Direkt zum Hauptbereich

Eine gewöhnliche Familie - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Der Anfang: Frankfurt liegt schon weit zurück, und bis Lyon ist noch genügend Zeit. Aus den Fenstern des TGV starrt sie in das schummrige Licht des neuen Tages. Dunkel und nah erheben sich die Vogesen.

Céline wohnt in Frankfurt, man nennt sie in der Familie die Deutsche, denn sie stammt aus Frankreich. Heute kehrt sie zurück in die Vogesen, um Onkel und Tante zu beerdigen. Beide verstarben am gleichen Tag, der Onkel an einer Lungenentzündung, weil die Pflegerin die Anzeichen ignorierte, die Tante stürzte schwer, lag eine ganze Zeit lang im Wohnzimmer, bis sie von der Pflegerin gefunden wurde. Die Eltern von Céline sind bereits verstorben. Onkel und Tante waren das Gegenteil von ihnen: kinderlos, exzentrisch, reich, glamourös, schön, bourgeois, Stadtmenschen. Die eigene Mutter eine graue Maus, Hausfrau, der Vater, bodenständig, ein Familienmensch, kinderreich, kleinbürgerlich aus den Bergen.

Der Onkel und die Tante, der Vater und die Mutter. Simon und Tamara, Ernest und Suzanne. Die ersten selbstsicher, kinderlos und leicht herablassend, die zweiten bescheiden und unsicher. Beide Brüder Zahnärzte. Aber die Praxis von Simon in Lyon können wir nicht mit der altmodischen Praxis von Ernest in der kleinen Alpenstadt vergleichen.

Zur Beerdigung von Onkel Simon und Tante Tamara trifft die Familie zusammen. Céline, die Intellektuelle, ihre drei Geschwister, Aline die Schöne, Pauline die Lustige und Philippe der Sportliche (die Cardin-Geschwister, vom Vater mit Spitznamen bedacht), die boshafte alte Tante Catherine, die Schwester von Tamara, ein Wirbelwind, genannt flotte Kati, mit ihrem faden Sohn, dem pensionierten Wirtschaftsanwalt – die andere Seite, die reichen Lyoner. Hier geht es nicht nur um die Beerdigung, um ein Familientreffen, konkret geht es um eine Menge Bares, um das Testament. Laut diesem waren die Cardin-Kinder als Erben vorgesehen, doch weil das Papier verschwunden ist und nur eine Kopie existiert, erbt nun wohl die flotte Kati circa eine Million.

Heute sieht Céline klar, dass sie immer klar gesehen hat, dass ihr Onkel sie nie geblendet hat, die freundliche falsche Münze, der dicke Angeber, und sie weiß auch, dass Kinder und Jugendliche in ihrem unersättlichen Liebesbedürfnis jeden beliebigen Onkel vergöttern können, gewöhnlichste, sogar bösartige Menschen.

Eine gewöhnliche Familie, verschiedene Charaktere, der eine Zweig gegen den anderen, aber auch untereinander herrschen Rivalitäten. Geldgier – die Macht des Geldes des Glimmers, schon die Kinder werden von Tante und Onkel gelockt. Es sind nicht nur die Zuwendungen, die der reiche Onkel zukommen lässt, Eifersucht, Sticheleien gegen den Bruder, oder die makellose Tante, die Kosmetik verschenkt, damit man Haut behält, die jemand küssen will – Suzanne, die graue Maus, früh runzlig geworden. Erst ziemlich spät versteht Céline, was sich hinter Tante und Onkel wirklich verbarg, was hinter ihren Eltern. Jede Person wird kurz von Céline durchleuchtet. Die Dolmetscherin ist es gewohnt, sachlich-neutral zu denken, wenn sie Worte und Gedanken von anderen übersetzt. So skizziert sie neutral (aus ihrer Sicht) ihre Verwandten und deren Haltung, wir lernen auch die böse Großmutter kennen, die nie etwas sagte, fragte, nur im Befehlston regierte.

