Direkt zum Hauptbereich

Hinter den Gesichtern von Richard Lorenz - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Hinter den Gesichtern 


von Richard Lorenz


Der Anfang: Lisbeth sieht sich selbst als Kind, als zehnjähriges Mädchen, in einem Hinterhof. Sie steht auf einer wackeligen Mülltonne aus Blech, damit sie dem Himmel näher ist. Eine schwarz-weiß gefleckte Katze sieht ihr zu.

Von Lisbeth, einer alleinerziehenden Krankenschwester, behauptet man, sie besitze das zweite Gesicht. Schon als Kind hatte sie Visionen und beschuldigte damals während einer Messe, den Schuldirektor: Er sei der gesuchte Serienmörder. Lange verfolgt sie das Trauma, mit ihren Vorahnungen umzugehen, der Stress, der Stress, den ihr die Visionen bereiten. Lisbeth ist einsam, denn sie wird von ihren Mitmenschen gemieden, da sie ihnen Angst macht. Ihre Behauptung damals löste noch weiteres Leid aus, in direkter Folge. Die Erinnerungen zwar versteckt, kommen sie doch nun tief aus dem Innersten heraus, als wieder ein Mörder umhergeht.

Ein Schreibstil, der dauerhaft auf der Bremse steht

Draußen streift eine Katze vorbei, sie bleibt stehen, setzt sich und beobachtet neugierig das Spektakel im Abwasserrohr. Lisbeth fragt sich, ob es eine der verschwundenen Katzen ist. Oder ob sie nur Urlaub macht. Während ihr Herz schlägt. Wild und noch viel zu schnell. Und nicht weit davon entfernt ein anderes Herz aufhört zu schlagen.

Ich hatte mit diesem Roman meine Schwierigkeiten. Es ist ein Krimi, der Versuch, einen literarischen Krimi zu schreiben. Ich liebe literarische Krimis. Schauen wir uns den ersten Satz an: «… sieht sich selbst als Kind, als zehnjähriges Mädchen» … Rückblick, aber das zieht sich ellenlang durch den Roman: Erinnerungen. Ein Schreibstil, der dauerhaft auf der Bremse steht. Ein passives, monotones Schreiben in Erinnerung und Beobachtung, Spannung kommt hier kaum auf. Richard Lorenz konzentriert sich auf seine Figuren, geht tief ins Innenleben der Gedankenwelt. Hier haut er mächtig auf den Putz. Doch leider sind die Charaktere überzeichnet, überfrachtet bis ins Unglaubwürdige, zäh wie Melasse fließt die Geschichte dahin. Hier fehlt die Distanz zu den Figuren.

Dem Text fehlt Sprachrhythmus

Natürlich haben sie nichts gefunden, wie er es schon geahnt hat. Keine Spur, nichts Brauchbares. Nur ein Haufen Merkwürdigkeiten, zwei frische Gräber und zwei Messer. Von der Münchner Kriminalpolizei sind sie hier gewesen.

Da das szenische Schreiben völlig fehlt, baut in dieser Form die Geschichte schwer zusammen. Dynamik, Bewegung und Interaktion ist durch das passive Schreiben ausgebremst, die Dinge, von denen ein Krimi lebt, auch ein literarischer Krimi. Bei diesem Schreibstil kann es nun nicht verwundern, dass die Spannung auf leiser Flamme kocht. Die Story an sich ist gut durchdacht, nur die Präsentation konnte mich nicht packen. Ich habe mich obendrein an vielen Sätzen gestoßen, denen Rhythmus fehlte, an umständlichen Formulierungen. Ein weiterer Tritt auf die Bremse ist die häufige Verwendung des Perfekts. Es gibt viel über alte Jazzmusik zu lesen, viele Komponisten, Interpreten. Wenn man kein Jazzfan ist, kann man mit diesen Passagen und Personen wenig anfangen. Genau hier habe ich gespürt, wie wenig Atmosphäre der Text ausstrahlt. Und Katzen! Immer wieder Katzen. Katzenfotos bringen Beifall im Netz, in Schriftform bremsen sie den Plot, zumindest in der Häufigkeit. Zusammenfassend also ein recht lahmer Krimi, der sich schon allein durch seine Erzählhaltung selbst ausbremst.

Richard Lorenz, Jahrgang 1972, arbeitete zunächst in der onkologischen Pflege und Palliativmedizin, später als Konzertveranstalter / Booker sowie freier Journalist, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung Freising. Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in der Nähe von München.


Richard Lorenz 
Hinter den Gesichtern
Krimi
Luzifer-Verlag, 2019, Taschenbuch, 296 Seiten

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Gabriela Kasperski - Was sind Regiokrimis?

