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Die Kirsche auf der Torte aller Katastrophen von Marie Pavlenko - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Die Kirsche auf der Torte aller Katastrophen 


von Marie Pavlenko


Ein Jugendbuch, das mir so richtig Spaß gemacht hat! Shit happens – alles läuft schief in diesem Jahr! Deborah wohnt in Paris und ihr letztes Schuljahr steht an. Wird sie das Abitur schaffen? Es wird ihr nicht in den Schoß fallen. Ihre Mutter hat einen ausgesetzten Hund mit nach Hause gebracht – den hässlichsten Hund der Welt, der obendrein stinkt wie die Pest; sie nenn ihn Isidor. Und an wem bleibt es hängen, das Vieh zu füttern und auszuführen? Natürlich an Deborah. «Isidor ist meine persönliche Zwangsarbeit.» Die beste Freundin steckt in einer anderen Abschlussklasse und ist verliebt, hat kaum Zeit für sie, und das ist längst nicht alles!


‹Du wirfst mir vor, nie mit dir zu sprechen, ... Wenn du mich jedes Mal abblockst, sobald ich es versuche, dann kommen wir nicht weiter.›

Ich seufze geräuschvoll. Seine physische Gegenwart geht mir auf die Nerven. 

‹Du möchtest, dass ich aufmerksam bin, aber nicht zu sehr, dass ich die zuhöre, ohne viel wissen zu wollen. Ach, meine Liebe, du bist wirklich kein einfaches Mädchen.›


Der Vater ist Chefredakteur, ständig unterwegs, kümmert sich wenig um die Familie. Vater und Tochter mit Kommunikationsproblemen. Und die Mutter, eine Grafikerin, ist zu Hause nur mit sich selbst beschäftigt. Deborah scheint es, sie lebt in einer anderen Welt – ist abwesend, distanziert zu jedem. Da Isidor sämtliche Schuhe durchgeknabbert hat, geht Deborah am ersten Tag in apfelgrünen Gummistiefeln mit aufgesetzten Froschaugen in den Unterricht. Immerhin regnet es. In der Schule läuft es nicht wie gedacht. Aber da sind Victor und Jamal (sie nennt ihn Tarantula-Man, weil er drei tellergroße Spinnen als Haustiere hält). Sie werden Deborahs beste Freunde, die mit ihr zusammen lernen und abhängen. Doch dann beobachtet sie den Vater, der eine andere Frau küsst. Die Ehe ist zerbrochen, die depressive Mutter erleidet einen Zusammenbruch. Deborah verliebt sich in Victor; aber der ist längst vergeben, führt eine Fernbeziehung mit einem Mädchen, das nicht nur extrem intelligent ist, sondern genauso hübsch – keine Chance bei ihm zu landen. 


Das Universum hat sich eine breite Schaufel geholt und mir damit voll in die Visage geschlagen.


Ein Jahr voller Katastrophen; es steht noch einiges an für sämtliche Protagonisten. Halt findet Deborah bei Jamal und Victor. Jamals Eltern sind verstorben und er wohnt bei seiner Tante in einer Luxuswohnung – die Kunsthändlerin lebt meist im Libanon, kommt nur selten nach Hause. Ein Rückzugsort für das Trio. Der Sound dieses Jugendromans ist trotz aller Desaster voll Zuversicht und mit viel Humor geschrieben. Mit Empathie und Freunden lässt sich alles wuppen. Als Lesender lacht man sich weg und an manchen Stellen streicht man ein Tränchen von der Wange. Alles wird gut. Atmosphärisch dicht, sprachlich und inhaltlich auf hohem Niveau, trotzdem leicht zu lesen, ein Lesespaß. Dieser Roman  ist aus der Perspektive Ich im Präsens geschrieben, mit dem ich gut etwas anfangen kann. Denn Präsens taucht nur in Echtzeit mit direkt Erlebtem auf und das Ich spricht den Leser direkt an, kommuniziert in Echtzeit. Das Präsens spiegelt das, was wirklich geschieht zwischen den Dialogen inklusive Gedanken. Erklärungen sind in den Rückblick gelegt. Ein geschickt konstruierter Roman.


Es stimmt schon, meine Mutter kreist irgendwo oben am Himmel. Man könnte auch sagen: Sie segelt in eigenartigen Gewässern und niemand wird es gelingen, ihrem Kurs zu folgen. Mein Vater hat es versucht.


Was zunächst nach einem einfach gestrickten Plot aussieht (das Cover weist leider ebenfalls dahin, samt Titel), erweist sich als hochkomplexe Geschichte. Im Original heißt der Titel: Ich bin deine Sonne. Wesentlich passender, denn dieser empathische Titel hat eine wichtige Bedeutung für das Buch – ein Satz, der sich durch die Geschichte zieht. Schade, dass dies nicht übernommen wurde. Deborah liest in diesem Jahr Victor Hugos «Die Elenden», von ihrer Buchhändlerin empfohlen, eine Freundin der Mutter. Es sind die kleinen Exkurse in diesem Roman, die die Erzählung so liebenswert machen, wie die Philosophielehrerin mit ihren Tipps, die Debrorah erklärt, wie man ein Essay schreibt. Die Schule nennen die Jugendlichen «Kaninchenstall», in den man 40 Schüler in eine Klasse presst. Ein feiner Coming-of-Age-Roman; der Thienemann Verlag gibt eine Altersempfehlung, ab 13 Jahre. Passt, aber besser älter.


Marie Pavlenko wurde 1974 in Lille geboren und studierte Literatur an der Sorbonne. Sie unterrichtete zuerst Französisch in Jordanien, zog dann nach Paris, wo sie 15 Jahre lang als Journalistin arbeitete. Heute ist Marie Pavlenko in ihrem Heimatland eine vielfach ausgezeichnete Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie und ihren Katzen in Montreuil und widmet sich ganz dem Schreiben.



Marie Pavlenko 
Die Kirsche auf der Torte aller Katastrophen
Originaltitel: Je suis ton soleil
Aus dem Französischen übersetzt von Cornelia Panzacchi
Jugendbuch, Jugendroman, Französische Literatur, Coming-of-Age-Roman
Gebundene Ausgabe, 416 Seiten
Thienemann Verlag 2021
Altersempfehlung: ab 13 Jahren





Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
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