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Kleptopia von Tom Burgis - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Kleptopia 


von Tom Burgis

Wie Geheimdienste, Banken und Konzerne mit schmutzigem Geld die Welt erobern


Der Anfang: 

Moralische Integrität, sicherlich, aber es war auch ein gewisser Schalk, ein Charakterzug, der sich an den Fältchen in seinen Augenwinkeln ablesen ließ, der Nigel Wilkins dazu brachte, die Geheimnisse einer Schweizer Bank zu stehlen.


Mord, Korruption, schmutziges Geld – Machenschaften von Banken, Regierungen, Geheimdiensten und Milliardären aufgedeckt und analysiert. Tom Burgis zeigt das tatsächliche Ausmaß der uns täglich umgebenden und vor nichts haltmachenden Kriminalität. Er ist investigativer Journalist bei der Financial Times und hat akribisch für dieses Buch recherchiert. Es liest sich spannend (und ausscweifend) wie ein Krimi – nur leider ist dies alles Reality. Weltweite Finanzinstitute haben versucht, Aufsichtsbehörden auszutricksen, um unredlich erworbenes Kapital von globalen Diktatoren zu waschen, wobei die Oligarchen in Putins Russland und Kasachstan eine wichtige Rolle spielen. Italienischen Gangster in Brooklyn, Ölmagnaten in der ehemaligen Sowjetunion, Platinminen in Simbabwe, Kupfer- und Kobaltminen im Kongo. Um ein paar Akteure zu nennen: In London: Nigel Wilkins, Chef der Compliance (Regelaufsicht) der Londoner Filiale der Schweizer Bank BSI, später Mitarbeiter der Finanzaufsichtsbehörde der City of London; Trefor Williams, ehemaliger Angehöriger der britischen Special Forces, Ermittler des privaten Nachrichtendienstes Diligence; Ron Wahid: Bangladeschisch-amerikanischer Gründer des privaten Nachrichtendienstes Arcanum. Das Trio zentralasiatischer Milliardäre: Alexander Maschkewitsch, Kirgisise, Patokh Chodiev aus Usbekistan, Alidschan Ibragimow: Kirgise. Mehmet Dalman; Victor Hanna der Mann des Trios in Afrika; Nursultan Nasarbajew: Herrscher Kasachstans seit 1989, Präsident bis 2019, danach Vorsitzender des Sicherheitsrates, seine Schwiegersöhne; die Gangster: Semjon Mogilewitsch alias Seva alias Brainy Don, Moskaus bedeutendster krimineller Geldmann, Sergei Michailow alias Michas,Chef von Solntsevskaya Bratva, einem russischen Verbrechenssyndikat; In Afrika: Billy Rautenbach: Geschäftsmann in Zimbabwe, Unterstützer des Regimes von Robert Mugabe und eben derselbige, Herrscher Zimbabwes von 1980 bis 2017; Emmerson Mnangagwa alias das Krokodil: Mugabes Sicherheitschef und Nachfolger als Präsident; Joseph Kabila: Präsident der Demokratischen Republik Kongo von 2001 bis 2019; In Nordamerika: Felix Sater: russisch-amerikanischer Betrüger, Geldwäscher, Spion und Immobilienunternehmer, Tevfik Arif: kasachischer Gründer des New Yorker Immobilienunternehmens Bayrock, für das Sater arbeitete, Boris Birshtein: Finanzmann der Sowjetära mit Wohnort in Toronto.


