Direkt zum Hauptbereich

Fünf Winter von James Kestrel - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Fünf Winter 


von James Kestrel 


Der Anfang: 

Joe McGrady betrachtete seinen Whiskey. Er war so frisch, dass das Eis noch nicht zu schmelzen begonnen hatte, trotz der Hitze. Um ihn herum herrschte eine einzige Kakophonie. Matrosen bestellten zehn Bier auf einen Schlag und streckten die Arme durchs Gewühl, um den Mädchen die Zigaretten anzuzünden. Jemand warf einen Nickel in die Wurlitzer, dann legten Jimmy Dorsey und sein Orchester los.


Im Dezember 1941 wird Detective Joe McGrady vom Honolulu PD zu einem Leichenfund gerufen, und gerät sodann mit seinem Partner unter Beschuss, weil die Täter zurückkehren, um die Spuren zu beseitigen. Einer kann entkommen, der andere hat eine Kugel im Kopf. Und es stellt sich heraus, dass es sich hier um einen brutalen Doppelmord handelt. Das eine Opfer ist der Neffe des Oberbefehlshabers der Pazifikflotte Admiral Kimmel, das zweite eine Japanerin, die Freundin des jungen Soldaten. Als wenige Tage später ein ähnlicher Mord auf Wake Island gemeldet wird, kommt McGrady einem ominösen John Smith auf die Spur. Bereits der Name deutet auf eine falsche Identität hin. Der Chef des PD, Capain Beamer, bremst ständig die Ermittlung, legt das Duo wortwörtlich an die Leine. Doch dank Admiral Kimmel kann McGrady, ein Militärveteran, Smiths Weg nach Hongkong verfolgen, wird aufgefordert, hinterherzureisen. Kaum im Hotel der britischen Kronkolonie angekommen, wird McGrady verhaftet, einer Vergewaltigung beschuldigt. Smith muss gute Freunde haben! 


‹Wenn ein Hund nicht weiß, wie lang seine Leine ist, kann ihm schnell etwas passieren.› Dann hielt Beamer demonstrativ die Hände hoch, in einem Abstand von etwa zehn Zentimetern. ‹So lang ist Ihre. Wenn Sie wild drauflosrennen, reiße ich so fest daran, dass Ihr Genick bricht.›

‹Okay›, sagte McGrady.

Es war nur eine Kleinigkeit, das Sir wegfallen zu lassen. Aber diese Kleinigkeit hielt ihn davon ab, über den Schreibtisch zu langen, sich Beamers Krawatte um die Faust zu wickeln und sein verhärmtes Gesicht auf die Tischplatte zu schlagen. Aber Beamer registrierte es nicht mal. Entweder man war in der Army gewesen oder eben nicht.

‹Haben wir uns ganz klar verstanden?›

‹Sicher doch, Cap.›

‹Dann kommen wir gut miteinander aus.›


Während McGrady nun im Knast schmort, fallen die Bomben der Japaner auf Hongkong. Die japanische Armee übernimmt die Stadt ein paar Tage später und alle Amerikaner und Engländer werden verhaftet, die meisten als Kriegsgefangene nach Tokio verfrachtet. So erfährt McGrady von dem Angriff in Pearl Haber, dem Kriegseintritt Amerikas in den Zweiten Weltkrieg. 


Sie begreifen es nicht. Die Japsen haben Pearl Harbor angegriffen. Und Wake. Dann Guam und Manila und Hongkong zur selben Zeit. Wir reden über eine Front von fast neuntausend Kilometern Länge.


Man wirft dem amerikanischen Detective vor, ein Spion zu sein – was ihn sein Leben kosten könnte. Plötzlich holt der Diplomat Takahashi Kansei McGrady aus dem Gefangenentrupp heraus. Er ist der Onkel und Ziehvater der ermordeten Japanerin aus Honolulu, will, dass der Mörder gefasst wird, macht das Angebot, McGrady zu retten, wobei er ihn aber als im Bombenangriff getötet melden muss. Er und seine Tochter Suchi verstecken McGrady bis zur Kapitulation Japans zu Hause. Genug Müßiggang, um Japanisch zu lernen, die Kultur kennenzulernen. McGrady kehrt nach Kriegsende nach Hawaii zurück. Dem Totgeglaubten wird kein freundlicher Empfang gemacht; viel hat sich verändert. Der alte Fall interessiert niemanden mehr und so beginnt McGrady auf eigene Faust zu ermitteln, begibt sich auf die Suche nach John Smith.


