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Die Ararat-Legende von Yaşar Kemal - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Die Ararat-Legende 


von Yaşar Kemal



Erste Seite: Jedes Jahr zur Schneeschmelze, wenn der Frühling erwacht und aus dem Ararat das taufrische Grün hervorbricht, blühen an den Rändern des Sees neben den dünnen Schneestreifen kräftige, kurzstielige, kleine, scharf riechende Blumen. Ihre Farben leuchten wie Juwelen. Selbst die winzigste unter ihnen kann man noch aus weiter Ferne blau, rot, gelb und purpurn glänzen sehen. Die Blumen verströmen einen scharfen, schwindelerregenden Geruch, dass auch das blaue Wasser und die kupferne Erde des Sees ihn angenommen haben. Man riecht den Duft schon von Weitem.

Ahmet, ein Hirte des Bergvolks, weiß die Flöte auf so wundervolle Weise zu spielen, dass es scheint, als würde sich sogar der Ararat dazu bewegen. Eines Morgens steht vor seiner Hütte reich geschmückter Schimmel, ein prachtvolles Tier. Die Sitte besagt, ein solches Geschenk Gottes darf man nicht zurückgeben. Dreimal verjagt Ahmet das Tier und jedes Mal kommt es zu ihm zurück. Nun gehört das Pferd aber dem Pascha, und der schert sich nicht um Traditionen, will seinen Schimmel zurück. Entgegen des Rats des Weisen beharrt er auf die Rückgabe, bietet hohe Summen dem an, der den Schimmel zurückbringt. Doch das stolze Bergvolk der Kurden steht hinter dem Hirten. Ahmet und der Weise landen im Kerker, doch den Schimmel erhält der Pascha nicht zurück.

All das wegen eines Pferdes, Pascha?›, fragte er. ‹Wer hat jemals, seit die Welt besteht, ein Pferd zurückgegeben, das an seine Tür gelaufen kam? Weißt du das nicht, Pascha? Du bist zu einem Osmanen geworden, Pascha, sonst würdest du uns wegen eines Pferdes nicht all das antun, Häuser in Brand stecken, Familien ins Verderben stürzen. Möge der Fluch des Ararat, der Zorn des Ararat, die Wut des Ararat über dich kommen, Pascha.

Die Geschichte wendet sich. Die Tochter des Paschas verliebt sich in Ahmet, als sie seinem Flötenspiel lauscht. Über der Geschichte thront der Berg Ararat, der Liebende geschützt, und die bestraft, die mit seinem Gesetz brechen. Yaşar Kemal schreibt in dem unvergleichlichen arabischen Sound eines Geschichtenerzählers. Mein erstes Buch von ihm war damals «Memed mein Falke», eins meiner Lieblingsbücher. Seine Romane handeln vom täglichen Leben der Bauern, er schreibt in einfacher Sprache, die aber gleichzeitig mit enormer Erzählkraft beeindruckt. Kemal schrieb über Armut, Hunger, Dürre und immer wieder über die Ausbeutung durch feudale Großgrundbesitzer. Mit dieser Novelle erzählt er von einer uralten kurdischen Legende. Aber auch hier geht es um Macht. Der Pascha, der die Tradition missachtet, mit Gewalt völlig irrsinnig versucht, seinen Willen durchzusetzen. Und er beschreibt die Macht der Liebe. Eine von Liebe verzehrte Frau, ein liebeskranker Gefängniswärter – wundervolle Protagonisten neben einem narzisstischen Pascha, einem geduldigen Weisen, einem streitbaren Schmied, einer verschworenen Dorfgemeinschaft. Sie alle stehen als Symbole. Wer die Kraft der arabischen Erzählweise liebt, der kommt an Yaşar Kemal nicht vorbei, der sagte: »Man schreibt einen Roman, um eine Tragödie zu erzählen.« Das kann er, wie kaum ein anderer.

Ich werde sie schon finden›, sagte der Pascha, ‹selbst wenn die Erde auseinanderbricht und sie alle verschlingt, werde ich sie finden! Ich werde sie finden, selbst wenn sie ans andere Ende der Welt fliehen, in den Iran, nach Indien, China oder noch darüber hinaus!


Yaşar Kemal wurde 1923 im Dorf Hemite in Südanatolien geboren und wuchs in großer Armut auf. Als einziges Kind in seinem Dorf lernte er lesen und schreiben, arbeitete als Tagelöhner auf Baumwollfeldern und Reisplantagen, war Hirte, Wasserträger, Schuhmacher, Traktorfahrer, Fabrikarbeiter. Schließlich konnte er genug Geld sparen, um sich eine alte Schreibmaschine zu kaufen. Als Straßenschreiber ließ er sich in einer kleinen Stadt nieder, verfasste Dokumente für Analphabeten. 1951 wurden seine ersten Erzählungen in der Istanbuler Zeitung «Cumhuriyet» abgedruckt. Sie erregten Aufsehen, denn sie handelten vom täglichen Leben der Bauern und waren im Stil der Umgangssprache geschrieben – in der türkischen Literatur jener Jahre etwas Ungewohntes. Als Journalist durchstreifte er zwölf Jahre lang die türkischen Landgebiete und schrieb darüber. Noch nie waren solche Berichte in der türkischen Presse erschienen. Einige führten sogar zu Debatten in der Nationalversammlung. Mit dem Roman «Memed mein Falke» wurde er 1955 auf einen Schlag zum meistgelesenen Schriftsteller der Türkei. Mit fast einer halben Million verkaufter Exemplaren hat er in dem Land mit einer hohen Zahl von Analphabeten eine einzigartige Verbreitung gefunden. «Memed mein Falke» brachte Kemal auch den Durchbruch in die internationale Literatur. Auf Empfehlung der UNESCO und des internationalen PEN-Clubs wurden seine Werke in über dreißig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Yaşar Kemal starb am 28.2.2015.


Yaşar Kemal
Die Ararat-Legende
Originaltitel: Agridagi Efsanesi, 1970
Aus dem Türkischen von Helga Dağyeli-Bohne und Yildirim Dağyeli
Roman, Novelle, türkische Mythen, Legende aus Kurdistan
Taschenbuch, 144 Seiten
Unionsverlag, 2014

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