In diesem Beitrag zum Thema, Krimis und Thriller - eigentlich ein kunterbuntes Genre, geht es um ein typisch deutsches Subgenre: Der Regiokrimi. Gabriela Kasperski schreibt selbst in diesem Bereich und hat sich Gedanken dazu gemacht, war etwas erstaunt, was Wikipedia dazu zu erklären hat. Gibt es überhaupt einen Regiokrimi? In irgendeinem Ort muss eine Geschichte schließlich spielen – und sei es auf dem Mond.

Meine Definition sieht so aus: Wie für jeden anderen Krimi braucht es für einen Regiokrimi vielschichtige Figuren, einen Plot mit überraschenden Wendungen und eine Auflösung, die alles nochmal in Frage stellt. Es braucht eine passende Atmosphäre und ein überzeugendes Setting.
Neugierig? Hier geht es zum Artikel:   Was sind Regiokrimis? - von Gabriela Kasperski

Deutscher Kinder- und Jugendbuchpreis 2020 - Nominierungen

Am 16. Oktober 2020 wird auf der Frankfurter Buchmesse der Deutsche Kinder- und Jugendbuchpreis 2020 vergeben. Die Nominierungen stehen fest. Wir sind gespannt, wer gewinnt.
Einige der nun Nominierten habe ich bereits rezensiert, und ihr findet sie hier:

BilderbuchAusflug zum Mond von John Hare   Noch ein Bilderbuch, in das ich mich verliebt habe … Ohne Worte erzählen die Zeichnungen die intensive Geschichte von einem Jungen, der zum Mond fuhr, und dort vergessen wurde. Die erste Seite der Erzählung ist das Cover, denn dort sieht man Kinder (wohl eine Schulklasse) ein Shuttle besteigen. Ein Bilderbuch, das kei ne Sprache benötigt, um eine intensive Geschichte zu erzählen. Das Kind, der Mann im Mond – ganz viele …

Weiter zur Rezension:   Ausflug zum Mond von John Hare


Dreieck Quadrat Kreis von Mac Barnett und Jon KlassenDrei zusammengehörige Bilderbücher zum Thema Formen, Freundschaft und Ängste. Riesige spricht nicht aus mir. Aber lest selbst, es klemmt für mich an vielen Ecken.

Weiter…

Rezension - Einsiedeln von Silvia Götschi

Einsiedeln, Kanton Schwyz, bekannt durch das Kloster Einsiedeln Eine zerstückelte Leiche im Sihlsee und ein Hinweis zum Benediktinerorden … Welche Verbindung gibt es zum Kloster? Oberleutnant Valérie Lehmann fischt mit ihrem Team zunächst im Trüben. Ein spannender Krimi aus der Schweiz.

Hier geht es zur Rezension:   Einsiedeln von Silvia Götschi

Rezension - Das Holländerhaus von Ann Patchett

Eine amerikanische Familiengeschichte über den Aufstieg eines kleinen Mannes. Cyril Conroy kommt durch Fleiß zu Geld und stolz erwirbt das sogenannte Holländerhaus, eine Prunkvilla. Cyril ist besessen von dem Haus. Die Kinder lieben den großen Pool. Seine Frau Elna hatte Cyril nicht gefragt, ob sie das Haus haben möchte. Und sie fühlt sich unwohl in der pompösen Villa mit all dem Zeug, das Fremden gehörte, dem Hauspersonal. Eines Tages ist Elna verschwunden. Sie ist nach Indien gegangen, erklärt Cyril seinen Kindern Maeve und Danny. Ein paar Jahre später heiratet Cyril die junge Witwe Andrea Smith, die ebenso in das Haus vernarrt ist. Als Cyril früh verstirbt, schmeißt sie die Kinder aus dem Haus, denn sie hatte es geschafft, per Testament zur Alleinerbin zu werden. Das Haus wird Maeve und Danny nie loslassen. Immer wieder kehren sie zurück, um es vom Auto aus zu beobachten. Der Roman ist in Ordnung, Unterhaltungsliteratur. Mir fehlte Spannung, denn er zieht sich wie ein gespannter F…

Rezension - Bretonisch mit Meerblick von Gabriela Kasperski

Ein urlaubsträchtiger Regiokrimi mit Charme! Die Mieten in Zürich sind teuer. Tereza Berger, vierzig, geschieden, die Kinder sind ausgezogen, erbt von ihrer Tante eine Villa in der Bretagne, auf der malerischen Halbinsel Crozon. Die Gelegenheit, sich in eine Wabe in Zürich einzukaufen. Nach Frankreich reisen, verkaufen – sich in Zürich mit dem Erlös einkaufen – so der Plan. Die sogenannte Villa entpuppt sich als neobretonische Bruchbude an der Dorfstraße von Camaret-sur-Mer. Von wegen Meerblick! Den kann man nur aus dem Dachfenster genießen. Kein Wasser, Stromleitung gekappt, die Treppe ist morsch. Als ein Kölner Künstler ihr ein phänomenales Kaufangebot macht, ihr einen Scheck für die Anzahlung über den Tisch reicht, rückt die Wabe in Zürich wieder näher. Der attraktive Severin füllt Teresa ab. Am nächsten Morgen liegt er tot am Strand, Teresa kann sich an nichts mehr erinnern. Sie gerät unter Mordverdacht.

