Direkt zum Hauptbereich

I’m a Nurse von Franziska Böhler und Jarka Kubsova - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing


I’m a Nurse 

von Franziska Böhler und Jarka Kubsova

Warum ich meinen Beruf als Krankenschwester liebe – trotz allem


Der Anfang: Ich bin Krankenschwester.
An ganz schlimmen Tagen schließe ich mich auf dem Stationsklo ein und sitze auf dem heruntergeklappten Deckel. Ich muss gar nicht, ich habe ohnehin seit Stunden nichts gegessen oder getrunken. Ich sitze nur da und starre auf meine weißen Stationsschuhe, an denen Spuren der letzten Stunden kleben: Urin, Kot, Desinfektionsmittel, Blut.


Endlich mal ein empathisches, sachliches Buch über den Pflegenotstand! Franziska Böhler arbeitet als Gesundheits- und Krankenpflegerin aus Überzeugung, schildert ihren Stationsalltag im Krankenhaus und macht deutlich, wie sehr Patienten und Personal unter profitorientierten Strukturen leiden. Aber leider wird hier wieder die veraltete Berufsbezeichnung Krankenschwester verwendet, schade. Das sind doch gar keine Nonnen mehr! Sie beschreibt, warum sie den Beruf wählte und warum sie ihn gern ausübt, trotz Dienste in ständiger Unterbesetzung, Bedingungen, die Pflege und Medizin gefährlich und unmenschlich machen, wie sehr dies dem Wohl der Patienten entgegensteht, wie sehr die eigene Gesundheit des medizinischen Personals darunter leidet. Viele Mitarbeiter hängen den Beruf an den Nagel. Nein, ein Krankenhaus wie bei Schwester Betty gibt es nicht in der Realität!


Das Krankenhaus hat zu wenig Personal, sperrt Betten, die  vorhanden sind

Immer öfter werden die Rettungskräfte zu Einsätzen in stationären Pflegeeinrichtungen angefordert. Insgesamt wurde die Berliner Feuerwehr ihren Angaben zufolge 15.675-mal zwischen September 2018 und August 2019 zu solchen Einsätzen gerufen … ‹Der Klassiker ist, wir werden gerufen, weil ein Patient aus dem Bett gefallen ist … im Dienst nur eine Pflegekraft. Die schafft es alleine nicht einen älteren Menschen mit 100 Kilo zurück ins Bett zu heben.

 

Fallgeschichten aus ihrem Arbeitsalltag, Berichte über das hektische Leben auf der Station. Franziska Böhler spricht nicht nur über sich, sie setzt sich inhaltlich mit den gesamten Pflegeberufen auseinander und schildert, was gerade schiefläuft. Vom Notdienst über Ärzte. Wer will heute noch Hebamme werden? Niemand – aber am Beruf liegt es nicht. Warum gibt es nur noch so wenig Geburtenstationen in den Krankenhäusern, obwohl viel mehr Kinder geboren werden? Warum gibt es so wenig Kinderabteilungen in Krankenhäusern, so wenig Kinderintensivbetten? Nicht weil die Kinder gesünder geworden sind, sondern, weil diese Abteilungen nicht genug Geld einfahren. Das Krankenhaus, das Pflegeheim – heute ein Unternehmen, oft zugehörig zu einer Aktiengesellschaft, die Gewinn bringen muss, um die Aktionäre zu befriedigen. Können wir so die Pflege gestalten? Einsparung an Personal und Ressourcen, um Geld zu scheffeln? Immerhin gibt es nun ein Gesetz, das verbietet, zu wenig Personal auf Station zu haben (absolutes Limit). Das wiederum zieht nun die Schließung von Betten nach sich. Das Krankenhaus hat zu wenig Personal, sperrt Betten, die ja vorhanden wären, meldet der Notzentrale keinen Patienten mehr aufnehmen zu können. Die Krankenwagen dürfen diese Krankenhäuser nicht mehr anfahren, müssen mit den Notpatienten weit ins Land hinausfahren. Wer direkt in die Notaufnahme geht, wird selbstverständlich aufgenommen. Gebärende, Kinder, Notfälle, Patienten, die heute weite Wege aufnehmen müssen, um behandelt zu werden. Das kann gefährlich werden.


Bis zum Rande der Erschöpfung

An den schlimmen Tagen bin ich mein eigener Verräter. Denn dann bin ich nicht mehr die, die ich mal sein wollte.


