wovon wir späterhin glauben, wir taten es aus freien Stücken.
Sprachlich hat mich dieser Noir-Roman begeistert. Es gibt Sätze, Absätze, die liest man mehrfach hintereinander, mag sie immer wieder lesen. Auch der Anfang hat mich begeistert, spannend, mit trockener Sprache, ein wenig verstaubt, passend zum Protagonisten Kruse, satirisch, sarkastisch. Später, als Kruse sich öffnet für das Unvorstellbare, öffnet sich auch die Sprache. Langweilig gibt es nie in diesem Plot, aber wirkliche Begeisterung kam bei mir auch nicht auf. Begeisterung für einige Stellen, für Mathilda, für die Sprache, und genau darum finde ich den Roman lesenswert. Das mag aber auch an mir liegen. Auf der einen Seite bin ich nicht sehr empfänglich für mystisches Hin- und Hergehopse einer Person zwischen den Zeiten. Und andererseits spielt die Auflösung des Falls letztendlich keine Rolle, ist Zweck um Mathilda zu zeigen. Und am Ende war ich dann doch etwas lustlos. Sprachlich ausgezeichnet und über Inhalt kann man streiten. Ich denke, manch einer wird begeistert sein. Zürich – Neapel – Zeitreisen und ein wenig Wittenberg.



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Rezension - Der Fluch des Hasen von Bora Chung

  Bora Chungs «Der Fluch des Hasen» entzieht sich jeder literarischen Schublade und verwischt die Grenzen zwischen den Genres, ob magischer Realismus, literarischer Horror, Phantastik oder Speculative Fiction. Diese Kurzgeschichten sind klasse! Skurrile, unheimliche, intelligente Geschichten, die uns mit Gänsehaut überziehen. Die Titelgeschichte fand ich genial! Ein einfacher geliebter Haushaltsgegenstand ist mit einem Fluch belegt und bringt nun Unglück in eine Familie. Oder eine heftige Mensch-Android-Liebesgeschichte.  Oder «Narben», ein düsteres, gemeines Märchen. Klasse! Weiter zur Rezension:    Der Fluch des Hasen von Bora Chung 

Rezension - Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall

  Die Kunst des guten Essens vor dem Essen Der Aperitivo gehört in Italien schon lange zur Alltagskultur, wie in der Schweiz der Apero, und auch hierzulande wächst der Trend, den frühen Abend mit Sarti Spritz und Negron zu feiern. Und welche regionalen Unterschiede gibt es zwischen Turin , Mailand , Venedig , Rom und Palermo ? Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall stellen die Aperitivi und Bitter vor, auch die  alkoholfreien Alternativen. Dann folgen die Rezepte zu den kleinen Köstlichkeiten, die zum Feierabendritual gehört. Wer Anregungen zum Mixen von Aperos sucht, Rezepte zu kleinen Appetithappen als Beilage, wird hier auf jeden Fall fündig! Weiter zur Rezension:    Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall 

Rezension - Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

  Der Kinder- und Jugendroman entblättert sich als packendes Survivalabenteuer vor dem Hintergrund des Klimawandels in der Arktis. In einem Rutsch durchgelesen – ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen: Zunächst lernen wir abwechselnd Bee und Yutu kennen, deren Wege sich später kreuzen werden – ein Kampf ums Überleben beginnt, und der gegen die Männer, die Bee auf der Spur sind, sie gefangen nehmen wollen. Abenteuer in der Arktis und Freundschaft bis zum Limit. Hervorragender Kinder- und Jugendroman ab 10/11 Jahren und weit darüber hinaus. Weiter zur Rezension:   Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

Rezension - Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adria von Ines Cali

  Iva Markulin, Staatsanwältin in Zagreb , lässt sich in diesem Politkrimi nach Pula versetzen, als ihr Mann bei einem Attentat ums Leben kommt. Wem galt die Autobombe, die an ihrem Auto befestigt wurde? Ihm oder ihr? Mit ihrem kleinen Sohn Matteo zieht sie zu ihrem Großvater, der auf dem Familiengut Terra Rossa in Istrien Olivenöl produziert. Hier ruft sie eine Sonderkommission ins Leben, als deren Leiterin sie die Mörder ihres Mannes ausfindig machen will. Sie hat den Ruf der «Mafiajägerin», lernt schnell das Who is Who an Istriens Küsten kennen, denen es nicht passt, dass ihnen jemand auf die Finger schaut.  Spannender Wirtschaftskrimi , Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adriavon Ines Cali

Rezension - Verwandlung von Lara Swiontek

  Nach der Novelle von Mary Shelley Was fällt einem zu Mary Shelley ein? Wahrscheinlich «Frankenstein» oder vielleicht noch «Der moderne Prometheus». Die Verwandlung – Kafka, na klar. Aber auch Mary Shelley hat sich mit diesem Thema befasst: Verwandlung. Lara Swionteks hat diese Geschichte als Graphic Novel umgesetzt, eine Literaturadaption. Sie ist schnell erzählt: Reicher, gewissenloser Sohn verschleudert sein Erbe, stößt alle Menschen an den Kopf, die noch zu ihm halten und landet bildlich in der Gosse – hier ist es das Meer. Ein Schiff zerschellt vor seinen Augen – nur ein Zwerg mit einem Schatz überlebt und macht ihm ein Angebot ... Weiter zur Rezension:    Verwandlung von Lara Swiontek

Rezension - Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez

  Leigh Calvez erforscht als Wissenschaftlerin seit vielen Jahren das Leben der Wale. Hier erzählt sie sehr persönlich von ihren Begegnungen mit den Giganten der Tiefsee, darunter familiäre Orcas, weit wandernde Buckelwale oder uralte, tief tauchende Blauwale, die größten Tiere des Planeten.  Nebenbei erfährt man in diesem Buch viel über das Leben und Verhalten von sechs Walarten: Orcas, Buckelwale, Pottwale, Blauwale, Grauwale und Blainville-Schnabelwal, bzw. den Kleinen Schwertwal. Weiter zur Rezension:    Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez 

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl

  Die Politiker reden im Fernsehen über die faulen Armen, während Sonjas Ehemann als Leiharbeiter am Bau seinen Rücken verschleißt. Sie verkauft im Bio-Laden teure Tees. Und trotzdem reicht es mit zwei Kindern am Ende des Monats vorn und hinten nicht. Als sie dann ihre Arbeit verliert, weil sie unbezahlten Urlaub nimmt, um im Krankenhaus bei ihrem Sohn zu sein, bricht alles zusammen. Bald hat sie eine neue Arbeit: Mit dem Profil einer schönen, jungen Studentin soll sie nichtsahnende Männern auf einer Datingplattform lange in der Leitung halten. Weiter zur Rezension:    Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl