Direkt zum Hauptbereich

Keine gute Geschichte von Lisa Roy - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Keine gute Geschichte 


von Lisa Roy

Gesprochen von: Lisa Hrdina
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 7 Std. und 9 Min.



Der Anfang: 
Das ist keine gute Geschichte. Verschwundene Mädchen brauchen eine andere Kulisse. Frei stehende Einfamilienhäuser mit Carports, eine tapfere Mutter, die neben ihrem Ehemann steht und den Lieblingsteddy ihrer Kleinen festhält. … Was sich nicht als Kulisse eignet: Ruhrgebietstristesse, Nachkriegsbauten, die nicht die Kraft haben, Hochhäuser zu sein, und dürre oder fette (nimm das nicht persönlich, aber es gibt nie etwas dazwischen) Alleinerziehende, die mit künstlichen Fingernägeln an ihrem Nasenpiercing rumfummeln und in Verteidigungshaltung gehen, sobald sie den Mund aufmachen.

Doch - eine gute Geschichte – wenn auch eine traurige. Arielle Freytag, Anfang dreißig, hat es eigentlich geschafft: Aufgewachsen im prekären Essener Stadtteil Katernberg, hat sie als Social-Media-Managerin in Düsseldorf mittlerweile ein sehr gutes Einkommen. Ihre Kindheit hat sie gezeichnet; sie leidet an Depressionen. Gerade hat sie wegen eines Suizidversuchs eine Psychotherapie hinter sich, ist aus der Klinik zurück, als sie von einer Freundin ihrer Großmutter angerufen wird. Der Oma gehe es schlecht, sie möge kommen, denn sie ist die einzige Verwandte. Gerade noch hatte die Therapeutin ihr geraten, der Oma einen Brief zu schreiben, mit ihr abzurechnen, die Frau aus ihrem Leben zu streichen. Die Oma hatte sie großgezogen, da die alleinerziehende Mutter von Arielle eines Tages verschwunden war. Nie wieder hat man etwas von ihr gehört.


‹Hallo, ist da Arielle Freytag? Hier ist Meryem Güçlü, eine Freundin Ihrer Großmutter›, sagte eine weiche Stimme. Die Art Stimme, die man von professionellen Sprechern und Schauspielern kennt und erst zu schätzen weiß, wenn man probeweise mal selbst im Tonstudio für ’nen Pitch was eingesprochen hat.
‹Meine Großmutter hat keine Freunde›, sagte ich.


Arielle fährt zurück an den Ort ihrer Kindheit. Angekommen erfährt sie, im Kiez werden seit ein paar Tagen zwei Mädchen vermisst – was Arielle mit Wucht an ihre Mutter erinnert, vor vierundzwanzig Jahren spurlos verschwand. Arielle begegnet Weggefährten aus der Jugendzeit. Verbindet sie mit diesen Leuten noch irgendwas? Und was war damals mit ihrer Mutter wirklich geschehen? Einfach abgehauen? Sie und ihre Mutter, das war eine innige Beziehung. Niemals wäre sie ohne die Tochter abgehauen! Oder doch? Und wer ist ihr Vater, von dem sie ihr dunkles, lockiges Haar und die dunkle Hautfarbe geerbt hat? Mit schwarzem Humor erzählt die 30-jährige Protagonistin Arielle von ihrer Jugend im postmigrantischen Armutsviertel Essen-Katernberg. Der verhassten Oma geht es gut. Was also will sie hier bei der herzlosen, egozentrischen Frau? Sie sucht nach Antworten, begibt sich auf Spurensuche. Wer ist sie und wer sind ihre Eltern? Was war geschehen, das Nichtbegreifen und Nichtgeliebtwerden lastet auf ihrer Seele. Der Kiez scheint in der Zeit stehengeblieben zu sein, die alten Schulkameradinnen, arbeiten als Kassiererinnen und Putzfrauen und ernähren sich nach altbekanntem Muster, schauen RTL und ProSieben. Hier gibt es kein Sushi, keine Bowles, keine hippen Locations. Arielle ist Veganerin, umgibt sich mit Lifestyle, sie ist eine Trendsucherin, schon rein beruflich. Weder Oma Varuna, noch Arielle kommen als Protagonistinnen sympathisch herüber.