Eine Familie ist eine Wiege, ein Gefängnis, ein Giftschrank, ist ein Hafen. Nichts ist real. Auf nichts ist Verlass.

Celine will neutral sein – kann jemand neutral von anderen berichten, insbesondere im Verwandtschaftsverhältnis? Natürlich nicht. Und darum gibt es eine weitere Perspektive, ein Wir, das Célines Perspektive als nicht ganz zuverlässig aufblättert. Die Geschichte an sich ist genauso gewöhnlich, wie diese Familie. Sylvie Schenk schafft es, in kurzer Skizzierung ganze Menschenleben zusammenzufassen, zu charakterisieren, wie bereits in ihrem letzten Roman, »Schnell, dein Leben«. Ihre Sprache ist knapp und präzis, genau beobachtend. Die Geschichte ist leise, die Geschichte einer ganz normalen Familie.

Was ist aus dir, aus uns geworden, die wir hier nun alle um ein Vermögen streiten, die wir der Liebe an den Kragen gegangen sind, die wir den großen Leidenschaften den Garaus gemacht haben, die wir alle Träume über Bord geworfen, alle Visionen zertrümmert haben?

Sylvie Schenk wurde in Chambéry, Frankreich, geboren, studierte in Lyon und lebt seit 1966 in Deutschland, bzw. sie lebt bei Aachen und in La Roche-de-Rame, Hautes-Alpes. Sie veröffentlichte Lyrik auf Französisch und schreibt seit 1992 auf Deutsch.

Hier eine weitere Rezension zur Autorin:

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - #Erstkontakt von Bruno Duhamel

  Doug, ein ehemaliger Fotograf lebt von der Öffentlichkeit zurückgezogen in den schottischen Highlands. Niemand liked seine Fotos, er ist frustriert, darum hat er seit 17 Monaten nichts veröffentlicht. Doch dann fotografiert er durch Zufall am See vor seiner Haustür ein seltsames Wesen – und teilt den Schnappschuss im sozialen Netzwerk «Twister». Danach geht er duschen, kommt zurück, kann es nicht fassen: «150.237 Personen haben auf ihren Post reagiert; 348.069 mal geteilt». Sofort bereut er seinen Post. Er ahnt, was nun geschehen wird, er hat Büchse die Pandora geöffnet … Ein herrlicher Comic, Graphic Novel, fast ein Cartoon, nimmt mit schwarzem Humor Social Media und Aktivist:innen diverser Gruppen auf die Schippe. Weiter zur Rezension:    #Erstkontakt von Bruno Duhamel

Rezension - Die Entführung von John Grisham

  Mitch McDeere wiederbelebt, den wir aus «Die Firma» kennen – ein Folgeroman. Eher nicht, denn ihn und seine Familie erkennen wir nicht wieder, sie wären austauschbar durch irgendwen. Mitch ist nun Partner in der größten Anwaltskanzlei, Scully & Pershing, in Manhattan, die weltweit ihre Ableger führt. Fünfzehn Jahre ist es her, dass er gemeinsam mit dem FBI die verbrecherische Kanzlei, «die Firma», in der er arbeitete, hat hochgehen lassen. Doch nun holt ihn wieder ein Verbrechen ein: Als ihn sein sterbenskranker Mentor Luca in Rom bittet, einen Fall gegen Arafats Libyen zu übernehmen, gerät er in Tripolis in eine Falle. Der schlechteste Grisham ever. Leider. Langweiliger Spannungsbogen, in diesen Justizthriller oberflächliche Charaktere. Weiter zur Rezension:    Die Entführung von John Grisham

