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Die Eroberung Amerikas von Franzobel - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Die Eroberung Amerikas 


von Franzobel


Der Anfang:   Gestern war heute noch morgen, und übermorgen wird morgen gestern sein. Manchmal ist etwas Wahrheit, auch wenn es nicht erkannt wird. Geschichte wird geschrieben, ist parteiisch, voller Skurrilitäten. Sonnenkönig Ludwig der vierzehnte etwa war ein gefräßiger, zahnloser Fettwanst, dem beim Essen Suppe aus der Nase spritzte. ... Papst Innozenz der Achte war so fett, ... er musste im Bett von dienern gewendet und von jungen Frauen gestillt werden. Abraham Lincoln wurde von einem Schauspieler erschossen, und George Washington starb, weil ihm Ärzte beim Aderlass zu viel Blut abgezapft hatten.


Mit der Eroberung Amerikas ist diesmal nicht die Geschichte von Columbus oder Vespucci gemeint. In dieser Story geht es um eine der größten Expeditionen des 16. Jahrhunderts, das größte Desaster jener Zeit: 1538 gab die spanische Krone einem Eroberer aus Südamerika, Hernando de Soto, den Auftrag, «La Florida» einzunehmen, die Bevölkerung zu christianisieren und das Land zu besiedeln. Ach ja, El Dorado! Eigentlich ging es den Herrschern ums Gold – überall gab es Gerüchte, dass die Herren und Damen Indianer dort drüben Gold im Überfluss besäßen: vergoldete Dächer und Treppen, Teller und Tassen aus purem Gold. Unter «La Florida» wurde damals der gesamte Süden bezeichnet, das Land oberhalb von Mexiko, das Land der Rednecks. 


Vom Handlanger zum Eroberer

War er sich sicher, dass er in ein fremdes Land wollte? In einen unzivilisierten Flecken? Einem Teil von ihm gefiel das nicht. Jetzt könnte er noch abbrechen. Man würde ihm Vorwürfe machen, ihm sagen, die größte Sünde auf Erden wäre die Feigheit, aber vielleicht war es nicht die Feigheit, sondern der Mut? Der Übermut?


Desoto hatte zu der Zeit viel erreicht. Angefangen als bettelarmer Hidalgo (bedeutungsloser Adliger) verliebte er sich unerreichbar in Maria, die Tochter von Pedrarias Dávila, einem reichen Kaufmann und Haudegen mit besten Beziehungen zum Königshaus. Durch eine Wette, die Desoto wie durch ein Wunder gewann, erhielt er den Job des Stallmeisters (Maria hatte getrickst). Dávila bekam dann doch etwas von dem Techtelmechtel mit, das sich hinter seinem Rücken anbahnte, und nahm Desoto mit nach Südamerika, um Panama und Nicaragua zu erobern, versprach ihm nach der Rückkehr die Hand seiner Tochter – wobei er sich sicher war, den trotteligen Desoto nie mehr wiederzusehen. Mit dem gefürchteten und brutalen Francisco Pizarro ging er von dort nach Peru, lernte als Erster den Inkakönig Atahualpa kennen, brachtet ihm das Schachspielen bei, schwängerte seine Schwester. Die Conquistadores schlachteten das Volk der Inka ab, soweit sie nicht bereits an eingeschleppten Krankheiten krepiert sind; so eroberten sie auch Peru. 


Die Eroberung von La Florida - das größte Desaster jener Zeit

Flüsternd schlich man Richtung Havanna, einer Stadt aus achtzig hundert Steinhäusern und einer Kirche. 

- Musst keine Angst haben, Monsieur, zischte Ruben, der jetzt aussah wie ein rothaariger Fidel Castro.


Desoto kehrt nach ein paar Jahren als Held und gemachter Mann heim, verlangt Maria. Doch die hat der Papa längst verheiratet, weit entfernt nach Südamerika – Desoto hatte sich ja solange nicht gemeldet. Als Ersatz bekommt er die jüngere Schwester und lässt sich in Sevilla nieder. Doch die ist eben nicht die bodenständige Maria, sondern eine gefühlskalte, aufgeblasene Pute. In seinem Unglück lässt sich Desoto überreden, «La Florida» zu erobern. Carlos I (Kaiser Karl V.) erteilte die Erlaubnis, mit 800 Soldaten, Priestern, Handwerkern und seiner Ehefrau, sowie einer Menge Sklaven, mit sieben Schiffen loszusegeln, Pferde, Schweine und scharfe Hunde sind an Bord. Kuba soll das Hauptquartier werden. Bei Ankunft erfahren sie, die Stadt Havanna ist gerade erst von Piraten überfallen worden. Nach kurzer Rast geht es weiter, man übergibt Desotos Frau das Zepter über Kuba bis zur Rückkehr. Das Ende ist bekannt, in «La Florida» findet man weder fruchtbares Land, sondern Sumpf und Moskitos, auch keine goldenen Städte. Die Expedition wandert die östlichen Appalachen entlang nach Norden und hinterlässt bei den indogenen Völkern Verwüstung. Die Conquistadores und ihre Schweine entpuppt sich für die indigene Bevölkerung verheerend, denn die Eindrigle verteilen Krankheiten, gegen die die Ureinwohner nicht immun sind, ganze Landstriche werden entvölkert durch Pocken, Grippe usw. Am Ende gelangt nur noch ein Drittel der Expeditionsteilnehmer nach einem jahrelangen Marsch quer durch das Land durch Wüsten und Urwald auf selbstgebauten Ruderbooten zurück nach Kuba. Desoto selbst verstarb am Fieber am Ufer des Mississippi, als dessen Entdecker er gilt.


