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Gun Love von Jennifer Clement - Rezension


Rezension

von Sabine Ibing






Gun Love 

von Jennifer Clement


Der Anfang: Meine Mutter war eine Tasse Zucker. Man konnte sie jederzeit ausleihen.

Ein grandioser Anfang und eine dramatische erste Seite. Es wird gleich klar, dass »Miss Sweet« auf »Mr Bad« treffen wird, sich verzaubern lassen wird. Die Katastrophe ist vorprogrammiert. Auf den nächsten Seiten erfahren wir etwas über die Icherzählerin Pearl und ihr Leben, über das Leben ihrer Mutter, mit der sie fast symbiotisch in einem Auto zusammenlebt. Das Kinderzimmer ist die vordere Sitzreihe, das Zimmer der Mutter die Rückbank eines Mercury Topaz Automatic, sie wohnen in der letzten Ecke eines Trailerparks im Süden von Florida in Purnam County. Die Mutter arbeitet als Putzhilfe in einem Veteranenkrankenhaus.

Ich wuchs in einem Auto auf, und wenn man im Auto lebt, hat man keine Angst vor Blitz und Donner. Das einzige, wovor man Angst hat, ist der Abschleppwagen. 

Leben am Rande der Gesellschaft

Margot, die Mutter, bekam ihr Kind mit sechzehn, heimlich, und haute mit dem Wagen ab, den sie ein paar Tage vorher zum Geburtstag erhalten hatte. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie, geschwängert von dem Mann, der ihr das Klavierspielen beibrachte. Sie fuhr zu dem Trailerpark, wollte sich ein paar Tage orientieren, eine Wohnung suchen. Doch nun wohnen sie seit vierzehn Jahren hier, Pearl und ihre Mutter. Nebenan dem kleinen Trailerpark befindet sich eine stinkende Müllkippe, auf der anderen Seite schlängelt sich ein verseuchter Fluss voller Alligatoren durch die karge Landschaft. Am Wochenende ballern Männer und Jungen mit Gewehren, was das Zeug hält, um in Übung zu bleiben. Zu essen gibt es für Pearl nur das, was man nicht erwärmen muss, was keinen Kühlschrank benötigt, hin und wieder gibt es im Schnellrestaurant einen Burger. Mutter und Tochter essen gesittet Sandwiches mit Erdnussbutter und Marmelade von Limoges-Tellern, hören dazu Rachmaninows 2. Klavierkonzert, Margot trägt die Erinnerungen ihrer Kindheit und ihre Erziehung weiter. Der Trailerpark bietet Wasser und Toiletten. Margot und Pearl haben nicht viel, sie haben nur sich, aber das reicht den beiden. Doch dann taucht eines Tages Eli auf, der Freund von dem zwielichtigen Pastor Rex. Das Leben verändert sich nun schlagartig für Pearl.

Manchmal hatte ich Glück und konnte etwas mit April May machen, aber meistens landete ich auf dem Spielplatz und saß ein zwei Stunden auf der Schaukel, bis ich Eli aus dem Mercury kommen und zurück zum Pastor Rex´ Wohnwagen laufen sah.

Waffen gehören zur Normalität

Es beginnt wie ein modernes Westernmärchen, romantisch-verklärt in einer unromantischen Welt, die dann aber am Midpoint völlig umkippt. Waffen, Gewalt, Elend, Einsamkeit, Verlassenheit. Das Drama legt Jennifer Clement bereits auf der ersten Seite offen. In der Mitte kippt auch die Sprache, ab hier galoppiert die Story rasend schnell – in den Abgrund.

Zwei Wochen später hatten wir eine Waffe im Auto. All die Jahre war der Mercury voll mit Puppen, Stofftieren, Klamotten, Lebensmitteln, Decken und Büchern gewesen.

Pearl und ihre Mutter sind Albinos, weißer geht es nicht. Und sie stammen aus vornehmem Haus. Eine delikate Schwangerschaft setzt eine Sechzehnjährige auf die Straße, immer in der Angst, vom Jugendamt aufgegriffen zu werden, sie – ihre Tochter, ein Kind ohne Geburtsurkunde, ohne Pass. Eine rücksichtslose Gesellschaft wird hier gezeigt, die ihre gepredigte Moral in der Realität mit Füßen tritt, die Hilfe an Bedürftige verweigert, nur der Dollar zählt. Eine Gesellschaft voller Gewalt, voller Menschen am finanziellen Abgrund. Auch das Leben in einem Auto ist legitim, am Rande der Gesellschaft.

Als die Regentropfen auf das Wagenfenster spritzten, hörte ich die Stimme meiner Mutter. Sie erfüllte mich wie ein Lied. Sie sagte, wenn ein kleines Mädchen seine Mutter verliert, weil seine Mutter zur Zielscheibe eines Fremden wird, fällt selbst der Regen mit Würde.

Eine sprachliche Glanzleistung

Nach den ersten zwei Sätzen legt man das Buch nicht mehr aus der Hand, es zieht den Leser sofort herein. Eine Sprache, die betört. Trotz aller widriger Umstände empfindet man nichts Böses in der Lebenssituation von Pearl, die in die Schule geht - ihre Mutter hilft bei den Hausaufgaben, gibt ihre gute Bildung an die Tochter weiter. Die Sprache zieht langsam an, toxisch. Ab der ersten Seite wartet man auf den Bruch. Man ist geneigt, die Luft anzuhalten bis zum Ende. Ich war umgehauen vom Geschehen, verliebt in diese poetische Sprache, die an keiner Stelle larmoyant wirkt. Schlicht ausgedrückt: Dies ist ein wahnsinnig guter Roman!

Jennifer Clement, in Connecticut geboren, wuchs in Mexiko-Stadt auf, studierte in New York und Paris Literaturwissenschaft, veröffentlichte Lyrikbände und drei Romane, für die sie jede Menge Auszeichnungen erhielt. Als Präsidentin des P.E.N. International kämpft sie im Namen von Autoren weltweit für das Recht auf freie Meinungsäußerung. »Gebete für die Vermissten«, ihr Roman über die Schicksale entführter Mädchen in Mexiko, war ein internationaler Erfolg. Das Drogendrama wird nun von Tatiana Huezo verfilmt, die mit ihrer letzten Doku für Mexiko ins Oscar-Rennen ging.

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