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Fake News & Verschwörungstheorien von Gérald Bronner - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Fake News & Verschwörungstheorien 


von Gérald Bronner und Krassinsky


Intellektuelle Reife ist keine Frage des Alters. Sie ist vor allem eine Frage des Mutes. Unsere Leben ist doch die ganze Zeit voller Ungewissheiten. Und etwas zu glauben, verspricht uns, die Ungewissheit zu vermindern, es gibt uns eine Illusion von Kontrolle.



Lehrer, Eltern, Großeltern, bitte lesen, denn dies ist für mich ein wichtiges Buch – ein Sach-Comic – eine Graphic Novel – zu einem sehr wichtigen Thema – nicht nur für Jugendliche.
Fake News und Fehlinformation gehören neben Umweltveränderungen zu den größten Problemen unserer Epoche. Wer die Glaubwürdigkeit einer Information hoch einschätzt, teilt diese auch eher ungeprüft weiter, und so werden Blödsinnsmeldungen bis zu gefährlichen Lügen weiterverteilt. Wenn mehr Internetnutzer dieses System verstehen würden, Informationen überprüft würden, könnte man dem entgegenwirken, bzw. sich der Manipulation bewusst sein. Denn auch die Meinungsbilder nutzen bewusst die Manipulation. Verschwörungstheorien können sich heute in den Neuen Medien innerhalb von Stunden weltweit verbreiten. In diesem erzählenden Sachbuch – Sach-Comic – wird dem ganzen auf den Grund gegangen, Mathematisches (ohne Formeln) angesprochen, viele Dinge aus der Psychologie werden erklärt. Das Ergebnis ist gleich, aber die Aussage eine völlig andere. Wie bilde ich Meinungen, warum habe ich Vorurteile, wie lege ich mich selbst herein? Didaktisch gut aufgearbeitet, werden komplexe Sachverhalte einfach und beispielhaft erklärt. Fremdwörter kommen selten vor, nur wenn es Sinn ergibt und dann werden sie erklärt.



Das Vorwort ist textträchtig, dabei auch anspruchsvoll, es hätte besser nach hinten gepasst, könnte den ein oder anderen Jugendlichen davon abhalten, weiterzulesen. Aber die Information ist klasse – man sollte sie lesen! Hier wird geschichtlich ausgearbeitet, dass es die Verbreitung von Gerüchten schon immer gegeben hat, sie auch immer manipulativ eingesetzt wurde. Die Comic-Geschichte beginnt mit einem Streit am Familientisch: Leon soll eine Auffrischung seiner Hepatitis-B-Impfung bekommen. Er verweigert dies mit dem Argument, davon bekomme man MS. Auf der Straße trifft er seinen Kumpel – nennen wir den Namenlosen Vernunft. Er erklärt ihm, dass das menschliche Gehirn eine Milliarde Verbindungen besitzt, und dass man sich täuschen kann, z.B. optischen Täuschungen erliegt. Er fragt Leon, warum Giraffen lange Hälse haben. Damit sie in den Bäumen die Blätter essen können. Das ist falsch, erklärt Vernunft, nur die Giraffen haben überlebt, die längere Hälse hatten, die anderen sind verhungert, und so vermehrten sich die Langhälse. Wie wird in der Werbung manipuliert? Es wird mit Erwartungen gespielt. Auch bei Angeboten wird manipuliert: 30 % reduziert kann günstiger sein als 50 % – der Inhalt zählt, Kosten für Gramm / Stück. Der Mensch greift automatisch nach 50 % Ermäßigung – warum? Nun geht es um Informationsflut im Netz: Verschwörungstheorien verbreiten sich schneller, es gibt wesentlich mehr davon und darum findet man auch Unmengen – Masse ist nicht immer klasse. Das entstehen von Filterblasen wird verdeutlicht, warum man plötzlich von nur einer Meinung umzingelt ist – und warum einem das möglicherweise guttut. Der Bestätigungswunsch im Menschen wird erfüllt: Ich bin ok. Warum ist der Mensch untätig? Wer nichts tut, macht nichts falsch. A und B wetten auf der Rennbahn. A setzt auf 1, den Favoriten, obwohl er eher auf 2 tippt. B setzt auf 2, Risiko, zieht aber die Wette doch im letzten Moment zurück, wechselt auf 1. Natürlich gewinnt 2. Warum haben wir Mitleid mit B, nicht mit A? Es kommen auch einige Beispiele aus der Wahrscheinlichkeitstheorie, die unser Denken beeinflussen. Man befragte z.B. Menschen mit Löwen-Sternzeichen, die sich für Astrologie interessieren nach ihren Charaktereigenschaften: Das waren richtige Löwen. Dann befragte man Löwen-Menschen, die sich nicht für Astrologie interessierten: Nun kamen völlig andere Eigenschaften heraus. Es geht um Sophismus und Zufälle, wobei mir eins der Beispiele besonders gut gefiel: Ein Journalist brachte vor ein paar Jahren ein Buch heraus, in den er behauptete, die Bibel stecke voller Vorhersagen, indem er jeden dritten Buchstaben extrahierte. Heraus kamen Wörter, wahre Ereignisse setzten sich zusammen. Ein paar Mathematiker machten nun das gleiche Experiment mit anderen Büchern, wie unter anderem mit Moby Dick und fanden hier noch viel mehr Offenbarungen. Prävalenzfehler – das Ergebnis ist amüsant.



Mir hat das Buch sehr gut gefallen, denn es kann wissenschaftliche Zusammenhänge durch die Comicform ver(sinn)bildlichen. Jean-Paul Krassinsky zeichnet ausdrucksstark, humoristisch und die Illustrationen sind passgenau auf die Dialoge zwischen Leon und seinem Freund abgestimmt. Ein Schlag Humor steckt auch mit darin. Das Buch gehört übrigens zu einer Serie des Jakoby & Stuart Verlags: »Die Comic-Bibliothek des Wissens«, die politische, gesellschaftliche und ökonomische Zusammenhänge erklärt. Hier werden Experten von Wissensgebieten Zeichner zur Seite gestellt, um gemeinsam kompliziertes Wissen verständlich zu machen. Dieser Comic stammt in Original aus Frankreich.


Gérald Bronner, geb. 1969, ist ein bekannter französischer Soziologe, der sich vor allem mit Fanatismus, Radikalisierung und Verschwörungstheorien auseinandergesetzt hat. Krassinsky (Jean-Paul Krassinsky), geb. 1972, ist ein in Bayern geborener und inzwischen sehr gefragter französischer Comic-Künstler.

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