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Die weite Leere von J. Todd Scott - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Die weite Leere 


von  J. Todd Scott 


Der erste Satz: 


Mein Vater hat drei Männer umgebracht.


Seinen Vater nennen sie «Judge», denn es ist seine Stadt, die er überwacht – er ist der Sheriff von Big Bend County, dessen Brutalität und Rücksichtslosigkeit legendär ist. Ihm entgeht nichts, was in dieser Stadt geschieht. Und er regelt alles auf seine Art und Weise. Der siebzehnjährige Caleb Ross lebt seit dem Verschwinden seiner Mutter mit seinem autoritären Vater allein unter einem Dach – für ihn bedrückend. Seine Mutter sei also verschwunden ... Was war mit der ersten Frau von Judge? Die ist auch verschwunden – wie seine Mutter, eines Nachts, ohne Auto, Portemonnaie, Ausweis oder irgendetwas, was für sie eine persönliche Bedeutung hatte, ohne Kleider, Schuhe, Kosmetik ... Und die zweite Ehefrau? Die war auf merkwürdige Art in der Badewanne ertrunken. Caleb Ross wird den Judge vom Sockel reißen – zumindest nimmt er sich das vor.


Wer ist der Tote?


Die Leiche war kaum zu erkennen. Das Ende des Knochens vielleicht, schmutzig und elfenbeinfarben, und etwas Faserartiges, das ein Stück Stoff gewesen sein mochte. Und noch etwas anderes, spinnwebartig, verfilzt und schrecklich, wie es sich träge im Wind bewegte, etwas das wohl einmal Haar gewesen war. Es raschelte mit dem Gras, den vertrockneten Kreosotbüschen, den Meskalbohnen, als würde es leben.


Deputy Chris Cherry wird auf eine ziemlich abgelegene Weide gerufen, Murfee, Texas, Grenzland zu Mexiko. Ein Skelett ist gefunden worden. Normalerweise ist dies nicht der Rede wert, ein gängiger Vorgang: Mexikaner, die über die Grenze fliehen, sich verlaufen oder nicht mit dem Tempo der Gruppe mithalten können – entkräftet, verdurstet, verstorben. Doch dieser Tote erweckt die Aufmerksamkeit von Cherry. Die Hände sind mit Kabelbinder auf dem Rücken gebunden – aber nicht einfach Kabelbinder, sondern die Sorte, die die Polizei anstatt Handschellen verwendet. Er macht Fotos von dem Leichnam, lässt ihn abtransportieren. Wird der Sheriff erlauben, die Leiche untersuchen zu lassen? 


Die Stadt ist das Ende und die letzte Hoffnung


Mein Vater tut immer so, als wären solche Begegnungen reiner Zufall. Aber das stimmt nicht. Er überlässt nichts dem Zufall. Wahrscheinlich hat er schon zwei, drei Tage vorher beschlossen, dass es Zeit war, sich an Mrs Hart ranzumachen, ... Wahrscheinlich hat er schon vor einem Jahr geplant, sie nach Murfee zu holen.


Chris Cherry hatte die Kleinstadt mit einem Football-Stipendium verlassen, ein Studienabschluss und die Hoffnung, ein Football-Star zu werden. Er war auf gutem Weg, bis zu dem Zeitpunkt, als er sich das Knie verdrehte – das Aus seiner Karriere. Nach dem Tod seiner Eltern kehrt er zurück nach Murfee, lässt sich als Deputy einstellen. Und er hat seine Freundin Melissa in dieses abgelegene Kaff geschleppt. Auch Anne ist hier nicht ganz freiwillig gelandet. Die Lehrerin hat vom Sheriff den Posten angeboten bekommen – ihre letzte Chance nach beruflichen Turbulenzen. Mit dem Skelett gerät ein Stein ins Rollen, nicht alle Leute sind davon begeistert, wie auch der drogensüchtige, korrupte Chief Deputy Duane Dupree. Wem kann Chris in dieser Stadt trauen? Wem kann Caleb vertrauen?


Für den Leser ein Höllenritt durch die Wüste

Dieser Kriminalroman hat mich begeistert, ein Noir-Krimi, ein literarischer Krimi, ein Modern Western: Knurrige Rancher, denen das Gesetz egal ist, die ihre eigenen Gesetze stricken, Korruption, Rassismus und Drogen, eine staubig, geografisch isolierte Grenzstadt am culo del mundo, eine faszinierende Landschaft. Das Setting ist fein eingearbeitet, die Stimmung die Wüstenstadt fühlbar, die nur einen Steinwurf von der Drogengewalt in Mexiko entfernt ist, im Grenzbereich mitmischt. Die Perspektive wechselt zwischen einem halben Dutzend Charakteren, die fein gezeichnet sind, und es gibt Wendungen, die man nicht erwartet. Für den Leser ein Höllenritt durch die Wüste. So muss ein Krimi konzipiert sein! Ich hoffe, wir werden von J. Todd Scott noch viel zu lesen bekommen. Atmosphärisch, spannend, literarisch und ganz dreckiger Noir! Der Autor hat mehr als zwanzig Jahre als Federal Agent gearbeitet, die größte Zeit an der Grenze zu Mexiko, er weiß, wovon er schreibt. Vorweg stellt er ein paar wahre Begebenheiten, die mit Drogen und Korruption in Verbindung stehen: «Das ist die Grenze, wie ich sie kenne.» Und genau das spürt man. Der Judge steht für das Alte – rücksichtslos und despotisch, rassistisch, frauenfeindlich, der die Wildnis und die Jagd liebt, für Gerechtigkeit sorgt, die er aber für sich selbst deklariert, schnell die Finger an der Waffe, die Faust im Gesicht - denn er ist das Gesetz. Cherry ist die neue Art der Gesetzesvertretung. Vorsichtig, empathisch, Gewalt vermeidend, ein Teamworker. Für mich steht dieser Roman von J. Todd Scott auf einer Stufe mit James Lee Burke und Garry Disher. Wer diese Autoren mag, dem wird auch dieser Krimi gefallen. Empfehlung!


J. Todd Scott ist seit mehr als zwanzig Jahren als Bundesagent bei der DEA tätig und arbeitet an Fällen, in denen internationaler Seeschmuggel, inländische Meth-Labors und mexikanische Kartelle untersucht werden. Er hat einen Jura-Abschluss der George Mason University und ist Vater von drei Kindern. Er stammt aus Kentucky und wohnt heute im Südwesten, der die Kulisse für «Die weite Leere» bildete.


J. Todd Scott 
Die weite Leere
Originaltitel: The Far Empty
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Harriet Fricke
Mit einem Nachwort von Carsten Germis
Krimi, Kriminalroman, literarischer Krimi, modern Western, Noir, amerikanische Literatur Country Noir
Gebunden mit Schutzumschlag, 448 Seiten
Polar Verlag, 2021




Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

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