‹Wollen Sie, dass ich bei Ihnen wohne?›

‹Ja.›

‹Wie lange?›

‹Bis der Krieg vorbei ist.›

‹Haben Sie eine Vorstellung, wie lange das dauern könnte?›

‹Wenn es eine diplomatische Lösung gibt, geht es sicher schneller.›

‹Können Sie sich das vorstellen? Ich habe die Vorbereitungen in Honolulu gesehen. Ich kann Ihnen versichern, dass man die Differenzen nicht mit einem Stück Papier aus der Welt schaffen will.›


Ein spannender Krimiplot, der so anders ist, als der gängige Kriminalroman! Ein geschichtlicher kleiner Rückblick auf den Zweiten Weltkrieg, den Pazifikkrieg, der bei uns in Europa gern ausgeblendet wird – bei dem viele Amerikaner ihr Leben lassen mussten, der mit den Atombomben auf Japan endete. Hier werden keine Sieger oder Kriegshelden präsentiert, nur Leid auf allen Seiten, die Sinnlosigkeit des Krieges. Ein literarischer Krimi, atmosphärisch mit starken Bildern, ein tragischer Held, eine Odyssee, in die eine zarte Liebesgeschichte eingeflochten wird – völlig kitschfrei. Tief ausgearbeitete Charaktere, die glaubhaft sind. Ein brutaler Krieg mit hohen Verlusten auf beiden Seiten. Tokio von Napalmbomben zerstört, Hunger breitet sich aus. Eine Sicht, die selten beschrieben wird. Aber auch ein Hardboiled-Epos, denn zwischendurch geht es ziemlich zur Sache. Ein komplexer Krimi mit Genremix, der für Überraschungen sorgt. Ein Protagonist, der für Gerechtigkeit steht, auch wenn der dabei das Recht manchmal überschreiten muss, steinige Wege gehen. Was will man mehr? Hohe Erzählkunst, unbedingt lesen!


James Kestrel ist ein Pseudonym von Jonathan Moore, Anwalt und Romancier. Bevor er sein Jurastudium in New Orleans abschloss, war er Englischlehrer, Wildwasser-Rafting-Führer auf dem Rio Grande, Besitzer von Taiwans erstem mexikanischen Restaurant, Betreuer in einem texanischen Wildniscamp für jugendliche Straftäter und Ermittler für einen Strafverteidiger in Washington, D.C. Er lebt mit seiner Familie auf Hawaii. Seine Bücher wurden in zwölf Sprachen übersetzt. Für Fünf Winter wurde er mit dem Edgar Award 2022 für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet.


James Kestrel 
Fünf Winter
Originaltitel: Five Decembers, 2021
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Stefan Lux. 
Krimi, Kriminalroman, Kriminalliteratur, Hardboiled, Zweiter Weltkrieg, Japan, Pearl Habour, Pazifikkrieg, Amerikanische Literatur
Hardcover, 499 Seiten
Suhrkamp Verlag, 2023




Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Doppeltes Spiel von K.L. Slater

  Ein luxuriöser Wolkenkratzer mit dem Namen Orbit, in dem die Reichsten der Reichen zusammenkommen: hier arbeitet die attraktive Alicia als Kellnerin. Als der charismatische Eigentümer des Orbit ihr das Angebot macht seine Freundin zu spielen und dafür ein großzügiges Gehalt zu erhalten, in seinem riesigen Apartment im Orbit zu wohnen, nimmt sie an. Immerhin ist es nur ein Spiel, denn er braucht eine Begleitung, will sich vor den vielen Frauen schützen … bis das Spiel plötzlich mehr zu sein scheint. Langweilig, uninteressant, voller Klischees, sprachlich kraftlos – mehr muss ich nicht sagen.  Weiter zur Rezension:   Doppeltes Spiel von K.L. Slater 

Rezension - Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter von Lukas Bärfuss

Nach «Vaters  Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht. Weiter zur Rezension:    Königin der Nacht – Ein kurzes Buch ...