Skurrile Typen, grausame Begebenheiten, aus einer bestialischen Epoche

... besaßen die Spanier eine biologische Waffe, von deren Existenz und Gefährlichkeit sie gar nichts wussten, etwas, das Milzbrand, Brucellose, Leptospirose, Trichinose, Tuberkulose und noch so einige Chosen verbreitete, Schneisen in die Wachstumskurve der Indianer schlug, ganze Stämme ausradierte – kein in Labors gezüchteter Virus, sondern die beweglichen Fleischkammern brachten den Tod. Schweine! Das Borstenvieh richtete unter den Einheimischen hundertmal mehr Schaden an als alle Spanier und Engländer zusammen. ... Nicht Desoto sollte Amerika erobern, nicht die Engländer oder die Franzosen, sondern Schweine ...


Der österreichische Autor Franzobel («Das Floß der Medusa») ist bekannt für seine bizarre auktoriale Schreibweise. Der Erzähler quatscht hinein, was das Zeug hält, erklärt, stellt Vergleiche, nutzt Metaphern aus dem heutigen Leben und er springt in Zeiten und Orten hin und her. Piraten, Ganoven, es gibt eine Reihe von Nebensträngen. Eine dieser Stränge handelt von dem Anwalt Trutz Finkelstein, der eine Sammelklage gegen die USA vertritt, in der die Rückgabe des gesamten US-Gebietes an die Indigenen gefordert wird. Ich habe bis zum Ende diesen Einschub nicht wirklich verstanden. Für mich war der Strang überflüssig. Skurrile Typen, grausame Begebenheiten, aus einer bestialischen Epoche, ziemlich viel beißender Humor, Satire, Slapstick, Sprachspiele, Sprachgewandtheit, auch wenn dem Leser gelegentlich das Lachen im Halse steckenbleibt – das ist man von Franzobel gewohnt. Er erfindet Protagonisten und Szenen, die sind an Widerwärtigkeit kaum zu übertreffen, aber das eben so elegant, dass sie greifbar bleiben, die Realität widerspiegeln. Der Horror steht mitten im Raum und eigentlich war es noch viel schlimmer damals – genau dieses Wissen lässt den Leser erschüttern. Die Völker, die man antrifft, werden misshandelt, ihre Kultur missachtet, sie können ja keine haben (obwohl, man übernimmt das Barbecue, ihre Art zu foltern, zu grillen), sie sind keine Menschen, eher Tiere, haben keine Seele – aber trotzdem sollen sie christianisiert werden. Franzobels Kiste der Kreativität ist unermesslich, er spielt mit allem, «Heilige Makrele!», er lässt die Eroberer Football und Hamburger erfinden. Der Roman ist eher ein schräger Abenteuerroman, denn mit der Historie nimmt es der Autor nicht immer genau, obwohl er intensiv recherchiert hat, sogar die Orte besuchte und dort nach Quellen forschte.

Sprachlich gesehen ist Franzobel immer wieder ein Genuss

Es waren Männer wie er, die der weißen Spezies und dem Christentum die Vorherrschaft über die Welt sicherten. Trotz der Schrecken, die seine Truppe verbreitete, war die Leistung dieser Leute übermenschlich.


Am Anfang war ich von diesem Roman begeistert, doch am Ende, rückblickend, muss ich feststellen, dass die Herumspringerei zwischen Orten, Personen und Zeiten oft den Lesefluss hemmt und es auch eine Menge Längen gibt, die nicht nötig wären. Der oben zitierte Satz vom Ende gibt dem Buch ein Geschmäckle. Die Schlächter waren also doch eine ganz respektable Truppe? Sprachlich gesehen ist Franzobel immer wieder ein Genuss, ebenso sein beißender Humor, sein Einfallsreichtum zu seinen Figuren. Er lässt kein Haar an ihnen, weder bei der Beschreibung von historischen Figuren, noch bei seinen frei erfundenen Protagonisten. 


Skurriles mit viel Personalaufwand

So eine Rüstung bedeutete Stil, Sex, Macht – höchste Verfeinerung. Aber hier waren auch Rostlauben und Blechbüchsen dabei. ... Die Auserwählten wurden registriert. Auch Redford und Newman, also Cinquecento und Bastardo mussten ihre Papiere zeigen und kamen auf die Liste.


Sein auktorialer Erzähler berichtet mit dem Wissen und der Einstellung von heute und zieht entsprechende Vergleiche, quatscht hinein in die Geschichte, was das Zeug hält. Und genau das bringt den besonderen Kick der Satire aufs Papier. Wer auf Skurriles steht, auf bis ins Detail dargestellte Typen, bis an den Rand des Erträglichen, der wird applaudieren. So weit mein Applaus, auch für die Metaphern, die gesamte sprachliche Ausgestaltung. Aber doch, diesmal war das ewige Hin und Her mit viel Personalaufwand streckenweise anstrengend. Triggerwarnung: Es könnte unhygienisch, eklig und brutal werden – immer an den realen Geschehnissen entlang; wir tauchen ein in die Neuzeit, die das Mittelalter in Brutalität und Überheblichkeit noch übertrumpfen wird. 


Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis (1995), den Arthur-Schnitzler-Preis (2002) und den Nicolas-Born-Preis (2017). Der Roman «Das Floß der Medusa», stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde.



Franzobel  
Die Eroberung Amerikas
Roman, fiktiv historisch, Abenteuerroman 
544 Seiten
Zsolnay Verlag, 2021





Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
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