So war es immer mit uns, schon in meiner Jugend, es gab nur schwere Geschütze. Bei anderen Teenies und ihren Erziehungsberechtigten ging es darum, wann sie zu Hause sein mussten und wie viel Taschengeld sie bekamen. Bei Varuna und mir ging es um Liebe und Verrat, um Leben und Tod. Ich war zu müde, um zu kämpfen.


Varuna, ein Künstlername für die Töpferin, die sich nicht exzentrisch mit wallenden Kleidern und Turban kleidet. Arielle, sexversessen, emotionslos, empathielos gegenüber anderen, hipp, unnahbar und selbstzerstörerisch, von depressiven Schüben geplagt. Die Angst, verlassen oder abgelehnt zu werden, treibt sie an, sich auf niemanden einzulassen, niemanden heranzulassen – letztendlich ein Abbild der Oma. Die Figuren sind stark überzeichnet, eindimensional – aber das ist Absicht, um die Kluft zwischen der Düsseldorfer hippen Szene zum sozialen Brennpunkt klar zu verdeutlichen. Immer wieder schaut Arielle auf ihr Handy, um zu sehen, was in der Firma passiert, welche Hyps gesetzt werden in Social Media, und sie folgt verschiedenen Stars auf Instagram, analysiert im Marketingdenken; voller Anglizismen, Trends und angesagten Locations. Ich habe mich gefragt, wozu es den Strang mit den verschwundenen Kindern braucht, der am Rande nebenherläuft, keine tragende Rolle spielt, nebenbei unspektakulär aufgeklärt wird. Arielle interessiert sich in ihrer Empathielosigkeit kein bisschen dafür. Das bläht den Roman auf und lenkt ab. Eine gute Geschichte, die aufzeigt, wie tief Ereignisse der Kindheit einschneiden, wie sich das Abgelehntsein in die Seele frisst. Aber eine traurige Geschichte, die mit schwarzem Humor erfrischend unterfüttert ist.


Lisa Roy wurde 1990 in Leipzig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Sie studierte in Dortmund und Köln und veröffentlichte in verschiedenen Literaturzeitschriften und Anthologien. Für die Arbeit an ihrem ersten Roman "Keine gute Geschichte" erhielt sie 2021 das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln und den GWK-Förderpreis Literatur. Lisa Roy lebt mit ihrer Familie in Köln.

 

Lisa Roy
Keine gute Geschichte
Gesprochen von: Lisa Hrdina
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 7 Std. und 9 Min.
Zeitgenössische Literatur
Der Audio Verlag, Audible, 2023
Rowohlt Verlag, 2023, Hardcover, 240 Seiten



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter von Lukas Bärfuss

Nach «Vaters  Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht. Weiter zur Rezension:    Königin der Nacht – Ein kurzes Buch ...

Rezension - Doppeltes Spiel von K.L. Slater

  Ein luxuriöser Wolkenkratzer mit dem Namen Orbit, in dem die Reichsten der Reichen zusammenkommen: hier arbeitet die attraktive Alicia als Kellnerin. Als der charismatische Eigentümer des Orbit ihr das Angebot macht seine Freundin zu spielen und dafür ein großzügiges Gehalt zu erhalten, in seinem riesigen Apartment im Orbit zu wohnen, nimmt sie an. Immerhin ist es nur ein Spiel, denn er braucht eine Begleitung, will sich vor den vielen Frauen schützen … bis das Spiel plötzlich mehr zu sein scheint. Langweilig, uninteressant, voller Klischees, sprachlich kraftlos – mehr muss ich nicht sagen.  Weiter zur Rezension:   Doppeltes Spiel von K.L. Slater 

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Recherche - Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton

  Die 12-jährige Bo Delafort ist eine «Schlammschwalbe» – Menschen die an der Themse leben, arbeiten als Schlammsucher, sie graben im Schlamm nach kleinen Schätzen und Angeschwemmtem, was man verwerten kann. Als Bo eine schimmernde Münze im Schlamm des Flusses findet, meint sie, der Fluss würde mit ihr sprechen. «Du wirst nicht verlieren …» raunt er ihr zu. Aber was bedeuten die Worte? Eine insgesamt spannende Fantasy ab 12 Jahren mit Tiefgang. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton