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Generation Glücklich: Dein Handbuch für mehr Spaß und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme von Jonathan Haidt und Catherine Price

Stell dir vor, du wächst auf in einer Welt voller Smartphones , Likes und endlosem Scrollen, als wäre das Handy an der Hand festgewachsen. Das Handy ist das Erste, was du morgens, und das Letzte, was du abends anschaust – ganz schön viel für ein Kind, oder? «Generation Glücklich» richtet sich an Kinder zwischen 9 und 12 Jahren, die genau in dieser Welt ihren eigenen Platz finden wollen – ohne sich dabei virtuell selbst zu verlieren. Medienkompetenz , Selbstsicherheit, Selbstständigkeit im Umgang mit Medien – Fallstricke kennenlernen, Mechanismen auf Social Media verstehen an Hand von Comics und Übungen. Zu verstehen, wie Social Media funktioniert und wie sie das Gehirn verändert . Empfehlung!  Weiter zur Rezension:     Generation Glücklich: Dein Handbuch für mehr Spaß und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme von Jonathan Haidt und Catherine Price

Recherche - Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton

  Die 12-jährige Bo Delafort ist eine «Schlammschwalbe» – Menschen die an der Themse leben, arbeiten als Schlammsucher, sie graben im Schlamm nach kleinen Schätzen und Angeschwemmtem, was man verwerten kann. Als Bo eine schimmernde Münze im Schlamm des Flusses findet, meint sie, der Fluss würde mit ihr sprechen. «Du wirst nicht verlieren …» raunt er ihr zu. Aber was bedeuten die Worte? Eine insgesamt spannende Fantasy ab 12 Jahren mit Tiefgang. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Rezension - Und dann gab’s keines mehr von Agatha Christie, Pascal Davoz und Callixte

Agatha Christie Classics Der Klassiker schlechthin! Der meistverkaufte Krimi von Agatha Christie als Grafic Novel . Zehn Menschen werden von einer Familie, die sie nicht kennen, aus unterschiedlichen Gründen auf eine kleine abgelegene Insel eingeladen. Entweder sollen sie dort arbeiten oder sich vergnügen. Einige von ihnen lernt der Lesende bereits auf der Anfahrt kennen. Acht Menschen treffen vergnügt im Hafen aufeinander, sechs Männer, zwei Frauen. Auf der Insel empfängt sie ein Dienerpärchen, von dem sie erfahren, der Gastgeber wird erst erst am nächsten Tag eintreffen. Doch gleich zum Begrüßungscocktail wird ihnen offenbart, wozu sie angereist sind: Alle Anwesenden werden sterben! Klasse umgesetzt als Comicadaption, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Und dann gab’s keines mehr von Agatha Christie, Pascal Davoz und Callixte 

Rezension - Simone von Nikolaus Heidelbach

  Wally und ihre Mutter gehen zum Babyschwimmen und lernen Simone kennen. Man findet sich sympathisch, und so wird das Flusspferd als Babysitter engagiert, wird die engste Vertraute von Wally. Bevor das Mädchen in die Schule kommt, keinen Babysitter mehr benötigt, begeben sich die beiden auf eine letzte abenteuerliche Flussreise . Sie erleben Wasserfälle , wilde Picknicks und ein fröhliches Schlammbad mit Simones Familie. Ein liebevoll, atmosphärisches Bilderbuch ab 4 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Simone von Nikolaus Heidelbach

Rezension - Die Unbehausten von Barbara Kingsolver

  Gesprochen von Vera Teltz Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 16 Std. und 23 Min. Die amerikanische Mittelschicht geht am Krückstock – sehr fein beschrieben in diesem Roman. Alles scheint herum um Willa Knox zusammenzubrechen: Als freie Journalistin steht sie ohne Aufträge da. Ihren Job hatte sie verloren, weil kaum noch Zeitungen gekauft werden. Ihr Mann Iano verliert seine Professur, Sohn Zeke, als Absolvent der Harvard Business School der große Hoffnungsträger der Familie, ist gerade Vater geworden; seine Frau jedoch kurz nach der Geburt Suizid verübt hat. Und ihr schwerkranker Schwiegervater schwärmt vom «Megafon», der gerne Präsident werden möchte, dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Doch dann erbt Willa von ihrer Tante ein Haus, und das Haus könnte ihre Rettung sein. Weiter zur Rezension:   Die Unbehausten von Barbara Kingsolver