Weiter zur Rezension:   Bretonisch mit Meerblick von Gabriela Kasperski

Rezension - Palmen am Nordpol von Marc ter Horst und Wendy Panders

Alles über den Klimawandel Ein solches Buch habe ich mir gewünscht! Hier erfährt man sachkundig und unterhaltsam alles über den Klimawandel. Es beginnt mit der Eiszeit. Die Ursachen des Klimawandels bis hin zu den Auswirkungen auf die Natur, Tiere und Menschen werden in diesem Buch gut dargestellt – und Lösungen werden aufgezeigt, das Klima wieder in die richtige Bahn zu lenken, auch die kleinen Dinge, die jeder für sich selbst berücksichtigen kann. Ein Buch für alle, denen die Zukunft der Erde am Herzen liegt, und die nicht nur mitreden, sondern auch handeln wollen. Ein wichtiges Sachbuch mit wissenswerten Fakten für Kinder ab 10 Jahren.

Weiter zur Rezension:   Palmen am Nordpol von Marc ter Horst und Wendy Panders

Rezension - Romane schreiben und veröffentlichen für dummies von Axel Hollmann und Marcus Johanus

Ein wirklich guter Ratgeber für Schreibanfänger! Kurz und bündig, verständlich, angereichert mit Tipps. Das Buch kann ich jedem empfehlen, der vorhat, einen Roman zu schreiben und sich Gedanken über Strukturen macht – was ja auf jeden Fall auch machen sollte. Schreiben, organisieren, Hardware und Software, Figurenbildung, Prämisse, plotten, Dreiakter, Heldenreise, sprachliches, bis hin zur Vermarktung, alles drin.

Weiter zur Rezension:    Romane schreiben und veröffentlichen für dummies von Axel Hollmann und Marcus Johanus

Rezension - Ada und die Zahlenknackmaschine von Rachel Katstaller und Zoë Tucker

Dieses Bilderbuch erzählt die Geschichte von Augusta Ada Byron King, Countess of Lovelace, besser bekannt als Ada Lovelace, die Mitte des 19. Jahrhunderts zusammen mit ihrem Freund Charles Babbage ein komplexes Rechenprogramm entwickelte. Sie nannte es »Analytical Engine«. Es war der erste Computer auf der Welt und die Erfindung leitete das Computerzeitalter ein. Sie war die Tochter des berühmtesten englischen Literaten Lord Byron. Die Programmiersprache Ada wurde ihr zu Ehren so benannt. Doch kaum ein Mensch kennt Ada Lovelace. Das soll sich mit diesem Buch ändern.

Weiter zur Rezension:  Ada und die Zahlenknackmaschine von Rachel Katstaller und Zoë Tucker

Rezension - Richtig Sehen & locker Skizzieren von Eckard Funck

Wer skizzieren lernen will, liegt richtig. Allerdings ist es kein Buch für Anfänger, auch wenn es nach dem ersten Kapitel den Anschein gibt. Grundlagen in der Perspektive, Farbenmischen und dem Aquarellieren sollte man mitbringen.

Weiter: Richtig Sehen & locker Skizzieren von Eckard Funck

Rezension - Das Meerbuch

Herausgegeben von Matthias Reiner mit Illustrationen von Quint Buchholz Die Geschichten und Gedichte in dem vorliegenden Band sind prima. Doch ein bisschen fühle ich mich an der Nase herumgeführt. Meer! Ich hatte Texte erwartet, die direkt etwas mit dem Meer zu tun haben, mit literarischen Naturbeschreibungen, Nature Writing. Marie Luise Kaschnitz, Daniel Defoes Robinson, J.W. Goethe, Homer, Thomas Mann, Ingeborg Bachmann, Christian Morgenstern, Paul Celan, fantastische Schriftsteller, gute Kurzgeschichten – nur das Meer als Thema kommt zu kurz. Die Bilder von Quint Buchholz gefallen mir. Doch auch sie verlieren im Pocketformat ihre Wirkung.

Weiter zur Rezension:   Das Meerbuch