Kompetenzkompetenz


Die BSI war keine Publikumsbank für Gehaltsempfänger und Hypothekenzahler, sondern eine Privatbank. Chef des Londoner Büros war Fabrizio Zanaboni, ein temperamentvoller Italiener, dessen Vater bereits für die Bank tätig gewesen war. Zusammen mit einem halben Dutzend weiterer, ihm unterstellten Bankern verwaltete er in dieser Filiale etwa eine Dreiviertelmilliarde Dollar für einige hundert Kunden. Im Prinzip mussten sich die Banker dem Urteil Nigels über deren Seriosität beugen. Doch im Kommentar zu einem seiner Berichte hatte man von ihm verlangt, erst einmal klarzustellen, ob ein jüngst zu Tode gekommener ukrainischer Geschäftsmann vergiftet worden war oder nicht. Ein weiterer Bericht Nigels über einen Kunden beschrieb dessen Beziehungen zur Mafia von Sankt Petersburg, doch ein Banker hatte an den Rand die Anmerkung gekritzelt: ‹Dürftiger Hinweis, meiner Meinung nach nicht relevant.› ... Unterdessen versuchte Nigel unerschrocken, sich in die Gedanken des BSI-Kunden hineinzuversetzen. ‹Warum kommt jemand nach London, um für ein Unternehmen auf den Cayman Islands, das von Panama aus geleitet wird, ein Konto in der Schweiz einzurichten? Das ist absolut sinnlos, es sei denn, hier läuft eine ganz faule Geschichte ab.›


Alles beginnt mit Nigel Wilkins Entdeckungen. Und er erinnert sich an ein Buch von Ernst Fraenkel einen deutsch-amerikanischen Juristen und Politikwissenschaftler. Sein Werk «Der Doppelstaat» gilt als Klassiker. In einer Gerichtsverhandlung forderte die Gewerkschaft während der Nazizeit in Deutschland «die Einhaltung ihres internen Lohnvertrags durch ihren Arbeitgeber ..., obwohl die Gestapo die Gewerkschaft nach den Richtlinien der Nazis reorganisiert hatte. ... Der Gestapo-Anwalt argumentierte, ‹die Gestapo kann rechtswirksam alles vornehmen, was ihr notwendig und erforderlich erscheint›, ganz gleich, ob es sich um die Auflösung eines Vereins oder um die Auflösung einer Ehe handelte.» Der Richter urteilte aber nach geltendem Arbeitsrecht und der Klage der Gewrkschaft auf Tariflohn wurde stattgegeben. Das allerdings interessierte die Gestapo überhaupt nicht. Fraenkel fing nun an zu recherchieren. Dabei stellte er fest, dass dieses Deutschland zwei Rechtssysteme besaß, dass er als «Kompetenzkompetenz» bezeichnete. Der Staat stand mit seinen Entscheidungen über dem Gesetz, konnte nach Belieben die Gesetze beugen, aushebeln sich selbst dem Gesetz entziehen. Genau das übertrug Nigel nun auf Putins Regime und andere Schurkenstaaten und Diktaturen, die auf diese Weise Geld verschoben. Fraenkel übrigens schrieb damals darüber sein Buch, in dem der dieses Sytem als  «Schlüssel zum Verständnis der nationalsozialistischen Herrschaftsordnung» beschrieb, das «Nebeneinander eines seine eigenen Gesetze im allgemein respektierenden ‹Normenstaats› und eines die gleichen Gesetze missachtenden ‹Maßnahmenstaats›». Der Jude bekam den Tipp, dass die Gestapo ihm auf der Spur sei und er floh frühzeitig vor der Verhaftung mit seiner Frau in die USA. Sein Manuskript folgte ihm in der Diplomatentasche eines Beamten der französischen Botschaft nach New York, wo das wo das Buch 1941 auf Englisch erschien. In diesem Sachbuch wird anschaulich die Entstehung der Oligarchen erklärt – aber auch der Fall von einigen. Wer nicht nach Putins Nase tanzte, noch schlimmer, auf seiner Nase, der wurde bestraft. Michail Chodorkowski durfte dreiviertel des staatlichen Unternehmens Yukos für 350 Millionen Dollar kaufen, einer der großen Konzerne Russlands für Erdölförderung und Petrochemie. Nach fünf Jahren war es 12 Milliarden Dollar wert. Michail Chodorkowski, waren hinter der Hand Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt worden und er wurde wegen des Verdachts von Betrug und Steuerhinterziehung inhaftiert und in einem höchst umstrittenen Prozess verurteilt. Der Staatskonzern Rosneft konnte sich dann die wichtigen Yukos-Töchter nach der Zerschlagung weit unter Wert sichern – kurz nachdem dort der Putin-Vertraute Igor Setschin Vorstandschef wurde. Tom Burgis erklärt, dass der Privatisierungsprozess der Staatsgüter, der Verkauf an die Oligarchen, «ein Betrug gigantischen Ausmaßes war», aber in dem Strafprozess gegen Chodorkowski gab es eigentlich nichts, «was eine Strafverurteilung gerechtfertigt hätte». «Man verurteilt jemanden doch nicht für etwas, was er nicht getan hat, um ihn für etwas zu betrafen, was er tatsächlich getan hat, dachte er.» Es gab später neue Beschuldigungen und Prozesse gegen Chodorkowski, weil er nach der Haftentlassung für Putin hätte gefährlich werden können. 