Franziska Böhler hat mit Hilfe von Jarka Kubsova ein starkes Sachbuch hingelegt. Hier wird berichtet, nach innen und außen geschaut, sachlich, natürlich mit einer passenden Emotionalität. Ich hatte bereits zwei andere Bücher aus dem Pflegebereich hier vorgestellt, von denen ich maßlos enttäuscht war. Das eine ein Jammerbuch aus der Altenpflege, von einem der nur stöhnt, dass er das alles nicht schafft, seit seiner Ausbildung überfordert ist, aber weder die Zusammenhänge noch Lösungsvorschläge parat hat, sich völlig distanzlos sich durchs Buch weint. Das andere Buch, von einem jungen Assistenzarzt verfasst, macht sich lustig über nervende Patienten und faules, unwilliges Krankenhauspersonal, verpasst den beschriebenen Menschen üble Spitznamen – zynischer und arroganter geht es nicht mehr. Zwei Personen, die für mich nichts in medizinischen Berufen zu suchen haben. – Franziska Böhler legt offen, an welchen Stellen sich schleunigst etwas verändern muss. Sie zeigt Wege, die zu gehen sind, damit das System nicht kollabiert – eigentlich ist es das schon. Wir haben es engagierten Menschen wie Franziska Böhler zu verdanken, dass die Pflege noch halbwegs funktioniert. Sie sind keine Helden, sie machen nur ihren Job – das allerdings oft bis zum Rande der Erschöpfung. Mehr Personal und bessere Bezahlung können diese Berufe aufwerten. Es ist schön, wenn Menschen ihren «Heden» zujubeln, aber das hilft letztendlich nicht weiter. Wir müssen uns dafür einsetzen, sämtliche sozialen Berufe aufzuwerten! Mir hat auch gefallen, dass Franziska Böhler das System erkannt hat und sich nicht mehr von ihm durch den Gang schleifen lässt, auffordert, es mit ihr zu tun. Ich habe beruflich viel mit Menschen aus Pflegeberufen zu tun gehabt und habe versucht, meine Klienten zum Neinsagen zu animieren. Nein zu Doppelschichten und Nein zu Fließbandarbeit. Wer vor mir sitzt, 32 oder 36 Tage gearbeitet hat, ohne einen Tag frei zu haben, dem sieht man das an. Nein, man ist kein Kollegenschwein, wenn das nicht mehr mitmacht! Ja, man unterstützt nur das verdammte System, mit wenig Aufwand weiterzumachen! De Autorin macht hier nicht mehr mit. Ein feines Buch für jeden, der etwas über den Klinikalltag erfahren möchte und wie es um das Gesundheitssystem in Deutschland steht. Die Betroffenheit schwingt mit, aber mit Ziel, dies zum Besseren verändern zu wollen.


Ich fühle mich gefordert in meinem Beruf. Maximal kognitiv, intellektuell, zwischenmenschlich. Und das ist es, was ich daran so mag. Ich muss Leistung erbringen und mich engagieren und sehe, wenn das Früchte trägt. Weil ich richtig beobachte, kombiniere und die richtigen Schritte in die Wege leite. Wenn ich Anatomie und Physiologie und klinisches Erscheinungsbild meines Patienten kombinieren kann und in der Lage bin eine Diagnose abzuleiten, dann erfüllt mich das.


Franziska Böhler arbeitet seit 2007 als Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer anästhesiologischen Intensivstation in der Nähe von Frankfurt am Main und seit 2018 zusätzlich in der Anästhesie. Als @thefabulousfranzi hat die 32-jährige Mutter von zwei Kindern über 150.000 Follower auf Instagram, wo sie regelmäßig von dramatischen Geschichten aus dem Klinikalltag berichtet und auf den Pflegenotstand aufmerksam macht.

Jarka Kubsova machte 1997 das Examen zur Krankenschwester, beschloss aber, vom System desillusioniert, schon bald darauf, einen anderen Beruf zu ergreifen. Sie studierte in Hamburg Soziologie und Sozialökonomie. Nach einem Volontariat bei der »Financial Times Deutschland« war sie dort als Reporterin tätig, sowie später beim »Stern« und bei der »ZEIT«. Sie ist Ghostwriterin mehrerer erfolgreicher Sachbücher.