Rezension - Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler

  Mischa und Nits sind beste Freunde. Mischa liebt die Poems von Nits. Und der bewundert Mischa, weil er schlau ist und ein wandelndes Lexikon über Tiere zu sein scheint. Lügen geht gar nicht, so Nits Überzeugung. Darum fragt er sich, warum Mischa dem Lehrer weismachen will, er hätte eine Chlorallergie, als der Schwimmunterricht beginnt – Nits erzählt er, die Badehose sei von Mäusen angefressen worden. Überhaupt scheint Mischa in Schwierigkeiten zu stecken – doch wohl eher sein Vater ... Nits betritt in dieser Familie plötzlich eine völlig andere Welt – die der Armut. Aber das ist ein Unterthema – Mischas Vater ist untergetaucht; Mischa und Nits werden ihn nicht im Stich lassen – aber das könnte gefährlich werden ... Spannung, Humor und ein wenig Tragik machen das Buch zu einem Leseerlebnis. Meine Empfehlung ab 11 Jahren für diesen exzellenten Kinderroman.  Weiter zur Rezension:    Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler 

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Rezension - Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter von Wolfgang Schorlau

  Die Gasbranche lässt die Korken knallen. Einer von ihnen soll zum Minister ernannt werden! Besser könnte es nicht laufen. Und sein Sekretär bekommt gleich zu spüren, welch eine Atmosphäre nun im Ministerium herrscht. Karsten Richter hat die Aufgabe, das ganze Grüngeschwafel zur Klimakatastrophe wegzuwischen und die Gesetze abzuschaffen, die die Gasbranche hindern, weiterhin dicke Geschäfte zu machen. Dummerweise berichtet er seiner Mutter davon, was er vorhat. Anstatt stolz auf ihren Sohn zu sein, geht die grüne Aktivistin auf die Barrikaden. Hier geht es um die Rettung des Klimas , der Erde. Sie beraumt eine Pressekonferenz ein und will veröffentlichen, welche Schweinereien ihr Sohn plant. Klasse Satire! Weiter zur Rezension:    Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter von Wolfgang Schorlau

Rezension - Generation Glücklich: Dein Handbuch für mehr Spaß und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme von Jonathan Haidt und Catherine Price

Stell dir vor, du wächst auf in einer Welt voller Smartphones , Likes und endlosem Scrollen, als wäre das Handy an der Hand festgewachsen. Das Handy ist das Erste, was du morgens, und das Letzte, was du abends anschaust – ganz schön viel für ein Kind, oder? «Generation Glücklich» richtet sich an Kinder zwischen 9 und 12 Jahren, die genau in dieser Welt ihren eigenen Platz finden wollen – ohne sich dabei virtuell selbst zu verlieren. Medienkompetenz , Selbstsicherheit, Selbstständigkeit im Umgang mit Medien – Fallstricke kennenlernen, Mechanismen auf Social Media verstehen an Hand von Comics und Übungen. Zu verstehen, wie Social Media funktioniert und wie sie das Gehirn verändert . Empfehlung!  Weiter zur Rezension:     Generation Glücklich: Dein Handbuch für mehr Spaß und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme von Jonathan Haidt und Catherine Price

Rezension - Simone von Nikolaus Heidelbach

  Wally und ihre Mutter gehen zum Babyschwimmen und lernen Simone kennen. Man findet sich sympathisch, und so wird das Flusspferd als Babysitter engagiert, wird die engste Vertraute von Wally. Bevor das Mädchen in die Schule kommt, keinen Babysitter mehr benötigt, begeben sich die beiden auf eine letzte abenteuerliche Flussreise . Sie erleben Wasserfälle , wilde Picknicks und ein fröhliches Schlammbad mit Simones Familie. Ein liebevoll, atmosphärisches Bilderbuch ab 4 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Simone von Nikolaus Heidelbach

Rezension - Die Kathedrale der Vögel von Wieland Freund

  Er hat das Haar eines Raben und die Augen eines Uhus: Munk. Und in seinen Träumen sieht er die Toten. Munk lebt mit seiner Schwester Enna auf der kleinen Insel Nyt. Eines Tages holen ihn die Schergen des tyrannischen Greifen von Amser ab, bringen ihn auf die Burg, wo er als Falkner arbeiten muss. Die Greifenkriegerin Magwit ist sehr interessiert an dem Jungen. Munk besitzt besondere Fähigkeiten, er ist einer der wenigen, die die Vogel- und Menschenwelt vereinigt. Während seine Schwester sich trotz Warnung von Magwit auf die Suche nach ihm macht, entdeckt Munk tief im Burgberg ein grauenvolles Geheimnis ... Weiter zur Rezension:    Die Kathedrale der Vögel von Wieland Freund