Die «globale Allianz von Kleptokraten» 

In Verbindung mit Felix Sater, einen russischen Mafioso, kommt Trump ins Spiel. Sater investierte in dessen Immobilien, um so sein Geld sauber waschen zu können. Trump war dazu da, «seinen Namen zu vermieten» – und sein Anwesen in Palm Beach verkaufte er an den russischen Oligarchen Dmitri Rybolowlew für 95 Millionen Dollar für den doppelten Preis, den er ein paar Jahre vorher selbst hingeblättert hatte. Felix Sater, ein fähiger New Yorker Börsenmakler und Partner von Donald Trump verlor nach einer Schlägerei mit Inhaftierung seine Lizenz und wendete sich nun der kriminellen Seite zu. Er beteiligte er sich an einem Aktien-Betrugssystem, erleichterte seine Anleger um zig Millionen, flog aber 1998 auf. Das Betrugssystem habe Sater in einem Trump-Gebäude an der Wallstreet betrieben, zusammen mit Mitgliedern der russischen und italienischen Mafia-Familien von New York. Das FBI hielt die schützende Hand über ihn. Und so agiert er weiter: 2002 steigt Sater bei Bayrock ein, die im Trump Tower ihren Firmensitz haben und im In- und Ausland Immobilienprojekte umsetzen – gemeinsam mit Donald Trump. Dabei werden erneut Investoren um Millionen betrogen. Sämtliche Klagen gegen Bayrock und Sater werden entweder abgewiesen, oder es kommt zu außergerichtlichen Einigungen – der Staat schützt ihn weiterhin. Sater soll für Trump in Moskau Türen öffnen und Wahlkampfbotschaften vorstellen, die Putin gefallen könnten, Gelder locker machen. Mit Trump hatten die «globale Allianz von Kleptokraten» ein gemeinsames Ziel: Sie wollen die Macht im Staat privatisieren, «um sich das anzueignen, was rechtmäßig dem Gemeinwesen gehört», um Kapital für sich persönlich daraus zu schlagen. 


Weltweite Netzwerke


Von Australien bis Argentinien, von Island bis Ruanda hatten sich Präsidenten, Premierminister und ihre Berater und Vertrauten, Geheimdienstchefs, Generäle, Minister, Gesetzgeber und Zentralbanker dafür entschieden, ihr Geld nicht unter ihren Landsleuten, sondern im globalen Finanzgeheimnis zu verwahren.


Die moderne Ausplünderung Afrikas gehört ebenfalls zum Thema. Burgis zeigt, wie es Machthabern mit Hilfe von gewieften Anwälten, Vermittlern, Beratern und Banken gelingt, Staatsgelder im großen Stil zu plündern und im Ausland zu verstecken, Gelder vor den Finanzämtern zu verbergen. Sie alle sind gut vernetzt – «Kleptopia» nennt Tom Burgis diese verbrecherischen, weltweiten Netzwerke. Gerade die Banken erlauben es, korrupten Staaten, ihren Ländern ihr Kapital zu entziehen. Dem ehemaligen Präsidenten von Kasachstan, Nursultan Nasarbajew, ist ein langes Kapitel gewidmet, der Staatsgelder auf Privatkonten ins Ausland umgeleitet haben soll. Wer sich wehrt, wird verprügelt oder verhaftet, wie die Aktivistin Rosa Tuletajewa, die man folterte, bevor sie in einem Schauprozess zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde.