Franziska Böhler, Jarka Kubsova  
I’m a Nurse
Warum ich meinen Beruf als Krankenschwester liebe – trotz allem
Sachbuch, Medizin
Paperback , Klappenbroschur, 256 Seiten
Heyne,




Sachbücher

Hier stelle ich Sachbücher vor, die im Prinzip nichts mit Fachliteratur zu tun haben. Eben Sachbücher jeder Art, die ein breites Publikum interessieren könnte.
Sachbücher

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Deutscher Kinder- und Jugendbuchpreis 2020 - Nominierungen

Am 16. Oktober 2020 wurde auf der Frankfurter Buchmesse überreicht der
DEUTSCHE JUGENDLITERATURPREIS
Und hier sind die Gewinner für 2020
Kategorie: Bilderbuch
Dreieck Quadrat Kreis von Mac Barnett und Jon Klassen Mac Barnett (Text), Jon Klassen (Illustration), Thomas Bodmer (Übersetzung) Ab 5 Jahren (siehe unten)

Kategorie: Kinderbuch  
Freibad   Ein ganzer Sommer unter dem Himmel Will Gmehling (Text) Peter Hammer Ab 9 Jahren

Kategorie: Sachbuch 
A wie Antarktis von David Böhm Ansichten vom anderen Ende der Welt David Böhm (Text), David Böhm (Illustration), Lena Dorn (Übersetzung) Originalsprache: Tschechisch Karl Rauch Ab 8 Jahren (siehe unten)

Kategorie: Jugendbuch 
Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte Dita Zipfel (Text), Rán Flygenring (Illustration) Hanser Ab 12 Jahren

Kategorie: Preis der Jugendjury
Wer ist Edward Moon? von Sarah Crossan Sarah Crossan (Text), Cordula Setsman (Übersetzung) Mixtvision Originalsprache: Englisch Ab 14 Jahren (siehe unten)


Kategorie: Sonderpreis Neue Talente Autor
Forschungsgruppe Erbsens…

Rezension - Auch Affen wollen schlafen von Henriette Boerendans

Ein Gutenachtbuch, das sich mit dem Schlaf beschäftigt. Alle Lebewesen schlafen – doch bei den Tieren ist es nicht so wie bei den Menschen. Manche von ihnen sind des Nachts wach und einige haben interessante Schlafgewohnheiten. Um auf dem Wasser nicht wegzutreiben, wickelt sich der Seeotter zum Schlafen in Seetang ein, der am Meeresboden festgewachsen ist. So kann er nicht abtreiben. Ein mit Holzschnittdruck wunderschön gestaltetes Bilderbuch – ein wenig Kindersachbuch zur Naturkunde, ab 4 Jahren – Empfehlung.

Weiter zur Rezension:   Auch Affen wollen schlafen von Henriette Boerendans

Rezension - Der Gesang der Flusskrebse von Delia Owens

Eine Kriminalgeschichte, die nur am Rande steht, ein Roman, der berührt, der den Leser von der ersten Seite an mitnimmt, nicht loslässt. Ein Drama – das ist nach den ersten Seiten klar. Ein Mädchen einsam in der Natur, im Einklang mit ihr – ein Mensch, der immer wieder verlassen wird – Angst vor Verlust – eine scheue junge Frau, die den Tieren in ihrer Umgebung mehr vertraut als ihren Artgenossen. Mir hat die Geschichte unter anderem eine schlaflose Nacht geschenkt – es ist einer der besten Romane, die ich in diesem Jahr gelesen habe! Ein Kind lebt allein versteckt im Marschland der Ostküste von North Carolina, zwischen Salzwiesen, kleinen Wäldern, Wasserläufen, Sanddünen, Schilfgräsern, Sumpf und Sandbänken, zwischen mäandernden Flussausläufern. Sie kennt jedes und Tier, jede Muschel und jede Pflanze. Das Marschland ist bekannt für seine zwielichtigen Bewohner: White Trash.

Weiter zur Rezension:   Der Gesang der Flusskrebse von Delia Owens

Rezension - Die geheimen Muster der Sprache – Ein Sprachprofiler verrät, was andere wirklich sagen von Patrick Rottler und Leo Martin

Institut für forensische Textanalyse – was muss man sich darunter vorstellen? Erpresserbriefe, anonyme Verleumdungsschreiben, geschäftsschädigende Bewertungen kommen öfter vor, als man denkt. Nehmen wir ein großes Unternehmen, dass einen anonymen Hinweis auf Führungskraft X erhält, er würde Mitarbeiterinnen betatschen oder etwas betrieblich kungeln. Sprachprofiler kommen immer dann zum Einsatz, wenn Personen oder Unternehmen anonym angegriffen, bedroht oder erpresst werden. Der Auftrag ist es, die Täter anhand ihrer Sprachmuster zu überführen. Durch Fallbeispiele wird hier linguistisches Profiling erklärt, dargestellt, was ein sprachlicher Fingerabdruck ist.