Rezension - Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Kinder lieben Pupsbücher! Wie ist das eigentlich mit den Tieren? Wie pupsen die? Auf einer urkomischen Reise durch das Reich der Flatulenz beobachten Elefant und Maus die unterschiedlichsten Fürze. Und so lernt die Maus, dass Pupsen die normalste Sache der Welt ist! Witzig gestaltet, den Text in Reimform gebracht, macht dieses Bilderbuch Spaß! Lustiges Bilderbuch ab 3 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Rezension - Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Theos bester Freund ist der Drache Kokolo, aber das darf keiner wissen. Denn Drachen gibt es ja gar nicht. Mitten in der Nacht klopft Kokolo an Theos Fensterscheibe: Sie müssen schnell etwas unternehmen denn der fiese Adler Malo hat eins der Babys von Tante Xenna Drachen entführt!  Werden sie noch rechtzeitig kommen? Lesenlernen mit einem Comic, kurze Texte, für Leseanfänger konzipiert. Eine spannende Graphic Novel ab 6 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Rezension - Synthese von Karoline Georges

  Als ein 16-jähriges Model auf dem Weg nach Kanada ist, passiert zeitgleich in Tschernobyl ein Unglück in einem Atomkraftwerk. Das interessiert sie genauso wenig wie Mode. Eigentlich interessieren sie nur Fiktionen in ihren Büchern und Virtuelles. Sie liebt Bilder, Bilder im Kopf, würde selbst gern ein Bild sein. So wird sie Model, auch weil man so viel Geld verdienen kann, ohne studieren zu müssen. Sie macht in Paris Karriere und wird sehr jung finanziell unabhängig, bezeichnet sich selbst als «ein humanoider Kleiderbügel». Weiter zur Rezension:    Synthese von Karoline Georges

Rezension - Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

  Eine türkische Familiengeschichte, die mit der Urgroßmutter und der Großmutter einleitend beginnt. Die nächste Generation wandert nach Deutschland aus – das gelobte Land, wo Milch und Honig fließt. Der Traum, den viele «Gastarbeiter» träumten: Arbeiten, viel Geld verdienen, nach Hause zurückkehren und ein Haus bauen. Und dann wurden aus den Gästen Einwohner. In Deutschland die Türken – in der Türkei die Deutschen – entwurzelt, nirgendwo wirklich zu Hause. Eine Familie, die sich bemüht hat, sich zu integrieren. Ein Zwiegespräch zwischen Sohn und Mutter – zwei völlig verschiedene Generationen, aber auch eine Abrechnung mit der deutschen Gesellschaft und eine mit dem Heimatland und dem Machismo, mit der Erniedrigung der Frauen. Ein hervorragender Gesellschaftsroman, ein Bildungsroman über Migration, Rassismus und Misogynie – meine Empfehlung! Weiter zur Rezension:     Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

Rezension - Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

  Herr Wilson von nebenan hat ein Geheimnis! Er arbeitet in einer Bäckerei und backt die leckersten Kuchen. Da ist sich Liz sicher. Er hat grüne Haut, nur drei Finger, einen verdächtig langen Hals, klumpige Füße und eine seltsame Vorliebe für grüne Blätter. Ist er vielleicht ein Dinosaurier?! Niemand glaubt Liz. Darum fährt sie zum Museum für Paläontologie, denn die müssen es wissen! Mary sagt zwar, die seien ausgestorben, welch ein Quatsch! Doch was hat sie vor? Feines Bilderbuch zum Thema Toleranz ab 4 Jahren. Weiter zur Rezension:     Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

Rezension - Italien: Food. People. Stories von Haya Molcho & Söhne

  Haya Molcho begibt sich mit ihren Söhnen auf eine italienische Reise von Triest bis nach Sizilien, wobei sie lokale Produzent:innen und Köch:innen besuchen, die über die unterschiedlichsten Facetten der italienischen Kochkunst erzählen und uns ihre liebsten Rezepte verraten. Im zweiten Teil der kulinarischen Reise gibt es italenische Rezepte der Familie, typisch Neni. Levantinische Küche trifft auf italienische Originalrezepte; dabei auch traditionelle italienische Gerichte im Original. Reiseliteratur, Kulinarisches mit vielen Rezepten, Italienische Küche, Levante-Küche – Empfehlung. Weiter zur Rezension:   Italien: Food. People. Stories von Haya Molcho & Söhne