Geldwäsche im im Vereinigten Königreich


London ist die Hauptschlagader dieses Systems, hier wird mehr Geld als irgendwo sonst auf magische Weise transformiert und gewaschen. Schmutziges Geld von korrupten Mächten, mit dem hier alles kaufen kann: Lobbyisten, Häuser – oder das Image eines Staatsmannes.


Tom Burgis verfolgt den Weg des Geldes, deckt auf, wie Moskauer Oligarchen mit Hilfe eines korrupten Netzwerks von Offshore-Banken, Briefkastenfirmen, Anwälten, Lobbyisten und Finanziers das Brexit-Votum, Donald Trumps Aufstieg in den USA und die Manipulation der konservativen Partei im Vereinigten Königreich durch den Einsatz von schmutzigem Geld beeinflusst haben. Die Netzwerke arbeiten wie das organisierte Verbrechen – letztendlich sind sie ein Teil davon. Alles das, was man geahnt hat, kann man hier gut recherchiert nachlesen. Viele Infos und noch mehr Personen – Vernetzung, man hätte das alles kürzer fassen können. Was mich an dem Buch ärgert, ist die absolut schlampige Arbeit des Westend Verlags, die anscheinend kein Geld für einen Korrektor ausgeben wollen. Schlampige Fehler darf sich ein Verlag nicht leisten! Also wirklich, Daumen runter dafür. Ein gutes Sachbuch trotz alledem. 


Tom Burgis ist investigativer Journalist bei der Financial Times. Er hat aus mehr als vierzig Ländern berichtet, hat wichtige Journalistenpreise in den USA und Asien gewonnen und war für acht weitere in der engeren Auswahl, darunter zweimal bei den British Press Awards. Sein von der Kritik hochgelobtes Buch «Der Fluch des Reichtums» (Westend Verlag 2016) über die moderne Ausplünderung Afrikas wurde mit einem Preis des Overseas Press Club of America ausgezeichnet. Tom Burgis lebt in London.




Tom Burgis
Kleptopia
Wie Geheimdienste, Banken und Konzerne mit schmutzigem Geld die Welt erobern
Originaltitel:  Kleptopia. How Dirty Money is Conquering the World, 2020
Aus dem Englischen übersetzt von Michael Schiffmann
Sachbuch, Geldwäsche, Oligarchen, Diktatur, Offshore-Banken, Briefkastenfirmen, Schmutziges Geld
Taschenbuch, 441 Seiten
Westend Verlag, 2021



Der Code des Kapitals von Katharina Pistor

Katharina Pistor zeigt in diesem Buch die Rechtsgeschichte des Kapitals auf. Römer, die bereits Firmenkonstrukte installierten, die eine Haftung von Eigentümern beschränkte, ähnlich den heutigen Kapitalgesellschaften. Die Fugger waren Meister darin. In England des 16. Jahrhunderts bekamen die Landlords dank trickreicher Anwälte Land, das ihnen nicht gehörte. Das Recht auf Grund und Boden. Aber letztendlich begann alles mit den Menschen, die sich sesshaft machten ... Ein Füllhorn von Wissen – Zusammenhänge verstehen. Ein großartiges Sachbuch!

Weiter zur Rezension:   Der Code des Kapitals von Katharina Pistor


Sachbücher

Hier stelle ich Sachbücher vor, die im Prinzip nichts mit Fachliteratur zu tun haben. Eben Sachbücher jeder Art, die ein breites Publikum interessieren könnte.
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