Weiter zur Rezension:  Die geheimen Muster der Sprache – Ein Sprachprofiler verrät, was andere wirklich sagen von Patrick Rottler und Leo Martin 

Rezension - Der Schriftsteller und die Katze von Nabiha Mheidly und Walid Taher

Ein Buch über das Schreiben, die Entwicklung einer Geschichte, von Figuren. und der Beziehung des Schriftstellers zu seinen Charakteren. Am Anfang sucht man eine Idee, überlegt, verwirft und endlich passt eine … Ein Bilderbuch, eine gute Geschichte, ein Kindersachbuch über das Schreiben – aber nicht nur für Kinder!Weiter zur Rezension:   Der Schriftsteller und die Katze von Nabiha Mheidly und Walid Taher

Rezension - Erste Hilfe mit Globi von Katja Alves und Daniel Müller

Ein Sachbuch für KinderGlobiwissen für Gross und Klein, um zu wissen, was im Ernstfall zu tun ist. Was ist Erste Hilfe? Zusammen mit Globi und Sami, der zweiten Hauptfigur, lernen Kinder, sich in Notsituationen zurechtzufinden und richtig zu verhalten. Spielerisch werden Grundkenntnisse für Ersthelfer vermittelt, Übungen eingeflochten. Richtiges Handeln kann lebensrettend sein. Das Buch mit seinen lustigen und verständlichen Zeichnungen vermittelt das Einmaleins der Ersten Hilfe kindgerecht. Das Kinderbuch eignet sich auch optimal für die Grundschule, ab 4 Jahren geeignet.Weiter zur Rezension:   Erste Hilfe mit Globi von Katja Alves und Daniel Müller

Rezension - Drei Wünsche von Laura Karasek

Drei Frauen Anfang dreißig. Drei ähnliche Leben mit drei verschiedenen Charakteren – sehr privilegierte Karrierefrauen – geprägt vom selben Gefühl: Jetzt die Weichen für ihr Lebensglück stellen zu müssen, Karriere oder Kind, die biologische Uhr tickt laut. Druck aus der Gesellschaft, aus der Familie. Das Gerangel mit den Kollegen um Positionen, dauernd angebaggert, angegrabbelt zu werden, von Männern erniedrigt zu werden – wie lange will man das durchhalten? Gute Frauenliteratur.

Weiter zur Rezension:   Drei Wünsche von Laura Karasek

Rezension - Einsiedeln von Silvia Götschi

Einsiedeln, Kanton Schwyz, bekannt durch das Kloster Einsiedeln Eine zerstückelte Leiche im Sihlsee und ein Hinweis zum Benediktinerorden … Welche Verbindung gibt es zum Kloster? Oberleutnant Valérie Lehmann fischt mit ihrem Team zunächst im Trüben. Ein spannender Krimi aus der Schweiz.

Hier geht es zur Rezension:   Einsiedeln von Silvia Götschi

Rezension - Gian und Giachen und das Munggamaitli Madlaina von Amélie Jackowski

Dies ist der dritte Band zu den Kultböcken Gian und Giachen aus Graubünden. Das Laub der Lärchen färbt sich goldgelb, die Sonne scheint über dem gelbroten Bergwald und Gian meint «Das isch glaub d Sunna, wo sich während am Summer uf da Bäum abgefärbt hät.» Ja, esch isch ei Schwizer Mundart – Buch! – Aber nur in den Dialogen der Böcke – für jeden verständlich, der Begleittext ist auf Hochdeutsch. Tiere machen sich für den Winterschlaf bereit. Bei Familie Murmeltier herrscht helle Aufregung. Tochter Madlaina wird vermisst, sie hat keine Lust auf den Winterschlaf. Zusammen mit ihren Freunden machen sich Gian und Giachen auf die Suche nach der kleinen Ausreißerin. Das Buch macht neugierig auf Graubünden und Schweizer Deutsch.Weiter zur Rezension:   Gian und Giachen und das Munggamaitli Madlaina von Amélie Jackowski

Rezension - Mutters Puppenspiel von Ulla Coulin-Riegger

Die Erzählerin, Lisette, ist eine erfolgreiche Ärztin mit eigener Praxis. Sie ist nicht dumm, in der Tat nicht, denn sie erkennt genau, in welchen Spinnennetzen sie sich verfangen hat. Wie eine Fliege klebt sie darin fest, kann sich nicht befreien. Dieses Netz hat ihre narzisstische Mutter gesponnen, von Anfang an, sie dazu erzogen, sich unterzuordnen, klein zu bleiben. In jeder Beziehung zu anderen Menschen nimmt sie ihren vorbestimmten Platz ein, fühlt sich unwohl, durchschaut das Spiel – ist aber nicht in der Lage, sich von ihren Fesseln zu befreien. Ein feiner Roman über emotionalen Missbrauch und Narzissmus.Weiter zur Rezension:   Mutters Puppenspiel von Ulla Coulin-Riegger